Preview am Sonntag (36)

Googol1Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Im Sommer hatten wir den Auftakt aus “Googol” von H. D. Klein hier online gestellt. Am vorigen Sonntag folgte eine weitere Sequenz, die an die vom Sommer anschloss. Da der Roman Ende Januar 2015 als Hardcover, Paperback und eBook erscheint, folgt heute eine dritte und vermutlich letzte Leseprobe. Das Titelbild stammt von Timo Kümmel.

 

Bei »Herr Schmidt« verzog ich leicht die Mundwinkel, denn das war nicht mein richtiger Name. Hellbrügge hatte mir das eingebrockt. Er war der Meinung gewesen, die Untersuchung ohne großes Aufsehen zu erledigen. Ich hatte »Schmidt« nicht besonders geistreich gefunden, aber Hellbrügge hatte sich köstlich darüber amüsiert. Natürlich war der blödsinnige Name seine Idee gewesen. »John, nächste Woche triffst du dich mit dem blauen Team in Petra und bist anschließend bei Wellington in Melbourne. Danach könntest du kurz wegen dieser Sache in der Allison Walls Station vorbeisehen. Ich will deswegen keinen großen Rummel haben. Dr. Appalong habe ich benachrichtigt, dass ein Herr … äh … Schmidt bei ihm vorbeikommen wird.«

Appalong stand abwartend vor mir. Ich schaute kurz auf meine Uhr. In Deutschland war es jetzt sieben Uhr morgens. Hellbrügge war Frühaufsteher und immer als einer der Ersten im Büro.

Ich machte mit dem Videoboard eine beschwichtigende Geste und sagte: »Bitte beruhigen Sie sich! Kommen Sie, gehen wir ein Stück.«

Ich wandte mich nach rechts, schlenderte an der Station vorbei, wo ein schmaler Pfad auf den etwa dreißig Meter höher gelegenen Gipfel führte. Appalong zögerte zunächst, doch dann stieg er gehorsam hinter mir her.

Oben angekommen, genossen wir beide schweigend den atemberaubenden Blick in den alten Meteoritenkrater, der nun wegen des nahen Sonnenunterganges in einem schwarz-grünen Schatten lag. Auf der linken Seite, nicht weit unter uns, ragte das weiße Flachdach der Station in die Dämmerung, gefolgt von einer höher gebauten Kuppel, in der das 3-Meter-Spiegelteleskop untergebracht war. Auf dem nächsten Hügel, der etwas tiefer lag, befand sich eine Plantage von Sende- und Empfangsschüsseln, die unordentlich kreuz und quer zu stehen schienen.

Die Allison Walls Station war im Jahre 2011 unter heftigen Protesten von Naturschützern aus aller Welt von der australischen Regierung genehmigt worden. Die Southern European Space Cargo Convention, wie die vollständige Bezeichnung des Konzerns lautete, hatte sich in den Jahren zuvor die Nutzungsrechte für das Kratergebiet mit der Verpflichtung gesichert, das gesamte Northern Territory mit Satellitenprogrammen per Lichtkabel zu versorgen. Weiterhin wurden den Australiern Nutzungsrechte für astronomische und terrestrische Beobachtungen zugestanden.

Die Proteste verhallten rasch in der Öffentlichkeit. Zum einen, weil damals das Interesse am Landesinneren wegen seiner Kargheit nicht besonders groß war, und zum anderen verstand es die Regierung, die Vorteile hervorzuheben, die aus dem Vorhandensein einer solchen Station erwachsen würden. Fast unbemerkt begannen vier Monate später die Bauarbeiten, die aus Wilbury’s Farm am Fuße des Kraters kurzfristig Wilbury City machten und nach zwei Jahren die Restsiedlung Wilbury hinterließen.

Ich nickte schließlich wie nach einem stillen Gebet und wandte mich Appalong zu, der mich ausdruckslos anstarrte. Ich deutete auf ein altes Holzkreuz, das wohl den Gipfel markieren sollte, und überraschte ihn mit der Frage.

»Sind Sie religiös?«

Ich sah Appalong an, dass er nicht wusste, was ich mit der Frage bezweckte, und enthob ihn von einer Antwort, indem ich zum Kreuz ging und das Videoboard daran befestigte. Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel, nachdem ich mich wieder zu ihm gesellt hatte, aber meine Geschmacklosigkeit schien ihn nicht weiter zu berühren.

