Neu im Sommer: „Hannigan“

Hannigan 4Die Reihe um Eileen Hannigan geht im Sommer weiter, „Hannigan“ wird Band 4 der Reihe heißen. Das Cover von Mark Freier ist bereits seit geraumer Zeit fertig, in der vorigen Nacht landete das Manuskript von Martin Kay im Posteingang des Verlags.

Die Bände 1 bis 3 der Reihe („Kalte Spuren“, „Geheimcode Misty Hazard“ und „Die Generäle“) sind weiterhin als Hardcover direkt beim Verlag, als Paperback im Buchhandel und als eBook bei Amazon und beam-eBooks erhältlich. Zum Erscheinen von „Hannigan“ werden die bisher erschienenen Bände auch über weitere eBook-Shops erhältlich sein und der neue Roman ebenso.

Wenn Sie auf Weiterlesen klicken kommen Sie zu einer Leseprobe aus dem neuen Roman, wir haben den Auftakt online gestellt.

Schanghai, China
Hafendocks
28. September, 03:12 Uhr

Die drei Wachleute hatten keine Chance. Zuerst erwischte es Greg Fitzsimmons. Ein Ploppen, gefolgt von einem Schmatzlaut erfüllte die Luft, dann brach der Mann zusammen. Clint Cheung war der nächste. Er machte einen Schritt vorwärts, geriet ins Taumeln, stolperte über den Körper seines Kollegen und blieb reglos auf ihm liegen. Der dritte Wächter, von dem seine Kollegen nur den Vornamen Han erfahren hatten, als er heute kurz vor Mitternacht frisch zum Überwachungsteam gestoßen war, kam immerhin dazu, seine Pistole aus dem Holster zu ziehen. Nur den Bruchteil einer Sekunde darauf begann er unter einem unsichtbaren Kugelhagel unkontrolliert zu zucken, ließ die Waffe fallen, torkelte rückwärts und prallte gegen den Zugang, den er bewachen sollte.
Aus den Schatten lösten sich zunächst zwei Gestalten, die mit grazilen Bewegungen über das Dach huschten, sich über die Wächter beugten und sich vergewisserten, dass sie tot waren. Dann sicherten sie den Eingang zum Treppenhaus mit schallgedämpften, halbautomatischen Waffen und warteten auf ihre drei Nachzügler, die nicht minder anmutig über das Flachdach glitten und ihre Körper solange aus dem Schein der Mondsichel hielten, bis die den Aufgang erreichten.
Fünf Frauen. Alle in enganliegende, lackschwarze Catsuits und Stiefel gekleidet. Bewaffnet mit MP7-Maschinenpistolen und Glock-17-Pistolen als Seitenwaffen. Eine der Frauen trug ihr strohblondes Haar zu einem lockeren, fast offenen Pferdeschwanz gebunden. Sie strich sich eine Seitensträhne aus dem Gesicht hinter das Ohr und aktivierte wie beiläufig die Sendeeinheit in ihrem Gehörgang.
„Ravenclaw an King’s Cross. Sind in Stellung.“
„Verstanden“, kam die Antwort prompt. „Bereithalten.“

 

