Preview am Sonntag (38)

Rettungskreuzer Ikarus 58 FrontImmer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Heute: der Auftakt aus Band 58 der Science-Fiction-Serie »Rettungskreuzer Ikarus«, »Welt am Faden«, von Holger M. Pohl. Das Manuskript traf gestern beim Verlag ein, ging per Express ins Lektorat und soll zum kommenden Monatswechsel erscheinen, zumindest als eBook.  Das Titelbild stammt von Lothar Bauer.

 

Darkwood unterdrückte den Hustenreiz. Natürlich lag keine dicke Staubschicht in dem Lüftungsschacht. Die ständigen Luftbewegungen verhinderten, dass der Staub sich absetzen konnte. Die Luft war daher angefüllt mit mikroskopisch kleinen Partikeln. Nicht so sehr, dass es ihn wirklich behinderte, aber doch genug, dass er den Staub mit jedem Atemzug einatmete und dadurch zum Husten und Niesen gereizt wurde.

Das störte ihn mehr als die Dunkelheit. Es war eine irrige Annahme, dass es in Lüftungsschächten sehr hell war. Niemand benötigte dort Licht. Wenn es welches gab, so war es diffus und stammte in aller Regel vom dem, was durch die Gitter der Lüftungsschächte hereinfiel. Zu wenig, um ausreichend sehen zu können; zu viel, als dass man es stockdunkel hätte nennen können. So war er weitestgehend auf seinen Tastsinn angewiesen, als er sich seinen Weg vorwärts suchte. Das verzögerte natürlich das Vorankommen erheblich. Weder hatte er eine Ahnung, in welche Richtung er sich bewegte, noch wo er herauskommen würde. Aber wenigstens Eines wusste er: Eine weitere irrige Annahme war die, dass es Ventilatoren oder ähnliche Gefahren gab. Lüftungsschächte waren in aller Regel nur leere Schächte, die die Luft von einem Ort an einen anderen leiteten. Gleichgültig ob es sich dabei um warme oder kalte, feuchte oder trockene Luft handelte. Und am Luftzug, der mal mehr, mal weniger stark war, konnte er sich orientieren. Noch kroch er dem Ausgangspunkt der Luftströmung entgegen. Aber dahin wollte er nicht. Dort würde es wirklich gefährlich werden, denn wahrscheinlich gab es eine Stelle mit großen Gebläsen, mit denen er keinesfalls in Berührung kommen mochte.

Als er schließlich eine Abzweigung erreichte, konnte er deutlich spüren, dass der Luftstrom in diesen Schacht hineinfloss. Er zwängte seinen Körper um die Ecke und hoffte, dass es die richtige Entscheidung war.

Schließlich, nach endlos langen Minuten, zahlreichen Windungen und einigen Abzweigungen, wurde es vor ihm heller. Er kroch auf ein Lüftungsgitter zu, ähnlich dem, durch das er in den Schacht gelangt war. Und er vernahm Stimmen; männliche Stimmen, falls er richtig hörte. Je weiter er vorwärts kam, desto heller wurde es und desto lauter wurde das Gespräch. Allerdings waren die Worte noch zu leise und undeutlich, als dass er alles hätte verstehen können. Nur hin und wieder schnappte er ein paar Silben auf. Es schien sich um eine Unterhaltung zu handeln, an der mehrere Männer teilnahmen und bei der es um nichts Besonderes zu gehen schien. Es klang alles sehr unaufgeregt.

Als er das Ende des Schachtes erreichte, hielt er an und versuchte, durch das Gitter etwas zu erkennen. Er spähte in einen Raum hinunter. Es gab einen Tisch mit Stühlen, ein Sofa, mehrere Sessel, Schränke und Lampen, sogar Blumen standen herum. Ein Wohnzimmer? Zumindest erweckte es den Anschein.

Vier Männer saßen am Tisch und unterhielten sich leise mit gedämpften Stimmen. Und sie waren mit etwas beschäftigt, das er auf den ersten Blick nicht erkennen konnte, aber es sah aus, als ob es sich um ein Spiel handelte.

