Preview am Sonntag (43)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Anfang Februar traf im Verlag das Manuskript zum Fantasy-Roman „Das Buch Shen“ von Martin Kay ein, der Mitte des Jahres erscheinen wird. Mehr Infos folgen in den kommenden Wochen. Heute: der Prolog aus dem Roman.

Der Albtraum wiederholte sich jede Nacht. Zuerst nur Dunkelheit und ein Gefühl der Beklemmung. Rastlosigkeit. Dann spürte der Mann etwas Warmes und Weiches unter sich. Das Pferd strauchelte. Es spürte den nahen Tod und weigerte sich, seinen Weg fortzusetzen. Unruhe keimte in dem Reiter auf. Er atmete tief durch und blickte über die weite Ebene vor sich.

Donnergrollen ließ die Erde unter den Hufen des Pferdes erzittern. Das Areal erstreckte sich meilenweit. Für jemanden, der sich in der Mitte des Geländes befand, musste es wirken, als gäbe es keinen Anfang und kein Ende. Drehte sich derjenige einmal im Kreis, würde er nur eine schier endlose Ebene erblicken.

Keine Hügel.

Keine Furchen.

Keine Gräser.

Verbrannter Boden.

Ein kühler Wind fegte über die Trostlosigkeit hinweg. In der Ferne zuckten grellblaue Blitze über das Firmament und vom Himmel herab. Dann folgte Donner. Wieder und wieder wie Kanonenfeuer. Pechschwarze Wolken trieben Unheil verkündend über das Land und schienen sich von Augenblick zu Augenblick tief zum Boden zu senken.

Es war Tag. Die Sonne hätte hoch an einem wolkenfreien Himmel stehen sollen, doch über der gewaltigen Ebene herrschte seit vielen Monden ewige Nacht. Tiere gab es hier längst nicht mehr. Das Land war tot und verlassen. Hin und wieder fiel ein einzelner Regentropfen zu Boden, wie eine Träne des Himmels, der diesen Ort beweinte.

Das schlagende Geräusch von Metall auf Metall erklang irgendwo außer Sichtweite. Vereinzelte Unruhen, die nur die Vorboten einer größeren Schlacht waren.

Der Reiter wusste, das am Ende der Ebene Truppen hinter den Hügelketten warteten. Vor seinem geistigen Auge sah er ihre dunklen Rüstungen, und ihre Wappen hingen träge an den vom Wind zerschlissenen Flaggen herunter. Den Stolz, den sie einmal repräsentiert hatten, verloren sie in der trostlosen Landschaft. In den Mulden zwischen den Hügeln befanden sich die Lager in Form von verrotteten Zelten. Nicht minder erschöpft und ausgelaugt waren die Männer und Frauen, die sich dazwischen bewegten. Das Warten auf die alles entscheidende Schlacht zehrte an ihren Nerven und ihrer Substanz.

Der Reiter blinzelte die geistigen Bilder fort. Nur mit Mühe verhinderte er den Sturz seines Hengstes und preschte mit ihm über das verbrannte Gras. Lehmklumpen wirbelten unter den donnernden Hufen hoch. In wilder Hast trieb der Mann das Pferd an und verlangte ihm das Äußerste ab. Er selbst keuchte und verzog schmerzhaft das Gesicht, als er immer wieder aus dem harten Sattel gehoben und wieder hineingepresst wurde.

Der Stahl, den er bei sich trug, verursachte ein schepperndes Geräusch, als er gegen seinen Waffenrock schlug. Der Reiter schonte weder sich, noch sein Pferd. Er wusste nicht, ob er das heimische Heerlager noch lebend erreichen würde, doch er musste alles versuchen, um die Botschaft über die feindlichen Truppenbewegungen zu seinem Herrn zu bringen. In einem waghalsigen Sprung jagte das Pferd über eine Mulde hinweg, knickte in den Läufen ein, fing sich aber wieder, nur um in unvermindertem Tempo weiterzuhetzen.

Der Mann verrenkte sich fast den Hals, als er nach hinten schaute. Er fühlte, dass ihm die Verfolger im Nacken saßen, auch wenn er sie nicht sehen konnte. Die gewaltige Ebene war so übersichtlich, dass man glauben mochte, jeden Angreifer schon erkennen zu können, wenn er am Horizont stand. Niemand sollte sich anschleichen können, da es nirgends Deckung oder Verstecke gab, aber der Reiter war mit den Mächten seiner Feinde vertraut und wusste, dass es für einen Magier ein Leichtes war, ihn hier draußen durch einen simplen Zauber von einem Blitz erschlagen zu lassen.

Als hätte der Gegner seine Gedanken gehört, zuckte am pechschwarzen Himmel eine Feuerlanze auf, die unweit des Weges in den Boden einschlug und einen Krater mit schwelendem Rauch und glutrotem Gestein hinterließ. Der Reiter wusste, dass dies kein natürlicher Blitz gewesen war und spornte sein Pferd zu noch größerer Anstrengung an. Die Ebene wollte kein Ende nehmen, doch mittlerweile erkannte er die Erhebungen von Hügeln am Horizont. Irgendwo dahinter warteten seine Leute auf ihn. Seine Augen gaukelten ihm vor, schon die Wappen erkennen zu können, aber in Wahrheit war dort nichts als Leere.

