„Zeit des Erwachens“: Leseprobe online

DIE BESCHÜTZER 02 - FrontIm Dezember erscheint Band 2 der neuen Reihe „Die Beschützer“. Von Dirk van den Boom stammt „Zeit des Erwachens“; der Roman ist als Hardcover und Paperback vorbestellbar. Parallel erscheint das eBook, das ist bei Amazon vorbestellbar.

 

Eine massive Explosion zerstört einen unterirdischen Komplex in der Nähe von Stuttgart – doch gibt es wirklich keine Überlebenden?
Ein genialer Ingenieur erwacht aus einem langen Schlaf – und er muss sich einen neuen Lebenszweck suchen.
Ein gewiefter Börsenprofi nimmt die falschen Pillen – oder sind es doch die richtigen, um seiner Existenz eine neue Richtung zu geben?

Drei Schicksale, eng verknüpft mit denen von Dr. Hand, Sin Claire und den anderen Beschützern, vor allem als eine jahrelang unerkannt operierende Geheimorganisation sich gezwungen sieht, an die Öffentlichkeit zu treten. Es ist wahrhaftig für viele eine Zeit des Erwachens.

 

DIE BESCHÜTZER 01 - FrontIm Sommer startete die Reihe mit Band 1, „Ära der Helden“ von Martin Kay. Der Roman ist als Hardcover, Paperback und eBook erhältlich, letzteres bei Amazon und beam-eBooks.

 

Deutschland braucht Superhelden!
Zumindest, wenn es nach der Ansicht Konrad Berghoffs geht. Der Inhaber zweier Biotech-Firmen erforscht seit Jahren die Möglichkeiten übernatürlicher Fähigkeiten beim Menschen. Als die selbst ernannte Rächerin Sin Claire über die Dächer Frankfurts fliegt und Raubüberfälle ebenso vereitelt, wie sie Menschen in Not rettet, wittert der Industrielle eine echte Chance, seinen Traum eines Superheldenteams umzusetzen. Er beauftragt den Ermittler Kevin Burscheid, Sin Claire und weitere Begabte für seine Sache zu gewinnen. Doch die vermeintlichen Helden fügen sich nur widerwillig in ihre Rollen. Erst als ein Schurke mit unglaublichen Kräften Frankfurt unsicher macht und Menschenleben in Gefahr sind, kommt es zum Team-up.
Die Beschützer sind da!

 

Wir haben eine Leseprobe zu Band 2 online gestellt, zu der gelangen Sie, wenn Sie auf Weiterlesen klicken.

Kapitel 1

»Das geht in die Hose.« Hideki starrte auf den Monitor, ihre Augen brannten. Die bunten Abbildungen, alles Graphen, die eine Extrapolation bestehender Messdaten illustrierten, tanzten für einen Moment auf und ab. Sie schloss die Augen. Das Bild verschwand. Die dahinterliegende Erkenntnis aber hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Sie legte ihre Handflächen auf die Hose und drückte auf die Oberschenkel.

»Das endet in einer Katastrophe«, murmelte sie, kaum hörbar.

Sie schaute auf und blickte sich schüchtern um. An allen Terminals waren die Kollegen in konzentrierte Arbeit vertieft. Ein internationales Team: Deutsche, sicher die Mehrheit an dieser Einrichtung in der Nähe von Stuttgart, einige Japaner wie sie, zwei Inder, drei Amerikaner. Sie waren hier zusammengezogen worden, weil drei der größten Energiekonzerne der Welt die Absicht hatten, den Energiesektor zu revolutionieren.

Neue Energie.

Preiswerte Energie, umweltschonend. Ein riesiges Geschäft für den, der das Patent anmeldete und die Technik schnell umsetzte. Der Erwartungsdruck war enorm. Sie wurden hervorragend bezahlt, hatten beste Bedingungen und ihnen allen stand eine glänzende Karriere bevor – wenn es klappte.

Es würde nicht klappen.

Hideki wusste es. Sie hatte es mehrmals nachgerechnet, wollte es erst nicht wahrhaben.

Es konnte nicht funktionieren.

Sie wollten zu viel, zu schnell. Die Erwartungen erfüllen, um jeden Preis. Hideki war sich absolut sicher. Als ihr erster Verdacht aufgekommen war, hatte sie dem Chef berichtet. Dr. Steinmetz hatte ruhig zugehört, sein Gesicht eine Maske, wie immer. Hideki hatte mehrmals den Faden verloren, sich verhaspelt. Ihre Stimme war immer leiser geworden. Sie konnte so etwas nicht gut. Aber sie hatte es einfach loswerden müssen. Irgendwann war sie mit ihrem etwas zusammenhanglosen Vortrag fertig gewesen und Steinmetz’ Gesichtsausdruck war anzusehen, was er davon hielt.

»Sie machen sich zu viele Sorgen«, hatte Steinmetz gesagt, kühl, wie er eben so war. »Gehen Sie wieder an die Arbeit!«

Hideki hatte gehorcht, natürlich. Kein Aufbegehren von ihrer Seite, kein: »Ja, aber!« Und sie hatte weiter gerechnet. Das Ergebnis hatte sich durch die Intensität ihrer Bemühungen nicht verändert. Es war stattdessen immer eindeutiger geworden. Die Katastrophe würde groß sein. Die Anlage war tief in den Erdboden verbaut worden und sie war geheim. Aber wenn alles so ablief, wie Hideki es befürchtete … würde es einen Krater geben und er würde angefüllt sein mit den Leichen eines jeden Menschen, der hier arbeitete.

Mindestens.

Jetzt musste sie sich beeilen, wenn sie noch etwas ausrichten wollte.

Sie schaute über die Köpfe ihrer Kollegen hinweg zur Empore. Im Glaskasten saßen die drei Projektleiter: Dr. Steinmetz, der die Gesamtverantwortung trug; Dr. Hashimoto, der für die technische Infrastruktur verantwortlich zeigte; Dr. Dr. Andrews, der die Experimentalabteilung leitete. Alle saßen sie zusammen, was selten genug vorkam. Es war der Tag des Experiments. Heute sollte der Durchbruch kommen, der große Schritt. Ihre Gesichter wirkten konzentriert, sie alle strahlten eine ruhige Zuversicht aus. Hin und wieder wanderte ihr Blick über die Mitarbeiter außerhalb des Glaskastens mit seinen seltsam gefärbten, manchmal fluoreszierenden Scheiben. Als ob sie auf ihre Maschinen hinabsehen und deren Funktionsfähigkeit prüfen würden, so behandelte man sie. Hideki macht das manchmal wütend.

»T minus zehn Minuten. Wir aktivieren die Vorschaltstufe. Kontrollieren Sie Ihre Anzeigen.«

Zu früh.

Viel zu früh.

