Preview am Sonntag (28)

Ein Prinz zu Tulivar FrontImmer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Im September hatten wir das erste Kapitel, „Ein nächtlicher Wettstreit“, aus „Ein Prinz zu Tulivar“ von Dirk van den Boom hier online gestellt. Hierbei handelt es sich um die Fortsetzung des Fantasy-Romans „Ein Lord zu Tulivar“. 2015 erscheint der Roman, zu dem Tony Andreas Rudolph das Cover gezeichnet hat. Heute folgt das 2. Kapitel, „Ein problematisches Ansinnen“,  aus dem Roman.

Der Mann war schlank, hochgewachsen, mit einem so schmalen Gesicht, dass ich mich wunderte, wie zwei Augen nebeneinander hineinpassen konnten. Er erinnerte mich an ein Pferd, das ich einst geritten hatte, und da ich mich mit Wohlwollen und Wehmut an dieses treue Tier erinnerte, bekam mein Besucher von mir einen Vertrauensvorschuss.

Wir saßen in meinem offiziellen Zimmer im Wachturm zu Tulivar, es war warm und es gab Tee und Brot, Käse und Schinken, da ich annahm, dass der Mann Hunger hatte. Seine beiden Begleiter – erwartungsgemäß Soldaten – wurden bereits versorgt. Bisher hatte der Besucher nichts angerührt und nicht viel mehr getan, als sich vorzustellen: Baron Jemerian von Kolk, persönlicher Gesandter Seiner Unausweichlichen Majestät, des Kaisers und Imperators, meines Herrn und Meisters. Das war kein Angriff, aber es war beunruhigend, und die Nervosität stand mir ganz offenbar ins Gesicht geschrieben, denn Jemerian schenkte mir das, was er für ein beruhigendes Lächeln hielt.

Ich fand die Art, wie er sein beeindruckendes Gebiss zeigte, eher erschreckend. Ich musste den Impuls unterdrücken, ihm einen Beutel mit Hafer um den Hals binden zu wollen.

„Ich bin über Euren Besuch überrascht. Es ist keine Zeit, um weite Strecken zu reisen. Ihr kommt direkt aus der Hauptstadt?“

„Soweit man eine mehr als einmonatige Reise als direkt bezeichnen will, ja“, erwiderte der Baron, dessen Stimme immerhin sehr angenehm war und die er wohl einzusetzen wusste. Er lächelte weiterhin breit, aber es wirkte mit jedem Wort erträglicher. „Aber ja, Tulivar war mein Ziel und ich habe alles getan, um möglichst schnell hier zu sein, sozusagen als Vorhut.“

„Vorhut?“, echote ich und mein Unwohlsein wurde stärker. Es konnte doch nicht sein, dass der Kaiser selbst in dieser Zeit… und ausgerechnet hier… nein, wozu auch?

Meine Gedanken purzelten durch den Kopf und zweifelsohne ahnte von Kolk, was in mir vorging. Vielleicht sah er auch das Wechselbad der Gefühle – negativer Gefühle! – auf meinem Antlitz. Er sprach jedenfalls sofort weiter, und das in einem möglichst beruhigenden Tonfall.

„Es muss Euch sehr verwirren, Baron“, erklärte er. „Darf ich Euch zuerst sagen, dass Ihr bei Hofe durchaus in hohem Ansehen steht? Viele erinnern sich Eurer Heldentaten im Krieg. Viele finden auch, dass Ihr ungerecht behandelt wurdet, darunter auch der Kaiser. Er würde es gerne gutmachen, aber…“

„Es gibt politische Fragen zu bedenken“, sagte ich. „Schon verstanden. Ihr dürft unserem Herrn ausrichten, dass es mir nicht nach Wiedergutmachung verlangt. Ich habe schon vor langer Zeit meinen Frieden mit der Situation gemacht und hege keinerlei Ambitionen. Tatsächlich war es meine größte Hoffnung, hier schlicht in Ruhe gelassen zu werden.“

Ich warf dem Emissär dann einen bedeutungsvollen Blick zu, der ihm ein leichtes, tatsächlich bedauernd klingendes Seufzen entlockte.

