Preview am Sonntag (35)

Googol1Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Im Sommer hatten wir den Auftakt aus “Googol” von H. D. Klein hier online gestellt. Der Roman erscheint Ende Januar 2015 als Hardcover, Paperback und eBook. Ab sofort ist er beim Verlag vorbestellbar. Das Titelbild stammt von Timo Kümmel. Die heutige Sequenz setzt an die oben verlinkte Leseprobe an.

 

Die Landung gelang mir perfekt und ließ mich meinen Leichtsinn von vorhin vergessen. Ich hatte kurz zuvor die Station überflogen, um mich zu vergewissern, dass auf dem kleinen Parkplatz neben dem Hubschrauberlandeplatz Raum genug für eine Landung war. Es standen dort lediglich einige Fahrzeuge in einer Reihe. Benutzt wurde er ohnehin nur von Leuten, denen es Freude bereitete, die kurvige Straße hinauf zur Station zu fahren. Der Haupteingang und ein großer Parkplatz lagen 600 Meter tiefer im Berg. Ein schneller Lift beförderte Menschen und Versorgungsgüter direkt in die Station.

Die Thermik machte sich nur noch durch einen schwachen Heber bemerkbar, als ich den Kraterrand in Richtung der Ebene passierte. Trotzdem schaltete ich den Jetbag wieder an und steuerte die Kante nach einem kurzen Wendebogen von unten an. Verwegen glitt ich über die steinerne Umrandung des Parkplatzes, nachdem ich den Gleiter knapp vor der aufsteigenden Wand nach oben gerissen hatte. Unmittelbar vorher hatte ich das Aggregat heruntergeregelt und sofort über dem Plastikbelag auf Umkehrschub geschaltet.

Das Manöver war etwas gewagt, aber es klappte perfekt. Wie ein mächtiger Cherub schwebte ich kurz über dem Boden, bis mich der Schub sanft nach unten drückte. Elegant setze ich zuerst mit dem linken Fuß auf und schaltete den Jetbag aus. Dann drückte ich den Bügel nach oben. Leise summend falteten sich die Flügel zusammen.

Ich schaute mich um und stellte fest, dass ich alleine mit dem Fluggerät auf dem kleinen Plateau stand. Die zwei Stockwerke der Station, die über dem Erdboden lagen, schienen verlassen in der Abenddämmerung zu liegen.

Vorsichtig löste ich die Gurte des Albatros und stieg aus dem Fluggeschirr. Dann legte ich das leichte Fluggerät behutsam auf den kühlen Plastikbelag des Parkplatzes. Ich streckte langsam die Arme angewinkelt zur Seite, drückte meinen Rücken durch und ließ mich laut ausatmend in die Hocke fallen.

Mit den Füßen platt am Boden blieb ich so minutenlang in dieser Stellung und starrte vor mich hin. Ich erinnerte mich daran, dass wir als Kinder oft auf diese Weise im Kreis gesessen hatten. Verwundert bemerkte ich, dass ich es mit meinen 45 Jahren noch schaffte, so lange in der Hocke auszuhalten. Während ich noch darüber nachdachte, versuchte ich, ohne Muskelanspannung in dieser Haltung zu bleiben, und kippte sofort nach hinten weg. Ich stützte mich mit den Händen ab und blinzelte in die Sonne, die als dunstverhangene rote Scheibe knapp über dem gegenüberliegenden Kraterrand am Himmel stand.
»John!«

Ich drehte mich umständlich herum und sah den Stationsleiter Dr. »Ape« Appalong auf mich zukommen. Seufzend stand ich auf. Dr. Appalong war ein Nachkomme der Aborigines, der Ureinwohner Australiens: etwa 1,69 Meter groß, breit in den Schultern und mit einem extrem dunklen Hautton ausgestattet. Einfacher ausgedrückt: Der Mann war schlicht schwarz! Angefangen von der Hautfarbe, die aussah, als hätte ein schwarzer Mann versucht, durch intensives Sonnenbaden noch dunkler zu werden, bis hin zu den blauschwarzen Kraushaaren war er schwarz. Zwischen einer kantigen, nach vorne gewölbten Stirn und einer breit gequetschten Nase lagen tiefschwarze Augen. Ein riesengroßer Mund mit wulstigen schwarzen Lippen, die von kleinen, dunkelrosa schimmernden Rissen durchzogen waren, wurde von einem grau-schwarzen Bartflaum umrahmt, der sich sofort kräuselte, nachdem er die Haut durchstoßen hatte.

Ich grinste in mich hinein. Jeder andere Spitzname als »Ape« wäre einfach nicht zutreffend gewesen. Merkwürdigerweise redeten ihn alle in der Station mit Ape an, ohne dass er Anstoß daran nahm. Selbst mir wurde er nach meiner Ankunft mit diesem Namen vorgestellt.

Als harten Kontrast zu seiner Hautfarbe trug er ein kurzärmeliges weißes Hemd, eine weiße Hose und einfache Sandalen. In der rechten Hand hielt er ein kleines Videoboard.

»Hallo, Ape!«

»John, ich war in großer Sorge um Sie! Was haben Sie sich denn dabei gedacht?« Er deutete auf meinen Albatros.

Ich traute mich nicht, etwas zu meiner Entschuldigung zu sagen.

Ape ging langsam um das auf der Seite liegende Fluggeschirr herum.
»Nicht schlecht. Ein Albatros mit einem Kocher obenauf.«

Ich war erstaunt darüber, dass er den Jetbag als Kocher bezeichnete, denn der Ausdruck wurde nur von eingefleischten Birdies benutzt. Für manche war es schlichtweg eine Schande, so ein Ding überhaupt zu besitzen, und noch schlimmer, es zu benutzen.