Hideki stand auf. Sie musste sich zwingen. Blicke richteten sich auf sie. Forschend, fragend – sie schrumpfte unter ihnen zusammen. Ihre Hände zitterten, doch es gab jetzt kein Zurück. Wie sie sich fühlte, war unwichtig.

Dass sie alle bald sterben würden, war viel drängender.

Sie ignorierte die Blicke, stakste durch die Reihen auf den Glaskasten zu. Andrews’ Blick fiel auf sie, er griff nach dem Mikro und dann stand seine Stimme im Raum, laut, blechern, vorwurfsvoll.

»Frau Nakamura. Wir wollen gleich beginnen. Bitte nehmen Sie Ihren Platz wieder ein.«

Hideki ignorierte die Stimme. Jetzt schauten endgültig alle sie an, viele davon vorwurfsvoll. Sie hatte hier keine Freunde, nie welche gehabt. Wer immer in der Ecke stand und nie ein Wort herausbrachte, wenn es nicht um Teilchenphysik ging, der konnte nicht erwarten gemocht zu werden.

Jetzt störte sie.

Sie störte sehr.

Die kurze Treppe zum Glaskasten hinauf. Die Tür geöffnet. Drei Augenpaare, die sie unwillig musterten. Etwas ängstlich, wie sie sich einbildete.

»Dr. Hashimoto«, wisperte sie. »Wir müssen das Experiment verschieben.«

Aus Unwille wurde Zorn, Unverständnis. Steinmetz, sonst immer so kühl und beherrscht, verdrehte die Augen. Er war angespannt wie sie alle. Sie störte. Hideki störte immer. Das war die Geschichte ihres Lebens und normalerweise tat sie es nicht aus Absicht.

Diesmal aber schon.

»Was soll das Gerede?« Die Antwort war scharf, der Tonfall herrisch. »Gehen Sie an Ihren Platz. Der letzte Countdown beginnt gleich. Sie haben eine Aufgabe zu erledigen.«

Hideki zuckte unter den Worten zusammen, doch sie fand in sich den Mut zur Beharrlichkeit, zum Trotz. Ihre Mutter hätte sie für dieses Verhalten windelweich geprügelt.

»Ich habe alles noch einmal durchgerechnet. Ich bin mir sicher, dass ein Fehler in der Ausrichtung der Wandlerspulen vorliegt. Wir werden nicht einfach nur exotische Materie produzieren, sie wird durch die Magnetfelder nicht unter Kontrolle bleiben. Die Schwankungen sind zu hoch. Es kann uns alles um die Luft fliegen.«

Steinmetz verzog sein Gesicht, beugte sich zu Hashimoto und flüsterte ihm etwas zu. Dieser schüttelte den Kopf.

»Wir haben alles mehrfach geprüft. Alles innerhalb der Parameter, alle Eventualitäten wurden bedacht. Sie waren doch selbst im Prüfteam.«

Hideki schaute wieder zu Boden, für einen Moment überwältigt von ihrer eigenen Scham. Natürlich, da hatte der Mann absolut recht. Und all ihre Vorbehalte und Ängste hatte sie für sich behalten, weil sie die Angst hatte, ausgelacht und nicht für voll genommen zu werden. Es war so schon schlimm genug im Team, mit all diesen selbstbewussten, starken Persönlichkeiten, den lauten Männern, die sich wie Platzhirsche benahmen, den geringschätzigen Blicken, die dem Püppchen aus Japan zugeworfen wurden. Hideki war für viele nicht mehr als ein dekoratives Möbelstück, dem man wie einem Roboter Aufgaben zufüttern konnte, die dieser getreulich erfüllte, ohne zu murren. Zuverlässig, ja, und pflichtbewusst. Aber richtig ernst nahm niemand sie.

Nicht einmal sie selbst.

Ganz bestimmt nicht Dr. Hashimoto, dessen Gesichtsausdruck sich zunehmend verfinsterte.

»Setzen Sie sich, Hideki«, presste er mühsam beherrscht hervor. »Gehen Sie an Ihren Platz und erfüllen Sie Ihre Pflichten!«

Er wusste, dass er sie damit am Haken hatte, doch Hideki holte noch einmal Luft. Es war zu wichtig. Sie war sich ihrer Sache zu sicher. Man musste einfach auf sie hören, durfte sie nicht abkanzeln wie ein Schulmädchen. Sie war eine erwachsene Frau, eine Spezialistin, und sie wusste, wovon sie sprach.

»Schauen Sie sich meine Ergebnisse bitte noch einen Moment an«, sagte sie tapfer. »Ich habe alles vorbereitet. Sie können meine Simulationen ganz leicht nachvollziehen. Verschieben Sie den Countdown um dreißig Minuten, dann erkläre ich Ihnen alles.«

Hashimoto stieß ein Stöhnen aus, während Steinmetz nun das Wort ergriff. Er zeigte auf die Galerie, die das große unterirdische Kontrollzentrum abschloss, ebenfalls abgeschirmt durch das beschichtete Glas. Da oben saßen einige Gestalten in Anzug oder Kostüm, Vertreter der Vorstände und Aufsichtsräte der im Konsortium versammelten Firmen, Männer und Frauen von Macht, die eine Menge Geld für ein Projekt bereitgestellt hatten und auf Ergebnisse drängten – nicht zuletzt, weil die von der deutschen Regierung eingeholten Betriebsgenehmigungen das, was hier geschah, nicht vollständig abdeckten, nicht einmal bei großzügiger Interpretation. Wenn das herauskam … es war nicht auszudenken. Je schneller man Fakten schuf, die auch die deutschen Behörden überzeugen würden, desto besser.

Steinmetz hatte ihr all das bereits vorgebetet. Er musste es nicht wiederholen.

Der Blick, den er ihr zuwarf, genügte völlig.

»Hideki«, sagte er dann beinahe sanft. »Sie waren in letzter Zeit unter starkem Stress. Die Medikamente, die Sie nehmen mussten … das hat Ihren Körper sehr belastet. Ich bewundere Ihre Selbstdisziplin. Wenn das alles hier vorbei ist, werden Sie einen langen Urlaub nehmen und sich um Ihre Gesundheit kümmern. Bitte, das müssen Sie mir versprechen.«

Hideki lief rot an. Es war unfair, sie auf die Krankheit anzusprechen. Die seltene Stoffwechselstörung war erst vor wenigen Monaten diagnostiziert worden. Nicht nur bei ihr – bei allen Kollegen, herausgestellt bei einer Routineuntersuchung. Es musste etwas mit der Strahlung hier unten zu tun haben. Doch die Projektleitung hatte sich erstaunlich gut vorbereitet gezeigt. Man hatte ihnen Medikamente gegeben und versichert, es sei alles gut. Kein Grund zur Sorge. Alles unter Kontrolle.

