Preview am Sonntag (41)

vdkImmer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. „Das Vermächtnis des Königs“, Band 1 der Fantasy-Reihe „Die Chronik des großen Dämonenkrieges“ von Stefan Burban, erscheint im Frühjahr 2015 als Hardcover, Paperback und eBook und kann ab sofort beim Verlag vorbestellt werden. Das Titelbild stammt von Mark Freier. Im August hatten wir hier den Prolog  online gestellt, zuletzt hier den Auftakt zum ersten Kapitel. Die heutige Leseprobe setzt genau da an.

 

Das Schweigen zwischen den Söldnern hielt einige Minuten an, in denen Dreigan seinen Eintopf zu Ende aß und den Rest Wein leerte.

Dann konnte Yarek seine Neugier aber nicht länger im Zaun halten. „Und was treibt dich hierher? Woher kommst du gerade?“

Der hochgewachsene Dreigan sah sich kurz um und überlegte, ob er die Frage nicht lieber ignorieren – oder besser noch mit einer Lüge beantworten – sollte. Aber er kannte den Mann, der ihm gegenüber saß schon lange. Viel zu lange, um ihm zu misstrauen.

„Ich war in den südlichen Provinzen.“

„Bei der Göttin, sag mir bitte, dass du nicht so dumm warst, bei Queryn mitzukämpfen?“, Yarek sah Dreigan mit großen Augen an. Die Worte waren aus ihm heraus geplatzt, ehe er sich eines Besseren besinnen konnte. Beide sahen sich verstohlen um. Bei dem überraschten Ausruf drehten sich mehrere Gäste der Herberge nach ihnen um, widmeten sich jedoch schnell wieder ihren jeweiligen Beschäftigungen.

„Für etwas Zurückhaltung wäre ich dir sehr dankbar“, zischte Dreigan.

„Tut mir leid“, antwortete Yarek betreten. „Aber erzähl, was dort unten los war. Man erhält hier so wenig Nachrichten aus der Gegend. Es sind allenfalls Gerüchte im Umlauf.“

„Glaub mir, du kannst froh sein, dass du mit der ganzen Sache nichts zu tun hattest. Das konnte man kaum einen Aufstand nennen.“

Früher war Hasterian eine friedliebende Nation gewesen. Zu Zeiten von König Neiron. Zu der Zeit war Dreigan noch ein Kind gewesen. Jedoch hatte er nach dem Einfall der Goblins viel zu schnell erwachsen werden müssen. Die Bewohner von Hasterian nannten es die Nacht des Feuers. Vor einundzwanzig Jahren. Er war damals gerade elf Jahre alt gewesen. Goblin-Armeen waren über die Städte des Königreichs hereingebrochen wie eine Plage und überall war Chaos aus-gebrochen. König Neiron war bei der Verteidigung der Hauptstadt gefallen. Zusammen mit seiner gesamten Leibwache und fast der ganzen königlichen Familie. Nur der Bruder überlebte und das auch nur, weil er sich nicht in der Stadt aufhielt. Cedric. Er hatte anschließend den Thron bestiegen. Unter seiner Führung war es irgendwie gelungen, die Goblins zurückzuwerfen und die Lage endlich in den Griff zu bekommen.

Für viele war er danach ein Held gewesen. Zu anfangs. Die ersten Jahre seiner Herrschaft verliefen durchaus friedlich. Dann begann er aber das Heer aufzurüsten. Die Kampfkraft des stehenden Heeres wurde innerhalb von nur zwei Jahren auf mehr als das dreifache der Stärke vor der Goblin-Invasion aufgestockt. Um uns gegen unsere Feinde zu verteidigen, sagte er. Wobei auch niemand genau zu sagen vermochte, um welche Feinde es sich handelte.

Die Antwort auf diese Frage folgte wenige Monate später. Cedric beschuldigte die Nachbarstaaten, den Angriff der Goblins unterstützt zu haben. Er mobilisierte das Heer und marschierte ein. Eine Nation nach der anderen fiel. Über zwölf Jahre Krieg ließen das Staatsgebiet Hasterians auf das Doppelte der früheren Größe anwachsen. Aber auch die königlichen Truppen mussten Verluste hinnehmen. Also stellte Cedric die schwarzen Garden auf, um die eigenen Truppen zu verstärken. Wo viele Offiziere der königlichen Truppen Cedric und dessen Herrschaft eher argwöhnisch beäugten und die meisten König Neiron hinterhertrauerten, da waren die schwarzen Garden ihm und nur ihm allein fanatisch loyal. Mit ihnen hinter sich, setzte er den Grundstein für den Terror im eigenen Land.

Er fiel mit Feuer und Schwert über diejenigen her, die sich im widersetzten. Seien es fremde Nationen oder Bürger des eigenen Landes. Die Garden hetzten jeden von ihnen zu Tode. Einige besonders einflussreiche Gegner Cedrics verschwanden auch einfach bei Nacht und Nebel. Man hörte nie wieder etwas von ihnen.

Trotzdem gab es immer wieder Unruheherde. Aufstände schwelten allerorts und Cedrics Truppen konnten nicht überall zugleich sein. Vor allem die unterworfenen Völker versuchten regelmäßig, ihre Freiheit zurückzuerlangen. Manchmal gelang ihnen das sogar zeitweise – bis die schwarzen Garden die Zeit fanden, sich Ihnen zu widmen.