Na ja, vielleicht gehörte er immer noch einem Aborigines-Stamm und dessen Gebräuchen an. Ich räusperte mich leise.

»Suzanne, bitte eine Verbindung mit Dr. Hellbrügge!«

In meinen Ohren ertönte ein leises Piepsen als Bestätigung.

Ich spürte förmlich, wie sich Appalong neben mir versteifte und mich überrascht ansah.

»Wer ist Suzanne?«

Auf dem Videoboard erschien das Logo des Konzerns, ein silberner Stern, der aus dem Dunkel kam, größer wurde und verschwand. Hunderte von kleineren Sternen tauchten auf, wurden größer, kamen auf den Betrachter zu, gefolgt von Abertausenden von Sternen und so weiter …

Ich hob die Hand. »Ich werde Ihnen gleich alles erklären.«

Auf dem Schirm erschien das Gesicht von Dr. Joachim Hellbrügge, einem der wichtigsten Männer von Space Cargo in Manching bei München. Ihm unterstand die wissenschaftliche Abteilung der Raumflotte des Konzerns. Außerdem hatte er dieses Jahr den Vorsitzposten im internationalen Kontrollrat für extraterrestrische Exkursionen inne, einem Gremium, das versuchte, die Schürf- und Besitzrechte der großen Konzerne auf dem Mond und den Asteroiden zu legitimieren, für die es nach wie vor keine anerkannten Grundlagenverträge gab.

Hellbrügge war fast 70 Jahre alt, hatte ein schmales, kantiges Gesicht und schneeweiße Haare. Er musste sich in einem Labor befinden, denn im Hintergrund erfasste das Weitwinkelobjektiv der Sichtverbindung ausgedehnte Versuchsanlagen. Hellbrügge ordnete seine modische, zweigeteilte Krawatte und lachte in die Kamera.

»Guten Morgen, John!«

Ich lächelte nachsichtig.

»Guten Abend, Joachim!«

Hellbrügge überging meine Anspielung auf die Tageszeit und wandte sich an Appalong, der ebenfalls von dem Kameraauge des Videoboards erfasst wurde.

»Guten Morgen, Dr. Appalong, wir haben uns lange nicht gesehen! Ehrlich gesagt, sehe ich Sie nicht allzu deutlich, denn die Lichtverhältnisse sind bei euch nicht allzu gut.«
Appalong trat etwas nach vorne und murmelte ein leises »Guten Morgen«, was in Anbetracht der untergegangenen Sonne nicht überzeugend wirkte. Ich beugte mich nach vorne, zog einen kleinen Lichtquader aus dem Board und setzte ihn auf die Spitze des Kreuzes, von wo aus er uns notdürftig beleuchtete.

Nachdem wir die Begrüßung nun hinter uns hatten, ergriff ich das Wort: »Joachim, ich habe Herrn Dr. Appalong zu diesem Gespräch hinzugebeten, weil ich glaube, dass die Umstände es erfordern. Mit anderen Worten: Ich möchte ihn in unser kleines Geheimnis einweihen! Wir haben nämlich noch kein befriedigendes Ergebnis in der Sache. Genauer gesagt, sind wir keinen Schritt weitergekommen.«

Hellbrügge beugte sich weit nach vorne, weil er sich einen Stuhl heranzog. Dadurch erschien seine Nase einen Moment lang riesig groß auf dem Videoboard, wurde aber sofort wieder in die richtige Dimension gerückt, als er sich setzte.
»Verzichte bitte auf diese Förmlichkeiten, John! Wenn du glaubst, dass es der Sache weiterhilft, dann erkläre Dr. Appalong den Zweck deines Aufenthaltes in seiner Station. Meiner Meinung nach ist es sowieso unumgänglich.«

»Ja, dann …«

Hellbrügge unterbrach mich, indem er sich an Appalong wandte.

»Dr. Appalong, verzeihen Sie bitte das Eindringen meines Mitarbeiters in Ihren Arbeitsbereich! Ich verspreche Ihnen, dass er Sie spätestens morgen wieder verlassen haben wird.«

Dann sprach er mich wieder an.

