„Die schwarze Klaue“: eBook erhältlich

Die schwarze Klaue„Die schwarze Klaue“, Band 1 der Fantasy-Trilogie „Die Eherne Garde“ von Peter Hohmann, ist ab sofort als eBook bei Amazon und beam-eBooks erhältlich.

Das Paperback erscheint in der kommenden Woche, das Hardcover spätestens Mitte September.

Das Titelbild stammt von Mark Freier, der auch die Cover zu den beiden Folgebänden beisteuern wird.

 

Dämonen breiten sich aus in den Landen der Menschen, einer Seuche gleich, die alles verschlingt. Avi, die Hüterin, gesegnet mit der Gabe, diese aufzuspüren, wird unversehens von der Jägerin zur Gejagten. Auf ihrer Flucht trifft sie auf Lormak, den Gezeichneten, der Mensch und Dämon in sich vereint. Zusammen mit ihren Gefährten machen sie sich auf, der Bedrohung Einhalt zu gebieten. Doch nicht nur von außen droht Gefahr, denn je länger Lormak in Avis Nähe weilt, desto stärker regt sich der Dämon in ihm …

 

Zu einer Leseprobe, dem Auftakt von „Die schwarze Klaue“, gelangen Sie, wenn Sie auf Weiterlesen klicken.


Avi schloss die Augen, strich ein paar Haarsträhnen aus ihrem Gesicht, die aus dem ledernen Band um ihre Stirn gerutscht waren, und lauschte dem Säuseln des Herbstwindes. Dieser sang von Vernichtung und Tod, Trauer und Verzweiflung. Seit Jahren hörte sie diese immerselbe Strophe, wenn er von Norden heranwehte, aus Landaskan, der Ödnis des Schreckens, die einstmals rein und erhaben gestrahlt hatte wie lauteres Gold.

Zumindest erzählten dies jene, die dort gelebt hatten, bevor die Dämonen kamen.

Sie öffnete die Lider und ihr Blick tastete über die Ebene, auf der Farn und Steppengras rauschten, als wiegten sie ihre dürren Körper zum Klagelied der Bö. Mit einem Seufzen verlagerte sie ihr Gewicht, streckte die untergeschlagenen Beine aus und ließ sie von dem moosbewachsenen Stein baumeln, auf dem sie saß.

Nichts regte sich.

Keine Menschen.

Keine Dämonen.

Das würde sich ändern. Bald schon. Sie spürte es, wenn die dunkle Brut sich näherte. Es war eine Gabe, die sie nicht verstand.

Oder ein Fluch?

Sie unterdrückte die innere Stimme und griff nach dem Kompositbogen aus Horn und Eibenholz. Liebevoll strichen ihre Finger über die Waffe. Im Lauf der Jahre war der Bogen eins mit ihr geworden, er gehorchte ihrem Willen, ein treuer Freund, der dasselbe Ziel verfolgte wie sie: so viele Dämonen zu töten wie nur möglich.

Dass sie ehemals Menschen gewesen waren wie sie, hatte sie anfangs zaudern lassen – und in große Gefahr gebracht. Sobald die Seele eines Dämons von jemandem Besitz ergriffen hatte, gab es keine Rettung mehr. Man musste töten; sonst wurde man getötet.

Am Horizont, dunkel und abstoßend, hing eine zu vielen Fasern zerschlierte Gewitterwolke, ähnlich zerlaufener Tinte, und gewährte der untergehenden Sonne lediglich ein spärliches, blutrotes Leuchten.

Dort, jenseits der Erhebungen und Wälder, lag Landaskan. Dort irgendwo lag der Grund, warum nahezu jede zweite Frau ein Kind gebar, das sich früher oder später in einen Dämon verwandelte. War es ein Fluch der Götter? Magie? Eine unglückliche Fügung? Niemand wusste das. Nur eines stand in Stein gemeißelt: So durfte es nicht weitergehen.

Groteskerweise bestand Avis Hoffnung darin, dass die Brut sich weiter ausbreitete, denn irgendwann mussten die anderen Regenten reagieren, wollten sie nicht untergehen. Unter einem Banner müssten die Rassen sich vereinen: eine Allianz gegen die Dunkelheit, geführt von Menschen, Elfen, Zwergen, Goblins, Orks und Ogern …

Ein Gedanke, der genauso schön wie absurd war. Das würde niemals geschehen.

