Preview am Sonntag (46)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind.

Im Februar 2013 erschien der Science-Fiction-Roman “Bran“ von Matthias Falke, erhältlich ist er als Hardcover, Paperback und eBook, letzteres zum Beispiel bei Amazon. Im Sommer erscheint mit „Zhid“ die Fortsetzung, ebenfalls als Hardcover und als Paperback, parallel erscheinen wird auch hier eine eBook-Variante. Das Titelbild wird von Timo Kümmel stammen. Heute online gestellt haben wir den Auftakt ersten ersten Kapitels.

 
»Schon wach?«
 
»Ich konnte nicht schlafen.«
 
»Darf ich?«
 
»Natürlich.«
 
Sie setzt sich neben ihn. In dem dünnen Pyjama mit den kurzen Hosen, in dem sie während des Sommers schläft, fröstelt sie. Sie zieht die Beine an und schlingt die Arme um die Knie.
 
»Du frierst ja.«
 
»Es geht schon.«
 
Sie sitzen eine Weile da.
 
»Die Sonne hat Kraft und wärmt schon. Was für ein wunderbarer Morgen.«
 
Der Blick geht über ihren schönen großen Garten, der sich über mehrere breite Terrassen erstreckt. Linker Hand bricht das Gelände steil in die Schlangenschlucht ab. Geradeaus sieht man über die grünen Vorberge und die langsam auslaufenden Hügel, die von den Mäandern des Schlangenflusses und den Wasserleitungen durchzogen werden, in die Ebene. In einiger Entfernung ahnt man Selinaor-Stadt, das kaum mehr ist als ein großes Dorf.
 
»Hast du gar nicht geschlafen?«
 
»Doch, ein paar Stunden. Aber dann bin ich hinaus, um hier den Sonnenaufgang abzuwarten.«
 
»Was für ein wunderbarer Platz das ist. Wir können uns so glücklich schätzen!«
 
Er antwortet nicht.
 
»Findest du nicht?«
 
»Doch, es ist sehr schön hier!«
 
»Wir haben uns, die Kinder sind gesund.«
 
»Bist du gekommen, um mir das zu sagen?«
 
»Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass ich dich liebe und dass ich sehr glücklich bin.«
 
Sie küsst ihn.
 
Nach einer Weile sagte sie: »Du hättest gestern Abend nicht gerade aufstehen und hinausgehen sollen, als mein Vater das Wort ergriffen hat.«
 
»Ich interessiere mich nicht für Politik.«
 
»Er hat von Zhid erzählt, von meiner Heimat.«
 
»Es ging um Politik. Außerdem kann er mich sowieso nicht leiden.«
 
»Und dann braucht man sich auch nicht benehmen.« Sie fährt ihm durchs Haar. »Mein Vater schätzt dich sehr.«
 
»Für ihn bin ich der Vater seiner Enkel.«
 
»Wenn es nur das wäre, wäre es schon viel. Aber darüber hinaus respektiert er dich auch als Person.« Sie lacht. »Wenn er dir auch noch nicht ganz verziehen hat, wie du dich auf unserer Hochzeit aufgeführt hast!«
 
»Ich war betrunken!«
 
»Du warst sturzbesoffen!«
 
»Darf man auf seiner eigenen Hochzeit nicht ein bisschen feiern?«
 
»Du hast Sachen gesagt, die man in Gegenwart von Minderjährigen nicht wiederholen kann. Dann haben Sie dich hinausgetragen.«
 
»Es ging mir gut. Ich war glücklich.«
 
»Du warst außer Rand und Band. Und die Ehe haben wir erst mehrere Tage später vollzogen, an Bord dieses winzigen und unbequemen Raumschiffs.«
 
»Du fandest es romantisch.«
 
»Es war romantisch. Wir waren jung.«
 
Sie schweigen.
 
