Preview am Sonntag (39)

Rettungskreuzer Ikarus 58 FrontImmer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Letzte Woche hatten wir hier den Auftakt aus Band 58 der Science-Fiction-Serie »Rettungskreuzer Ikarus«, »Welt am Faden«, von Holger M. Pohl online gestellt. Der Roman soll zum kommenden Monatswechsel erscheinen, zumindest als eBook.  Das Titelbild stammt von Lothar Bauer. Die heutige Leseprobe setzt an der vom vorigen Sonntag an.

 

»Und das soll ein Plan sein?« Es sprachen mehr als nur Zweifel aus Iska N’Gudas Stimme.

»Haben Sie einen besseren?«, lautete Sentenzas Gegenfrage.

Die füllige, dunkelhäutige Frau zögerte mit einer Antwort und sah Dame Lena an. »Sie haben ihm noch nichts gesagt?«

Dame Lena schüttelte müde den Kopf. »Es gab bislang noch nichts zu sagen.«

Iska N’Guda lachte. »Ich hatte Sie gewarnt, Dame Lena. Ich habe Ihnen prophezeit, dass man es nicht einfach bei höflichen Besuchen und verlockenden Angeboten belassen würde und wahrscheinlich im Hintergrund schon erheblich mehr Dinge laufen, als Sie sich vorstellen können. Das Commonwealth ist ein Sammelsurium vielfältigster Interessen. Selbst wenn die einen Sie wirklich in Ruhe lassen wollten, heißt das noch lange nicht, dass Sie auch in Ruhe gelassen werden. Sogar wir wissen nicht immer, was auf der anderen Seite des Tisches los ist. Der Tisch, an dem die Vertreter des Commonwealth sitzen, ist zu groß und zu unübersichtlich, als dass man alles im Blick haben kann.«

»Sie hatten mich gewarnt, Person N’Guda, das ist richtig. Und ich habe wahrscheinlich versäumt, Ihnen genau zuzuhören.« Dame Lena war bestrebt, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. »Aber das lässt sich nun nicht mehr ändern.«
»Wir hätten in die Offensive gehen können. Nun sind wir in der Defensive. Und dazu in einer verdammt schlechten.«

Die Valeranerin nickte. »Sie haben Recht. Was mehr soll ich sagen?« Sie sah den Captain an. »Ihr Plan, Captain Sentenza, mag sich durchdacht anhören, aber leider wird er an ein paar Dingen scheitern. Ich gebe aber zu, dass Sie diese Punkte mangels Wissen nicht berücksichtigen konnten.«

»Und welche Aspekte sind das?«

»Zunächst einmal – aber das wissen Sie schon – ist es nicht einfach, Irenean zu erreichen. Wir haben es versucht und sind gescheitert. Warum sollte Ihnen gelingen, worin wir versagt haben?« Sie winkte ab, als Sentenza etwas erwidern wollte. »Zweitens: Wir unterhalten keine große Raumflotte. In erster Linie sind es Frachtschiffe, und die meisten davon sind gerade unterwegs. Anders gesagt: Unsere Möglichkeiten, ein großes und vor allem schwer bewaffnetes Kampfschiff zum Mond zu schicken, das überhaupt eine Chance hätte, ihn zu erreichen, sind sehr … eingeschränkt. Hinzu kommt, dass unsere Raumer in der Regel alle älteren Baudatums sind. Ihre Ikarus wäre das Modernste gewesen, was uns zur Verfügung stand. Im Augenblick verfügen wir aber nicht einmal über diese Alternative.« Sie sah ihn ernst an, und Sentenza nickte.