Würden sich wenigstens die Menschen verbünden, wäre das ein Anfang; aber selbst das geschah nicht. Landaskan gab es nicht mehr, Vandur war so gut wie gefallen. Musste auch noch Lantra untergehen, ehe man etwas unternahm?

Warum kämpfte sie überhaupt? Welchen Unterschied machte es? Wieso verschwand sie nicht einfach in den Süden, lebte dort in heuchlerischer Glückseligkeit, bis das Unvermeidliche seinen Lauf nahm?

Avi krampfte die Finger um den Bogen und stellte sich auf den Stein.

»Ich werde den Schwur nicht brechen!« Ihre Augen verengten sich, da sie kleine Punkte sah, die aus einem Waldstück am anderen Ende der Ebene auftauchten. »Niemals!«

Flüchtlinge. Etwas mehr als ein halbes Dutzend auf drei alten Bauernkarren mit eingeschirrten Pferden.

Dies war Avis Aufgabe: jenen helfen, um die sich niemand scherte. Die wenigen Streifscharen, die es in Vandur noch gab, waren damit beschäftigt, den Vormarsch der Dämonen aufzuhalten. Um flüchtende Familien kümmerten sie sich nicht. Und genau diese waren das bevorzugte Ziel der dämonischen Späher, um ein Schlachtfest anzurichten.

Sie sprang herunter, steckte den Bogen in das lederne Futteral am Sattel und schwang sich auf ihren falbenfarbenen Hengst Festos, der das Grasrupfen einstellte und sie nach hinten schielend empört anguckte.

»Genug gefressen.« Avi gab ihm die Sporen.

Mit einem Wiehern stieg er auf die Hinterbeine, ehe er ausgriff und den flachen Abhang hinabpreschte. Wind zauste Avis Haar, ihr grüner Umhang blähte sich, der Boden unter ihr rauschte in einem braungelben Wischen vorbei. Festos mochte seine Marotten haben, doch er war schnell wie ein Pfeil – wenn er denn wollte.

Sie lenkte ihn nach links in eine Senke, dann eine leichte Anhöhe hinauf, dass die Grassoden nur so unter den Hufen in die Höhe flogen und die Farne gegen Avis Stiefel schnalzten.

Ein Schrei.

»Schneller, du lahmer Bock!«, schrie sie, sich verfluchend, dass sie zu lange in Gedanken geschwelgt war.

Festos schnaubte, als hätte er sie verstanden, und machte einen Satz. Auf der Kuppe zog sie an den Zügeln, stellte sich in den Sattel. In zweihundert Meter Entfernung rumpelten die Karren in wilder Fahrt. Aus dem Wald, den sie verlassen hatten, setzten ihnen ein halbes Dutzend Gestalten nach. Von hier wirkten sie wie normale Menschen.

Avi spürte, dass sie keine waren.

»Heja!« Sie klatschte Festos auf die Flanke. Den Kopf nach vorne gebeugt, sprengte er voran. Sie ließ die Zügel los, dirigierte ihn mit den Knien und griff nach ihrem Bogen. Aus dem Köcher fischte sie einen Pfeil und legte ihn in einer fließenden Bewegung auf. Kaum war die Kerbe auf die Sehne gerutscht, brachte sie ihn auf Zug. Der Bogen knarzte. Sie federte das Hüpfen im Sattel ab, hielt ihre Atmung ruhig, obwohl das Kampffieber in heißen Wellen durch ihre Adern brandete.

Sie visierte den Ersten an.

Der Pfeil schnellte von der Sehne, beschrieb einen flachen Bogen. Der Gegner überkugelte sich und blieb liegen.

Schon befand sich der nächste gefiederte Todesbote in der Luft.

Kopfschuss.

Aus vollem Lauf schlug der Getroffene hin.

Für Ärger blieb keine Zeit.

Sie hatte auf den Oberkörper gezielt.

Vier übrig.

Ein Krachen ertönte. Die Vorderseite eines Wagens bohrte sich in den Boden, als die Achse barst. Die beiden Leute auf dem Kutschbock wurden zu Boden geschleudert und blieben benommen liegen. Das Pferd schrie schmerzerfüllt auf, als die noch intakte Deichsel es niederzwang.

Avi war auf fünfzig Meter heran.

Zwei der Dämonen liefen auf das Fuhrwerk zu, zwei auf sie.

»Kommt nur!«, knurrte sie und feuerte.

