Preview am Sonntag (34)

vdkImmer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Im August hatten wir hier den Prolog aus “Das Vermächtnis des Königs” von Stefan Burban, Band 1 der Fantasy-Reihe “Die Chronik des großen Dämonenkrieges”, online gestellt. Der Roman erscheint im Frühjahr 2015 als Hardcover, Paperback und eBook. Das Titelbild stammt von Mark Freier. Heute folgt der Auftakt zum ersten Kapitel.

Dreigan Astari lenkte sein Pferd durch die großen Stadttore von Tansara, wobei er geschickt den Menschenmassen auswich, die sich durch die schmale Öffnung drängten. Es war Markttag in der Hauptstadt und er hoffte, in der bunten Menschenmenge nicht weiter aufzufallen.

Der eisige Wind pfiff heulend durch die enge Passage wie durch einen Kamin und fuhr ihm wie eine eiskalte Sense durch das dichte schwarze Haar. Die Schneeflocken verwirbelten in anmutige, wunderschöne Muster. Aber um auf solcherlei ästhetische Dinge zu achten, fehlte ihm momentan sowohl die Geduld, als auch die Nerven.

Dreigan zog den schweren Mantel enger um seinen abgemagerten, frierenden Körper und verzog den Mund zu einer verärgerten Grimasse. Menschenansammlungen waren ihm zuwider. Er zog die Einsamkeit eines Lagerfeuers oder die stille Kameradschaft von Soldaten dem Leben in einer großen Stadt jederzeit vor. Das galt vor allem für diese Stadt. Angewidert spuckte er aus.

Leider ließen ihm die Umstände nicht viele Alternativen. Er nannte nur noch drei Bronzemünzen sein eigen. Nicht gerade ein berauschendes Vermögen. Ansonsten besaß er nur noch den braunen Wallach, auf dem er saß, und was er an Kleidung am Körper trug.

Einen Bärenfellmantel, ein einfaches dunkelbraunes Beinkleid, ein grobes, mit Nieten besetztes Lederwams und darunter ein schmutziggraues Leinenhemd. Sein wichtigster Besitz waren der Bogen, der mit einem leeren Köcher am Sattel hing und das Schwert, das er normalerweise auf dem Rücken trug, diesmal jedoch der Bequemlichkeit wegen ebenfalls am Sattel befestigt war. Alles in allem bot Dreigan einen sehr abgerissenen Eindruck. Er selbst war der Erste, der dies gerne zugab.

Die Strapazen der letzten Wochen hatten ihre Spuren hinterlassen. Seine Figur wirkte eingefallen, um nicht zu sagen ausgemergelt. Sein nackenlanges, braunes Haar war verfilzt und ungekämmt.

Unter den reichen Kaufleuten, Händlern, Handwerkern und Schmieden, die am Markttag in die Stadt strömten, um ihre Waren feil zu bieten, stach er heraus wie ein Esel unter einer Herde Vollbluthengste. Selbst die Dirnen machten einen großen Bogen um ihn und konzentrierten sich stattdessen auf lohnendere Beute. Davon gab es heute reichlich in der Stadt. Mit etwas Glück konnte er bei einer der zahlreichen Karawanen als Wächter anheuern, um über die Runden zu kommen.

Zwei ganz in schwarz gekleidete Soldaten stolzierten arrogant durch die Straße. Die Menge teilte sich vor ihnen und nicht wenige wichen sogar angstvoll vor ihnen zurück. Keiner wollte König Cedrics Soldaten zu nahe kommen. Diese Männer standen in dem Ruf rachsüchtig und kleingeistig zu sein. Tod und Folter machten ihnen Spaß. Das erzählte man sich hinter vorgehaltener Hand. Niemand würde es allerdings wagen, ihnen das ins Gesicht zu sagen.

Die Visiere der Gardisten waren geschlossen. Man sah sie nur sehr selten mit geöffnetem Visier oder sogar ganz ohne Helm. Diese Männer umgab eine Aura des Düsteren. Dreigan widerstand nur mit Mühe dem Drang, erneut auszuspucken..

Die Soldaten gingen langsamer, als sie seine Blicke bemerkten. Mit aller Kraft zwang er sich, die Augen zu senken, als wäre nichts geschehen.

Nur nicht auffallen, ermahnte er sich im Stillen.
Für einen Augenblick rutschte er unsicher auf seinem Sattel umher. Er verdeckte den Knauf des Schwerts notdürftig mit seinem Mantel und hoffte, die Gardisten würden die Handbewegung nicht bemerken. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, hierher zu kommen. Vielleicht hatten sie ihn erkannt? Oder das Schwert, das er trug? Vielleicht gab es sogar einen Steckbrief mit seinem Gesicht darauf? Er wog seine Chancen ab. Mit den beiden konnte er zweifellos fertig werden. Aber was dann? Aus der Stadt würde er nicht mehr herauskommen und sie hätten ihn nach kurzer Zeit bestimmt ergriffen.

Der Augenblick ging jedoch gefahrlos vorbei. Die Soldaten passierten ihn, ohne ihn weiter zu beachten. Dreigan war für sie nur ein weiterer heruntergekommener Söldner auf der Suche nach Arbeit. Er machte sich einfach zu viele Sorgen, aber das war auch kein Wunder. Nicht nach dem, was er erlebt hatte. Er stieß zischend den Atem aus und bemerkte erst jetzt, dass er ihn angehalten hatte.