»Drittens«, fuhr sie fort und hob drei Finger »mögen unsere Wachen in Ihren Augen einen kompetenten Eindruck vermitteln. Oh ja, sie können natürlich kämpfen. Schaukämpfe, Ausbildungskämpfe, Wettbewerbe. Aber für einen Kampfeinsatz, wie er Ihnen vorschwebt, brauchen wir erfahrenes Personal. Das werden Sie auf Valeran nicht finden. Viertens schließlich: Sie haben selbst erlebt, dass die politische Lage auf meiner Heimatwelt instabil ist. Dabei haben Sie nur die Oberfläche gesehen. Ich mag Ihnen wie die absolute Herrscherin Valerans erscheinen, doch ich bin es nicht. Was Ihnen als Plan durch den Kopf geht, könnte – und würde! – ich niemals alleine entscheiden. Ich müsste es mit anderen diskutieren. Abgesehen davon, dass das seine Zeit in Anspruch nimmt, wäre das Risiko enorm, dass der Gegner etwas davon erfährt. Ich habe im Augenblick nicht die geringste Ahnung, wem ich vorbehaltlos vertrauen kann. Durchaus möglich, dass zum Beispiel auch Dame Daria mit unseren Feinden kooperiert.« Sie endete mit einem Schulterzucken.

»Und fünftens«, schaltete sich Iska N’Guda wieder in das Gespräch ein, »wissen wir nichts über unseren Gegner. Oder fast nichts. Er oder sie kommen aus dem Commonwealth, zumindest vermuten wir das. Und die Geschichte mit meinem Mann bestätigt diese Vermutung nach meinem Empfinden. Doch das Commonwealth ist groß, weitläufig und vielfältig. Ist es ein Konzern? Ist es irgendeine politische Gruppe? Eine Mischung aus beidem? Mein Mann jedenfalls scheint etwas zu ahnen, aber das ist auch schon alles. Er gehört dem Geheimdienst an, aber ich muss Ihnen nicht sagen, Captain, dass es den Geheimdienst des Commonwealth nicht gibt. Dank Outsidern, Wanderlustvirus und diversen anderen Ereignissen hat sich das alles ein wenig verschoben.«

Ein wenig verschoben war eine höfliche Untertreibung, wie Sentenza fand. Die genannten Ereignisse der vergangenen Jahre hatten ein politisches und gesellschaftliches Erdbeben bewirkt. Nachbeben inklusive. »Nun gut, ich sehe ein, dass mein Plan ein wenig zu optimistisch war. Aber wenn wir noch länger warten, dann wird es immer schwieriger, aus dieser Misere herauszukommen.« Er sah seine Frau an, die apathisch und gleichgültig im Stuhl saß. Nichts deutete darauf hin, dass sie der Unterhaltung auch nur ansatzweise folgte. »Ich bin nur der einfache Captain eines Rettungskreuzers«, fuhr er fort, »der aber wahrscheinlich ein paar Erfahrungen hat, die Ihnen fehlen.«

»Und das ist viel mehr, als wir aufweisen können, Captain Sentenza«, erwiderte Dame Lena.

*

Als die Ikarus in den Orbit um Irenean einschwenkte, ließ die Aufmerksamkeit der Wachen ein wenig nach. Die beiden Männer hatten bislang nichts Unvernünftiges unternommen und schienen das auch nicht vorzuhaben. Immer wieder warfen die Frauen neugierige Blicke auf den Bildschirm und beachteten ihre Gefangenen nicht mehr fortwährend.

»Wir müssen etwas tun«, raunte Weenderveen seinem Nachbar in einem solchen Augenblick zu.

»Das ist nichts Neues«, gab Anande ebenso leise zurück. »Fragt sich nur was, von der Tatsache einmal abgesehen, dass weder du noch ich zum Helden taugen.«

Das stimmte leider. Wenn sich an Bord der Ikarus jemand heldenhaft benahm, dann waren das für gewöhnlich die anderen. Weenderveen und Anande, der ältlich wirkende Ingenieur und der oft distanziert erscheinende Arzt, konnten nur schwerlich als die typischen Heldenfiguren einer dramatischen Geschichte erachtet werden. Gerne überließen sie die Rettung des Universums den Kameraden. Dabei vergaßen beide nur zu leicht, dass es im einen oder anderen Fall durchaus ihr Einsatz gewesen war, der über Erfolg oder Misserfolg einer Mission entschieden hatte Besonders Weenderveen konnte von ungeplanten heroischen Abenteuern ein Lied singen. Was er ab und zu auch tat, wenn er mit Jason Knight durch die einschlägigen Etablissements von Vortex Outpost zog. Allerdings war dann für gewöhnlich ein anständiges Quantum Alkohol im Spiel, das dem Ingenieur die Zunge lockerte.