03:14 Uhr

Die Sicht über die nächtlichen Docks Schanghais war für den Mann im Nadelstreifenanzug immer wieder ein berauschender Anblick, auch nach Jahrzehnten noch. Der Hafen war hell erleuchtet. Fluchtlicht, Arbeitsleuchten, selbst an den Kais festgemachte Schiffe strahlten von innen und erweckten den Anschein, als würde auf jedem Dampfer eine Party gefeiert werden. Hinter dem Hafen erhob sich die Skyline der chinesischen Großstadt mit unzähligen Wolkenkratzern und dem eindrucksvollen, futuristischen Fernsehturm.
Zigarre paffend, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben, ließ der Mann vor dem Fenster seine Blicke über die Piers schweifen. Das Licht der Stadt wurde vom diesigen Himmel reflektiert und vermittelte eine gespenstische Atmosphäre. Vorn an der Anlegestelle, direkt gegenüber dem Bürogebäude, lag die QING MING DAO vor Anker, eines der kleineren Touristenschiffe, die vornehmlich für Hafenrundfahrten im Einsatz waren. An Deck bewegten sich zahlreiche Leute. Direkt dahinter auf dem Flussarm, der auf das Ostchinesische Meer hinausführte, kreuzte ein schnittiges Kreuzfahrtschiff an einem Frachter der Rickmers Line vorbei.
Für einen Moment verhüllte Zigarrenrauch die Sicht, als der Mann den Atem genau vor dem Fenster ausstieß. Schließlich wandte er sich ab und ließ setzte sich in den gewaltigen Ledersessel an seinem Schreibtisch. An Nachtruhe war nicht zu denken. Männer seiner Art kamen mit zwei, höchstens drei Stunden Schlaf am Tag aus. Das Leben ruhte nicht. Die Geschichte ruhte nicht.
Er war einer der Menschen, die Geschichte schrieb.
Vor ihm lagen eine Handvoll Aktenstapel mit Manifesten, Konnossementen und Schiffsraumbuchungen – das Meiste davon bestand nur aus Tarndokumenten für die Ly Shipping Line, in deren Gebäude sich die hiesige Abteilung des Verbunds der Generäle niedergelassen hatte und wirkte. Wer für Ly Shipping arbeitete, ging einem ehrenwerten nicht schlecht bezahlten Job nach, doch die wahre und wichtige Arbeit fand in einer anderen Welt tief unter den Docks statt. Dort existierte eine hochmoderne Basis zu der fast einhundert Mitglieder der geheimen Organisation Zutritt besaßen.
Der General drückte die Zigarre in einem Ascher aus und zündete sich noch im selben Moment eine neue an. Nachdem er zwei Züge genommen hatte, verharrte sein feister Finger über der Notruftaste der Gegensprechanlage, die die Basis unter den Docks in höchste Alarmbereitschaft versetzen würde. Die Entwicklungen der letzten Minuten waren mehr als beunruhigend gewesen. Zuerst war der Kontakt zur Basis in Barcelona abgebrochen. Danach war die Verbindung nach Buenos Aires tot. Der Satelliten-Uplink war nicht mehr zu erreichen.
Der General atmete tief durch und drückte statt des Notrufs eine andere Sendetaste. „Mrs Stylez?“
Statt zu antworten öffnete sich die Tür zu dem Büro und auf der Schwelle stand seine persönliche Assistentin Gwyneth Stylez in ihrem typischen Outfit, das für eine Stylez eher atypisch war. Statt eines Businesskostüms zog diese Mrs Stylez es vor, enge Hosen, Stiefel und ein schulterfreies Korsett zu tragen. Sie wirkte in dem Aufzug eher wie Black Canary, denn wie eine Sekretärin. Ihre eigentlich blonden Haare waren leicht rötlich gefärbt, für ein natürliches Rotblond dann doch wieder zu knallig. Sie war nicht immer so gewesen. Erst nachdem Gwendolyn Stylez aus Atlanta abtrünnig geworden war und sich mit der Hazarderin Eileen Hannigan verbündete, ging in Gwyneth ein Wandel vor. Sie trainierte aktiv im waffenlosen Kampf mit den Feldagenten und nahm regelmäßig Unterricht im Gebrauch von Schusswaffen.
Der General hatte es gebilligt. Sicher war es nicht verkehrt, neben einer hochintelligenten Assistentin auch eine fähige Leibwächterin an seiner Seite zu haben.
„Sir?“
„Verbinden Sie mich mit Sydney.“
Mrs Stylez tippte auf dem Tablet-PC, den sie in ihrer Armbeuge trug. „Keine direkte Kommunikation möglich, Sir.“
„Wie Barcelona und Argentinien?“
Die Assistentin hob die Schultern und presste die in grellem Lila geschminkten Lippen aufeinander. „Ich setze unsere Techniker darauf an.“
„Beeilen Sie sich. Ich habe ein ungutes Gefühl.“