Das waren die ersten valeranischen Männer, die er sah. Sie trugen einfache, einfarbige Überwurfhemden und gleichfarbige Hosen. Zwei waren dunkelhaarig, einer blond, während der Vierte eine ins Rötliche gehende Haarfarbe hatte.
Darkwood beobachtete eine Zeit lang das Geschehen. Etwas irritierte ihn an der ganzen Szene, doch er konnte nicht sagen was. Bis es ihm plötzlich auffiel: Die vier Männer machten einen sehr femininen Eindruck. Und nachdem er sich dessen bewusst geworden war, konnte er auch die anderen Anzeichen verstehen. Diese Männer verhielten sich, als ob sie in einer Gesellschaft lebten, in der sie eindeutig nicht die erste Geige spielten. Er kannte solche Gesellschaftsformen. Nur waren es dort die Frauen, die als untergeordnetes, den Männern gehörendes Gut betrachtet wurden; mehr als Besitz denn als Individuum. Hier auf Valeran war das ganz offensichtlich anders, und die Männer waren ein geduldeter, weil notwendiger Teil der Gesellschaft. Sie waren keine Sklaven ihrer Frauen, ihre Position aber sehr nahe an diesem Status.

Eines machte diese Erkenntnis klar: Von diesen Männern hatte er in keinerlei Hinsicht Hilfe zu erwarten. Vielleicht bekam er Informationen, jedoch in keinem Fall Unterstützung.

*

Eine Stunde verging, und die Männer waren weiter nach wie vor mit ihrem Spiel beschäftigt. Doch schließlich kamen sie zu einem Ende und räumten den Tisch ab, wie es sich für ordentliche Hausmänner gehört. Dann verließen sie den Raum durch eine Tür, die Darkwood von seiner Position aus nicht sehen konnte.

Zur Sicherheit wartete er noch ein paar Minuten, dann versuchte er vorsichtig und leise, das Gitter zu öffnen. Zum Glück erwies sich das als nicht besonders schwierig. Wie schon das andere Gitter war auch dieses magnetisch am Rahmen des Lüftungsschachts angebracht. Er musste nur zwei Sperren lösen, dann ließ es sich nach außen drücken. Fast wäre es ihm dabei aus der Hand gerutscht und zu Boden gefallen, doch im letzten Augenblick bekam er es zu fassen. Der Boden war zwar mit einem Teppich ausgelegt, dennoch hätte es höchstwahrscheinlich ein lautes und damit wohl verräterisches Geräusch gemacht.

Langsam und behutsam glitt er aus dem Schacht. Die Öffnung lag etwa zwei Meter über dem Boden, sodass er mühelos mit etwas körperlichem Einsatz diese Entfernung überwinden konnte. Schnell gelang es ihm, das Gitter wieder in Position zu bringen.

So weit, so gut, dachte er. Der erste Teil seiner Flucht war geglückt, aber er befand sich nach wie vor im Regierungspalast. Und er hatte keine Ahnung, ob sein Weg durch die Lüftungsschächte ihn weiter hinein ins Innere oder hoffentlich doch mehr an den Rand des Gebäudes gebracht hatte. Das galt es herauszufinden.

Vorsichtig näherte er sich der einzigen Tür, darauf gefasst, dass sie sich jederzeit öffnen und jemand hereinkommen konnte. Er war noch zwei Schritte davon entfernt, als genau das geschah.

Die Tür glitt zur Seite, und ein Mann betrat den Raum. Zuerst bemerkte er den Eindringling nicht und machte einen weiteren Schritt in das Zimmer. Als er Darkwoods Anwesenheit wahrnahm, war es zu spät. Der vorgebliche Praktikant der Ikarus hatte die kurze Distanz bis zu dem Mann im Bruchteil einer Sekunde überwunden, packte ihn am Arm und zerrte in vollends in den Raum herein. Mit einem leisen Schmatzen schloss sich die Tür.

Der Blick des Valeraners war eine Mischung aus Entsetzen und Verwirrung. Darkwood konnte nicht eindeutig sagen, ob er zu der Gruppe gehörte, die bis vor kurzem in dem Raum gespielt hatte.

»Wenn du ruhig bist, passiert dir nichts«, erklärte Darkwood mit freundlicher Stimme. »Ich habe nur ein paar Fragen.«

Der andere sah ihn an, als würde er ihn nicht verstehen.