„Ich bin froh, dass Ihr Euch in Tulivar wohl fühlt. Eure Untertanen bringen Euch Sympathie entgegen?“

Wohin führte diese Frage? Ich bewegte mich unruhig auf meinem Stuhl hin und her. Von Kolk hatte die dargebotenen Speisen noch nicht angerührt, aber ich verspürte den Drang, mich durch hektisches Kauen von meinen Mutmaßungen abzulenken.

„Soweit sie dazu überhaupt in der Lage sind. Bei den meisten wird es eine Mischung aus widerwilligem Respekt und duldsamer Bereitschaft sein, mich zu ertragen. Viel mehr kann man hier nicht erwarten. Die Hälfte meiner Untertanen ist seit Geburt zu positiven Gefühlen unfähig.“

Mein Gegenüber grinste, und bei den Göttern, das konnte er gut.

„Verstehe.“

„Wessen Vorhut seid Ihr, Baron von Kolk?“

Der Mann antwortete nicht sofort, sondern legte in einer wohlstudierten Geste die Fingerspitzen seiner Hände aufeinander.

„In etwa vier Wochen wird eine weitere Gruppe von Reisenden hier eintreffen. Nicht allzu groß und über gewisse Umwege, um nicht unnötig Aufmerksamkeit zu erregen. Tatsächlich werden sie dem beiläufigen Beobachter keinen Hinweis auf ihre Identität geben. Wir haben uns bemüht, sowohl die Abreise wie auch den Weg des Prinzen so inkognito wie möglich zu gestalten.“

Mein Kopf fuhr hoch.

„Prinzen?“

„Ja, des Prinzen. Prinz Lejan, einziger überlebender Sohn unseres geliebten Herren, Thronfolger und Sonne seiner Eltern.“

Mir war der leicht ironische Unterton beim Thema „Sonne“ keinesfalls entgangen und ahnte, dass diese Bemerkung somit nicht zufällig aus von Kolks Mund gerutscht war. Ich war mittlerweile der Überzeugung, dass der Baron gar nicht in der Lage war, auch nur ein einziges unüberlegtes Wort zu äußern.

„Der Prinz reist nach Tulivar?“

„Er ist unterwegs. Denke ich.“

„Warum?“

Baron von Kolk seufzte erneut und blickte für einen Moment in das Feuer. Dann griff er zielsicher am Tee vorbei zum gewärmten Würzwein, dem ich heute aus naheliegenden Gründen entsagte. Der angenehme Geruch des Getränks erfüllte meine bescheidenen Räumlichkeiten schnell und hätte unserem Gespräch beinahe eine Note von Gemütlichkeit gegeben. Ich nutzte die Gelegenheit, um selbst am Tee zu nippen, dessen Aroma ich aufgrund der Beanspruchungen meiner Geschmacksnerven am letzten Abend nicht zu schätzen wusste.

Während der Baron trank, kramte ich in meinen Erinnerungen an Lejan. Ich war ihm begegnet, dessen war ich mir sicher. Aber Lejan war damals keine zehn Jahre alt, und er war auch nicht Thronfolger gewesen, da er noch einen älteren Bruder gehabt hatte – dessen Leben ich einst rettete. Eine gewisse Verschwendung angesichts der Tatsache, dass der Gerettete sich einige Zeit später irgendwo den Eierfraß bei einer Hure des kaiserliches Trosses holte und daran wenig würdig zugrunde ging.

Ich erinnerte mich also nicht sehr genau an Lejan. Ein damals eher zurückhaltender Junge in der Gegenwart so vieler wichtiger Persönlichkeiten. Geboren in einem Feldlager, aufgewachsen in vielen Feldlagern, zweimal auf der Flucht vor dem scheinbar sicheren Tod, als der Feind die Stellungen umging und den Tross angegriffen hatte. Eine schwierige Kindheit, aber damit keine Ausnahme während des Krieges, der viele Familien entwurzelt und auseinandergerissen hatte, selbst hier im fernen und abgelegenen Tulivar. Ich vermutete, dass er sich langsam mit der Perspektive befasste, dereinst ein Kaiser zu sein, falls nichts dazwischen kam.

Es war der letzte Halbsatz, der mir plötzlich zu denken gab.

„Ist der Prinz in Gefahr?“, fragte ich, als von Kolk immer noch auf der Suche nach den richtigen Worten zu sein schien, was ich ihm allerdings keine Sekunde ernsthaft abnahm.