 

03:16 Uhr

Drei Schatten sprangen über die Reling der Barkasse, die am Pier festgemacht hatte und liefen geduckt und gedeckt von zwei Scharfschützen zur gegenüberliegenden Seite. Im selben Augenblick zogen die uniformierten Wächter vor dem Lieferanteneingang der Ly Shipping Line ihre Pistolen, doch sie kamen nicht dazu, die Waffen hochzureißen. Präzisionsschüsse zerfetzten ihre Köpfe und hinterließen zwei breiige Flecken aus Schädelsplittern und Gehirnmasse auf der Wand und dem Glas der Eingangstür. Die drei herannahenden Schatten traten ins Licht des Eingangs und entpuppten sich als Frauen in engen, schwarzen Kampfmonturen, ähnlich bewaffnet wie ihre Komplizinnen auf dem Dach. Eine der drei, mit hüftlangem, dunkelbraunem Haar, das mit blonden Strähnen durchsetzt war, tippte an den Kommunikationssender in ihrem Ohr.
„Slytherin an King’s Cross. In Stellung.“
„Verstanden, Slytherin. Auf mein Zeichen bereithalten.“
Die Anführerin der Gruppe bestätigte und gab dann ihren beiden Scharfschützinnen das Zeichen zum Aufschließen.

 

03:18 Uhr

Mrs Stylez kehrte ohne anzuklopfen in sein Büro zurück. Sie schüttelte den Kopf, als er aufsah.
„Nicht noch mehr schlechte Neuigkeiten.“
„Unser Satellit ist ausgefallen. Wir mussten CIA- und NSA-Kanäle anzapfen, um eine sichere Verbindung aufzubauen. Aber wir haben Kontakt.“ Stylez wischte über den Touchscreen des Tablets und nickte mit dem Kinn in Richtung des Generals.
Die Freisprechanlage auf seinem Schreibtisch summte und kurz darauf meldete sich eine weibliche Stimme, die der Gwyneths ähnlich klang. Geraldine. Die Assistentin seines Bruders in Sydney.
„Ja?“
„Mrs Stylez, hier ist Schanghai. Stellen Sie mich unverzüglich durch.“
Ohne zu antworten schien die andere Stylez ihn direkt zu vermitteln. Es knackte kurz, dann ertönte eine tiefe, sonore Stimme, die wiederum der des Generals ähnlich war.
„Keine holografische Übertragung? Hast du auch Einwahlprobleme?“
Der General nahm einen Zug und stieß einen Rauchkringel aus. „Das ist wohl untertrieben. Wir benutzen die alten Frequenzen und Relaisstationen. Unser eigenes Netzwerk ist anscheinend offline. Keine Verbindung nach Barcelona oder Buenos Aires.“
Durch den Lautsprecher drang ein Geräusch, das dem General verriet, dass auch auf der anderen Seite jemand Zigarrenqualm ausblies. „Es ist nicht nur die Verbindung. Hast du es denn nicht gespürt?“
Der General schluckte. Ja, er hatte es gespürt. Wie jedes Mal, wenn einer seiner Brüder starb. Der Tod der Generäle in Spanien und Argentinien verursachte ein unerträgliches Ziehen in den Frontallappen seines Gehirns, weit mehr als ein simpler Kopfschmerz, intensiver als eine Migräne.
„Wir reden hier von einem Angriff“, sagte die Stimme aus dem Lautsprecher.
Er registrierte aus den Augenwinkeln, wie Mrs Stylez zusammenzuckte. Natürlich war das ein Angriff. Aber durch wen? Wer konnte so koordiniert gegen sie vorgehen? Im Grunde blieben nur zwei Möglichkeiten. Die Free Allied Forces, denen sich Eileen Hannigan angeschlossen hatte. Doch nach den jüngsten Ereignissen in Costa Rica sollte Hannigan zumindest für den Augenblick auf ihrer Seite stehen. Blieb nur noch einer.
„G-Dawn.“ Er biss auf seine Zigarre und sog den Rauch durch die zusammengepressten Zähne ein.