»Wie heißt du?«

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis der Valeraner Antwort gab. »Meine Herrin nennt mich Runk, wenn wir unter uns sind.« Runks Stimme klang wehleidig, und sein Blick war ängstlich.

»Gut, Runk. Dann verrate mir, wo ich hier bin. Was ist das für ein Raum?«

»Wie meinst du das? Das ist einer der Aufenthaltsräume. Hier warten wir, bis unsere Herrinnen ihre Arbeit erledigt haben.«

»Und wo im Gebäude befindet sich dieser Raum? Nahe am Ausgang? Tief in seinem Inneren?«

»Nahe am Ausgang natürlich.« Runk sagte das, als verstünde er nicht, dass Darkwood das nicht wusste. »Wir dürfen nicht weit in das Gebäude hinein. Was sollten wir dort auch?« Obwohl Darkwoods Erscheinen ihn überrascht haben musste, hatte sich der Valeraner gefangen. Das Entsetzen und die Verwirrung in seinem Blick waren verschwunden. Wahrscheinlich hatte er nicht das erste Mal mit Fremden zu tun. Oder mit Männern, die er nicht kannte.

Jedenfalls stellte seine Antwort Darkwood zufrieden. Sein Weg durch den Lüftungsschacht hatte ihn in die richtige Richtung geführt.

»Kannst du mich hinausbringen?«

»Hinausbringen?« Runk schüttelte den Kopf. Zum ersten Mal bedachte er Darkwood mit einem Blick, der zumindest so etwas wie unterschwellige Neugier verriet. »Wer bist du? Du bist nicht von … hier. Deine Kleidung ist seltsam. Du sprichst seltsam. Als ob …« Er vollendete den Satz nicht. »Willst du nicht auf deine Herrin warten?«

Sehe ich so aus, als ob ich eine hätte?, war Darkwood versucht zu fragen, doch das hätte Runk sicher verwirrt. Der Valeraner war wahrscheinlich außerstande sich vorzustellen, dass ein Mann keine Herrin hatte. »Meine Herrin hat keine Zeit«, antwortete er stattdessen.

»Dann musst du warten. Du weißt doch, dass wir das Gebäude nicht alleine betreten oder verlassen sollen.«

Nicht sollten oder nicht durften, das war die Frage.

»Meine Herrin hat einen langen Termin und hat mich angewiesen, alleine ins Hotel zu gehen, um dort auf sie zu warten.« Er hoffte nur, dass es in der Stadt so etwas wie Hotels gab. Es würde sicher Unterkünfte für Reisende geben, doch ob man das Hotel nannte, wusste er nicht.

»Ich verstehe«, erwiderte Runk mit einem seltsamen Blick. »Deine Herrin scheint dir sehr zu vertrauen.«

»Das tut sie«, bestätigte Darkwood und bemühte sich, Stolz in seine Stimme legen. »Wer ist deine Herrin?«, wollte er dann wissen.

»Die erste Analystin Tadea«, gab Runk bereitwillig zur Antwort. Er sah Darkwood fragend an. »Wer bist du? Wer ist deine Herrin?«

Für einen Augenblick musste Darkwood nachdenken. »Ihr Name ist Dame Sonja, und ich bin Dorian.«

»Dame Sonja? Die kenne ich nicht.«

»Wir kommen aus dem Süden und sind hier nur zu Besuch.«

»Deswegen deine Fragen. Ich verstehe. Meine Herrin sagt immer wieder, wenn sie mit anderen über den Süden spricht, dass die Personen dort rückständig sind, auch wenn sie sich fortschrittlich geben. Sie seien eine Schande.«

»Und was denkst du? Sind sie es?«

Runk sah ihn befremdet an. »Ich habe keine Meinung. Ich verstehe davon nichts. Das sind Dinge, mit denen ich mich nicht beschäftige.«

Obwohl der Valeraner nach wie vor eingeschüchterten und ängstlichen wirkte, hielt Darkwood ihn für intelligent. Runk mochte von seiner Herrin dominiert werden, doch er war weder einfältig noch dumm. Unwissend möglicherweise, aber er machte einen gebildeten Eindruck. Nur konnte er mit dieser Bildung wenig anfangen. Oder er durfte es nicht.

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