Steinmetz hatte geholfen. Seine scheinbare Fürsorge diente allein dazu, sie an diese Tatsache zu erinnern.

Sei dankbar, Hideki.

Sei gehorsam, kleine Puppe.

Erfülle deine Pflicht und störe nicht jene, die hier die Verantwortung trugen.

Hideki wandte sich ab, nickte nur, schloss die Tür hinter sich, sorgfältig, wie sie nun einmal war. Sie trottete unter den spöttischen und fragenden Blicken der ganzen Belegschaft zu ihrem Platz zurück, setzte sich, warf einen letzten Blick auf ihre Simulationen und löschte diese dann mit einer fatalistischen Handbewegung.

Es war sinnlos.

Die Dinge würden nun so geschehen, wie sie sollten. Vielleicht hatte sie sich ja auch geirrt und die Chefs hatten sie vor einer noch größeren Erniedrigung und Scham bewahrt.

Ja, dachte Hideki und starrte in ihr Spiegelbild auf dem Monitor vor ihr, der nun schwarz war. Es wird alles gut. Du wirst hysterisch.

Sie starrte und starrte und versuchte sich selbst zu hypnotisieren, um ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Doch wem machte sie etwas vor? Es würde schiefgehen. Die Katastrophe war vorprogrammiert. Und sie würde hier sitzen, anstatt davonzurennen und ihr Leben zu retten. Sie würde sehenden Auges in den Tod gehen, denn sie erfüllte hier ihre Pflicht.

Hideki Nakamura war völlig verrückt und sie wusste es.

Diese Erkenntnis machte ihre Situation nicht besser.

»Wir beginnen mit dem letzten Countdown«, hörte sie Steinmetz’ Stimme aus dem Lautsprecher. »Alles läuft wie geplant. T minus fünf Minuten. Wandler.«

»Wandler einsatzbereit«, erwiderte der zuständige Techniker.

»Energieversorgung.«

»Energieversorgung nominal, Akkumulatoren gefüllt«, hörte Hideki sich sagen, als ob sie gar keine Kontrolle über ihre Stimme hätte.

»Magnetfeldgeneratoren.«

»Generatoren einsatzbereit, alles im grünen Bereich.«

»Kammerstatus.«

»Kammer stabil und geschlossen. Vollständig evakuiert. Vakuum bei 99,4 Prozent.«

»Beobachtung und Aufzeichnung.«

»Alle Sensoren aktiv. Alle Aufzeichnungen laufen. Standleitungen nach New York und Tokio stehen. Echtzeitübertragung kann jederzeit aktiviert werden.«

Viele wollten sich vom Erfolg des Projektes überzeugen. Hideki war sich sicher, dass sie nicht mit dem rechneten, was nun passieren würde. Ihr Magen knotete sich vor Angst zusammen, doch sie bewahrte perfekte Selbstdisziplin, wie es von ihr erwartet wurde. Sie tat immer, was man von ihr erwartete.

Braves Püppchen. Braves Kind. Eine gute Tochter, die wusste, was von ihr erwartet wurde.

»Ich höre: alle Stationen melden ein Go für alle Systeme«, erklärte Steinmetz mit einem feierlichen Unterton. Jemand klatschte. Hideki fand das zum Kotzen.

Die Minuten verrannen. Ein Summen erfüllte den Kontrollraum, dann ein unterschwelliges Heulen, als die Anlagen aus dem Leerlauf hochgefahren wurden. Etwas knirschte. Hideki blickte nach oben, in die Richtung des Geräusches. Aus der Decke ragten plötzlich dünne Antennen, jede direkt über einem Arbeitsplatz positioniert. Sie sah diese Dinger zum ersten Mal und die Angst in ihr verstärkte sich noch, falls das überhaupt möglich war.

Sie warf einem Kollegen einen fragenden Blick zu. Der zuckte mit den Achseln, widmete sich wieder seinen Kontrollen.

»Zusätzlicher Strahlungsschutz«, hörte sie über die Lautsprecher, sah sich um, erblickte das freundliche Nicken von Steinmetz. »Alles in Ordnung. T minus eine Minute.«

Direkt unter ihr, tief im Gestein, lag die Wandlerhalle mit dem Produktor, der für das Experiment exotische Materie herstellen, stabilisieren und dann mit einem vieltausendfachen Wirkungsgrad in Energie umwandeln sollte – aber von einer so geringen Ausgangsmenge, dass es gerade einmal reichen würde, eine Autobatterie damit zu laden.

Das war zumindest die Theorie.

Eine Theorie, an die Hideki Nakamura nicht glaubte.

»Energielevel.«

»50 Prozent und steigend, innerhalb der Parameter«, sagte Hideki gegen ihre Willen. Es stimmte ja. Bis jetzt lief alles wie geplant. Und bis kurz vor Auslösung des Produktors würde es auch so bleiben. Es war die Krux in der Sache, dass sie den Glitch eine Millisekunde vor dem eigentlichen Vorgang erwartete, zu schnell, zu kurz, um dann noch gegenzusteuern.

»Geht doch«, kommentierte Steinmetz und jeder wusste, wer gemeint war. Die Kollegen warfen Hideki bezeichnende Blicke zu. Sie starrte auf ihre Messanzeigen, gefangen von der wilden Hoffnung, dass sie sich geirrt hatte und alles gut ging.

»Wandler in Modus A.«

»Bestätigen Modus A.«

»T minus dreißig Sekunden. Magnetfeld etablieren.«

»Magnetfeld etabliert.«

»Energielevel.«

»80 Prozent und steigend, nominal«, sagte Hideki und konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme brüchig klang. Niemand schenkte dem Aufmerksamkeit. Alle waren sie hoch konzentriert. Der große Augenblick, der große Durchbruch stand bevor. Sie würden die Welt revolutionieren, das war ihrer aller Absicht und Erwartung.

Sie würden sterben, das war Hidekis Überzeugung.

»Sind bei 100 Prozent«, meldete Hashimoto feierlich. »Ich aktiviere. Ich aktiviere.«

Hideki hatte nicht viel Zeit, ehe das weiße, helle Licht sie umfasste und in eine endlose Schwärze stürzte. Sie starrte auf ihre Anzeige und da war er, der Glitch, wie vorausberechnet. Keine Zeit für den Triumph, keine Zeit für einen bezeichnenden Blick in den Glaskasten, in dem sie alle im gleißenden Licht verbrannten, in Sekunden, und alles zunichtegemacht wurde.

Hideki Nakamura starb in der Gewissheit, dass sie recht gehabt hatte.

Die Bitterkeit dieser Erkenntnis nahm sie mit in den Tod.