Ein weiterer Blitz zuckte aus den tiefen Wolken und fraß sich in den Boden. Das Pferd bockte, wieherte und stellte sich geängstigt auf die Hinterläufe. Der Bote versuchte es im Zaum zu halten, zerrte an den Zügeln und sprach beruhigende Worte. Endlich setzte es die Vorderhufe wieder auf und galoppierte schnaubend weiter. Weißer Schaum troff aus seinem Maul, und der Reiter merkte, wie das Herz des Pferdes unter ihm pochte. Lange würde es dieser Belastung nicht mehr gewachsen sein und auf dem Feld zusammenbrechen.

Scheinbar aus dem Nichts waren vor ihm plötzlich andere Reiter. In Kettenharnischen und weiten, wehenden Umhängen gekleidet trieben sie ihre Pferde genau auf ihn zu. Der Bote fragte sich erst gar nicht, woher sie so plötzlich kamen, sondern akzeptierte ihre Anwesenheit Schicksalsschlag. Ihre Gesichter waren von verzierten Visieren ihrer Streithelme bedeckt. An ihren aufgetragenen Speeren und Schilden erkannte er die Wappenzeichen von Telloh – es war der Feind!

Der Reiter riss die Zügel zu sich heran und zog sie nach rechts, um dem herannahenden Gegner auszuweichen. Er stieß dem Pferd die Sporen in die Flanken, führte es über einen ausgetrockneten Graben hinweg und warf einen Blick zurück. Die Gegner waren zu dritt. Ihre Schilde glitzerten im Licht der Blitze. Sie hatten ihre Klingen gezogen.

Die Hand des Reiters wanderte an dem ledernen Rock hinunter, bis sie die zweischneidige Streitaxt ertastete, die in den Sattel eingehängt war. Er zog sie heraus, packte den Griff fest und sah wieder nach hinten. Die Verfolger hatten bereits aufgeholt. Einer von ihnen legte mit einem Langbogen auf ihn an. Der Bote zerrte am Zaumzeug des Reittieres und riss es herum, um dem Pfeil zu entgehen. Schon vernahm er ein sirrendes Geräusch nahe seinem Ohr. Dann hörte er ein weiteres und ebenso den dumpfen Aufprall, als die Pfeilspitze im Leib seines Pferdes steckenblieb. Wiehernd machte der Hengst einen Satz, drehte sich aufbäumend um die eigene Achse und fiel dann wie ein gefällter Baum in den Staub.

Der Reiter sprang rechtzeitig ab und rollte zur Seite, um nicht unter dem Pferdeleib begraben zu werden. Er atmete flach und versuchte, die stechenden Schmerzen aus seinen Gedanken zu verbannen. Torkelnd kam er hoch. Er packte die Axt mit beiden Händen und starrte den sich nähernden Feinden entgegen. Sein Atem beruhigte sich. Er wartete ab und beobachtete die Pferde der anderen. Als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt waren, handelte er. Mit einem Schrei stürmte er vor. Er duckte sich unter dem Schwertstreich des ersten Soldaten weg und hieb mit der Axt gegen die Beine des Reittieres. Das Pferd knickte ein und stürzte kopfüber zu Boden, während sich der Reiter beim Sturz das Genick brach.
Der Bote fuhr herum, um die beiden anderen Angreifer im Auge zu behalten. Er spürte, wie ihn die Kraft verließ. Lange würde er dem Kampf nicht mehr standhalten können. Die Gegner durften seine Schwäche nicht bemerken, sonst war alles aus.

Das erste Pferd preschte heran. Sein Reiter spannte die Sehne des Bogens. Sofort flitzte der Pfeil die Luft durchschneidend auf den Boten zu, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte. Heißer Schmerz durchfuhr ihn, als die bleierne Spitze in seine Brust eindrang. Er blickte an sich herab, ließ den Pfeil aber stecken und stürmte wieder vor. Der zweite Gegner hatte ihn inzwischen umkreist und griff von hinten an. Er hörte das Hufgetrappel erst, als es viel zu spät war. Mit einem einzigen Hieb trennte der schneidende Stahl des Breitschwertes seine rechte Hand vom Unterarm.

Mit einem Aufschrei ließ der Bote die Axt fallen und stolperte, doch mit der linken Hand bekam er seinen Widersacher am Umhang zu fassen und zog ihn aus dem Sattel. Beide Männer lagen am Boden und rangen miteinander, während der dritte Angreifer erneut versuchte, seinen Bogen zu spannen, um den Boten auszuschalten.

Der Gegner griff nach seiner Kehle. Ohne zu zögern rammte der Bote ihm den blutbesudelten und höllisch schmerzenden Armstumpf in die Augen. Fluchend ließ der Angreifer von ihm ab. Der Bote stieß den anderen mit den Knien von sich, rollte auf den Bauch und kam stöhnend hoch. Der Pfeil in seiner Brust war abgebrochen, doch die Metallspitze steckte im Knochen und beim Gerangel war die Wunde aufgerissen. Blut pulsierte daraus im Takt des Herzschlages hervor.

Der Bote warf den Kopf herum, wollte sein Schwert aus der Scheide ziehen, als erneut ein Pfeil in seinen Körper drang und sein Leben auslöschte. Rücklings ging er zu Boden und blieb neben seinem toten Pferd liegen.

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