Nur mit Mühe konnte er es sich verkneifen, beim Anblick der Soldaten nicht das Gesicht zu einer hasserfüllten Miene zu verziehen. Es wäre sicherlich nicht ratsam gewesen, allzuviel negative Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Er hob den Kopf und sah hinauf zum Königshügel. Hoch über der Stadt aufragend thronte auf der Spitze des Hügels der königliche Palast. Cedrics Palast. Cedric der Eroberer. Wer würde schon erwarten, dass ein Feind des Königreichs sich ausgerechnet in der Hauptstadt verbergen würde. Dreigan lachte kurz und humorlos. Wer würde schon erwarten, dass ein Feind des Königs so unverfroren sein würde – und so dumm.

Er steuerte eine Herberge mit eigenem Stall an, überließ dem Stalljungen sein Pferd zur Obhut und betrat den Schankraum. Die Luft war geschwängert von Pfeifenqualm, Schweißgeruch und dem Duft bratenden Fleischs. Die Mischung ließ ihn im ersten Augenblick würgen, doch dann meldete sich sein Magen schmerzhaft zu Wort. Er setzte sich in die Nähe der Theke. Eine dralle Bedienung mit ausladender Oberweite eilte sogleich zu ihm.

„Was habt ihr heute anzubieten, Mädchen? Ich bin hungrig wie ein Wolf.“

Die Bedienung lächelte ihn aufreizend an, bevor sie aufzählte: „Wir haben einen hervorragenden Eintopf aus Zwiebeln, Steckrüben, Erbsen und Hammelfleisch. Ich könnte dir auch ein paar Stücke Wildschweinbraten anbieten, der gerade auf dem Spieß gart.“

Dreigan überlegte einen Augenblick und bestellte schließlich in Hinblick auf seine Geldbörse einen Teller Eintopf und einen kleinen Krug Wein.

Die Kellnerin eilte davon, warf ihm aber noch einen Blick zu, der deutlich machte, dass sie ihm gern noch mehr serviert hätte, als nur das Essen. Aus der Nähe betrachtet wirkte sie allerdings deutlich älter, als er zunächst angenommen hatte.

Ihr aufdringlich süßes Parfum vernebelte ihm die Sinne. Er entschloss sich, das unausgesprochene Angebot vorerst nicht anzunehmen. Schließlich war er in der Hauptstadt Hasterians.

Da gibt es für einen gutaussehenden Mann sicher noch andere Möglichkeiten, dachte er mit einem schelmischen Grinsen.

Die Kellnerin kam erneut an seinen Tisch und stellte den Eintopf sowie den Krug darauf. Sie hatte sogar zwei Scheiben Brot dazu gelegt, die noch ofenfrisch dampften. Sofort machte er sich genüsslich daran, die Mahlzeit zu vertilgen.

Dreigan hatte den Eintopf und die Brote fast gänzlich aufgegessen, als ihm jemand schmerzhaft auf den Rücken klopfte. Er verschluckte sich und hustete unterdrückt. Als der Hustenanfall langsam nachließ, stand er auf, da offensichtlich jemand eine Lektion in gutem Benehmen brauchte. Doch dieselbe Hand, die ihm zuvor auf den Rücken geklopft hatte, drückte ihn wieder unsanft zurück auf den Stuhl.

„Bemüh dich nicht, du alter Vagabund. Ich bin nicht auf Streit aus“, sagte eine gutmütige Stimme.

Dreigan blickte überrascht auf. „Yarek?! Was im Namen Ariadnes machst du denn hier?“

Ein untersetzter Mann in Dreigans Alter setzte sich ihm gegenüber und strich sich genüsslich über sein Wams, unter dem sich ein beeindruckender Leib spannte. Yarek Sekai und er waren schon Freunde, solange er zurück denken konnte. Wie er selbst, war Yarek ebenfalls Söldner. Auch, wenn Dreigan sich lieber als Abenteurer denn als Söldner betitelte. Sie hatten schon bei so mancher Armee gemeinsam angeheuert. Ihre Wege hatten sich aber vor geraumer Zeit leider getrennt. Dass er ihn hier wiedersehen würde, war ihm nie in den Sinn gekommen.

„Dasselbe wie du, schätze ich“, antwortete der Söldner gut gelaunt. „Bin auf der Suche nach Arbeit. Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich dich durch die Tür kommen sah. Hätte dich fast nicht wieder erkannt. Du bist ein wenig dürr geworden, nicht wahr?!“

„Dafür stehst du um so besser im Futter, mein Freund“, erwiderte Dreigan lachend.

Yarek sah an sich herunter und beim Anblick seiner Leibesfülle, quittierte er den liebevollen Spott mit einem breiten Grinsen.

„Ich hatte Glück. Die letzten Monate war ich bei einem reichen Kaufmann als Leibwächter angestellt. In seiner Phantasie hatte er mehr Feinde als in Wirklichkeit und das bedeutet im Klartext: es war leicht verdientes Geld. Außerdem war Kost und Logis umsonst.“ Yarek war offensichtlich sehr zufrieden mit sich, aber Dreigan kam nicht umhin, ihn auf die einzige Schwachstelle seiner Erzählung hinzuweisen.

„Wenn das tatsächlich stimmt, was machst du dann hier auf Arbeitsuche?“

Yarek sah etwas verlegen drein, bevor er antwortete: „Der Dummkopf hat sich von einem Fuhrwerk überfahren lassen. Das war eine ziemliche Sauerei, das kann ich dir sagen. Viel war von dem armen Kerl nicht übrig. Ich möchte nicht in der Haut desjenigen stecken, der die Überreste aufwischen musste.“ Er lachte kurz bellend auf. „Auf jeden Fall hat sein Sohn den ganzen Laden geerbt. Leider war er nicht so paranoid wie sein alter Herr, dafür aber umso geiziger. Und schon saß ich auf der Straße und bin nun hier.“

Dreigan schüttelte mitfühlend den Kopf. Eine so gute Anstellung wegen eines dummen Unfalls zu verlieren war hart.

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