Preview am Sonntag (37)

Dirk van den Boom - Kaiserkrieger 8 - Stürmische HimmelImmer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Heute: Kapitel 2 aus Band 8 der Reihe »Kaiserkrieger«, »Stürmische Himmel« von Dirk van den Boom. Das erste Kapitel hatten wir vor Kurzem hier online gestellt Der Roman erscheint als Hardcover– und Paperback-Ausgabe sowie des eBooks Ende des Monats. Das Titelbild stammt von Timo Kümmel.

 

Helmut Köhler fühlte, wie die Galle erneut in ihm hochstieg. Er klammerte sich an die Reling, starrte in den tosenden Abgrund der See, spürte, wie sein Magen ihm die Kehle emporkroch, als die Gratianus tief in das Wellental hinabglitt, und dann kam das vertraute Würgen und er öffnete seinen Mund. Heraus kam so gut wie nichts mehr, hatte er seinen Mageninhalt doch bereits vor einer Stunde vollständig Neptun geopfert, doch der heftige, krampfartige Brechreiz wollte nicht nachlassen. Sein verzweifeltes Stöhnen ging im Dröhnen des Sturms unter, und als der Krampf nachließ und er seine Augen wieder öffnete, die er gequält geschlossen hatte, hörte er auf, etwas zu entleeren, was längst leer war.

Er atmete tief ein, spürte, wie die momentane Schwäche etwas nachließ. Köhler war nicht der Einzige an Bord des Flaggschiffes der Expeditionsflotte, dem es so erging. Dies war der dritte Tag, den sie im Sturm feststeckten, und selbst der erfahrenste Seemann begann, an die Grenzen seiner Belastbarkeit zu kommen. Es gab nur wenig Schlaf, und wenn, war er unruhig, unterbrochen, in heftig schaukelnden Hängematten, die einen gegen den Kameraden oder die Wand und manchmal mit Wucht auf den Boden warfen. Es gab kaum etwas zu essen, und wenn, war es kalt, oft nass, und wer sich krank fühlte, schaffte es ohnehin kaum, etwas Festes zu sich zu nehmen. Köhler hatte gestern Schiffsgebäck in dünnen Wein getunkt und heruntergebracht, eine Stunde später war es denselben Weg in umgekehrter Richtung wieder zurückgegangen.Ihrer aller Kräfte ließen nach. Sie waren den Sturm leid. Alle beteten sie um ruhiges Wetter, und sei es nur eine Pause in dem beständigen Toben und Brausen. Das Schiff war in einem besseren Zustand als seine Mannschaft. Die Gratianus jedenfalls zeigte keinerlei Anzeichen, sich den Gewalten nicht gewachsen zu zeigen.Köhler sah hoch und blickte auf Trierarch Langenhagen, der neben dem Gubernator auf der Brücke stand, festgebunden wie sie alle, denn es passierte oft genug, dass ein Brecher mit großer Macht über die Reling schlug und ein unachtsames Besatzungsmitglied mit sich riss. Schreie, Hilferufe, gingen unter im ohrenbetäubenden Rauschen von Wind und Wellen. Doch die festen, eng gewobenen Seile, die jeder zur Sicherung hatte und die an Führungsschienen neben der Reling entlangglitten, hatten bereits so manches Leben gerettet. Immer noch war es so, dass die meisten Seeleute nicht schwimmen konnten und bewusst nicht lernen wollten, um die Quälerei eines langsamen Todes in der See durch ein möglichst schnelles Ertrinken einzutauschen.Köhler konnte schwimmen.Und er wollte auch niemals aufgeben.

Sein Magen gab auch nicht auf. Er spürte, wie sich ein weiterer Krampf bildete. Er richtete sich auf, streckte sein Gesicht in die Gischt, fühlte, wie die kalte Feuchtigkeit gegen seine Haut klatschte und einen eisigen Schauer seinen Körper hinunterfahren ließ. Er war nass bis auf die Knochen, egal, wie fest er den dicken Ledermantel um seinen Körper gebunden hatte. Allein die Wassermassen, die seinen Kragen hinunterflossen, genügten, um ihn vollständig einzuweichen.