»Kannst du dir vorstellen, dass all das schon wieder zehn Jahre her ist?«
 
»Ich versuche, es zu verdrängen, aber du erinnerst mich ständig daran.«
 
»Und dann hetze ich dir noch meine Verwandtschaft auf den Hals! Du Armer.«
 
»Wie lange bleiben sie?«
 
»Ich dachte, für immer.«
 
»Das ist jetzt nicht dein Ernst.«
 
»Nicht bei uns, nicht in diesem Haus. Aber hier, auf Selinaor.«
 
»Du willst Bleiberecht für sie erwirken?«
 
»Du hast gehört, was Vater aus Zhid erzählt hat.«
 
»Wie du selbst gerade angemerkt hast, bin ich hinausgegangen.«
 
»Du warst in der Küche und hast dir die Ohren aus dem Kopf gelauscht. Mich kannst du nicht für dumm verkaufen, Straner.«
 
»Was ist mit Zhid?«
 
»Eine gewisse Kundali hat geputscht und die Macht an sich gerissen.«
 
»Ach das.«
 
»Ja, das. Vielleicht sagt dir der Name noch etwas?«
 
»Ich versuche, es zu verdrängen.«
 
»Aber ich erinnere dich daran. Straner, wir können nicht so tun, als ob uns das alles nichts angeht.«
 
»Was geht es uns denn an?«
 
»Der Großteil meiner Familie sitzt dort. Es ist jetzt auch deine Familie.«
 
»Von mir aus. Geh zu Konsul Kangri und beantrage Asyl für deine Leute.«
 
»Es macht dir nichts aus?«
 
»Natürlich nicht.« Er sieht sie erstmals an, nachdem er lange über die Schlucht und die Berge hinweggestarrt hatte. Dann streicht er ihr eine Strähne ihres dichten schwarzen Haars aus der Stirn. »Von mir aus können sie auch hier wohnen. Unser Haus ist groß und das Konto dank Senator Brightons großzügiger Abfindung noch immer gut gefüllt.«
 
Sie grinsen beide vor sich hin.
 
»Danke.« Sie küsst ihn wieder. »Du bist ein guter Mann. Ich weiß, dass ich mich nicht in dir geirrt habe.«
 
»Wann willst du gehen?«
 
»Gleich nachher, nach dem Frühstück.«
 
»Lass den Großen hier. Ich will mit ihm in die Berge gehen.«
 
»Willst du Skandar in die Kunst des Schweigens einweihen.«
 
»Ich will ihm ein paar Schleichwege dort oben zeigen.«
 
»Einverstanden. Aber sei so gut und iss noch mit uns. Und du musst nicht jedes Mal das Gesicht verziehen, wenn mein Vater etwas sagt.«
 
*
 
Die Mahlzeit im Kreis der Gäste zog sich hin. Außer Cejlas Vater waren auch mehrere ihrer Brüder, Cousins und Tanten zu Besuch. Sie hatten den zehnten Hochzeitstag des Paares zum Anlass genommen, die Abtrünnigen auf ihrem Anwesen auf Selinaor zu besuchen.
 
Am Abend war es spät geworden. Die jungen Männer hatten noch lange beisammengesessen und gefeiert. Jetzt dauerte es, bis sie einer nach dem anderen verschlafen und verkatert eintrudelten und an der großen Tafel Platz nahmen.
 
Cejla hatte, unterstützt von den Bots und ihren beiden Zugehfrauen, den langen Tisch in der vorderen Halle gedeckt, dem repräsentativsten Raum des Hauses, der zum Garten und der spektakulären Schlucht des Schlangenflusses ging. Dort saßen sie nun und tafelten. Es war kein Zweifel möglich, dass sich das Frühstück bis in den Nachmittag hinziehen würde, auch wenn Cejla bereits verkündet hatte, später in die Stadt fahren zu wollen.
 