Kapitel 2

»Das haben Sie gut gemacht, Katt.«

Der dickliche Mann in dem perfekt sitzenden Anzug war, genauso wie Harald Katt, seit zehn Stunden auf den Beinen, doch man merkte es ihm nicht an. Auch Harald war vollständig mit edlem Tuch bedeckt, der Cucinelli hatte ihn immerhin drei Tausender gekostet. Er war peinlich darauf bedacht, so wenig Hautfläche wie möglich frei zu lassen, und wenn das trotz der warmen Temperaturen notwendig war, wollte er wenigstens gut dabei aussehen.

Nicht dass Katt damit ein Problem hätte. Wäre er kein so erfolgreicher Aktien- und Anleihenhändler gewesen und würde er nicht Millionen als Angestellter einer der größten Privatbanken auf dem Frankfurter Parkett scheffeln, hätte er eine Karriere als männliches Model in Erwägung ziehen können. Sein markantes Gesicht wurde akzentuiert durch einen Körper, der mehr als einfach nur durchtrainiert war. Katt war ein sehr kräftiger Mann, seine Bewegungen geschmeidig, seine Körperkontrolle hatte etwas Selbstverständliches, das viel Neid unter seinen Kollegen auslöste – und die Bewunderung der Damenwelt, der er sich mit großer Hingabe widmete.

Heute aber nicht. Seine Aufmerksamkeit galt dem dicklichen Mann, dessen körperliches Charisma nicht an das seine heranreichte, der aber trotzdem Geld und Macht ausstrahlte. Durchaus berechtigt, denn er besaß von beidem reichlich.

Der dickliche Mann hieß Henning Schulz-Wahrberg und war sein Chef, einer der wenigen, die ihm, dem Begnadeten, noch hin und wieder Anweisungen gaben. Meist beschränkte er sich darauf, ihn zu loben, wie jetzt, kurz nach Anbruch der Abenddämmerung, im großen, luftigen Büro, das sich Katt redlich verdient hatte. In ihren Händen hielten sie Gläser. Die geöffnete Flasche mit Chevas Regal Royal Salute stand zwischen ihnen. Sie tranken den edlen Tropfen nur zu speziellen Anlässen, was angesichts der Tatsache, dass eine Flasche runde zehntausend Euro kostete, auch die einzig richtig Vorgehensweise war, wenn man dem Getränk Respekt zollen wollte. 225 davon gab es, eingelagert zum Anlass des Goldenen Jubiläums der Queen im Jahre 2002. Drei dieser Flaschen befanden sich im Besitz von Schulz-Wahrberg und er ging sehr knauserig mit seinem Inhalt um.

»Sie haben auf den Zusammenbruch der griechischen Anlagen gewettet, als alle noch zuversichtlich waren«, sagte Schulz-Wahrberg und lächelte. »Sogar ich habe nicht geglaubt, dass das eine gute Idee ist, und ich kenne Sie mittlerweile lange genug.«

»Die Griechen verarschen uns«, erklärte Katt. »Also habe ich sie verarscht. Nageln Sie mich nicht fest, aber eine oder zwei Banken haben wir damit an den Rand des Ruins getrieben.«

Schulz-Wahrberg lächelte breiter, stieß ein sanftes Kichern aus, das klang, als würden Wassertropfen auf eine dünne Blechplatte fallen. Der Mann war kein Händler, ihm fehlte dafür die Intuition. Seine primäre Aufgabe waren die Administration und der Schutz seiner Mitarbeiter – vor Fragen aus der Vorstandsetage, vor den Nachstellungen lästiger Staatsanwälte und dem Gepöbel der Weltverbesserer, die in regelmäßigen Abständen irgendwas besetzten. Darin war er gut, es war eine nahezu symbiotische Verbindung, und er bekam seine Prozente von der Erfolgsprämie, weil er sie sich verdiente. Außerdem war er gut darin, Talente zu erkennen. Dadurch hatte er es weit gebracht.

»Was machen wir als Nächstes?«, fragte der Mann. »Ich möchte vorbereitet sein.«

»Ich glaube, dass wir uns von Energiewerten trennen sollten, möglichst bald. Da wird es in Kürze Veränderungen geben, das habe ich im Gefühl.«

Schulz-Wahrberg sah ihn prüfend an. Katt erwiderte den Blick ruhig. Natürlich wusste der Mann, dass sein Goldjunge über Insiderinformationen verfügte. Es war sein persönliches Netzwerk, das ihn so erfolgreich machte. Manche nannten es eine »gute Nase«. Katt beließ sie in dem Glauben. Informationsmanagement war alles.

»Sie haben Zugriff auf alle Portfolios und Generalvollmacht für die Klienten unserer Abteilung. Ich vertraue Ihnen.« Schulz-Wahrberg lächelte. »Machen Sie unsere Kunden reich.« Sein Lächeln wurde breiter. »Machen Sie uns reich.«

»Wie immer.« Katt hob das Glas.

»Wie immer.« Schulz-Wahrberg erwiderte den Gruß. Sie tranken. Der Chevas Regal hatte einen Hauch von Anis im Geschmack, unaufdringlich nur und damit sehr angenehm.

»Ich lasse Sie dann wieder allein«, sagte der dickliche Mann, stand auf, griff nach der Flasche, die er behutsam und fürsorglich an seinen Bauch drückte. »Ich hoffe, ich kann Sie bald wieder auf einen Schluck einladen.«

»Ich freue mich darauf.«

»Schönen Abend noch.«

Katt nickte und wartete, bis der Mann sich verabschiedet hatte. Die Tür schloss sich.

Die Maske fiel von Katts Gesicht ab. Wo eben noch die leicht arrogante Selbstzufriedenheit eines überaus erfolgreichen Brokers gewesen war, lag jetzt ein Schatten auf den Gesichtszügen. Plötzlich schienen sich tiefe Gräben zu bilden. Katt holte den Brief hervor, den er verborgen hatte, als sein Chef das Büro betreten hatte. Er kannte die Zeilen auswendig, aber er las sie trotzdem und die darin enthaltenen Aussagen wurden dadurch nicht besser.

Porphyrie.

Sein Arzt hatte sich die Mühe gemacht, es genau zu erklären, und jedes Wort ließ Katt kalt werden, eine plötzliche Schwäche empfinden. Er spürte den Schweiß auf seiner Stirn, obgleich die Klimaanlage das Büro angenehm temperierte. Eine Lichtallergie, die schwerste Form und in einem immer weiter fortschreitenden Stadium. Bei jedem Wort, das er las, wollten die Pusteln und Blasen auf seiner Haut wieder zu jucken anfangen.

Vor einem halben Jahr hatte er sie das erste Mal bemerkt.

Erst hatte er sich nichts dabei gedacht.