Die Übelkeit in seinem Bauch ließ etwas nach. Er schloss und öffnete die Augen, wischte sich mit der nassen Hand über das nasse Gesicht, was nichts bewirkte außer dem Gefühl, etwas getan zu haben, eine sinnlose Geste, Ausdruck von schwachem Trotz. Dann fühlte er, wie jemand an seinem Arm zog. Magister Aedilius stand neben ihm, der Bordarzt, einer der Absolventen der Medizinischen Akademie von Ravenna, jener Schmiede für Ärzte, die der Arzt der Saarbrücken dereinst ins Leben gerufen hatte und die die besten Mediziner der Welt ausbildete. Aedilius war kein junger Mann mehr, aber von kräftiger Statur und hatte auf vielen Schiffen gedient, bevor er für die Expedition eingeteilt worden war. Sein graubrauner Bart war durchfeuchtet und er trug eine Mütze, die seinen Glatzkopf wie eine zweite Haut umschloss.

Er sagte nichts. Er hätte schreien müssen, um sich verständlich zu machen. Sein Blick aber drückte Sorge und etwas Mitleid aus. Aedilius hielt Köhler eine Lederflasche hin, mit geschlossener Öffnung, und als er sie nahm, fühlte er eine angenehme Wärme in seiner Hand, Labsal genug, ohne dass er sie entkorken musste. Wärme und Trockenheit. Es gab wenig, was sich Köhler derzeit mehr wünschte.

Der Medicus nickte ihm auffordernd zu. Köhler wusste, was in der Flasche war: ein perfider Kräutertrunk, von dem alle sagten, dass er das Ekelhafteste sei, was sie jemals getrunken hätten. Köhler hatte genug von Ekel, sodass er den Nachstellungen des Arztes bisher erfolgreich entgangen war. Nun aber hatte Aedilius ihn erwischt.

Es gab kein Entkommen.

Er verzog das Gesicht und wollte den Kopf ein letztes Mal schütteln, doch der Arzt sah ihn entschlossen an und hob warnend einen Zeigefinger. Dann machte er eine gießende Handbewegung vor seinem Mund. Aedilius besaß Kommandogewalt in allen Dingen, die die Gesundheit betrafen. Er durfte sogar Langenhagen Befehle geben.

Also ein Befehl. Köhler war Soldat. Er befolgte Befehle.

Er hob den Korken, schloss die Augen und nahm einen tiefen Schluck. Besser, es gleich hinter sich zu bringen und einen Tod in Würde zu sterben, mannhaft, ohne Angst.

Die brennende, faulige Flüssigkeit floss seine Kehle hinab. Er spürte, wie sein Magen fast sofort rebellierte. Er wusste nicht, was schlimmer war: der absolut widerwärtige Geschmack oder das ätzende Gefühl, als sich der Trunk mit seiner in Aufruhr befindlichen Magensäure verband. Er fühlte sofort, wie der Würgereiz begann, und setzte die Flasche ab, bereit, alles unmittelbar wieder …

Aber nichts geschah.

Köhler riss die Augen auf und lauschte in sich hinein. Eine seltsame, betäubende Wärme hatte sich auf seinen geschundenen Magen gelegt und der Brechreiz war nur noch ein lauerndes Gefühl irgendwo darunter, zugedeckt und alles andere als akut.

Es ging ihm beinahe … gut.

Aedilius sah ihn wissend an, lächelte, machte eine erneute, gießende Bewegung.

Köhler zögerte kein zweites Mal.

Er war ein Narr gewesen.

Er setzte die Flasche an und nahm bewusst einen tiefen Schluck. Es war immer noch ein unsägliches Gebräu, aber nun trank er es ohne Angst und böse Erwartungen. Es machte die Sache leichter. Das wärmende, betäubende Gefühl in seinem Bauch wurde verstärkt und es drängte den Brechreiz zurück, bis dieser beinahe nicht mehr wahrnehmbar war.

Er gab dem Arzt die Flasche zurück. Köhler konnte nicht ermessen, ob sein Gesichtsausdruck auf ausreichende Weise die Dankbarkeit kommunizierte, die er empfand, aber es schien, als sei die Nachricht angekommen. Aedilius nickte ihm zu, schenkte ihm ein Lächeln und wandte sich um. Einige Meter weiter stand ein Bootsmann und reiherte in hohem Bogen eine nicht einmal andeutungsweise verdaute Mahlzeit in die Wellen. Der Wind war unberechenbar. Mit stoischer Gelassenheit wischte sich Köhler ein zerkautes Bröckchen vom Ärmel. Sekunden später hatte ihn die Gischt vollständig gereinigt.

