Vorbestellbar: „Fabrik der Zahlen“

DIE SCAREMAN-SAGA 4Die Ek-ek setzen alles daran, um die Entwicklung der Akkari zu einer raumfahrenden Spezies zu beschleunigen – und sind sich auch für unorthodoxe Mittel nicht zu schade. Als der Scareman auf die zunehmende Verbreitung komplexer mathematischer Erkenntnisse auf Akkar aufmerksam wird, geht er der Sache nach … und trifft auf die Fabrik der Zahlen.

Im Oktober erscheint Band 4 der Science-Fiction-Serie „Die Scareman-Saga“. „Fabrik der Zahlen“ stammt aus der Feder von Sylke Brandt, der Titelbild einmal mehr von Emmanuel Henne. Der Roman ist ab sofort im Atlantis-Shop vorbestellbar, außerdem über den Buchhandel. Wer die Serie im Abo in gedruckter Form beziehen möchte, kann dies hier tun. Ferner ist das eBook bei Amazon vorbestellbar.

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Kapitel 1

»Ich würde das an eurer Stelle besser nicht anfassen. Es ist gefährlich.«

Kattek sprach ruhig, fast höflich. Sein Dialekt verriet eine gute Ausbildung und die Zugehörigkeit zu der gehobenen Schicht von Dirma. Er ahnte, dass ihm beides in dieser Gesellschaft keine Vorteile bringen würde, nicht einmal Sympathien. Ganz im Gegenteil.

Aber es war auch nicht so, dass ihn das überraschte.

Er wischte sich elegant den Mund ab und betrachtete flüchtig das Blut auf seiner Hand. Es war viel, aber keine bedrohliche Menge. Vermutlich hatte er einen Zahn verloren. Er wollte lieber nicht nachtasten. Mehr Blut strömte ihm über die Wange, wo die Haut bei seinem ersten Sturz aufgeplatzt war – der, mit dem er von seinem Reittaddik gefallen war, als er in der Dämmerung das Seil nicht bemerkt hatte. Es war hinter einer Kurve quer über den Weg gespannt worden, ein gut gewählter Ort. Dem Aufprall waren weitere Hiebe gefolgt, diesmal eine Menge von Schlägen und Tritten. Es sagte viel über Kattek aus, dass er anfangs versucht hatte, sie zu zählen. Irgendwann aber waren sie gleichzeitig gekommen und der Schmerz hatte ihn zu sehr abgelenkt.

Da er sich nicht gewehrt hatte, war den Angreifern rasch die Lust vergangen, weiter auf ihn einzuschlagen, und sie hatten sich stattdessen lieber seinem Gepäck zugewandt, um das es ihnen ohnehin gegangen war. Aus seiner fast bequemen Position am Boden heraus, das Gesicht im Straßendreck, konnte Kattek beobachten, wie sie seine sorgsam gepackten Taschen ausleerten und in ihnen herumwühlten. Stoffe und Schmuck flogen umher – Letzterer allerdings nur sehr kurz, ehe er in diversen Taschen verschwand –, und nur als die ersten Papyrusblätter achtlos in den Büschen landeten, verspürte er wirkliches Bedauern.

Als endlich seine ganze Habe weggeworfen oder verstaut worden war und man das widerstrebende Reittaddik in die Dunkelheit geführt hatte, mochte Kattek einen Augenblick lang die Hoffnung verspürt haben, man würde ihn einfach hier liegen lassen und vergessen. Dann war der Akkari zu ihm getreten, den er als Anführer identifiziert hatte. Er war nicht der größte seiner Angreifer, aber er schien etwas mehr Grips zu haben. Wo seine Gefolgsleute nur plünderten, sicherte er die Umgebung und sorgte zuweilen mit scharfem Zischen dafür, dass sie in ihrer Begeisterung nicht zu viel Lärm machten. Er war kein Mann, der laut Befehle brüllte oder vorausging wie ein Tsukahahn in der Brunft, stattdessen hielt er sich im Hintergrund, schonte seine Fäuste und verteilte seinen kontrollierenden Blick zwischen ihrem Opfer und seinen eigenen Leuten. Es war offensichtlich, dass er niemandem hier traute, nur sich selbst.

Aber das war es nicht, was Kattek am meisten beunruhigte. Die anderen rochen nach dem Triumph ihres Sieges, mochte er auch noch so leicht gewesen sein. Doch der Mann, der sich nun Katteks Bauchgürtel genommen hatte, verströmte keinerlei Geruch außer dem nach zu lange nicht gewaschener Kleidung und dem Harz der Bäume, hinter denen sie sich für ihren Überfall versteckt gehalten hatten. Ein Mann, der nach nichts roch, war ein gefährlicher Gegner. Entweder kontrollierte er sich perfekt oder er hatte keine Emotionen. Beides waren Eigenschaften, die man bei Königen oder Wahnsinnigen fand.