Er dachte sich bis dahin bei so vielen Dingen nichts. Geld verdienen. Party machen. Sich Meth reinziehen, wenn es mal wieder eng wurde, oder Koks, wenn er einen Run hatte, wenn er nicht aufhören konnte, nicht aufhören durfte. Frauen, jedes Wochenende eine andere, alle schön und sexy, alle aufgekratzt und wild, und er erinnerte sich an keine einzige. Egal. Er lebte das wilde Leben. Die Welt gehörte ihm. Niemand konnte ihm etwas.

Was für ein Irrtum.

»Es wird schlimmer werden, Herr Katt«, hatte sein Arzt ihm während ihres letzten Termins gesagt. »Sie werden Ihren Körper so weit mit Kleidung bedecken müssen wie möglich. Ihr Gesicht ist nicht so betroffen – derzeit. Aber die Hände … Handschuhe wären eine gute Idee.«

»Wo wird das enden?«, hatte Harald gefragt, erschüttert über die Diagnose.

»Ich weiß es nicht. Möglicherweise werden wir eine Therapie finden. Aber viele enden in völlig abgedunkelten Häusern, die sie nur noch nachts verlassen können. Nachtmenschen. Sie sind doch sowieso ein Nachtmensch, oder? Viele, lange Partys bis zum Morgengrauen.«

Katt hatte es nicht lustig gefunden. Er durfte im Büro kommen und gehen, wann er wollte, und er durfte von zu Hause arbeiten. Es war völlig egal, solange er Millionen für die Bank verdiente. Er musste nie viel tun – zwei, drei Stunden am Tag, einfach nur dem Geruch des Geldes folgen, dem Instinkt. Dann hatte er sein Pensum erfüllt und konnte schlafen, feiern, Geld ausgeben. Sein neuer Ferrari würde nächste Woche geliefert. Ab wann würde er den Schlitten nur noch bei Dunkelheit ausführen dürfen?

Ein Nachtmensch.

Harald Katt war das im Gedächtnis geblieben. Es hatte etwas ausgelöst, eine Assoziation hergestellt, verbunden mit einem Verlangen, einer Leidenschaft, die er niemals jemandem enthüllt und immer sorgsam verborgen hatte. Albern. Unwürdig eines erwachsenen Mannes, eines reichen Mannes von Welt, der Personifizierung von Erfolg und Durchsetzungskraft.

Es hatte einen Gedankengang ausgelöst, eine fixe Idee, die er schon lange mit sich herumgetragen hatte, eine Idee, die er in spielerischer, nicht ganz ernst gemeinter Art umzusetzen begann. Anfangs jedenfalls. Erst war es Cosplay gewesen, ein Zeitvertreib, doch dann hatte es sich zu einem ernsthaften Projekt entwickelt, in das er Zeit und Geld zu stecken begann. Was war der Auslöser gewesen?

Er wischte den Gedanken zur Seite. Es gab eine Therapie oder keine, aber Katt wollte niemals Schwäche zeigen. Er hatte zu viele Neider, zu viele Feinde. Schwäche war fatal. Er musste ein Risiko eingehen, jetzt war der Zeitpunkt. Risiken waren sein Lebenselixier. Er ging sie bewusst und mit Begeisterung ein.

Igor. Der Name fiel ihm nun sofort ein und das war auch logisch.

Igor – und er kannte nur seinen Vornamen – war Inhaber eines Untergrundclubs, in einem Keller, nur den Auserwählten bekannt, die sich den Eintritt verdient hatten. Man musste nicht einfach nur reich und spendabel sein, um dort aufgenommen zu werden. Man musste vertrauenswürdig sein.

Igor kannte Katt schon lange. Und als er von Katts Krankheit gehört hatte, war seine erste Reaktion gewesen: »Ich hör mich mal um.«

Zwei Wochen später war er mit einer Schachtel ohne Aufschrift angekommen, darin kleine, blaue Pillen ohne jeden Aufdruck. »Von einem Freund«, hatte Igor gesagt.

Katt hatte die Schachtel genommen und nie angerührt. Er warf alle möglichen Sachen ein, je nach Laune: Upper, Downer, Booster, was auch immer. Aber das hier war etwas anderes. Irgendwas aus irgendeiner ukrainischen Giftküche, das ihm helfen sollte? Er traute Igors Leuten zu ihn high werden zu lassen, total drauf, aber so eine komplexe und seltene Stoffwechselkrankheit wie die seine zu heilen?

Da fehlte es ihm dann doch etwas an Vertrauen.

Doch »Vertrauen« konnte er sich möglicherweise nicht mehr leisten in seinem Zustand.

Katt packte seine Sachen beisammen, verließ das Büro. Der 7er BMW in der Tiefgarage erwachte kurz darauf zum Leben und durch die einsetzende Nacht strebte der Broker seinem Appartement im Westend zu, dem man von außen nicht ansah, wie teuer und aufwendig es eingerichtet war.

Reichtum sorgte für Neider und manche Neider gaben diesem Gefühl mit einer Brechstange Ausdruck.

Er betrat sein Appartement und warf die Jacke in die Ecke. Das Licht war gedimmt. Ohne weiter zu zögern, strebte Katt in seinen Fitnessraum, den er täglich intensiv benutzte. Er war stolz auf seinen Körper, seine Kraft und Wendigkeit. Das Training erfüllte ihn mit der gleichen Begeisterung wie seine Partys und dreimal in der Woche ging er zum Krav-Maga, eine Kampfsportart, in der er eine gewisse Meisterschaft entwickelt hatte.

Es fehlte ihm seit einiger Zeit an würdigen Gegnern.

Heute Abend aber, erinnert an die zentrale, alles durchdringende Schwäche seines Körpers, verlangte es ihm nach seinen Hanteln und Gewichten, nach dem schweren Boxsack, der schwingend von der Decke hing, und nach Schweiß und körperlicher Anstrengung bis zur Selbstaufgabe.

Er wollte vergessen, was mit ihm, mit seinem Leib geschah.

Augenblicke später, nur bekleidet mit einer kurzen Sporthose, begann er. Er war in diesen Dingen extrem diszipliniert, ein Mann von großer Ausdauer, der seine Grenzen ständig aufs Neue auslotete. Gegen die knotigen Pusteln, die rote, aufgeraute Haut auf seinem Körper, die ihn an das erinnerte, was die Krankheit aus ihm zu machen drohte, kämpfte er mit der Verbissenheit eines Kämpfers an. Und während er die Hanteln hob und den Boxsack bearbeitete, seine Muskeln vor lauter Anstrengung zu zittern begannen, dachte er an die kleinen Pillen in der unbeschrifteten Schachtel, die Igor ihm gegeben hatte.

