Preview am Sonntag (6)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind.

Im Traum funkeln die Sterne. Wie Glitzersteine am Himmel, wenn du im Gras liegst und in die Unendlichkeit hinaufschaust. Bleierne Schwere in allen Gliedern, sodass du dich nicht rühren möchtest. Bewege dich nicht, genieße den Trip. Es ist nur ein Moment, doch er könnte auch für die Ewigkeit sein.

Im Weltall hingegen sind es Sonnen, unermesslich weit entfernt. Diese Punkte, die nach dir rufen, gleißen in hundert Farben und tausend Größen. Aber sie sind unerreichbar. Das All ist ein einsamer Platz, selbst auf einem Raumschiff. Denn im All hört niemand deine Schreie.

Ich schrie und verstummte sofort. Sanfte Vibrationen rüttelten mich aus dem Schlaf. Ich lag still und fühlte das tonnenschwere Gewicht meiner Augenlider. Konnte ich mich gegen die Müdigkeit wehren?

Entschlossen sperrte ich die Augen weit auf.

Ich hätte es mir auch sparen können.

Die Dunkelheit blieb undurchdringlich. So schwarz, so lichtlos. Schwärzer als alles.

»Licht!«, rief ich, doch das Wort erstickte in meinem Mund an mangelnder Spucke. Mehr als ein Krächzen brachte ich nicht zustande.

Wo bin ich nur?

Ich lag still und wartete. Die Vibrationen brummten gleichmäßig durch meinen Körper.

Wenn ich es richtig einschätzte, lag ich flach auf einem Bett. Die Matratze war hart, aber nicht zu hart.

Bleierne Müdigkeit in allen Gliedern lähmte mich, doch als ich versuchsweise meine Arme bewegte, gehorchten sie zu meinem Erstaunen.

Ich setzte mich auf.

»Licht!«

Diesmal geschah etwas. Rechts oberhalb von mir begann ein Glimmen. Zunächst ein Punkt, bald kräftiger, nicht blendend, wie ein weit entfernter Komet, der sich langsam nähert.

Ich blinzelte, Farbflecken tanzten vor meinen Augen. Dann sah ich die Lampe, deren schwache Strahlen den Raum in diffusen Schimmer tauchten.

Ich schaute mich um, während es immer heller wurde. Wände, dunkelgrau bis mattschwarz. Eine Tür mir gegenüber, daneben ein Waschbecken und ein Spind. An der hinteren Wand eine Jacke an einem Haken. Die Mitte meiner winzigen Kabine füllte ein Stahltisch zusammen mit einem Rohrstuhl.

»Eine Zelle«, murmelte ich im Selbstgespräch und ärgerte mich gleichzeitig darüber, dass ich meine Klappe einfach nicht halten konnte.

Die Pritsche, auf der ich saß, hatte man in eine Nische gepresst. Ich betastete die Wand links neben mir. Sie fühlte sich frostig an, ein Metall.

Ich schwang mich herum, setzte die Füße auf den Boden. Bis auf eine Unterhose war ich nackt.

Eine Gänsehaut raste über meinen Körper wie ein Steppenbrand, als ich die Kälte unter meinen Sohlen spürte. Entschlossen stellte ich mich auf, erwartete zwar, dass meine Beine wegknicken würden, doch nichts dergleichen geschah.

Das Schwächegefühl war vergangen.

Ich reckte und streckte mich, stieß dabei mit den Fingerspitzen gegen die niedrige Decke.

Inzwischen schien die Lampe das Leuchtmaximum erreicht zu haben. Dennoch gab es in der Zelle wenig mehr zu entdecken. Ich umkurvte den Tisch, platzierte mich vor dem Waschbecken, suchte nach einem Mechanismus, um das Wasser
zum Laufen zu bringen. Ratlos starrte ich in das Becken, wedelte mit meinen Händen unterhalb des Ausflusses, doch vergeblich.

»Wasser!«

So wie das Licht quasi magisch auf meine Stimme gehorcht hatte, so funktionierte es auch hier.

Ich tauchte meine Finger in das eiskalte Nass und wusch mir durch das Gesicht. Es tat gut, so als wenn ich zu lange geschlafen hätte und nun ein endgültiges, machtvolles Signal an meinen Körper senden würde: »Werd endlich wach!«

Die Tropfen liefen an meinen Wangen herunter, klatschten auf die Brust und suchten sich ihre Bahn meinem kahl rasierten Oberkörper hinab.