Gegen Straners Protest, der sich die Mahlzeit nicht durch Politik verderben lassen wollte, hatte man den großen Sichtschirm an der Stirnseite der Halle eingeschaltet. Mit vollen Backen kauend, studierten alle die Nachrichten, die aus dem fernen Zhid eintrafen. Die Bilder zeigten brennende Barrikaden, die Wracks von Schwebepanzern, bewaffnete Horden, Leichen, wehende Fahnen und sogar die Reiterhorden der Nomaden aus den riesigen lebensfeindlichen Wüsten dieser Welt, die die Prachtstraßen der Megalopole entlanggaloppierten und unverständliche Parolen brüllten.
 
»Diese Kundali ist eine Teufelin.« Der alte Goan, Cejlas Vater, hatte das schwarze Haar und die feinen nachdenklichen Gesichtszüge der Serafiden. Er schlürfte geräuschvoll seinen Tee und sah gebannt die Meldungen. In den Kommentaren war auch von Festnahmen und Massenexekutionen die Rede. »Hattet ihr nicht auch mit ihr zu tun? Sie behauptet, sie sei die Tochter des alten Khans und von daher rechtmäßige Herrscherin.«
 
»Straner hatte sogar eine Affäre mit ihr!« Cejla kicherte. Mit einem Seitenblick vergewisserte sie sich, dass die Kinder ihre Plätze längst wieder geräumt hatten und im Garten spielten. »Wie oft hast du Liebe mit ihr gemacht, mein Gatte?«
 
»Einhundertacht Mal.« Straner hatte seine Mahlzeit ebenfalls längst beendet und nippte mürrisch an der dritten Tasse Kaffee.
 
»Mein Gott!« Der alte Serafide hätte sich fast an seinem Tee verschluckt, während die anwesenden Brüder, Vetter und Tanten unterschiedliche Grade der Erschrockenheit oder auch Anerkennung zur Schau trugen. »Und so einem gebe ich meine Älteste zum Mann!« Seine Empörung war nur halb gespielt. »Das Volk sagt, Kundali sei die Tochter einer Hure und eines Dahergelaufenen.«
 
Straner ging darauf nicht ein. »Ich würde dann wirklich gerne los«, sagte er ungeduldig. »Die Sonne steigt rasch höher, es wird sehr heiß dort oben.«
 
»Ist gut.« Cejla nickte, wobei noch immer ein gewisses Schmunzeln um ihre Mundwinkel spielte. »Soll ich euch etwas einpacken? Es ist noch kalter Braten da.«
 
»Wir nehmen nichts mit.« Straner rief durch die offen stehende Terrassentür seinen ältesten Sohn. Der Junge kam mit leuchtenden Augen herbei.
 
»Oh«, machte Cejla. »Ich weiß: Ihr trinkt Wasser aus den Quellen und ernährt euch von Kräutern und Vogeleiern.«
 
»Darf ich meine Armbrust mitnehmen?« Skandar trat aufgeregt von einem Bein auf das andere. Die Waffe war ein billiges Plastikspielzeug, aber er hing daran wie ein kleines Kind an einem Kuscheltier.
 
»Von mir aus.« Straner lachte. »Die lange Hose und die Jacke. Sonst brauchen wir nichts.« Dann sah er dem Jungen nach, der davonstürmte, um sich fertig zu machen.
 
Er spürte Cejlas Blick auf sich, aber sie sagte nichts.
 
»Ich passe auf«, sagte er ruhig. »Kann sein, wir bleiben über Nacht. Ich gebe dann noch Bescheid!« Er hob den linken Arm und nickte in Richtung seines Handgelenkimplantats.
 
»Jetzt, wo meine Familie hier ist«, sagte sie leise.
 
»Wenn ich dich recht verstanden habe, bleibt sie ja wohl länger.« Er stellte die Kaffeetasse ab, steckte ein paar Früchte in die Jackentasche und wartete dann, dass Skandar aus seinem Zimmer zurückkam. »Grüß mir Konsul Kangri«, sagte er noch, als der Junge da war. Dann gingen sie zusammen hinaus.
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