Preview am Sonntag (31)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Im März 2015 erscheint von Christian Endres »Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen«. Timo Kümmel wird das Titelbild zeichnen; sobald dies vorliegt, bauen wir den Titel auch im Atlantis-Shop zum Vorbestellen ein.

Der Meisterdetektiv gegen Magie und Moriarty.

In diesem London ist alles anders: Der Premierminister heißt James Moriarty, über der Stadt kreisen die Drachen der königlichen Luftwaffe, die Faerieboten zischen durch die Straßen, und im Untergrund treiben die Zwerge aus König Oberons Reich den Bau des Schienennetzes voran. Im East End meuchelt Jack the Ripper außerdem leichte Elfendamen, während seine Sympathisanten offen zur Gewalt  gegen alle Feenländer aufrufen. Die Hauptstadt des Empires ist ein  Pulverfass, und ausgerechnet jetzt wird das legendäre Königsmacherschwert Excalibur aus dem British Museum gestohlen!  Sherlock Holmes und Dr. John Watson versuchen, die verzauberte Klinge  zu finden, damit London zwischen Intrige und Verrat nicht noch tiefer im Chaos versinkt…

Ein Sherlock-Holmes-Roman von Christian Endres, Autor des mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnetem »Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes«.

Heute online gestellt haben wir den Prolog aus dem Roman.

»Willkommen zurück, alter Freund«, sagte Sherlock Holmes und schloss die Tür hinter mir.

»Danke, Holmes«, erwiderte ich und stellte den letzten meiner Koffer im Salon der mir nur allzu vertrauten Wohnung in der Baker Street ab. Anschließend ließ ich den Blick über die Räumlichkeiten schweifen, in die ich nach dem Tod der ersten Mrs. Watson mit äußerst gemischten Gefühlen zurückkehrte. Dass ich an diesem kalten Januarmorgen im Jahre 1888 wieder in 221B einzog und nicht in der nun viel zu großen und vor allem leeren Wohnung in Kensington versauerte, war zum Großteil Holmes’ Verdienst. Zwar war der Detektiv nicht der Erste gewesen, der mich nach Constance’ Tod besucht hatte, doch entpuppte er sich am Ende zweifelsohne als Besucher mit der größten Wirkung.

»Die Wohnung ist zu groß, Watson«, hatte mir mein Freund ohne große Umschweife oder Rücksicht auf meine Verfassung erklärt, als hätte es die jüngste Phase unserer Freundschaft, während derer wir einander nur selten gesehen hatten, nicht gegeben. »Von den anderen offensichtlichen Faktoren ganz zu schweigen. So scheinen Sie mir etwa nicht sonderlich viel am Herd dazugelernt zu haben und sich noch immer auf demselben kulinarischen Niveau wie während Ihrer Dienstzeit in Afghanistan zu bewegen. Jedenfalls lassen die Überreste von Rührei und Speck, die sich da in einem äußerst abwechslungsreichen Trocknungsstadium auf den Tellern in Ihrer Spüle präsentieren, darauf schließen, dass Sie auf sich gestellt keiner allzu ausgewogenen Ernährung frönen. Und wenn das sogar mir auffällt, dann will das wirklich etwas heißen, alter Knabe!«

Holmes hatte noch weitere wenig schmeichelhafte Beispiele zur Hand gehabt, die verdeutlichen sollten, dass ich nicht zum Alleinleben geschaffen war, jedoch konnte er mir trotz aller Offenheit unter Freunden zunächst nie mehr als ein desinteressiertes Murren oder ein unwirsches Knurren entlocken. Dann aber hatte mein einstiger Mitbewohner und Weggefährte mit ernstem Gesichtsausdruck erstmals etwas gesagt, dem es auch tatsächlich gelungen war, die Trauer und die Wut zu durchdringen, die meine Gedanken umhüllten wie einst Aschewolken das antike Pompeji.

»Ziehen Sie wieder in der Baker Street ein, Watson – Mrs. Hudson wird sich bestimmt freuen.«

Mehr, so wurde mir im diesem Moment klar, würde ich nicht bekommen. Zu mehr war Sherlock Holmes – bei aller Freundschaft – schlichtweg nicht in der Lage.

Trotzig hatte ich dennoch um etwas Bedenkzeit gebeten, wenige Tage später schließlich aber mit Mrs. Hudson gesprochen, einen Termin für den Umzug vereinbart und alles Nötige in die Wege geleitet.

Holmes hatte nicht besonders überrascht gewirkt.