Gedankenverloren strich ich über meine Brust, meinen Bauch. Es fühlte sich falsch an.

Automatisch griff ich nach der Klinke des Schrankes, zog die Tür auf und nahm ein Handtuch heraus. Ich trocknete mich ab und bemerkte den Spiegel an der Innenseite der Schranktür.

Ein Unbekannter starrte mich an. Glatt rasiert, mit grauen Augen, vielen Falten und einer Glatze. Die Ohren zu groß und zu weit abstehend, die Nase dem Anschein nach mehrfach gebrochen.

Irritiert tastete ich mein Gesicht ab. Obwohl ich im Spiegel erkennen konnte, dass ich es tat, fühlte es sich trotzdem an, als wenn es fremde Finger wären.

»Verflucht!«, murmelte ich und beendete die Inspektion.

Dann zuckte es durch mein Bewusstsein wie ein Blitz in der Dunkelheit.

Ich wusste meinen Namen nicht!

Keinerlei Erinnerung. Wie ein schwarzes Loch irgendwo in den Untiefen meines zerebralen Ichs. Mein Name lag mir auf der Zunge, doch greifen, festhalten konnte ich ihn nicht.

Normalerweise macht man sich solche Gedanken nicht. Wer denkt schon die ganze Zeit daran, wie er heißt. Wenn man gefragt wird … stellt man sich einfach mit seinem Namen vor.

Aber hier stand ich nun, begaffte das Gesicht eines Fremden im Spiegel und wusste nicht, wer ich war, noch, wo ich war oder warum man mich in diese Zelle gesperrt hatte.

»Verflucht!«, murmelte ich erneut, stieß die Schranktür bis zum Anschlag auf, sodass ich wenigstens nicht mehr in den Spiegel schauen musste.

Im Inneren befand sich Kleidung. Eine dunkelblaue Hose, wobei die Farbe durchaus anders sein konnte, doch in der Beleuchtung schien sie blau. Ich zog sie an. Dann sah ich die Schuhe. Sie passten wie angegossen, auch wenn sie fabrikneu wirkten. Es waren Slipper mit einer flachen Gummisohle.

An einem Halter hing ein Bügel und darüber drapiert ein weißes langärmeliges Shirt mit einer Knopfzierleiste. Sie sahen schon etwas lustig aus, diese blitzenden goldenen Knöpfe, die keinen Zweck hatten und nur zur Zier da waren.
Ich zog es über den Kopf und musterte mich anschließend im Spiegel.

Etwas fehlte. Ich vermochte nicht zu sagen, was, aber das Gefühl blieb.

Nun schien der Schrank leer zu sein. Doch bei genauem Hinsehen fiel mir ein Fach auf mit einem Deckel davor, den ich aufklappte.

In dem Teil lag ein Hut, ein Barett.

Woher zum Teufel wusste ich, was es war, wenn ich mich nicht mal an meinen Namen erinnern konnte? Anscheinend versagte mir mein Gedächtnis nur selektiv den Dienst. Ich biss die Zähen zusammen und hielt die Luft an, um mein verdammt unzuverlässiges Gehirn zur Arbeit zu zwingen.

Ein leichter Schwindel ließ mich schwanken. Ein beißender metallischer Gestank stieg mir in die Nase. Die Vibrationen, die mich aus dem Schlaf geweckt hatten, intensivierten sich. Ich hörte ein Brummen, dann ein Quietschen, allerdings weit entfernt.

Wo, verflucht, hatte man mich eingesperrt?

Ich nahm das Barett aus dem Fach, streichelte mit der Hand über den roten Filz und probierte aus, ob es mir passte.

Auch dieses Teil war für mich gemacht. Wer war ich? Wieso sperrte man mich in eine Art Zelle?

Es schien mir unpassend, einem Gefangenen einen Hut in den Schrank zu legen. Vielleicht …

Ich wandte mich der Jacke zu, die an einem Haken hing. Auf den Schultern blitzten Litzen, und als ich das Kleidungsstück abhängte, fand ich auf der Vorderseite auf Höhe der linken Brust ein kreisrundes Emblem.