Der Pfeil grub sich in das Bein eines Angreifers. Ein paar Meter vor dem Wagen fiel er hin. Den nächsten Pfeil schoss sie quasi aus der Hüfte. Das Glück war ihr hold: Er erwischte den zweiten seitlich im Brustkorb. Nach ein paar torkelnden Schritten sank er in sich zusammen.

Ohne zu zögern, warf sie den Bogen fort, beugte den Körper und zog ihr Schwert aus der Scheide am Sattel.

Keinen Moment zu früh.

Ein Dämon streckte seine klauenartigen Hände nach ihr aus, um sie herunterzuzerren. Dann erlosch das Glühen in seinen Augen, da Avi ihr Schwert in einem Unterbogen schwang und die geweihte Klinge ihm das Gesicht vom Kinn aufwärts bis zur Stirn spaltete. Es gab ein schauerliches Knacken, dann einen dumpfen Schlag, als Festos’ Brustkorb den Dämon traf und niederschleuderte. Mit schlenkernden Armen kullerte dieser durch das hüfthohe Gras.

Sie presste mit den Knien und Festos beschrieb daraufhin eine enge Rechtskurve.

Die Klauen des verbliebenen Dämons fuhren ins Leere. Avi drehte sich und stieß das Schwert nach unten. Die Spitze verschwand in dem spitzzahnigen Maul. Ein Ruck ging durch den Körper und Blut, ein modriges, widerliches Schwarzbraun, sprudelte zwischen den Lippen hervor. Ein Zischen und Brodeln, in Windeseile blätterte die Haut vom Hals, entblößte die Wirbelsäule. Avi zog den geweihten Stahl heraus und ritt zum Fuhrwerk.

Ein kleiner Junge lag auf dem Rücken, blinzelte und wimmerte leise. Er lebte noch. Gut.

Sie hüpfte aus dem Sattel und eilte zu dem Kutscher, der mit fahrigen Schlägen den Dämon abzuwehren versuchte. Der Dämon hockte ungeachtet des Pfeils im Bein auf dem Kutscher und näherte seine Reißzähne dessen Hals.

»Hier bin ich, du feige Ausgeburt!«, brüllte Avi, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Ohne Erfolg.

Das Maul schnappte zu. Ein schrilles Kreischen ertönte, das jäh zu einem Röcheln erstarb, da der Dämon seinem Opfer die Kehle herausriss und den Fetzen Fleisch hinunterschlang.

Den lederumwickelten Griff ihrer Waffe mit beiden Händen umfasst, enthauptete Avi das Scheusal. Der Kopf purzelte zur Seite und kam so zu liegen, dass das blutbesprenkelte Dämonengesicht sie anstarrte. Bis auf die schwarzen Augen, dem fahlen Gesicht, über das sich rankenartige Male zogen wie Tätowierungen, und dem großen Gebiss mit den Reißzähnen besaß es noch die Züge eines Menschen. Dies war keine Vorhut gewesen, sondern lediglich eine nach Blut und Tod gierende Meute, die sich auf das Erstbeste gestürzt hatte, was ihnen vor die Klauen kam. Es gab auch menschliche Hüllen, die ein höherer Dämon bewohnte. Die waren um einiges zäher und gefährlicher, mit gänzlich schwarzer Haut und raubtierartigem Kopf. Manche führten sogar Waffen.

Avi schloss dem getöteten Mann die vor Entsetzen geweiteten Augen, steckte ihr Schwert in den Boden und kniete sie sich zu dem Jungen. Blondes Haar, das ihm verschwitzt an den Schläfen klebte, Augen, in denen dunkle Schatten schwebten. Den heutigen Tag würde er niemals vergessen.

»Es ist vorüber«, flüsterte sie, strich ihm über die Stirn. Er drehte den Kopf weg. Trotzdem untersuchte sie ihn oberflächlich. Gebrochen schien nichts.

Avi ging zu dem Pferd. Es lag auf der Seite, der linke Vorderlauf hing in einem grotesken Winkel nach unten. Das Fell war schweißbedeckt, glitschig.

Sie schluckte und ein sanftes Seufzen entwich ihren Lippen, als sie dem Tier über die Backe streichelte. Es hob den Kopf, blickte sie aus einem großen Auge an. Sie kraulte es weiter, während ihre rechte Hand zum Gürtel wanderte, den Dolch umfasste.

Sie mochte sich täuschen, aber ihr war, als würde das Tier verstehen: Es legte den Kopf nieder und ein langsamer Wimpernschlag schien zu signalisieren, dass es bereit war. Avi biss sich auf die Unterlippe, dann, schnell und kraftvoll, schnitt der scharfe Stahl durch den Hals. Ein Zittern durchlief den Leib.

