Preview am Sonntag (29)

ParacelsusImmer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Im Sommer hatten wir den Prolog aus »Paracelsus« von Arno Endler hier online gestellt. Der Roman geht in der kommenden Woche in Druck, er erscheint als Hardcover, Paperback und eBook. Die Printausgaben können ab sofort beim Verlag vorbestellt werden. Timo Kümmel hat das Cover gezeichnet.

Das Raumschiff PARACELSUS ist auf Kurs in eine Katastrophe.
Dunkle Gänge. Tiefe Schächte. Leere Kabinen. Ein Kapitän ohne Gedächtnis, eine Ansammlung von exzentrischen Passagieren und ein blinder Passagier.
Dann beginnt das Töten. Wer ist der Mörder? Warum müssen die Mitreisenden sterben? Und gibt es den blinden Passagier tatsächlich?

»Zehn kleine Negerlein« meets »Dark Star«!


Heute folgt das 1. Kapitel aus dem Roman.

Ich lugte vorsichtig hinaus, sah in beide Richtungen. Der Korridor erschreckte mich durch seine Enge und das Halbdunkel. Die Breite schien gerade ausreichend für zwei nebeneinander gehende Männer. Türen sah ich keine und stygische Dunkelheit verbunden mit leichten Dunstschwaden bildete das jeweilige Ende meines Sichthorizontes. Nur in meiner unmittelbaren Umgebung brannten einige Lampen, die an der Decke angebracht waren.

Es roch nach Maschinenöl und, wenn ich mich stark konzentrierte, nach verbranntem Gummi.

»Hallo?«, rief ich, so laut ich mich traute. Doch nur die Stille antwortete mir.

»Schichtbeginn!«

»Ja, schon klar. Wohin sollte ich noch gleich?«

»Sie werden dringend auf der Brücke erwartet, Kapitän«, erklärte Else.

»Ich bin nicht der Kapitän.«

»Sie sind der Kapitän.«

»Könnte es sein, dass du stur bist, Else?«

»Stur? Es tut mir leid, Kapitän, aber meine derzeitigen Ressourcen sind begrenzt. Ich bin nicht in der Lage, Humor zu goutieren.«

»Du wiederholst dich, Else.«

»Es tut mir leid, Kapitän, aber meine derzeitigen Ressourcen sind …«

»Begrenzt. Ich habe es verstanden. Nun gut. Setzen wir voraus, dass ich der Kapitän bin. Wo ist dann die Brücke?«

»Sie wissen nicht, wo die Brücke ist?«

Hörte ich einen leicht entsetzten Tonfall? Nein. Es war nur Einbildung. Elses Stimme behielt dieselbe monotone Modulation bei wie bei ihrem ersten Satz.

»Nein, leider nicht«, entgegnete ich. »Zurzeit weiß ich nicht mal meinen Namen.«
Für einige sehr lange Sekunden schwieg Else. Ich nahm ein Tropfen wahr und sah tatsächlich rechts von mir eine Pfütze auf dem Boden. Von der Decke tropfte es in regelmäßigen Abständen. Was war dies nur für ein Schrotthaufen?
»Nach links, Kapitän.«

»Bitte?«

»Zur Brücke geht es nach links.«

»Oh! Nun gut.« Ich verließ meine Kabine und trat hinaus in den Gang. Sofort fühlte ich mich schutzlos und angreifbar. Die Vibrationen übertrugen sich durch meine Füße über den ganzen Körper.

Verflucht!, dachte ich. Wenn mir jemand bei meinem Namensproblem weiterhelfen könnte, dann bestimmt derjenige, der die Schicht vor mir auf der Brücke geleistet hatte.

Ich ging los, hinter mir schloss sich die Tür. Lampen begannen zu leuchten, wenn ich mich ihnen näherte. Ich kapierte, dass der Gang länger sein konnte, als mir lieb war.

»Else?«, fragte ich laut.

»Ja, Kapitän?«
»Wie weit ist es zur Brücke?«

»Sie sind bereits zu spät, Kapitän.«

»Dies war nicht meine Frage.«

»Zwei Ebenen und siebenhundert Meter, Kapitän.«

»Ebenen?«

»Nach oben, Kapitän. Sie befinden sich auf der Ebene eins. Dort liegen die Mannschaftsquartiere der Offiziere.«

»Und darüber?«

»Ebene zwei. Mannschaftsquartiere der niederen Dienstgrade, Kapitän. Sie sollten dies wissen.«

»Tu mal so, als wenn ich ganz neu auf … ja worauf denn bin?«

»Ich verstehe Ihre Frage nicht, Kapitän.«

»Was bist du, Else?«

»Ich bin das elektronische Steuerelementar, kurz Else, Kapitän.«

»Ein Computer?«

»Eine künstliche Intelligenz der Klasse vier, Kapitän.«

»Worin besteht deine Aufgabe?«

Der Gang machte eine Biegung, der ich folgte.