Aedilius lief auf den Bootsmann zu und präsentierte ihm die Flasche. Dem Gesichtsausdruck des Seekranken zufolge war auch dieser Kandidat bisher eher zurückhaltend gewesen, was das Gebräu des Arztes anging. Ein Fehler, wie Köhler nun einzuräumen bereit war. Er betrachtete mit Freude, dass der Bootsmann sich dem Fordern des Arztes unterwarf und kurz darauf der gleiche angenehm berührte Gesichtsausdruck auf seinen Zügen zu sehen war, den Köhler gerade gezeigt haben musste. Fast hastig nahm der Mann einen zweiten Schluck.

Köhler aber kehrte nun an seinen Platz neben dem Navarchen zurück. Ein weiterer hoher Offizier, Adrianus Sextus Cabo, stand auf dem Vorderdeck und gab dort die nötigen Befehle. Der nachtschwarze Himmel und die immer wieder über die Reling brausende Gischt machten es fast unmöglich, von hier zu erkennen, was sich im vorderen Teil des Schiffes abspielte. Es war später Nachmittag, aber die Sonne war nur ein schwach glimmender Schein hinter den dichten Wolkenbänken, die ein mächtiger Wind über den Himmel schob. Es gab nicht viel zu befehlen – die Segel waren fast alle gerefft worden, nur ein kleines Sturmsegel hing am Vordermast. Die Steuerung der Schiffe war vor allem deswegen möglich, weil die Dampfmaschine unter voller Leistung lief und damit dem Schiff genug Vortrieb gab, um mit dem Ruder tatsächlich Einfluss auf den Kurs des Schiffes auszuüben. Der Gubernator war ein muskulöser Mann, der fast so groß wie Köhler war, obgleich er nicht von den generell höher gewachsenen Zeitenwanderern abstammte. Er umklammerte das Ruderrad mit kräftigen Fäusten, trotz der Tatsache, dass es derzeit festgebunden war. Der Sturm kam direkt aus Westen und sie steuerten die Flotte direkt gegen den Wind. Ohne die Dampfmaschinen wäre dies ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen. Es war auch so problematisch genug. Die Schiffe waren robust gebaut und hatten den Sturm bisher problemlos abgeritten. Wie immer war es der Faktor Mensch, der nachzulassen begann.

Helmut Köhler konnte dies zumindest für sich mit einiger Sicherheit behaupten.

»Wie geht es Ihnen?«, rief Langenhagen gegen den Lärm des Sturms und wandte Köhler sein nass glänzendes Gesicht zu. Neben dem Ruder hingen zwei Sturmlampen, die an kurzen Eisenketten nach links und rechts schwankten und unbeirrt ihr fahles Licht auf die Schiffsführung warfen.

»Aedilius!«, schrie Köhler zurück. Er winkte in Richtung des Medicus, der gerade einem weiteren Seemann seinen Kräutertrunk verabreichte, unbeirrbar und schwankend wie die Sturmlampen. Langenhagen grinste und nickte, hatte er doch von Anfang an seine Scheu vor dem Gebräu überwunden und war mit gutem Beispiel vorangegangen. Tatsächlich hatte Köhler ihn dabei beobachtet, wie er Schiffszwieback, Käse und heißen Wein zu sich genommen hatte, ohne alles gleich wieder von sich zu geben.

Köhler beschloss, sein Vertrauen in Aedilius nicht länger unnötig infrage zu stellen.

»Wo sind wir?«, rief er dann.

»Weit ab vom Kurs!«, brüllte Langenhagen zurück. Er zeigte in den Himmel. »Wir werden es erst wissen, wenn es richtig aufklart.«

»Was schätzen Sie?«

»Drei Tage sind vorüber. Der längste Sturm, den ich bisher erlebt habe, ging fünf. Ich glaube, wir haben es bald geschafft.«

Langenhagen klang zuversichtlich und sah auch so aus. Köhler nickte und hielt sich an der Reling fest, die das Achterdeck vor dem Rest des Schiffes abgrenzte. Es war nur die allernötigste Besatzung an Deck. Bootsleute prüften regelmäßig, ob alles gut festgezurrt war, und zählten, ob noch alle Leute da waren, die da sein sollten. Der Rest befand sich im Schiffsinneren und tat nicht viel mehr, als auf ein Ende der Quälerei zu warten.