Der Mann, der nun seinen persönlichsten Besitz durchwühlte, sah nicht wie ein König aus.

Trotzdem hatte Kattek ihn vor dem gewarnt, was er gleich in der Bauchtasche finden würde.

Der Anführer hielt inne und sah ihn an. Er wirkte irritiert, als würde es ihn wundern, dass ihr Opfer noch nicht tot war. Ein Versäumnis, das er sicher bald zu korrigieren gedachte. Unter anderen Umständen hätte Kattek nun Angst haben müssen. Er hatte sich verraten und seine Überlebenschancen sanken nicht nur, sie befanden sich, wenn er den starren Blick des Anführers richtig deutete, in einem steilen Abwärtsflug. Doch in diesem Fall war das gleichgültig. Der Herrscher dieser kleinen Bande würde nämlich eines ganz gewiss nicht tun: auf sein Opfer hören.

Bedauerlich für ihn.

Kattek war bekannt dafür, dass er nie log.

So auch diesmal nicht.

Der Räuber würdigte ihn keiner Antwort, doch seine Augen verengten sich gierig, als er den kleinen, sorgsam verschlossenen Lederbeutel öffnete und den Inhalt auf seine Hand gleiten ließ. Er stutzte und betrachtete das Objekt, ohne ahnen zu können, was er sah. Das Ding war glatt, als wäre es sorgsam geschliffen und poliert, etwa so groß wie das Ei eines Duka und ebenso grau, nur flacher und mit einer schmalen Fuge rundherum. Der Anführer zögerte kurz, dann kam er auf die richtige Idee und hakte eine Kralle in die Vertiefung, um das Ei aufzuklappen.

Das war der Fehler.

Es gab nur eine kleine Entladung, die man bei Tageslicht kaum wahrgenommen hätte. Jetzt in der Dunkelheit aber war das Licht scharf und blau. Kattek, der es erwartet hatte, nahm es durch die geschlossenen Nickhäute nur gedämpft wahr. Die anderen Räuber fuhren herum, vor allem auch, weil sie ihren Anführer aufschreien hörten. Sie sahen, wie er zu Boden fiel, als hätte ihn ein göttlicher Blitz erschlagen. Und das, so absurd es auch klang, entsprach genau den Fakten.

Kattek haderte nicht mit Fakten, er akzeptierte sie, selbst wenn er sie nicht verstand. Was war ein Gott? Er konnte es nicht beantworten. Aber er konnte mit dem Konzept arbeiten, wenn er Beweise dafür bekam. Der kleine Blitz, der den Anführer niedergestreckt hatte, war nur ein erneutes Zeichen.

Für einen kritischen Moment war nicht klar, wie es jetzt weitergehen würde. Die anderen Mitglieder der Bande standen und starrten ihren Befehlsgeber an, der so ohne jeden Kampf zu Boden gegangen war. Sie konnten nicht verstehen, was da passiert war, und in dieser Situation gab es zumeist nur zwei Möglichkeiten für Leute ihres Schlages: Sie konnten auf das einprügeln, was ihnen unbegreiflich war, oder davor weglaufen. Kattek hielt den Atem an. In diesem Moment entschied es sich, ob er selber überleben würde oder nicht.

Dann drehte sich der erste Bandit um und floh in die Dunkelheit.

Damit war alles klar.

Die anderen folgten ihm in die Schatten, ließen ihren Anführer zurück, als wäre er nur ein leerer, weggeworfener Beutesack. Sie hatten nichts mehr zu gewinnen, ihre Taschen waren bereits voll – warum also sollten sie ein Risiko eingehen? Wenn es eine Verbundenheit zu ihrem gestürzten Gefährten gab, so war sie nicht stark genug, um sie zur Umkehr zu bewegen. Dabei hätten sie ihn einfach aufheben und mitnehmen können – Kattek war nicht in der Lage, sie davon abzuhalten. Konfrontiert mit ihrer eigenen Angst, so sinnierte er noch immer von seinem Platz am Boden aus, wurden sie zu nicht viel mehr als Tieren. Alle Errungenschaften dessen, was sich Zivilisation nannte, waren nur ein Umhang, den man abwerfen musste, um schneller rennen zu können. Es war eine interessante Überlegung und er würde sie aufschreiben, sobald er die Gelegenheit dazu bekam. Der Gedanke gab ihm neue Kraft. Er würde eine Abhandlung verfassen und sie an einige Freunde schicken. Doch dazu musste er erst einmal hier weg.