Im Augenblick stand aber weder Weenderveen noch Anande der Sinn nach Heldentaten. Das einzige an Bord befindliche Mitglied der Besatzung, das so etwas wie Heldenmut besaß, war Arthur Trooid. Und der stand nach wie vor unter dem Einfluss der Valeranerin an seiner Seite.

Weenderveen beobachtete seinen Zögling genau. Schon lange hatte er es sich abgewöhnt, von Trooid als künstlichem Geschöpf zu denken. Dazu hatte der Droide mittlerweile viel zu viele menschliche Eigenschaften angenommen. Jemand, der nicht wusste, was sich in ihm verbarg, hätte wahrscheinlich gar nicht gemerkt, dass Arthur Trooid kein natürliches Lebewesen war. Die Valeranerinnen wussten jedoch über ihn Bescheid, das hatte sich gezeigt. Es war dem Ingenieur nach wie vor ein Rätsel, auf welche Art und Weise sie Trooid in ihre Gewalt gebracht hatten. Ganz offensichtlich aber war er das, denn er hielt sich an Dame Toras Seite wie ein Schoßhündchen bei seinem Frauchen.

Weenderveen überlegte für einen Moment, ob er Dame Tora fragen sollte, was genau sie vorhatte, aber er hätte wahrscheinlich keine Antwort erhalten. Er gehörte nicht zu dem Geschlecht, das sie einer Antwort für würdig erachtete. Er war ein Mann. Genauer gesagt: Er war Mann und damit ein Nichts. Es war nicht so, dass Dame Tora oder ihre Begleiterinnen ihm oder Anande gegenüber unfreundlich gewesen wären. Nein, sie nahmen die Anwesenheit der beiden Gefangenen zwar wahr, hielten es aber für unter ihrer Würde, sich mehr als erforderlich mit ihnen zu beschäftigen. Ihn und Anande zu bewachen, damit sie keine Dummheiten anstellten – ja. Mit ihnen sprechen oder gar eine Konversation führen – nein. Fügte sich Mann nicht in seine unterwürfige Rolle, musste er mit einem Tadel oder gar einer Strafe rechnen. Weenderveen fragte sich, warum man sie nicht auf Valeran zurückgelassen hatte.

»Wir erhalten einen Leitstrahl«, meldete in diesem Augenblick Trooid.

»Folge ihm!«, befahl Dame Tora, die sich an seiner Seite hielt, »und lande mein Schiff an den übermittelten Koordinaten.«

»Ihr Schiff?«, kam es Weenderveen über die Lippen, ehe er nachdenken konnte.

»Schweig, Mann!«, herrschte ihn eine der Wachen an und hob drohend die Hand mit der Waffe.

»Beruhige dich, Wächterin Svetlana!«, befahl Dame Tora, nachdem sie sich umgedreht hatte. Sie sah den älteren Mann mit einer Mischung aus Geringschätzung und Verachtung an. »Du darfst nur reden, wenn du gefragt wirst, Mann. Und niemand hat dich gefragt! Aber ich will trotzdem deine Frage beantworten, damit du deine Situation endlich begreifst: Ja, Mann, mein Schiff!« Sie zeigte auf Trooid. »Mein Roboter.« Sie zeigte zuerst auf ihn, dann auf Anande. »Meine Gefangenen.« Sie lächelte herablassend. »Und nun schweigst du besser, ehe ich Wächterin Svetlana befehle, dich ruhig zu stellen.« Sie drehte sich wieder um und widmete ihre Aufmerksamkeit dem Bildschirm.
Weenderveen kam zu der Überzeugung, dass es einstweilen besser war, nichts mehr zu sagen.

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