»Es hilft dir«, hatte der Russe gesagt. Russe? War er überhaupt Russe? Katt wusste wirklich nichts über ihn. »Es hilft dir, mein Freund.« Und er hatte gelacht, dieses laute, sympathische Lachen, mit dem einem Igor alles verkaufte, was glücklich machte, stark – oder beides.

Er hielt inne, keuchte, trank einen tiefen Schluck aus der bereitstehenden Wasserflasche. Welcher Teufel trieb ihn dann hinaus auf den Gang, was ließ ihn suchend nach der Schachtel greifen, die irgendwo in einer Jacke … da war sie. Er öffnete den Behälter, starrte auf die Pillen, klein, unscheinbar.

»Nimm drei«, hatte Igor gesagt. »Jeden Tag drei, mit Wasser. Bis die Schachtel alle ist.«

Igor, der Apotheker.

Katt starrte auf die geöffnete Schachtel. Die Versuchung war ebenso groß wie die Verzweiflung, heute hatte beide das gleiche Level erreicht. Er holte tief Luft, legte drei der Pillen in seine Hand, warf sie in den Mund, spürte etwas Bitteres, trank Wasser und schluckte.

»Sie helfen dir, sofort, das wirst du sehen, mein Freund«, hatte Igor gesagt.

Harald Katt lachte hysterisch auf. Sofort. Alles, was der Russe ihm verkaufte, wirkte sofort. Sofort high. Sofort geil. Sofort einen Ständer aus Stahl. Sofort wach. Sofort schnell. Sofort alles.

Katt warf drei weitere Pillen in seine Hand. Was sollte es? Es half oder er starb. Wenn er starb, war es vorbei, wenn es half, war es das auch. Er hatte schon so viel von allem eingeworfen, dann würde das nicht mehr schaden.

Er schluckte. Er spürte, wie das Medikament seine Speiseröhre hinunterglitt. Er trank Wasser, fühlte sich erfrischt. Katt lauschte in sich hinein. Kein Unwohlsein, keine erkennbare Wirkung. Sofort?

Er schaute auf die Pusteln, die entzündete Haut. Ein Kribbeln.

Es kribbelte.

Das war nicht unangenehm und Katt hockte sich hin, mitten auf dem Flur, dort, wo er stand. Er zwinkerte. Ein schönes Kribbeln, überall auf seinem Körper. So schön. So angenehm. Es war wie ein Schauer des Wohlseins, der sich auf die entzündeten Hautstellen konzentrierte. Es war, als würde seine sanfte Macht den schmerzhaften Ausschlag hinwegfegen.

Igor hatte recht gehabt.

Katt lachte glucksend. Drei weitere Pillen lagen in seinem Mund. Mit Wasser spülte er sie hinunter. Das Kribbeln wurde stärker, breitete sich überall aus.

Katt wurde schwarz vor Augen. Kichernd legte er sich hin, sein Körper durchzuckt von zittrigen Wellen, die jeden Muskel zu beanspruchen schienen.

So schön, dachte er und lachte laut, ehe er das Bewusstsein verlor.

So richtig schön.

Kapitel 3

»Mein Gott, was für eine Katastrophe!«

Der Polizist starrte über die Absperrung hinweg auf den Krater, der sich tief in das Erdreich gerissen hatte. Dampf stieg daraus aus, doch die Hitze war bereits seit einigen Stunden so weit heruntergegangen, dass sich die ersten Teams bereits in das Loch gewagt hatten, Absicherungsmaßnahmen durchführten, Markierungen setzten. »So ein verdammtes Loch hat ja nicht mal der neue Bahnhof gerissen.«

Sein Kollege nickte. Der Krater war tief, es ging fast zweihundert Meter in die Tiefe, und er hatte einen Durchmesser von einem guten Kilometer. Man hatte die Explosion weithin gehört. In Stuttgart waren die Fensterscheiben zersplittert, es gab viele Verletzte und einige nicht so massiv gebaute Häuser waren einsturzgefährdet. Näher am Explosionsherd hatte es Tote gegeben, mit einigen dermaßen effektiv ausradierten Bauernhöfen in der Gegend, dass die Hilfsmannschaften nicht einmal mehr menschliche Überreste fanden. Das Wort »Katastrophe« kam dem, was hier geschehen war, nicht einmal nahe. Schon schossen die Gerüchte ins Kraut. Ein Terroranschlag, das war die vorherrschende Meinung. Bestimmt die Islamisten. Glücklicherweise hielt man die Medien weit außerhalb des Epizentrums der Explosion auf Abstand, sodass die Einsatzkräfte ihre Arbeit tun konnten.

»Wir können heilfroh sein, dass das nicht in der Innenstadt passiert ist.«

»Es hat auch so genug Tote gegeben.«

»Wie viele?«

»Genug«, sagte eine dritte Stimme. Die beiden Uniformierten zuckten zusammen. Kriminalhauptkommissar Joksmann hatte sich leise genähert, wie er sich immer leise bewegte, auf den sanften Gummisohlen seiner Gesundheitsschuhe. Nur das gelegentliche Schnaufen, mit dem er seinen massigen Körper bewegte, verriet manchmal seine Anwesenheit. Der Mann in Zivil gesellte sich zu seinen Kollegen, starrte in den Krater hinab, in dem Bauarbeiter und Ermittler nach … irgendwas suchten.

»Keiner wusste, dass es hier eine dreistöckige unterirdische Forschungsanlage gab?«, fragte einer der beiden Uniformierten ungläubig. »Ich meine – wie kann man so was geheim halten?«

»Auf Dauer offenbar nicht«, brummte Joksmann, der den Blick nicht vom Abgrund abwenden konnte. Er kratzte sich über das unrasierte Kinn, dessen Fettwulst schwer auf dem Kragen seiner Jacke lag.

»Wir wissen nicht, wie viele Menschen dort gearbeitet haben? Was sagen die Forensiker?«

»Wir haben Leichenteile gefunden, die zu 26 Personen aufaddiert werden können. Kleine Leichenteile. Verdammt kleine. Näheres wird die DNA-Analyse ergeben«, erwiderte Joksmann. »Aber die Hitzeentwicklung war enorm. Die drei Stockwerke sind zu einem Schlackehaufen verbrannt. Wer sich darin noch befindet – und in welchem Zustand …« Er zuckte mit den Achseln. »Das werden wir wahrscheinlich niemals herausfinden.«

»Wer ist dafür verantwortlich?«

»Die Ermittlungen laufen, Kollege. Die Ermittlungen laufen.«

Joksmann hob das Absperrband. Ermittlungen. Er verbarg ein Grinsen. Die drei verantwortlichen Energiekonzerne hatten irgendwann zugeben müssen, dass sie hier, in einem Gewerbegebiet bei Stuttgart, eine große unterirdische Forschungsstation errichtet hatten – weitgehend illegal, ohne die notwendigen Genehmigungen. Wen sie bestochen hatten, um die Station überhaupt bauen zu können, war noch herauszufinden. Offiziell hatte es hier eine Fabrik für Sanitäranlagen gegeben. Eines der üblichen, mittelständischen Unternehmen, das das Rückgrat der baden-württembergischen Erfolgsgeschichte war, fleißig, spezialisiert und international erfolgreich. Hier aber war mehr explodiert als eine mächtig unter Druck stehende Latrine.