Es war Zeit, sich zu erheben.

Die Euphorie darüber, noch am Leben zu sein und Pläne schmieden zu können, bekam einen harschen Dämpfer, als er sich bewegte. Es gab keine Stelle an seinem Körper, die nicht vor Schmerzen aufschrie. Waren Knochen gebrochen oder aus den Gelenken getreten worden? Gab es Blutungen in seinem Inneren, die er nicht würde stoppen können? Hatte er mehr verloren als den Zahn, den er nun vor sich weiß schimmernd im Dreck des Weges sah? Kattek nahm sich Zeit, um in sich hineinzuhorchen, seine Glieder zu bewegen und sich abzutasten. Dann stieß er mit einem leisen Zischen der Erleichterung die Luft aus. Er fühlt sich furchtbar, war jedoch in einem besseren Zustand als gehofft.

Mit der Behutsamkeit eines Mannes, dessen Schuppen schon viel blasser waren als Katteks, beugte er sich nieder und hob das Objekt auf, das seinen Widersacher ausgeschaltet hatte. Er musste es nicht fürchten, denn er kannte es. Und was noch viel wichtiger war: Das Objekt kannte ihn, seinen rechtmäßigen Träger. Um ihre Vertrautheit wie gewohnt zu bestätigen, benetzte Kattek eine Fingerspitze mit Speichel und drückte sie dann in eine kaum wahrnehmbare Vertiefung an der Oberseite des grauen Eis. Danach rezitierte er im Stillen das erforderliche Gebet, bevor er den Deckel aufklappte.

Kein göttlicher Blitz streckte ihn zu Boden. Ein sanftes, kühles Glühen zeigte ihm an, dass das Objekt nicht beschädigt worden war und er es jederzeit benutzen konnte, um mit dem Gott zu kommunizieren.

Wenn es denn einer war – was auch immer ein Gott sein mochte.

Er und die anderen ihm bekannten Scothari hatten darüber diskutiert, und das nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern offen. Es gab keine Regel dagegen. Sie konnten die Entität nennen, wie es ihnen beliebte – solange sie ihren Dienst erfüllten und wachsam waren.

Sorgsam klappte Kattek das Ei wieder zu, schob es in den Lederbeutel und befestigte ihn, allen Schmerzen zum Trotz, fest an seinem Bauch. Dann beugte er sich abermals hinunter und tastete herum, bis er das lange Messer fand, das der Anführer der Banditen in einer Halterung am Arm trug. Er wog die unelegante Metallklinge in der Hand und schrak nicht vor dem Gedanken zurück, dass sie inzwischen in seiner Kehle stecken würde, wenn der Gott nicht sich selber – und somit auch Kattek – beschützt hätte. Er nahm das Messer an sich, auch wenn er nicht sehr gut damit umzugehen verstand. Trotzdem war es besser, bewaffnet zu sein, jetzt, wo er als lahmer Fußgänger den Weg fortsetzen musste. Zudem würde der Anführer bald wieder erwachen und man konnte nicht sagen, als wie rachsüchtig er sich erweisen würde. Nach zwei Schritten wandte Kattek sich abermals um, erleichterte den Bewusstlosen noch um seinen Geldbeutel und investierte einige Minuten, um ihn an Armen und Beinen mit Stoffstreifen zu fesseln, die er aus der Tunika des Fremden schnitt. Dann verschwendete er kostbare Zeit, indem er seine Papyri aus den Büschen klaubte und sie, eng zusammengerollt, in seinen Mantel schob, ehe er in der nun vollkommenen Dunkelheit seinen so rüde unterbrochenen Weg fortsetzte.

Kapitel 2

Pukka klemmte sich das glatte Holzbrett unter den Arm und ergriff mit der Hand die Griffel. Schnell und gründlich räumte sie ihren Platz, der auf der Stelle von einem anderen Kind besetzt wurde, einem der Kleinen, die dafür die Hilfe eines Lehrers benötigten. Pukka zwinkerte ihm zu, lediglich ein kurzes Huschen der Nickhäute, das ebenso beantwortet wurde.

»Wie geht es dir heute?«, fragte sie noch.

»Wie immer«, kam die Antwort vergnügt. Eigentlich hieß das nichts Gutes, aber der Kleine trug es wie stets mit großer Gelassenheit. Pukka strich ihm im Weggehen über den Kopf und er ließ es geschehen. Sie mochte Kelb, er war klug. Alles, was man ihm beibrachte, verstand er mit Leichtigkeit, sog es gierig in sich auf, entwickelte sogar jetzt schon eigene Gedanken. Ein Talent, nannten es die Lehrer.