Ein weiterer Minuspunkt für mich, denn das Aggregat gab noch deutlich flimmernde Hitze ab.

»Wenn Sie mir gesagt hätten, was Sie vorhaben, hätten wir den Ausflug gemeinsam unternehmen können. Ich habe ein ähnliches Modell hier oben in der Station.«

Er stützte die Hände in die Hüften und stand jetzt direkt vor mir. Die Sonne ging nun schnell unter und das restliche Licht verwandelte sich in ein fahles Nachglimmen. So erkannte ich auch keine wesentlichen Regungen in Appalongs Gesicht, außer dass sich das Weiß in seinen rollenden Augen veränderte.

»Ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass Sie da unten im Krater Kopf und Kragen riskiert haben. Besonders um diese Tageszeit können die Windverhältnisse unberechenbar sein.«

Mir blieb nichts anderes übrig, als ergeben zu nicken. »Ich weiß, ich weiß! Es ist lange her, seit ich das letzte Mal damit geflogen bin. Deswegen war es leichtsinnig von mir, so einfach loszufliegen, ohne mich vorher über die Verhältnisse hier zu informieren. Und die sind nicht von Pappe, das kann ich jetzt bestätigen.«

Es folgten ein paar Sekunden Schweigen, die Appalong mit einem freundschaftlichen Tätscheln an meinem rechten Oberarm beendete.

»Dafür haben Sie sich aber gekonnt aus der Affäre gezogen! Ein Anfänger würde jetzt mit zerschmetterten Gliedern da unten liegen.«

Aus dem Halbdunkel leuchteten mir zwei Reihen weißer Zähne entgegen, die mich an die Grinse-Katze aus einem uralten Disney-Film erinnerten.

Die Zähne verschwanden und er änderte abrupt das Thema: »Hier habe ich die Ergebnisse der Untersuchungen über Barnards Stern, um die Sie mich gestern gebeten hatten.«

Er tippte einen Startcode auf das Videoboard und hielt es mir hin. Ich nahm es ihm nicht ab und warf nur einen kurzen Blick auf die leuchtenden Ziffern und Abbildungen, die auf der Tafel erschienen waren.

»Erzählen Sie mir, was Sie gefunden haben.«

»Gefunden?«

»Ich meine damit, ob Ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen ist oder ob Sie eine Unregelmäßigkeit entdeckt haben.«

»Nein. Sollten wir denn eine Unregelmäßigkeit entdecken?« Seine Stimme klang verwundert und auch etwas verärgert, wie mir schien.

»Zeigen Sie mal her!«

Er gab mir das Videoboard und ich tippte schnell die Seiten durch, bis mir die Aufnahmen des Sektors von Barnards Stern entgegenleuchteten. Dann vergrößerte ich einen bestimmten Ausschnitt und sah ihn mir genau an.

Nichts.

Ich vergrößerte noch mehr.

Nichts.

»Haben Sie nur diese eine Aufnahme gemacht?«

»Wir haben noch Aufnahmen im Bereich der Radiostrahlung, Röntgen- und Infrarotstrahlung. Weiter hinten.«

Ich ging den Bericht weiter durch und sah mir die betreffenden Aufnahmen sorgfältig an.

Auch hier nichts.

»Gibt es Aufnahmen, die zeitlich versetzt aufgenommen wurden?«

Appalong drehte sich steif kurz von mir weg, verharrte ein paar Sekunden in dieser Stellung und wandte sich danach mir wieder zu.

»John, so geht das nicht. Meinen Sie nicht, dass es jetzt an der Zeit wäre, ein paar Dinge zu klären: Vor drei Tagen rief mich Dr. Hellbrügge an, der wissenschaftliche Direktor von Space Cargo in Deutschland. Er erklärte mir, dass ein Mitarbeiter mit einem Sonderstatus hierher kommen werde und ich diesen Mann, also Sie – in einer ›bestimmten Sache‹ bestmöglich unterstützen solle. Da 80 Prozent dieser Anlage hier dem Konzern Space Cargo gehören und Ihr Identifikationscode Sie als den angekündigten ›wichtigen Mitarbeiter‹ auswies, haben wir unsere Routinearbeit unterbrochen und uns ausschließlich Ihrem Anliegen gewidmet.«

Ich hob beschwichtigend meine Hand und wollte ihn unterbrechen, aber er legte zwei Finger an die Stirn, als müsse er sich stark konzentrieren. Schließlich sprach er mit scharfer Stimme weiter.

»Wir sollten das nähere Umfeld von Barnards Stern mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln untersuchen und analysieren. Wir haben dafür sehr viel von unserer üblichen Arbeit hintangestellt, um die Anlage für Sie und Ihren Stern einzurichten. Von der Zeit, in der die Spektraltaster, die Simultanschirme und die dazugehörigen Computerkomplexe belegt waren, will ich gar nicht reden.«

Appalong holte tief Luft. »Und jetzt halten Sie das Ergebnis in der Hand. Ein Ergebnis übrigens, das ich Ihnen ein paar Minuten nach Ihrer Ankunft hätte mitteilen können, denn der untersuchte Sektor hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Das einzig Neue, was wir jetzt haben, Herr Schmidt, ist eine noch perfektere Beschreibung des elektromagnetischen Spektrums dieses winzig kleinen Ausschnitts am südlichen Sternenhimmel.«

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