Scheiße war es trotzdem, zumindest die der metaphorischen Natur.

Die oberirdisch sehr harmlos wirkende Fabrik war eine Tarnung für etwas sehr viel Größeres. Sowie Joksmann in den Krater hinabstieg, stapfte er in einen Sumpf aus Korruption, Geldgier und Heimlichtuerei. Er würde den Job bald los sein, das war klar. Eine Soko wurde bereits gebildet und sie würde groß sein, mit vielen Ermittlern, die erhebliche Anstrengungen unternehmen würden. Bereits jetzt waren Kollegen in die Konzernzentralen im In- und Ausland unterwegs, mit Hilfsersuchen an die Behörden der anderen Länder in den Taschen. Es war ein Glück, dass die Katastrophe in der Nacht stattgefunden hatte, als das nahe Gewerbegebiet im Grunde menschenleer gewesen war. Tagsüber hätte es Tausende von Toten gegeben. Aber auch so war es schlimm genug.

»Joksmann?«

Ein Mann in einem weißen Schutzanzug kam auf ihn zu. Joksmann kannte ihn gut. Dr. Beck war der Leiter des Untersuchungsteams, das sich der Explosionsstelle mit allerlei Gerätschaften näherte und seit Kurzem auch Bagger einsetzte, um in tiefere Ebenen vorzudringen.

»Und?« Joksmann entging das aufgeregte Glitzern in den Augen des Forensikers nicht.

»Schauen Sie sich das mal an!«, sagte der Wissenschaftler ohne Umschweife. Er führte den Kommissar an eine Stelle, um die ein separates Absperrband gelegt worden war. Zu sehen war eine Mulde und diese war von perfekter Form, absolut glatt, und darin lag Kleidung. Frauenkleidung, wenn man sich den Schnitt recht betrachtete. Das quer über dem weißen Laborkittel liegende Höschen war rosa. Darauf gestickt war ein winziger …

Das ist Godzilla!, dachte Joksmann erstaunt.

»Wie bitte?«, murmelte er. »Sie wollen mich verarschen, Beck.«

»Niemand will hier jemanden verarschen«, erwiderte der hagere Mann mit dem Pferdegebiss. »Das haben wir vor einer halben Stunde gefunden. Eine perfekte Kugel, die wir aufgebrochen haben. Gebackene Erde, heiß gebrannt zu einer Art Tonschale. Und darin Kleidung. Die Kleidung einer Frau, eine Art weißer Kittel, ein Overall, sogar die Unterwäsche. Wir werden sie gleich ins Labor abtransportieren.«

»Sonst nichts?«

»Nein.«

»Keine persönlichen Gegenstände?«

»Nichts. Kein Namensschild. Nur die Kleidung. Sehen Sie – sogar Schuhe und Strümpfe.«

Eine kleine Größe, vielleicht 36. Joksmann hatte ein Auge für so was. Eine zierliche Person.

»Wollen Sie mir damit sagen, dass hier irgendwo eine recht schmale Frau rumläuft, die in einer gebrannten Tonschale eine sonnenheiße Eruption überlebt hat? Und daraufhin hat sie sich entschlossen, weil ihr doch recht warm war, sich aller Kleidung zu entledigen und den Krater zu verlassen?«

Beck grinste. »Die schlimmste Vorstellung ist das nicht.«

Joksmann schnaubte. »Kontrollieren Sie Ihre Libido, Beck. Das ist doch absurder Scheiß. Sie wollen mich verarschen.«

»Wir haben alles dokumentiert«, verteidigte sich der Mann im Schutzanzug. »Alles gefilmt.« Er tippte auf die Kamera auf seiner Schulter. Jeder Schritt des Teams wurde aufgezeichnet. »Sie können sich selbst davon überzeugen.«

»Ich glaube es Ihnen«, rang sich Joksmann ab. Er hatte immer noch seine Zweifel, aber warum sollte jemand wie Beck ihn anlügen? Er beugte sich nieder, steckte die Kleidungsstücke in einen Probenbeutel und verschloss sie sorgfältig, ehe er sie Beck übergab, der sie achtlos in seinen Rucksack steckte.

»Wir haben noch einige andere Erkenntnisse …«

»Schießen Sie los.« Viel bescheuerter konnte es ja nicht mehr werden.

»Die Explosion war eher eine Implosion, deswegen ist der Schaden auch lokal begrenzt – zu unserem Glück, können wir sagen. Die Schockwelle aber war erheblich.«

»Wem sagen Sie das?« Drei Tage war Stuttgart ohne Stromversorgung gewesen. Drei Tage, in denen sich gezeigt hatte, wie sehr eine moderne Großstadt auf Elektrizität angewiesen war und welch harter Einschnitt das Fehlen derselben bedeutet hatte. Als am zweiten Tag der Akku des iPads seiner Tochter leer war, hatte Joksmann am eigenen Leibe erfahren müssen, zu welchen raubtierhaften Reaktionen Menschen in der Lage waren, denen man das Nötigste vorenthielt.

Verhungert oder verdurstet war aber niemand. Man hatte sich geholfen im Ländle. Und als nach drei Tagen der Strom wieder floss, war man wieder zur Arbeit gegangen, denn es gab jetzt einiges, was liegen geblieben war. Man musste diese Ecke Deutschlands lieben, zumindest manchmal.

»Diese Schockwelle wurde weiter entfernt ebenfalls gemessen – wir haben Ausschläge in Forschungsinstituten in Südspanien und Italien und am nördlichen Polarkreis. Die Intensität nahm natürlich ab, aber wir haben Berichte aus aller Herren Länder, nach denen elektrische und elektronische Anlagen Fehlverhalten an den Tag gelegt haben – von kleineren Funktionsausfällen bis zu völlig erratischen Ergebnissen von mathematischen Kalkulationen. Der Schaden hält sich glücklicherweise in Grenzen, aber das bedeutet auch: Was immer hier schiefgelaufen ist, es war nicht einfach ein heiß gelaufener Generator oder eine chemische Reaktion, die außer Kontrolle geriet. Es war etwas … anderes.«

»Ehe die beteiligten Firmen nicht offenbaren, was sie hier getrieben haben, wird das ein Rätsel bleiben – außer Ihre Leute finden noch etwas heraus.«

Beck schüttelte den Kopf. Er kannte seine Grenzen, das war ein Grund, warum er so gut in seinem Job war.