Köhler entsann sich, dass die ersten beiden Wochen ihrer Reise absolut störungsfrei und friedlich verlaufen waren. Sie waren in den Atlantik vorgedrungen und es schien, als sei ihre Expedition unter einem guten Stern gestartet. Günstige Winde hatten ihr Fortkommen beschleunigt, die Schiffe waren problemlos zusammengeblieben. Die Laune unter den Männern war ausgezeichnet gewesen, voller Neugierde, eine große Lust auf das Erkunden und Entdecken. Als sich dann die Himmel zuzogen und der Sturm sich ankündigte, hatte niemand mit einem so katastrophalen und andauernden Wetterumschwung gerechnet. Dennoch hatten sie alles mit großer Zuversicht erwartet. Waren sie nicht die besten Seeleute des Imperiums? Waren ihre Schiffe nicht die besten der gesamten Flotte?

Und jetzt begann, auch die Stimmung zu kippen. Köhler hoffte, dass Langenhagen – der in Wirklichkeit den Rang eines Navarchen trug, sich aber gerne vornehmlich als Kapitän seines Schiffes ansah – recht behalten würde mit seiner Prognose.

»Gehen Sie unter Deck!«, rief Langenhagen. »Ich will wissen, ob alles in Ordnung ist. Und essen Sie etwas. Der Trunk von Aedilius hilft wirklich. Sie benötigen eine Stärkung. Heißen Wein, leicht verdünnt. Etwas Festes.«

Köhler nickte nur. Jetzt, wo der Kräutertrank seine Wirkung entfaltet hatte, spürte er in der Tat ein ganz anderes Rumoren in seinem Magen. Hunger. Das erste Mal seit drei Tagen eindeutig als Hunger zu erkennen. Er befolgte den Befehl sofort.

Er war dankbar, als er den Niedergang über sich schloss. Es war hier unten etwas stiller als an Deck, das Brausen des Sturms trat ein wenig in den Hintergrund. Er sah, wie Matrosen ihn ansahen, ihm zunickten, oft müde an der Wand saßen oder zusammengerollt in den Hängematten, alle in unterschiedlichen Phasen von Erschöpfung, Langeweile oder Krankheit. Es herrschte aber Ruhe, ein wenig Fatalismus und es gab nur wenige Gespräche. Kein Würfelspiel. Keinen Lärm, außer dem gedämpften Tosen von draußen. Eine gewisse Disziplin in der Ermattung. Gut genug für Köhler, gut genug für das Schiff.

Er kam zur Kombüse. Der Schiffskoch, von allen in der Sprache der Zeitenwanderer Smutje genannt, schaute ihn erwartungsvoll an. Es war bezeichnend, dass der einzige Mann, der vom Sturm gesundheitlich absolut unbeeindruckt geblieben war, ausgerechnet der Herr über die Vorräte war, die alle nach der Zufuhr gleich wieder von sich gaben. Er zeigte seine Zahnlücken, als er Köhler angrinste und mit einer weit ausholenden Geste auf seine Vorräte wies. Der Mann war sein bester Kunde und kaute immer auf irgendwas herum. Auch jetzt bewegte sich sein Mund nicht nur entsprechend seiner Worte, sondern ebenfalls, um etwas zu zerkleinern. Köhler hätte dieser Anblick vor Kurzem noch Übelkeit bereitet, jetzt löste er aber beinahe so etwas wie Vorfreude bei ihm aus.

»Ein neuer Anlauf, geehrter Herr?« Der Mann triefte vor Scheinheiligkeit.

»Immer noch ein Magen aus Eisen, Vitelius?«

»Bronze, wie unsere tapfere Maschine. Etwas Wein?«

»Wasser und Zwieback.«

»Das ganz große Risiko, Herr. Ihr seid ein mutiger Mann, eine Zierde der Flotte, ein Abbild römischer Männlichkeit.«

»Hör auf zu quatschen.«

Der Smutje reichte ihm grinsend das Gewünschte und beobachtete mit einem gewissen lauernden Blick, was nun geschehen würde. Er zeigte sich rechtschaffen beeindruckt, als Köhler die Speise mit methodischem Kauen zu sich nahm und dann betont pikiert einige aufgeweichte Krümel vom Mantel pickte. Der Smutje lächelte wissend.