Stille.

So war es immer nach einem Kampf: erst Schreie, Grunzen, Knurren, das Sirren von Pfeilen und die schlitzenden Geräusche todbringender Hiebe, danach Stille. Nur der Wind legte eine säuselnde Note von Wehmut über das Geschehene. Er hatte neuen Stoff für sein Klagelied.

Avi nahm ihr Schwert und machte sich daran, die anderen Dämonen zu köpfen, ungeachtet der geweihten Pfeilspitzen, die in ihren Körpern steckten: Sicher war sicher.

Anschließend wischte sie die Klinge am löchrigen Oberhemd eines Dämons sauber, schnitt ihre noch brauchbaren Pfeile aus totem Fleisch, reinigte sie, las den Bogen auf und wartete darauf, dass die in Panik Geflohenen zurückkehrten.

Jutesäcke und Kisten waren vom Wagen gestürzt, lagen aufgebrochen auf der Erde: Proviant, Kleidung, ein paar private Habseligkeiten. Avi hob eine zerschlissene Puppe auf und wandte sich dem Jungen zu, der nun mit aufgerichtetem Oberkörper dasaß. Er stierte auf den toten Mann. War es sein Vater?

Avi schluckte. War sie genauso versteinert dagesessen, nachdem die Dämonen ihre Eltern zerfleischt hatten? Verschwommen erinnerte sie sich an Bilder, klar und ungetrübt an die unsägliche Angst. Ihre Hand ließ die Puppe fallen und umschloss den Anhänger, der an einer Kette um ihren Hals hing. Es war ein dunkelblauer Stein, eingefasst in einen Ring aus mattiertem Silber, der das Horn eines Einhorns symbolisierte, dessen Körper ganz klein am unteren Rand abgebildet war. War es der Anhänger ihrer Mutter? Ihres Vaters? Oder hatte der Traum, der sie manchmal ereilte, mehr Bedeutung, als sie ihm zumaß? War er mehr als ein Gespinst wirrer Fantasien? Sie ließ den Anhänger los. Jetzt war nicht die Zeit für Erinnerungsseligkeit.

»Kjala!«

Eine Frau lief auf den Jungen zu. Sie trug ein hemdsärmeliges Kleid am mageren Körper und die Erschöpfung einer entbehrungsreichen Reise im Gesicht. Sie warf sich neben ihm auf die Erde und drückte ihn ans Herz.

»Kjala, den Göttern sei Dank, du lebst!« Sie weinte und küsste ihn auf die Stirn. Dann blickte sie zu Avi. In diesem Moment kam ein hagerer Mann mit hohlen Wangen aus dem Gebüsch, einen Knüppel in der Hand. Auch er stürzte zu dem Kind und umarmte es. Ihm folgten zwei Wagen, der eine gelenkt von einem jungen Mädchen, der andere von einem Burschen, den Avi auf fünfzehn oder sechzehn schätzte. Auf der Ladefläche saßen ein ältlicher Mann und eine Frau mit grauem Haar.

Kjalas Mutter näherte sich Avi. Dann jedoch erblickte sie die Leiche, hob eine Hand vor den Mund und starrte auf den enthaupteten Dämon. Mit verweinten Augen wandte sie sich wieder an Avi.

»Ihr habt meinen Sohn gerettet. Ich danke Euch!«

Avi nickte. »Ich bin froh, dass er lebt. Für ihn«, Avi neigte den Kopf zu dem Toten, »konnte ich leider nichts tun.«

»Jakos«, schluchzte die Frau, »mein Bruder.«

»Es ging schnell, er musste nicht leiden.«

Die Frau nahm einen bebenden Atemzug. »Seid Ihr die Hüterin?«

»Manche nennen mich so«, antwortete Avi. »Ich war lediglich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.«

»Ich bin Kyria«, sagte die Frau.