»Wir haben Experten angefordert – vom Institut für Teilchenphysik in Dresden, dem Max-Planck-Institut in München, aus Bochum, Karlsruhe und Münster und sogar Zürich … wir mussten viele Anfragen sogar abwehren, so scharf sind die Experten, sich mit dem zu befassen, was hier passiert ist. Es dauert nicht mehr lange und das Ganze hier wird zu einem großen Labor, wenn Sie mich fragen.«

Joksmann legte dem Mann eine Hand auf die Schulter. »Passen Sie auf, dass die Spurensicherung vorher fertig wird. Ich will mir nichts zertrampeln lassen, was uns nachher helfen könnte, wenn es um die Schadensursache geht. Da laufen bald bergeweise Klagen gegen die Verursacher. Das wird ein teurer Spaß, das kann ich Ihnen sagen.«

Beck lachte. »Das haben die nicht anders verdient. Das stinkt hier zum Himmel.«

Joksmann nickte dem Mann zu und stapfte einen provisorisch befestigten Weg hinunter in den Krater. Auch Tage nach der Implosion stiegen immer noch Dämpfe aus dem tiefen Rund aus, die von den Experten aber als ungefährlich bezeichnet wurden. Trotzdem zog Joksmann eine Atemmaske aus der Manteltasche und zog sie sich über.

Es ging teilweise recht steil bergab, für den behäbigen Mann eine echte Herausforderung. Als er unten angekommen war, hatte er zwanzig Minuten gebraucht und ihm graute bereits vor dem Rückweg. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn und er atmete schwer.

»Sie sind gerade drei Stockwerke abwärts gelaufen«, erklärte KHK Folg, der ihn hier unten erwartete. Der bemerkenswert gut aussehende Bartträger mit dem gewinnenden Lächeln empfing Joksmann mit einem Handschlag.

»Runter geht immer«, knurrte Joksmann. Das Lächeln Folgs wusste er schon richtig zu deuten. Das war nicht die reine Freundlichkeit, ein wenig Schadenfreude war auch dabei. Dass der Kollege durchtrainiert und muskulös war und den Aufstieg fröhlich und dynamisch bewerkstelligen würde, kam noch dazu. Joksmanns bevorzugter Sport war Schach, obgleich man selbst das den rosig glänzenden Wurstfingern eigentlich nicht ansah.

»Was gibt es, Kollege? Sie haben mich doch nicht angerufen, damit ich abnehme?«

»Wäre doch ein schöner Effekt.« Folg sah Joksmanns Gesichtsausdruck und beeilte sich sofort zur Sache zu kommen. »Kommen Sie hier entlang.«

Sie machten einige weitere Schritte bis zu einer Öffnung im Boden, die nicht durch die Katastrophe geschaffen worden war. Hier hatten Arbeiter gegraben, nachdem bereits gestern jemand herausgefunden hatte, dass es noch tiefere Stockwerke gegeben haben musste – und dass dort möglicherweise nicht alles zerstört war.

Joksmann starrte auf ein schwarz verbranntes Metallschott. Es sah so aus, als hätte es den Gewalten nur mit Mühe standgehalten.

»Bekommen Sie das auf?«

»Ich habe nach Schweißern geschickt, die das aufbrennen. Das ist kein normales Metall, das ist was Besonderes. Klopfen hat jedenfalls wenig genützt.«

Joksmann verzog das Gesicht. »Sie sind und bleiben ein Witzbold, Folg.«

»Mein sonniges Gemüt … Ah, da kommen sie ja schon.«

Joksmann drehte sich um, als er sah, wie zwei Männer mit einem großen Brenner die Kraterwand entlangkletterten. Gasflaschen, Schutzbrillen – alles war dabei. Sie nickten Joksmann kurz zu, als sie an ihm vorbeistapften, und setzten ihr Equipment vorsichtig ab.

»Gleich kommen noch die Kollegen mit der großen Flex«, sagte einer der Männer. »Die ist schwer.«

Joksmann nickte. »Fangen Sie an, sobald Sie alles beisammenhaben.«

»Diese Tür?«

»Wenn möglich, ja.«

Es dauerte eine halbe Stunde, dann begann die Arbeit. Das Material der Tür erwies sich als hartnäckiger als gedacht. Die Arbeiter fluchten, oft, laut und anhaltend. Folg schien sich zu amüsieren, Joksmann aber war irgendwann genervt. Wenn diese Typen die Energie, die sie in Unflätigkeit steckten, für die Arbeit nutzen würden, kämen sie sicher schneller voran.

Er wusste, dass das ungerecht war. Gerade weil die beiden Arbeiter sich so mühten und damit kaum vorankamen, machten sie ihrem Unmut lautstark Luft. Es würde sicher noch einige Stunden dauern und möglicherweise mussten sie zusätzliches Material anfordern.

Dann hielten sie alle inne, als sie das Geräusch hörten.

Erst hatte Joksmann es gar nicht bewusst wahrgenommen, ein Verkehrslärm wie jeder andere, aber jetzt wurde es lauter, ein dunkles Brummen, das jeder sogleich richtig identifizierte.

Sie schauten in den Himmel.

»Gleich fünf?«, brummte Folg verwirrt. »Wieso fünf? Wer hat die angefordert?«

»Ich war es nicht«, murmelte Joksmann, als er die schwarzen Punkte betrachtete, die sich langsam näherten. Helikopter, kein Zweifel, und erstaunlich tief. Unterhalb des Radars, schoss es ihm durch den Kopf. Ihm wurde mulmig zumute.

»Da stimmt was nicht«, sagte er leise, kaum noch hörbar unter dem stetig anwachsenden Lärm der Rotoren. Er starrte die größer werdenden Maschinen an.

»Eurocopter«, sagte er dann. »Die haben wir doch gar nicht. Die fliegt hier doch keiner.« Er kannte sich aus. Bevor er zur Kriminalpolizei ging, war er Unteroffizier bei der Luftwaffe gewesen, beim Hubschraubergeschwader 64. Er wusste, was da flog. »Die Franzosen haben welche«, sagte er lauter, damit Folg ihn hörte. »Aber die sind nicht schwarz.«

»Was sind das für Kisten?«, fragte Folg verwirrt. Joksmann konnte nun Einzelheiten ausmachen. Keine Markierungen. Waffenträger waren auch keine zu sehen, aber die seitlichen Schotten waren offen.

»Die Franzosen transportieren damit ihre Spezialkräfte in den Einsatz«, rief Joksmann gegen den Lärm an.

»Das sind Franzosen?«

»Nein«, brüllte Joksmann und zog seine Dienstwaffe, als er die Schemen in den Öffnungen ausmachte. »Aber Spezialkräfte.«

 

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