Pukka wusste nicht genau, was das bedeutete – nur dass sie selber wohl keines sein konnte. Das war ein Kummer, den sie still in ihrem Herzen trug. Sie wäre gerne eines gewesen. Sie hätte gerne die gleiche Achtung gespürt, die gleiche Zufriedenheit in den Augen der Lehrer gesehen. Sie übte und lernte, so viel sie konnte.

Und trotzdem.

»Gut, Pukka«, sagten sie. »Du warst sehr fleißig.« Es war nie mehr als das. Pukka machte den Lehrern keinen Vorwurf – sie mochte kein Talent sein, doch sie war auch nicht dumm. Man konnte einen Kaparabusch düngen und wässern, so viel man wollte, er würde trotzdem nur Kaparabeeren tragen, niemals etwas Größeres, niemals etwas Köstlicheres. Einmal hatte sie mit einem anderen Kind darüber gesprochen, einem Jungen, der inzwischen nicht mehr hier war.

»Du warst zu alt, als du hergekommen bist«, hatte er ihr gesagt. »Die Kleinen hier, sie lernen das alles so schnell und einfach, weil sie jung sind. Wenn du auch so klein gewesen wärst …«

Pukka hatte sich nie entscheiden können, ob das eine freundliche Lüge gewesen war oder nahe an der Wahrheit. Tatsächlich war sie vergleichsweise alt gewesen, als man sie hierher gebracht hatte. Ihre Eltern hatten sie, allen Traditionen und Sitten zum Trotz, bei sich behalten. Sie war das letzte Kind, das letzte Bollwerk gegen die Stille, die nach dem Auszug all ihrer Geschwister in den Ecken des plötzlich zu großen Hauses lauerte. Ihre Mutter war damit zufrieden gewesen, sie meist im Verborgenen zu lassen, als ihren Trost und ihre Gesellschaft. Doch dann war gerade sie es gewesen, der die geflüsterten Worte und Andeutungen der Nachbarn unangenehm wurden, als die Jahre vergingen und man zu ahnen begann, dass irgendetwas mit der kleinen Pukka nicht ganz stimmte. Immer zu kränklich, um draußen mit den anderen zu spielen, immer nur zu sehen auf dem Arm der Mutter, immer im anderen Raum, wenn Besuch zu ihnen kam.

»Sie werden sie mir wegnehmen!« Pukka erinnerte sich an die Worte der Mutter, geflüstert in einer Sommernacht, in der es so warm war, dass auch nach dem Einbruch der Dunkelheit der Schlaf nicht über sie gefallen war wie eine kühle Decke.

»Nein.« Die Stimme des Vaters, der selten sprach. Er verbrachte nicht viel Zeit damit, seiner Tochter Muster auf die Schuppen zu malen oder ihr Geschichten zu erzählen. Trotzdem, so dachte Pukka manchmal im Rückblick, mochte seine Liebe die wahrere gewesen sein. »Nein«, wiederholte er mit Bestimmtheit. »Sie werden sie uns nicht wegnehmen, denn wir werden sie vorher weggeben. Ich habe jemanden getroffen. Er kommt morgen und nimmt Pukka mit.«

In der Nacht war Pukka eingeschlafen zum Geräusch des Klagens ihrer Mutter, das unterdrückte Zischen hatte sie bis in ihre Träume verfolgt. Sie wusste nicht, was die Worte ihres Vaters bedeuteten. Aber sie ging davon aus, dass sie am nächsten Morgen sterben musste.

In aller Frühe, als der Nebel über dem Land hing und in sich geheime Dinge verbarg, kam man, um sie zu holen. Verlangsamt durch die Morgenkühle, wie betäubt durch ihre Angst, konnte Pukka sich kaum an den Abschied erinnern. Ihre Mutter, zu kummervoll, brachte sie nicht einmal bis zur Tür. Es waren die starken Arme ihres Vaters, die sie trugen, sie drückten und sie dann in die eines anderen legten. Sie wechselten keine Worte, alles war bereits abgesprochen. Der Fremde nickte noch einmal, wandte sich schweigend ab und ging über die Straßen der Stadt, vorbei an den schlafenden Häusern.

Pukka hatte ihr Elternhaus nie wiedergesehen.

Sie atmete tief durch, schüttelte die Erinnerungen ab. Immerhin hatte sie welche an eine Zeit vorher, im Gegensatz zu den meisten hier. War das ein Segen oder ein Fluch? Sie hob den Kopf und spürte die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht, hörte die vertrauten Geräusche rundherum, den Singsang des Lernens, nahm die Gerüche wahr, die für sie Zuhause bedeuteten.

Sie war damals nicht gestorben an jenem fernen Tag. Im Gegenteil.

Da erst hatte ihr Leben begonnen.

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