»Avi.«

Kyria sah auf die zerbrochenen Kisten und Säcke. »Wir haben nicht viel, aber nehmt Euch bitte, was Ihr braucht.«

»Ich bin keine Söldnerin. Meine Hilfe gebe ich jedem, der sie benötigt.«

Kyria legte den Kopf leicht zur Seite und betrachtete Avi nachdenklich. »Das ist selten in Zeiten wie diesen. Ihr habt eine Art … Aura. Entschuldigt, anders kann ich es nicht ausdrücken.« Sie fuhr sich mit dem dreckigen Ärmel ihres Kleides über das Gesicht und atmete tief durch. »Seid Ihr hungrig? Wir haben zu essen. Begleitet uns.«

»Ich nehme das Angebot an. Die Nacht verbringe ich in eurem Lager, danach reise ich weiter.«

Kyria nickte und stellte ihr die anderen vor. Ihr Mann, der hagere Kerl mit dem Knüppel, hieß Rowen. Die beiden Jugendlichen waren Kjalas Geschwister, die Alten Rowens Eltern.
»Geschafft«, brummte Rowen, nachdem alle angepackt hatten, um die heruntergefallene Ladung auf die anderen Karren zu verteilen. »Habt Dank. Ich werde Jakos begraben, dann ziehen wir weiter.«

Avi sah zurück. Blitze zuckten aus der Gewitterwolke, gleißende Verästelungen, die einen Nachhall auf der Netzhaut verursachten. Donner antwortete dem weißen Leuchten. Der Wind hob an. Sie spürte keine dämonische Präsenz. Das jedoch konnte sich rasch ändern.

»Dafür ist keine Zeit. Wir sollten weiterziehen.«

Ungläubig sah Rowen sie an. »Du willst ihn hier liegen lassen, für die Schakale und Geier?«

»Jakos würde es verstehen. Jede Verzögerung bringt deine Kinder in Gefahr.«

»Ich werde mir von einer Frau nicht sagen lassen, was …«

Avi kehrte ihm den Rücken und setzte einen Fuß in den Steigbügel.

»Rowen!«, rief Kyria. »Sie hat recht!«

»Schweig still, Weib! Es ist dein Bruder!«

Ungerührt sah Avi zurück. Der Mann war ein Narr. Von seinem Schlag kannte sie viele. Sein Gebaren erzürnte sie nicht. Sie hatte dafür gesorgt, dass ein junges Kind am Leben war. Egal ob sein Vater ein kluger Kopf war oder ein Idiot, es brauchte seine Eltern. Avi fällte eine Entscheidung: Sie würde dafür sorgen, die Familie in Sicherheit zu bringen, bevor sie weiterzog. Ritt sie jetzt davon, wäre es gut möglich, dass sich bald andere Dämonen an ihrem Fleisch labten.

Somit ging sie zu Rowen und trat ihm ins Gemächt.

Japsend sank er in den Staub.

Sie packte ihn an den Haaren, zerrte ihn hinter sich her und beförderte ihn schließlich auf die Ladefläche, wo er mit angezogenen Beinen, die Hände auf sein Genital gepresst, liegen blieb und heisere Flüche gegen sie ausstieß.

Kyria glotzte sie an. »Werde ich mir für die Zukunft merken …«

Avi lachte und wuchtete sich in den Sattel. Festos tänzelte aufgeregt, da er wohl den Blutgeruch des toten Pferdes in den Nüstern hatte.

Sie patschte ihm auf den Hals. »Ich werde nicht zulassen, dass dir so etwas passiert.«

Er schnaubte, warf den Kopf in den Nacken und stakste los. Quietschend folgten die Wagen.

Sie bedauerte den Tod Jakos’ und sprach ein stummes Gebet an Arsamon, den Gott des Todes, der die Seelen der Verstorbenen in sein Reich aufnahm. Anfangs hatte es sie schockiert, wenn jemand starb, den sie unter anderen Gegebenheiten vielleicht hätte retten können. Inzwischen fand sie sich damit ab. Froh, immerhin den Jungen beschützt zu haben, sehnte sie sich dem Nachtlager entgegen, einer guten Mahlzeit sowie einem hoffentlich traumlosen Schlaf.

Erschöpfung hin oder her, sie war am Leben und gesund und daher in der Lage, ihre Aufgabe fortzuführen. Andächtig holte sie das Amulett hervor und küsste den blauen Stein.

Ein Blitz zuckte vom Himmel und tauchte die Szenerie in gespenstisches Licht.

Zeitgleich begann es zu regnen, zuerst vereinzelte, dicke Tropfen, die auf die Erde patschten. Bald jedoch trieben Regenwände wie Rauchfahnen über sie hinweg. Wasser lief in Avis Kragen, egal wie eng sie den Umhang um ihre Schultern raffte.

Egal.

Der Junge lebte.

Nur das zählte.

 

 

 

 

 

 

 

 

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