»John, du hast es gehört. Ich sehe dich spätestens am 1. September wieder hier in Manching!«

»Ich habe verstanden.«

»Dr. Appalong, auf Wiedersehen! Passen Sie auf John auf, er fliegt gerne mit seinem komischen Vogel in der Gegend herum!«

Zwei weiße Zahnreihen blitzten mich von der Seite her an.

»Wird er hier nicht tun. Ich passe auf ihn auf. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Dr. Hellbrügge!«

Übergangslos verblasste Hellbrügge auf dem Videoboard und diesmal flossen abertausend Sterne zurück ins All, bis der Bildschirm langsam schwarz wurde.

Ich starrte noch auf das dunkle Rechteck, als Appalong plötzlich sagte: »Sie heißen nicht Schmidt!«

Seufzend suchte ich mir einen Platz zum Hinsetzen und gewann dadurch etwas Zeit, um mir eine Antwort zu überlegen.

»Ich schlage vor, wir erledigen eins nach dem andern. Haben Sie bitte noch etwas Geduld, dann kann ich all Ihre Fragen beantworten.«

Appalong schwieg, als ich auf das Videoboard deutete, das nun in einem gespenstischen Grau flimmerte.

»Suzanne, bitte die erste Aufnahme von Raumkadett Wolfen!«

Ich schaute zu Appalong hoch, der neben mir stand. Er merkte, dass es unhöflich von ihm war, neben mir stehen zu bleiben, und setzte sich schließlich ebenfalls auf den noch warmen Boden.

»Vor einem Monat fotografierte ein Raumkadett namens Reinhard Wolfen den Sektor des südlichen Sternenhimmels, den Sie und Ihr Team analysiert haben. Wolfen ist Besatzungsmitglied der Hermann Oberth, die sich auf dem Rückflug von der Mond-Raumstation zum Raumpark Prater befand. Wolfen ist ein engagierter Hobbyfotograf und benutzt in seiner Freizeit an Bord eine alte Glasplatten-Kamera, um Sterne aufzunehmen. Er hatte sich eine Apparatur gebastelt, mit der er die Kamera an den Objektivrechner des Bordobservatoriums anschließen konnte.«

Auf dem Videoboard war mittlerweile eine Aufnahme erschienen, die Barnards Stern und seine Umgebung zeigte. Ich beugte mich kurz wieder nach vorne und nahm den Lichtquader vom Kreuz, da er uns blendete.
»Wolfen benutzt von ihm selbst gegossene Filmemulsionen, die er erst zu Hause entwickelt, und belichtet deswegen zur Sicherheit zwei Glasplatten von jedem Objekt, das er fotografiert. Dieses hier ist die erste Aufnahme von Barnards Stern.« Ich stand halb auf und kroch in der Hocke zum Board. Appalong folgte mir auf ähnliche Weise, als ich auf einen bestimmten Punkt deutete.

»So, hier! Suzanne, jetzt bitte die Ausschnittsvergrößerung!«

In dem Rechteck schien förmlich ein kleines Universum zu explodieren, bis sich eine Vergrößerung des von mir angezeigten Teils zeigte.

»Fällt Ihnen etwas auf?«
Appalong rutschte noch näher an das Kreuz heran. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf.

»Warten Sie! Suzanne, nimm bitte von der zweiten Aufnahme denselben Vergrößerungsfaktor und bilde abwechselnd im Abstand von einer Sekunde die erste und zweite Aufnahme ab!«
Anfangs passierte nichts. Plötzlich blinkte fast in der Mitte des Videoboards ein schwacher Punkt. Appalong bemerkte ihn sofort und ruckte nach vorne, bis er fast mit der Nasenspitze den Flachbettmonitor berührte.

»Ein Dreieck! Ein verzerrtes Dreieck!«

Er drehte sich auf den Hacken um und schaute mich verständnislos an.

»Und was ist das?«
»Das hat sich Wolfen auch gefragt. Er ist übrigens nur durch Zufall auf das Dreieck gestoßen, als er das Negativ stichprobenartig mit einer Rasterlupe auf Unschärfen hin untersuchte. Er glaubte zuerst an einen Fehler in der Filmemulsion, da er sie, wie schon erwähnt, selber herstellt, und schaute sich daraufhin die Stelle auch auf dem zweiten Negativ an.«

Ich nickte zum Kreuz hin.

»Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie auf der einen Aufnahme zwei aneinanderhängende Dreiecke sehen, allerdings viel schwächer und in einer anderen Perspektive als auf der zweiten.«

Appalong ging wieder auf Nasenspitzenentfernung zum Videoboard und konzentrierte sich auf die Vergrößerungen.

Schließlich sagte er: »Ist das alles?«

Ich ging nicht auf seine Frage ein.

»Wolfen war zunächst unschlüssig, was er tun sollte. Schließlich ging er mit den beiden Aufnahmen zu seinem Vorgesetzten, Kapitän Engels, dem Kommandanten der Hermann Oberth. Engels fand die Angelegenheit nur mäßig interessant, schickte die Aufnahmen aber immerhin mit einem entsprechenden Vermerk an die wissenschaftliche Abteilung von Dr. Hellbrügge.«

Appalongs Augen funkelten mich aus der Dunkelheit an. Ich spürte, dass er wütend war, weil ich seine Anlage einen Tag lang in Anspruch genommen hatte. Und noch wütender wurde, als ihm klar wurde, wofür ich sie benutzt hatte.
»Dort bestätigte eine Strukturanalyse die Echtheit der Negative«, fuhr ich schnell fort, »und laut der Raumkontrollstation Intro Astra befindet sich dort im Weltraum rein gar nichts! Kein Forschungsschiff, keine Station, nichts, was aus diesem Planetensystem stammt. Außerdem liegt die Richtung von Barnards Stern unterhalb der Ekliptik und dort ist nichts Interessantes, was den Einsatz von einer Sonde oder etwas Ähnlichem rechtfertigen würde.«

Appalong beherrschte sich nur mühsam.

»Was ich nicht verstehe, warum haben Sie sich ausgerechnet unsere Station ausgesucht, um eine Bestätigung für Ihr … Ihr Dreieck zu bekommen? Darum dreht sich ja wohl das ganze Theater.«

Er war aufgestanden. Seine Skepsis und Ablehnung gegenüber dem bisher Gehörten und Gesehenem traten nun offen zutage.

Ich stand auch auf und klopfte imaginären Staub aus meinen Shorts.

»Dafür gibt es mehrere Gründe. Einmal, weil Hellbrügge glaubt, dass dort draußen etwas ist, von dem wir nichts wissen. Um aber Genaueres zu erfahren, braucht er weitere Informationen. Diese Station hier gehört zu 80 Prozent dem Konzern, also hat er ein gewisses Recht darauf, die Anlage zu benutzen.«

Mein Gott, jetzt fing ich schon an, mich vor Appalong zu rechtfertigen.

»Zum anderen, was sollte Hellbrügge denn unternehmen? Das Raumobservatorium bitten, doch mal diesen Sektor zu untersuchen, weil ein 25-jähriger Kadett mit primitiven Mitteln ein kleines Dreieck entdeckt hat?«

»Genau das ist es, was mir an der Sache stinkt! Irgendjemand präsentiert euch ein Negativ mit einem kleinen Etwas darauf und schon düst ein ›wichtiger Mitarbeiter‹ des Konzerns los und legt eine 3-Milliarden-Dollar-Station lahm. Wahrscheinlich lacht sich euer Kadett Wolfen gerade halb tot über den Zirkus, mit dem er euch verladen hat!«

Wütend ging er zum Holzkreuz, riss das Videoboard herunter und schaltete es aus. Das fahle Leuchten des Monitors erlosch und damit standen wir im Dunkeln. Vorsichtig trat Appalong vor mich hin und sagte leise: »Und weil wir gerade von ›Verladen‹ sprechen. Jetzt erzählen Sie mir doch endlich einmal, wer Sie eigentlich sind!«

Ich fühlte ihn mehr, als dass ich ihn sah, so dunkel war es mittlerweile geworden. Trotz alledem fand ich ihn sehr sympathisch, diesen schwarzen Australier.

»Mein Name ist John Nurminen und ich bin Astronaut. Oder noch genauer: Ich bin Kommandant der Albert Einstein
   

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