Preview am Sonntag (43)

Paul Kearney - DIE KÖNIGREICHE GOTTES 1Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Im Vorjahr hatten wir hier der Prolog aus “Hawkwoods Reise” von Paul Kearney, Band 1 der Fantasy-Reihe “Die Königreiche Gottes”, online gesetzt. Heute nun folgt der Auftakt des ersten Kapitels. Der Roman geht in Kürze in Druck und erscheint zum kommenden Monatswechsel. Die Reihe erschien in den 90ern bei Bastei Lübbe als Taschenbuch, wir legen die Romane als Hardcover, Paperback und eBook neu auf. Michael Krug hat die Romane ins Deutsche übertragen. Das Titelbild stammt von Timo Kümmel.

1: Hawkwoods Reise (Hawkwood’s Voyage)
2: Die Ketzerkönige (The Heretic Kings)
3: Der eiserne Krieg (The Iron Wars)
4: Das zweite Imperium (The Second Empire)
5: Der letzte Sturm (Ships From the West)

Die fünf Königreiche Gottes stehen vor weitreichenden Veränderungen. Die Merduks, unter ihrem mächtigen Feldherren Shar Baraz, haben das Bollwerk im Osten, die Metropole Aekir, einfach überrannt und lagern nun vor den Toren der westlichen Welt. Gleichzeitig bläst der Orden der Brüder vom Ersten Tag zu einer Säuberungsaktion gegen alles ungläubige Zauberervolk in den fünf Königreichen Gottes. Besonders in Hebrion hat der junge König Abeleyn unter den frommen Fanatikern zu leiden. Bei der Suche nach einem Weg seine „magischen“ Untertanen zu retten, stößt er auf die Pläne seines Vetters, Fürst Murad, und dessen Absichten, auf dem unerforschten westlichen Kontinent eine hebrionische Siedlung zu errichten. Auf den beiden Schiffen des Seemannes Richard Hawkwood soll die Expedition nach den Angaben aus einem alten Logbuch einer früheren Reise gestartet werden. Doch was Murad sowohl seinem König als auch Hawkwood verschweigt: Damals reiste das Grauen mit aus den westlichen Landen. Keiner der Expeditionsteilnehmer kehrte je lebendig in die Häfen von Hebrion zurück.

Die Stadt Gottes brannte …

Lange Feuersäulen stiegen wie Flaggen im Wind von den Straßen auf, stieben auseinander und verloren sich in den dunklen Wolken undurchdringlichen Rauches, die über den Flammen hingen. Viele Meilen entlang des Flusses Ostian brannte die Stadt, die Gebäude stürzten ein, doch der Lärm der niederkrachenden Mauern ging im allumfassenden Brüllen des Feuers unter. Sogar das Getöse der Schlacht an den Westtoren, wo die Nachhut immer noch kämpfte, verlor sich in dem drohenden Inferno.

Die Kathedrale von Carcasson, die größte der Welt, stemmte sich unbeugsam und schwarz den Flammen entgegen: ein einsamer Wächter mit Kuppeln und Türmen. Dem massiven Granit konnte die Hitze nichts anhaben, aber das Blei schmolz in dünnen Bächen vom Dach und die Holzbalken brannten über die gesamte Länge lichterloh. Die Leichen von Priestern lagen auf den Stufen verstreut; der heilige Ramusio starrte sorgenvoll hinunter, umgeben von einer Horde rangniedrigerer Heiliger, deren Augen aufsprangen und deren Bronzestäbe sich in der Feuersbrunst verbogen. Hier und da grinste boshaft ein blutrot geränderter Wasserspeier hinab.

Der Palast des Pontifex Maximus war voller plündernder Truppen. Die Merduks hatten Wandteppiche heruntergerissen und Reliquien zertrümmert, um an die wertvollen Edelsteine heranzukommen, die diese schmückten, und tranken nun Wein aus den heiligen Pokalen, während sie darauf warteten, dass sie bei den gefangen genommenen Frauen an die Reihe kamen. Ahrimuz meinte es heute wahrlich gut mit ihnen.

Weiter im Westen der Stadt waren die Straßen verstopft von flüchtenden Menschen und den Truppen, die hier stationiert gewesen waren, um die Menschen zu beschützen. Hunderte wurden in der Panik totgetrampelt, Kinder zurückgelassen, Alte und Gebrechliche beiseitegestoßen. Mehr als einmal begrub ein einstürzendes Haus Dutzende unter einer Lawine lodernden Mauerwerks; die anderen aber verschwendeten kaum einen Blick darauf. Nach Westen drängten sie, nach Westen zu den Toren, die nach wie vor von ramusischen Truppen gehalten wurden, dem Rest der Torunnen John Mogens, einst die gefürchtetsten Soldaten der Welt. Nun stellten sie nur noch einen verzweifelten Haufen dar; alle Tapferkeit war während der Belagerung und der sechs Angriffe vor diesem letzten Sturm versiegt. Und John Mogen war tot. Gerade im Augenblick kreuzigten die Merduks seinen Leichnam über den Osttoren, wo er gefallen war und den Feind bis zum letzten Atemzug verflucht hatte.