Für einen guten Söldner eine Zeit voller Möglichkeiten und Dreigan war mehr als gut. Leider war ihm bei der Wahl seiner Auftraggeber bisher wenig Glück beschieden. Sie hatten die unschöne Angewohnheit, frühzeitig aus dem Leben zu scheiden. Meistens, bevor sie ihn für seine Dienste entlohnten. Irgendwie suchte er sich zwar immer die moralisch richtige, aber militärisch unterlegene Seite aus. Eine Tatsache, die ihn regelmäßig ohne finanzielle Mittel, aber dafür mit Verfolgern auf seiner Fährte überstürzt fliehen ließ.

„Du weißt, wie sowas anfängt“, erzählte er. „Ein Idealist fängt an, auf einem von der Göttin verlassenen Marktplatz, von Freiheit zu predigen. Ein paar Dummköpfe hören ihm zu. Er begeistert sie und auf einmal werden sie zu einem wütenden Mob, der die örtlichen Garnison aus der Stadt treibt. Dann wird ihnen bewusst, was sie getan haben und kriegen es mit der Angst zu tun. Das ist der Augenblick, in dem sie richtige Soldaten brauchen, die ihnen helfen.“

Yarek kratzte sich nachdenklich das Kinn. „Lass mich raten: An dieser Stelle kommst du ins Spiel.“

„Ich und noch andere Söldner, die sie anheuerten“, bestätigte Dreigan. „Du hast ganz recht. Die Stadt, die uns anwarb heißt – oder vielmehr sollte ich sagen sie hieß – Queryn. Die Stadt schmiedete ein Bündnis mit Rebellen aus drei anderen Städten. Wir halfen bei der Ausbildung der Rekruten und bei der Befestigung der Stadt. Vielleicht lachst du mich jetzt aus, aber diesmal dachte ich tatsächlich, sie hätten eine reelle Chance. Zur Abwechslung würde ich endlich auf der Gewinnerseite stehen.“

Dreigan bestellte bei der Kellnerin noch einen Krug Wein. Diesmal einen größeren, damit auch Yarek was davon hatte. Sie warteten bis der Krug und zwei Becher gebracht wurden und die Kellnerin wieder außer Hörweite verschwunden war.

„Und dann?“, hakte Yarek ungeduldig nach.

„Und dann kamen die schwarzen Garden. Sie haben die Stadt nicht einmal zur Kapitulation aufgefordert. Sie haben einfach ihr Lager aufgeschlagen und am nächsten Tag griffen sie an.“

Er hob den Becher an die staubtrockenen Lippen und nahm einen kräftigen Schluck, als wolle er die Erinnerungen wegspülen. Als er das Gefäß wieder absetzte, waren sie aber zu seiner Enttäuschung noch da. In all ihrer Klarheit.

„Yarek, du machst dir keine Vorstellung wie es war“, fuhr er schließlich fort. „Das Schlachten war grauenhaft. Sie brauchten nur zwei lächerliche Tage, um in die Stadt einzufallen. Sie metzelten alles und jeden nieder. Wer das Pech hatte, ihnen lebend in die Hände zu fallen, wurde vor den Mauern der Stadt gepfählt. Sie haben die Stadt vollständig geschleift. Soweit ich erfahren konnte, erging es den anderen drei Städten nicht anders. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen.“

Yarek hing förmlich an seinen Lippen. „Wie bist du entkommen?“, gelang es ihm schließlich zu fragen.

„Ein paar der Söldner schafften es, eines der Ausfalltore lange genug zu halten, um wenigstens einigen Leuten die Flucht zu ermöglichen. Nicht vielen. Vielleicht ein- oder zweihundert und etwa ein Dutzend Söldner. Zu meinem Glück gehörte ich dazu. Wir haben uns bald darauf zerstreut. Die Garden haben mich fast hundert Meilen weit gejagt, bis ich sie endlich abhängen konnte. Keine Ahnung, wie viele es im Endeffekt geschafft haben. Nicht viele, fürchte ich. Ich sage dir, Yarek, es wird viel Zeit vergehen, bis in dieser Region wieder jemand an Rebellion denkt.“

Yarek schüttelte mitfühlend den Kopf und sah sich verschwörerisch im Schankraum um. Vergewisserte sich, dass ihrem Gespräch niemand Beachtung schenkte. Nahm einen tiefen Schluck Wein, um sich etwas Mut anzutrinken und antwortete schließlich: „Ich sage dir, ohne die Garden würde sich Cedric keine Woche mehr als König halten.“

Dreigan lachte schallend los, bevor Yarek weiterreden konnte.

„Solche Reden kenne ich von dir gar nicht“, meinte er. „Ich muss gestehen, ich habe gewisse Schwierigkeiten, dich mir als Revolutionäre vorzustellen.“ Er kicherte erneut. „Solche Reden brachten einen Menschen an die Spitze von Armeen“, Dreigan wurde schlagartig ernst, „oder auf das unangenehme Ende eines angespitzten Pfahls.“

Seine Gedanken kehrten zu den Pfählen vor den zerstörten Mauern Queryns zurück.In seinem Geschäft konnte er sich so etwas wie Moral oder Gewissen nicht erlauben, aber trotzdem beschlich ihn das Gefühl, diese Menschen im Stich gelassen zu haben. Seine gute Laune verflog und er starrte eine Weile trübsinnig in seinen Becher.

Yarek schien seine Gedanken zu erraten, denn mit einem Mal klopfte er ihm aufmunternd auf die Schulter und bestellte noch mehr Wein. Diesmal auf seine Rechnung. „Ich bin aber sehr froh, dass du mit dem Leben davongekommen bist. Es hätte auch durchaus anders ausgehen können. Und deswegen feiern wir heute, dass du der unglaublichste Glückspilz unter der Sonne bist und ich mir nicht einen neuen besten Freund suchen muss.“

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