»Der Kräutertrunk des Medicus.«

»Kluger Mann.«

»Ich schwöre auf das Zeugs. Habe aber noch nichts davon getrunken.« Der Koch klopfte auf seinen Bauch. »Bronze, wie Ihr wisst.«

Köhler warf dem Mann einen abschätzigen Blick zu, freute sich aber wie ein Kind darüber, dass der Zwieback in seinem Magen keine Anstalten machte, diesen wieder zu verlassen.

»Hier unten alles in Ordnung?«

Wenn diese Frage jemand beantworten konnte, dann der Smutje. Er war einer der wenigen, die alles immer noch mit wachen Augen betrachteten. Und sich über das meiste auf seine Art sehr amüsierte.

»Mit Abstrichen. Ich glaube, einige langweilen sich beinahe.«

»Sobald der Wind nachlässt, setzen wir wieder die Segel, um Kohle zu sparen. Dann wird es wieder mehr als genug zu tun geben.«

»Das gilt aber nicht für die Legionäre. Denen ist nicht nur übel, die wissen absolut nicht, was sie mit sich anfangen können.«

»Da oben ist viel aufzuräumen. Wir werden Arbeitskommandos zusammenstellen. Auch die werden beschäftigt.«

Vitelius nickte und kratzte sich hinter dem Ohr. Offenbar fand er dabei etwas, das er für einen Moment aufmerksam betrachtete, ehe er es zwischen seine beschäftigten Kiefer schob. Köhler war sich einigermaßen sicher, dass so was nicht gesund sein konnte.

»Wie lange?«

»Der Trierarch meint, nicht mehr als zwei Tage.«

»Und wir sind weiter in Richtung Westen unterwegs?«

»Sind wir. Ob der Sturm die Flotte auseinandergetragen hat, dazu sage ich aber lieber nichts. Wir haben seit Beginn des Unwetters keinen Kontakt mehr mit den anderen Schiffen. Auf der Kurzwelle nur Rauschen. Wir werden auch hier warten müssen, was das Ende des Winds uns bringt.«

»Zwei Tage?«

Köhler lächelte.

»Wird es dir zu viel? Trotz eines Magens aus Bronze?«

»Ich habe seit drei Tagen nichts Ordentliches mehr gekocht. Ich bin erfüllt von Mitleid und Fürsorge für meine darbenden Kameraden. Die müssen wieder was richtig zwischen die Zähne bekommen.«

Köhler stimmte zu. Er ging allerdings davon aus, dass der Smutje bei seinem Lamento nicht zuletzt an seine eigenen Zähne dachte.

»Es wird schon.«

Köhler hob die Hand zum Gruß und wandte sich ab. Ein kurzer Durchgang unter Deck bestätigte die Aussage des Kochs. Es war alles ruhig, soweit man bei diesen heftigen Wellenbewegungen wirklich von Ruhe sprechen konnte. Er beantwortete einige Fragen – in etwa die gleichen, die er eben bereits diskutiert hatte – und verbreitete mehr Zuversicht, als er empfand.

Aber dafür war er auch der Zweite Offizier. Immer lächeln und winken.

Als er sich schließlich wieder nach oben gekämpft hatte, schloss er beinahe geblendet die Augen. Der Lichtstrahl, der kurz durch eine der dicken Wolkenbänke auf sie hinabgestrahlt hatte, war zwar genauso schnell wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war – aber sein Herz machte einen Hüpfer, als er das Licht über die heftigen Wellen tanzen sah.

Ein gutes Zeichen.

Langenhagen nickte ihm zu, grinste fröhlich. Selbst der Steuermann wirkte entspannt, obgleich er das Steuerrad immer noch genauso fest umklammerte wie zu dem Zeitpunkt, da Köhler ihn das letzte Mal erblickt hatte.

Der Wind ließ nicht nach. Ein tiefes Wellental ließ Köhlers Magen wieder nach oben wandern, doch diesmal war alles unter Kontrolle.

Es wurde besser.

Es wurde jetzt alles besser.

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