Wie eine Schar Küchenschaben stürmten die Merduks durch die Stadt, glitzernd und um sich stechend im Schein der Flammen. Die Gesichter leuchteten, die Schwertarme waren bis zu den Ellbogen in Blut getränkt. Lange hatte die Belagerung gedauert, hart war der Kampf gewesen, doch nun gehörte die größte Stadt des Westens endlich ihnen. Shahr Baraz hatte versprochen, ihnen freie Hand zu lassen, sobald die Stadt gefallen war, und ihnen stand der Sinn nach Plünderung. Aber nicht sie brannten die Stadt nieder, sondern die im Rückzug begriffenen westlichen Truppen. Sibastion Lejer, Mogens Leutnant, hatte geschworen, dass nicht ein einziges Gebäude intakt in die Hände der Heiden fallen sollte. Er und eine Handvoll Soldaten, die noch Befehle befolgten, setzten gewissenhaft die Paläste, Waffenarsenale, Lagerhäuser, Theater und Kirchen von Aekir in Brand und töteten jeden, ob Merduk oder Ramusier, der sie aufzuhalten versuchte.

*

Corfe beobachtete, wie die riesigen Flammenwände zum Himmel stiegen. Der Rauch der Feuersbrunst führte ein verfrühtes Zwielicht herbei, das Ende eines langen Tages für die Verteidiger von Aekir; für viele Tausende der letzte Tag auf Erden.

Corfe stand auf einem Flachdach, abseits des Mahlstroms der kreischenden Menge unter ihm. In dichten Wellen drang das Geschrei zu ihm herauf. Angst, Zorn, Verzweiflung. Aekir selbst schien zu schreien; die gemarterte Stadt wand sich im Todeskampf, das Feuer verzehrte ihre Lebensadern. Der Rauch brannte in Corfes Augen, weshalb er sie zu reiben begann. Er fühlte, wie sich Asche, schwarzem Schnee gleich, auf seine Brauen senkte.

Nichts erinnerte noch an den gediegenen Fähnrich; er glich mehr einer Vogelscheuche – versengt, zerlumpt, blutig. Die Halbrüstung hatte er während der Flucht von den Mauern geworfen. Er trug nur noch sein Wams und den schweren Säbel, das Markenzeichen von Mogens Männern. Corfe war klein, drahtig und hatte tiefgründige Augen. Mordlust und Verzweiflung traten abwechselnd in seinen Blick.

Irgendwo da unten befand sich seine Frau und durfte sich der Aufmerksamkeit der Merduks erfreuen. Vielleicht war sie auch in einer menschenüberfüllten Gasse totgetrampelt worden oder sie lag als verbrannte Leiche unter den Trümmern eines Hauses.

Abermals rieb er sich die Augen. Dieser verdammte Rauch.

»Aekir kann nicht fallen«, hatte Mogen ihnen gesagt. »Die Stadt ist uneinnehmbar, die Männer auf den Mauern sind die besten Soldaten der Welt. Aber das ist noch nicht alles. Aekir ist die heilige Stadt Gottes, die Heimat des heiligen Ramusio. Aekir kann nicht fallenl« Und sie alle hatten gejubelt.

Eine Viertelmillion Merduks sollten Mogens Worte Lügen strafen.

Flüchtig überlegte der Soldat in Corfe, wie viele Männer der Garnison wohl geflohen waren und noch fliehen würden. Mogens Leibgarde hatte bis zum Tode gekämpft, nachdem er gefallen war, und dann hatte die Flucht eingesetzt. Fünfunddreißigtausend Mann waren in Aekir stationiert gewesen. Konnte sich ein Zehntel davon bis nach Ormann durchschlagen, durfte man getrost von Glück reden.

»Ich kann dich nicht verlassen, Corfe. Du bist mein Leben. Mein Platz ist hier«, hatte sie mit dem ihr eigenen, herzzerreißenden, schiefen Lächeln auf den Lippen gesagt. Die rabenschwarzen Locken hatten ihr tief in der Stirn gehangen. Und er, dummer Narr, der er war, hatte auf sie gehört – und auf John Mogen.

Es erwies sich als unmöglich, sie zu finden. Wie es das Schicksal wollte, befand sich ihr Haus im Schatten der östlichen Bastion, die als erste gefallen war. Dreimal hatte er versucht, dorthin durchzudringen, bevor er es schließlich aufgab. Dort war niemand mehr am Leben, der nicht Ahrimuz huldigte, und die überlebenden Frauen wurden bereits zusammengetrieben. Zofen von Ahrimuz sollten sie werden, Gefangene in den Feldbordellen der Merduks.