Und hier war ich nun also, zurück am Ausgangspunkt so vieler großer und kleiner Abenteuer, die ich bis zu diesem Zeitpunkt bereits an der Seite des berühmten Mr. Sherlock Holmes erlebt hatte, ehe ich erst im Hafen von San Francisco und kurz darauf im Hafen der Ehe eingelaufen war – zurück in jener Junggesellenwohnung, in die ich sieben Jahre zuvor, nach meiner Verwundung in der Schlacht von Maiwand und meiner Rückkehr nach London, dank der Vermittlungshilfe des guten alten Stamford ein erstes Mal eingezogen war, nicht ahnend, was dies für mein weiteres Leben bedeuten sollte.

Seit meinem Auszug vor knapp drei Jahren hatte sich nicht viel in der geräumigen Wohnung im ersten Stock verändert, sah man einmal davon ab, dass Holmes sich nun überall breitgemacht und die Unordnung daher noch einmal deutlich zugenommen hatte. Auch stachen mir ein paar neue Brandlöcher in den Teppichböden, ein Halbkreis großkalibriger Einschusslöcher in der Tür zu meinem ehe- beziehungsweise abermaligen Schlafzimmer und ein hässlicher Sprung in einem der Salonfenster mit nunmehr geteiltem Blick auf die Straße ins Auge. Nicht zu vergessen die Rußflecken und Säurespritzer an der Decke sowie die Streitaxt aus blutbesudeltem Zwergenstahl, die Holmes wie ein Henker in einen seiner vielen vernarbten Arbeitstische zwischen den hoffnungslos überfüllten Buchregalen gerammt hatte.

Arme Mrs. Hudson.

Vermutlich freute sie sich wirklich über meine Rückkehr.

»Wissen Sie, was heute für ein Tag ist?«, fragte Holmes mich auf einmal, und als ich ihn in seinem weinroten Hausmantel und seinen Filzpantoffeln und mit seiner Meerschaumpfeife in der Hand lässig am Fenster lehnen und nachdenklich auf die verschneite Baker Street hinabblicken sah, schien es mir, als sei ich nie fort gewesen.

Natürlich wusste ich es besser und teilte diesen emotional gefärbten Eindruck nicht mit dem stets so rationalen Detektiv.

»Der Tag meines Wiedereinzugs?«, fragte ich stattdessen.

Kurz huschte so etwas wie ein Lächeln über Holmes’ blasse Züge.

»Natürlich, Watson.« Holmes sog geistesabwesend an seiner Pfeife. »Doch das ist nicht das einzige bemerkenswerte Ereignis an diesem Tag. Zumal ich bezweifle, dass der Rest der Stadt großartig Notiz von Ihrer Rückkehr unter Mrs. Hudsons Obhut nehmen wird. Obwohl Londons Junggesellinnen und Witwen vor unterdrückter Aufregung und Hoffnung sicherlich schon zittern und es kaum erwarten können, Ihnen ihr Beileid auszusprechen, sobald Sie sich entschließen, wieder am gesellschaftlichen Treiben teilzunehmen.«

Ich nickte unbehaglich, sowohl wegen Holmes’ vertrautem Spott als auch wegen seines Tadels.

»Ich habe in den letzten Wochen nicht sonderlich viel Zeitung gelesen, Holmes …«

»Und auch sonst nicht viel getan!«, erwiderte mein Freund mit gnadenloser Sachlichkeit. Wahrscheinlich war das seine Art, mir zu sagen, dass die Dinge von nun an wieder besser werden würden. »Heute, Watson, jährt sich die Amtserhebung unseres hochverehrten Herrn Premierminister. Zwei Jahre ist es schon wieder her, dass er sich gegen Lord Salisbury durchsetzen konnte. Kein Wunder bei den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Ein Imperium für ein Imperium, was? Ha! Er hält heute Mittag sogar eine Rede, deren erste Sätze bereits in der Morgenausgabe der Times abgedruckt wurden. Prächtig geschrieben, Watson, wirklich prächtig. Ihr Schriftstellerherz wird vor Entzücken jubilieren.«

Holmes’ scharf geschnittenes Raubvogelgesicht nahm einen harten und zugleich leicht abwesenden Ausdruck an. Ich glaube nicht, dass er noch länger die großen Schneeflocken wahrnahm, die wie Daunenfedern am Fenster vorbeitanzten.

»Heute«, fuhr mein alter und neuer Mitbewohner dafür deutlich leiser und wie an sich selbst gewandt fort, »heute ist es zwei Jahre her, dass mit James Moriarty der Napoleon des Verbrechens zum Premierminister wurde – und damit zum mächtigstem Mann im gesamten Empire …«

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