»Den Kapitän bei seinen Aufgaben zu unterstützen, Kapitän.«

»Was sind die Aufgaben des Kapitäns?«

»Das sollten Sie wissen, Kapitän.«

»Halt!« Ich blieb stehen. »Else!«

»Ja, Kapitän?«

»Würdest du bitte mit diesem verfluchten Kapitän aufhören. Ich kann das Wort nicht mehr hören. Du beendest jeden verfluchten Satz damit. Lass es sein!«

»Ja.«

»Sehr gut. Und jetzt noch einmal. Was sind die Aufgaben des Kapitäns?«

Ich ging weiter.

»Das Schiff zu steuern, sich um das Wohl von Besatzung und Passagieren zu kümmern.«

»Ein Schiff?«

»Ja.«

»Du meinst aber keines mit Segeln oder so, nicht wahr?«

»Nein.«

»Sondern?«

»Ich verstehe Ihre Frage nicht.«

»Was ist dies für ein Schiff?«

»Die Paracelsus. Ein Raumschiff.«

Unwillkürlich tastete ich das Abzeichen an meiner linken Brust ab. Sollte ich wirklich der Kapitän sein?

Der Gang endete abrupt vor einer zweigeteilten Tür.

»Wohin jetzt?«, fragte ich.

»Nach oben.«

»Ich stehe am Ende des Ganges, Else.«

»Sie stehen vor dem Fahrstuhl, Kapitän.«

»Oh!« In diesem Moment erkannte ich das Öffnungspad an der Seite, das dem in meiner Kabine zum Verwechseln ähnlich sah. Ich presste meinen Daumen dagegen.

Es zischte, dann verlosch das Licht.

Ich atmete tief durch, ohne meine Position zu verändern.

Genau wie nach dem Erwachen fehlte auch nun jegliche Lichtquelle.

»Else?«, fragte ich laut. Und als die KI schwieg, grummelte ich: »Verflucht!«

Ich kniete mich nieder und tastete mich vor.

Die Türen des Lifts standen offen, nicht vollständig, aber breit genug, damit ich hindurchkriechen konnte. Doch der Fahrstuhl war nicht da. Zumindest ertasteten meine Hände keinen Boden. Ein laues Lüftchen streichelte meine Finger in regelmäßigen Abständen, so als wenn jemand in dem Schacht ein- und ausatmen würde.

Hörte ich ein Schnarchen? Nein! Ich musste es mir einbilden.

Plötzlich flammte das Licht wieder an.

Hinter meinem Rücken klackte es leise und ich sah mich um. In der Dunkelheit schien ein Schemen zu verschwinden. Eine menschliche Gestalt, die langsam zurückwich.

»Hallo? Ist da wer?«

Niemand antwortete und ich beschloss, dass die Dunstschwaden meinen Augen einen Streich gespielt hatten.

»Kapitän?«

»Else. Gott sei Dank! Was ist passiert?«

»Ein Stromausfall in Sektor drei.«

»Es wurde dunkel.«

»Eine logische Konsequenz eines Stromausfalles, Kapitän.«

»Was ist mit Back-up-Systemen? Notstromaggregaten?«

»Diese Ressourcen sind derzeit für andere Zwecke vorgesehen.«

»Aha. Was ist jetzt mit dem Fahrstuhl?«

»Er funktioniert nicht.«

»Bitte?«

»Bei dem Black-out ist ein wichtiger Steuerchip durchgebrannt. Der Fahrstuhl ist nicht funktionsfähig.«

»Verflucht! Und wie komme ich jetzt zur Brücke? Wo ist das Treppenhaus?«

»An Bord der Paracelsus gibt es keine Treppen.«

»Das habe ich mir schon gedacht. Wie nun weiter?«

»Im Fahrstuhlschacht können Sie eine Steigleiter benutzen.«

»Ah ja – und wo finde ich die?«

»Ich verstehe Ihre Frage nicht.«

»Licht, Else. Licht. Es ist verflucht dunkel in dem Schacht.«

»Ich prüfe die Optionen.«

Tatsächlich begann es, rot in dem Schacht zu glühen. Ich sah die Leiter an der gegenüberliegenden Wandseite. Rund zweieinhalb Meter entfernt.

»Verflucht! Ist das der einzige Weg?«

»Ja.«

Wieder klackte es hinter mir. Ich fuhr herum, aber diesmal täuschte mich kein Trugbild. Nur die Dunkelheit, der Dunst und ich bevölkerten den Gang.

»Es muss noch einen Weg geben, Else«, behauptete ich.

»Zurück, rund einen Kilometer, anschließend hinunter auf Ebene null. Ich stelle jedoch gerade fest, dass dieser Fahrstuhl ebenso außer Funktion ist.«

»Verflucht! Dann werde ich wohl springen müssen.«

»Ja.«

»Wer ist für Reparaturen an Bord zuständig?«, wollte ich wissen.

Else schwieg.

»Ich fragte, wer für Reparaturen zuständig ist? Wer ist der Hausmeister an Bord der Paracelsus oder wie auch immer die Entsprechung dafür auf einem Raumschiff heißt?«

Ich erhielt keine Antwort.

»Else?«

Ich fühlte mich so alleine wie noch nie zuvor in meinem Leben. Es war ein schreckliches Gefühl.

Das Rotlicht der Funzeln in dem Schacht lachte mich aus.

Ich fixierte die Leiter und sprang.

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