Ein grüner Äskulapstab, daneben gelbe Sterne auf blauem Hintergrund. Ein flammend roter Schriftzug als obere Umrandung:

P A R A C E L S U S

Paracelsus? Was sollte das heißen?

Das Symbol für einen Arzt?

War ich am Ende ein Mediziner?

Nein.

Ich schüttelte meinen Kopf. Selbst wenn, dann erinnerte ich mich nicht an Operationen oder Behandlungen oder die Ausbildung. Vielleicht irrte ich mich auch, was den Äskulapstab anging. Gab es noch eine andere Bedeutung?

Ich wunderte mich nicht, dass mir die Jacke wie angegossen passte. Für einen Moment fühlte ich mich sogar sehr wohl in dieser Uniform.

Beim Umdrehen stieß ich gegen den Stuhl. Er schepperte an den Tisch. Das Geräusch klang überlaut.

»Verflucht!« Mit meinem Körper stimmte etwas nicht. So als wenn man mich in diese Haut gestopft hätte, sie aber an der einen Stelle zu weit und an anderer zu eng ausgefallen war.

»Verflucht, was ist bloß mit mir los?«, sagte ich.

»SCHICHTBEGINN IN ZEHN MINUTEN.«

Eine seltsam unmodulierte Stimme irgendwo von außerhalb meiner Zelle. Ich schien nicht alleine zu sein. Jemand hockte dort draußen, mit dem ich mich unterhalten konnte. Dem ich Fragen stellen wollte. Vielleicht verfügte er über das Wissen, sie mir zu beantworten?

Ich ging zu der Linie in der Wand, die die Tür darstellte, legte meinen Kopf seitlich an das Metall und klemmte mir dabei mein Ohr ein.

Dann lauschte ich.

Keine weiteren Durchsagen, keine Schritte, keine Stimmen.

Nur dieses unterschwellige Brummen.

Ich klopfte mit flacher Hand gegen die Tür. »Hallo?«

»Kapitän? Was kann ich für Sie tun?«

Wieder die Stimme, diesmal innerhalb meiner Zelle.

Ich schaute mich um. Niemand außer mir war anwesend. Wie auch? Einen Lautsprecher konnte ich ebenfalls nicht erkennen, aber wie sonst sollte dieser jemand mit mir sprechen?

»Hallo?«, flüsterte ich.

»Wie ich schon sagte, Kapitän, womit kann ich zu Diensten sein?«

Es war schwer zu entscheiden, ob da eine Frau oder ein Mann sprach.

»Wen nennst du Kapitän?«, fragte ich laut.

»Sie sind der Kapitän, Kapitän.«

»Und wer bist du?«

»Else.«

»Else?«

»Else, Kapitän.«

»Ähm, ich glaube ich habe ein Problem«, sagte ich.

»Wir alle haben ein Problem, Kapitän«, antwortete Else.

»Hä?«

»Schichtbeginn in fünf Minuten. Vielleicht sollten wir diese Diskussion auf der Brücke fortsetzen.«

»Brücke?«

»Ihre Anwesenheit auf der Brücke ist dringend erforderlich, Kapitän.«

»Aha. Bin ich nicht eingesperrt?«

»Eingesperrt? Es tut mir leid, Kapitän, aber meine derzeitigen Ressourcen sind begrenzt. Ich bin nicht in der Lage, Humor zu goutieren.«

»Ich bin nicht eingesperrt?« Vorläufig ignorierte ich die merkwürdigen Antworten Elses.

»Nein.«

»Ich kann also einfach diese Tür öffnen und diese Zelle verlassen?«

»Schichtbeginn in zwei Minuten. Sie kommen zu spät, Kapitän.«
Ich drehte mich um, drückte auf das Öffnungspad an der Wand und lautlos glitt die Tür beiseite. Warum war mir diese Steuerungseinheit nicht vorher aufgefallen? Ein stechender Kopfschmerz lähmte mich für einen Moment, die Welt färbte sich rötlich. Ich schloss meine Augen und wartete, bis ich wieder schmerzfrei war.

Es wurde Zeit. Nur ich konnte herausfinden, was hier vorging.

(Prolog aus »Paracelsus« von Arno Endler)

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