 

03:19 Uhr

Fünf Taucherinnen näherten sich dem Pier unterhalb der Wasseroberfläche und stießen hinab in die Tiefe. Ihre Helmstrahler stanzten grelle Löcher in die Dunkelheit des Hafenbeckens, trafen auf Säulen und schließlich Fels. Ein Lichtkegel schweifte über eine Metallplatte unterhalb des Felssockels, auf dem der Hafen Schanghais errichtet worden war. Die Hand einer Taucherin deutete auf das Ziel und alle fünf schwammen in die gleiche Richtung.
Nur Sekunden darauf trat ein Schweißbrenner in Aktion und schnitt ein Loch in die Metallplatte. Flinke Hände griffen zu den Funktionsgürteln der Taucherinnen, zogen den Plastiksprengstoff ab und hefteten ihn an die Platte, stopften kleine C4-Stangen in das ausgefräste Loch. Danach zogen sich die Taucherinnen in eine sichere Distanz zurück.
„Gryffindor an King’s Cross“, meldete die Anführerin über Helmfunk an die Kommandobasis. „Wir sind bereit.“
„King’s Cross hat verstanden. An alle. Zugriff auf mein Zeichen in zehn … neun … acht …“

 

03:20 Uhr

„Ja“, sagte die Stimme aus der Gegensprechanlage. „Es kann sich nur um diesen verfluchten Narw…“ Der General aus Sydney brach mitten im Wort ab. Im selben Moment war die Verbindung unterbrochen und nur einen Lidschlag darauf bohrte sich ein heftiges Stechen ins Gehirn des Generals, das ihm augenblicklich verriet, dass sein Gesprächspartner nicht mehr unter den Lebenden weilte. Panik keimte in ihm auf, als jäh ein Beben die Grundmauern des Gebäudes erschütterte.
„Mein Gott. Was geschieht da?“
„Wir werden angegriffen, Mrs Stylez“, sagte der General und hieb die Notfalltaste, wohl wissend, dass es längst zu spät für wirksame Verteidigungsmaßnahmen war. Tief unter ihnen war ein Generator explodiert und sekundäre Detonationen rüttelten an den Gemäuern. Hinter Mrs Stylez stürmten in Nanofasersuits gekleidete Frauen das an das Vorzimmer angrenzende Großraumbüro. Schüsse fielen. Die Mitarbeiter der Nachtschicht von Ly Shipping waren zu überrascht für Gegenwehr oder Flucht. Ihre Körper zuckten im Stakkato der automatischen Waffen, sackten in sich zusammen oder brachen über den Schreibtischen nieder.
Dann schoss ein giftgrüner Kreis durch das Büro und zerschnitt alles, was in seinem Weg war. Glas. Wände. Stahlträger. Mobiliar. Er fegte durch das Vorzimmer und erfasste Gwyneth Stylez in dem Moment, in dem sie versuchte, sich auf dem Absatz umzudrehen und nach der drohenden Gefahr Ausschau zu halten. Das grelle Grün fraß sich durch ihren Körper wie ein glühender Faden durch Butter und verdampfte die Assistentin innerhalb eines Sekundenbruchteils zu Asche.
Der Lichtring schoss an dem General vorbei durchs Fenster, vaporisierte es ebenfalls und verpuffte dann wie ein Nebelschleier. Mit weit aufgerissenen Augen starrte der General zu der Stelle, an der gerade noch Mrs Stylez gestanden hatte. G-Dawn hatte wieder eine neue Waffe!
Weitere Kreise aus grünem Flackern und Pulsieren jagten durch die Einrichtung und fraßen sich durch die Räumlichkeiten. Kurz bevor einer der Lichtringe den General selbst erfasste und in ein Häufchen Asche verwandelte, jagten die Schmerzimpulse weiterer sterbender Brüder durch sein gemartertes Hirn.
Alexandria.
Teheran.
Aus, dachte er und zerstob in einer grünen Lichtkaskade.
Schanghai war gefallen.

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