Verfluchte blöde Schlampe! Hunderte Male hatte er ihr gesagt, sie solle verschwinden, bevor die Belagerungslinien die Stadt von der Außenwelt abschnitten.

Er blickte nach Westen. Wie träges Blut in den Arterien eines gefallenen Riesen strömten die Menschenmassen dorthin. Den Gerüchten nach war die Straße nach Ormann noch den ganzen Weg bis zum Fluss Searil offen, wo die Torunnen die zweite befestigte Linie in zwanzig Jahren errichtet hatten. Die Merduks, so erzählte man, hatten diesen schmalen Weg absichtlich offen gelassen, um die Garnison zu verleiten, die Bevölkerung zu evakuieren, die dann die Straße zwanzig Wegstunden weit verstopfen würde. Corfe hatte das schon früher erlebt, in den zahlreichen Schlachten, die er geschlagen hatte, seit die Merduks zum ersten Mal die Jafrar-Berge überquerten.

War sie tot? Niemals würde er es erfahren. O Heria!

Sein Schwertarm schmerzte. Nie zuvor war er in ein solches Gemetzel verstrickt gewesen. Er hatte das Gefühl, seit ewigen Zeiten zu kämpfen, dabei hatte die Belagerung lediglich drei Monate gedauert. Es war alles andere als eine Belagerung aus dem Militärhandbuch gewesen. Die Merduks hatten Aekir vom Rest der Welt abgeschnitten. Daraufhin begannen sie, die Stadt in Grund und Boden zu stampfen. Sie versuchten nicht einmal, die Bevölkerung bis zur Kapitulation auszuhungern. Stattdessen griffen sie immer und immer wieder mit rücksichtsloser Selbstvergessenheit an, wobei sie für jeden gefallenen Verteidiger fünf bis sechs Mann verloren – bis heute Morgen der endgültige Angriff erfolgte. Ein grausames Gemetzel fand auf den Mauern statt, ein hin und her wogendes Blutbad, bis der kritische Augenblick erreicht war, das Fass überlief und die Torunnen einer nach dem anderen von den Schutzwällen flohen, auf denen die verheerende Niederlage sich deutlich abzeichnete. Der alte John hatte ihnen nachgebrüllt, bevor das Krummschwert eines Merduks auf ihn herabsauste. Danach setzte ein panikähnlicher Zustand ein. Niemand dachte an eine zweite Linie, an einen Rückzug unter Kampf. Die entsetzliche Anspannung während der Belagerung, die zahlreichen Angriffe – all das hatte die Soldaten ausgezehrt, sie brüchig wie die Klinge eines rostzerfressenen Schwertes gemacht. Die Erinnerung daran beschämte Corfe. Aekirs Mauern waren nicht eingenommen, sondern von den Verteidigern aufgegeben worden.

Hatte er etwa deshalb innegehalten? Stand er deshalb nun hier wie der Beobachter einer Apokalypse? Vielleicht um für die Flucht zu sühnen?

Oder um darin umzukommen. Meine Frau: Irgendwo da unten ist sie, lebendig oder tot.

Grollender Donner erhob sich und Detonationen erschütterten die rauchschwangere Luft. Prasselndes Hakenbüchsenfeuer. Irgendwo wurde noch Widerstand geleistet. Sollten sie. Es war an der Zeit, die Stadt hinter sich zu lassen – und mit ihr all jene, die er hier geliebt hatte. Die Narren, die jetzt noch weiterkämpften, würden als Leichen in der Gosse enden.

Corfe begann den Abstieg vom Dach, wobei er sich wütend die Augen rieb. Wie ein Blinder mit Stock ertastete er sich mit dem Säbel den Weg die Treppe hinab.

Als er die Straße erreichte, empfing ihn erstickende Hitze; die beißende Luft schmerzte in der Kehle. Das raue Geschrei der Menge schlug ihm wie eine Wand entgegen; dann geriet er mitten hinein in die Welle der Flüchtenden und wurde hinfortgetragen wie ein Schwimmer in einem reißenden Strom. Es stank nach Furcht und Asche, die Gesichter wirkten im höllengleichen Licht kaum noch menschlich. Corfe erblickte bewusstlose Männer und Frauen, die einzig das dichte Gedränge der Masse aufrecht hielt, und kleine Kinder, die über aneinandergepresste Köpfe krabbelten wie über einen Teppich. An den Straßenrändern wurden Menschen zerquetscht, als die treibende Flut sie über die angrenzenden Wände schleifte. Während Corfe weitergestoßen wurde, spürte er unter den Füßen die Körper anderer Menschen. Sein Absatz glitt über das Gesicht eines Kindes. Der Säbel ging verloren, entglitt im Gewimmel seiner Hand. Er reckte das Gesicht hoch zum rauchverhangenen Himmel und den lodernden Gebäuden, erkämpfte sich ein paar Atemzüge der stinkenden Luft.

Grundgütiger, dachte er, ich bin in der Hölle!

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