„Ja. In zweifacher Hinsicht.“

„Erzählt.“

„Prinz Lejan ist ein unbotmäßiges Kind. Er steht sich selbst sehr oft im Weg.“

„Wie alt ist er jetzt?“

„Dreizehn. Er wird in Kürze vierzehn.“

Ich nickte weise.

„Hm, mal überlegen… er gibt oft Widerworte?“

„Das stimmt“, bestätigte von Kolk.

„Er vermeidet seine Lektionen, wo er nur kann und ist für seine Lehrer mehr Qual als Freude?“

„Das trifft die Sache recht gut.“

„Anstatt sinnvolle Dinge zu tun, zieht er es vor, sich Spielen hinzugeben, auszureiten, auf andere Leute oder Dinge einzuschlagen und sehr viel und bis in den Mittag hinein zu schlafen?“

Von Kolk räusperte sich.

„Dazu neigt er.“

„Er nimmt seine Mahlzeiten unregelmäßig ein, achtet nicht sehr auf die Sauberkeit seiner Kleidung, sein Zimmer ist unordentlich und er wäscht sich nur mit Widerwillen?“

„Eine gute Beschreibung.“

„Er sitzt oft in einem Sessel in der Ecke oder in seinem Bett und verbringt seine Zeit damit, sich dem wunderbaren Geschenk zu widmen, das die Götter zwischen seinen Beinen platziert haben?“

Der Baron warf mir einen kurzen, tadelnden Blick zu, kam aber nicht umhin, zustimmend zu nicken und dann zu bemerken: „Sie kennen den Prinzen offenbar recht gut.“

„Ich kenne ihn so gut wie gar nicht. Aber ich war auch einmal dreizehn und es war keine Freude, meine Eltern zu sein.“

Kolk starrte mich an. „Ich habe auch Söhne in dem Alter und sie verhalten sich nicht so.“

„Ihr führt sicher ein strenges Regiment“, erwiderte ich. Ich wollte nicht wissen, was die Rabauken anstellten, jetzt, wo der Vater nicht zugegen war.

„Ich halte viel von Disziplin.“

„Das ist eine feine Sache“, sagte ich allgemein und goss mir einen Tee ein. „Prinz Lejan steht sich also selbst im Weg, wie Tausende seines Alters überall im Imperium. Ich kann Euch aus dem Stegreif ein Dutzend Lejans aus der näheren Bekanntschaft nennen, sowohl mit strengen, wie auch mit weniger strengen Eltern. Worin liegt also die Gefahr?“

„Er ist wirklich sehr, sehr dickköpfig. Er lässt sich nicht maßregeln. Er ist aufmüpfig, wendet Gewalt an, flucht. Er… kennt keine Grenzen, gar keine.“

Kolk beugte sich nach vorne. Er schien sich für das Thema zu erwärmen. „Wie will er jemals lernen, dieses Reich zu regieren, wenn er in diesem Alter täglich schlimmer und unerträglicher wird? Er schreit die Bediensteten an, er tritt um sich, wird er zu etwas gezwungen. Er verweigert sich auch sanften Worten der Vernunft. Der Kaiser ist ausgesprochen besorgt und die politischen Kräfte im Rat, die ihm kritisch gegenüber eingestellt sind, stehen bereit, um die Situation auszunutzen. Es geht um mehr als um einen wilden Jungen. Es geht um die Gefahr, die er für sich selbst darstellt und um die Gefahr, die ihm von außen droht.“

„Das klingt nach etwas mehr, in der Tat.“

„Der Kaiser hat sich in den letzten beiden Jahren in eine Reihe von Auseinandersetzungen gestürzt. Gewisse Steuern und Gesetze, die manchen Familien nicht sehr schmecken. Das Meiste davon werdet Ihr hier nicht mitbekommen haben.“

Ich nickte. Steuern zahlte Tulivar zwar, seitdem wir unser eigenes Gold schürften, aber ansonsten waren wir dermaßen weit vom Schuss, dass die Einhaltung der Gesetze dem Wohlwollen des Barons, also meiner Person, überlassen blieb, und so lange das Geld floss, war ich in diesen Dingen recht autonom. Es gab hier keine Aufpasser, die ständig nach dem Rechten sahen – ein Grund mehr, warum mich von Kolks Besuch etwas beunruhigte, denn er wirkte wie der klassische Kontrolleur, und das galt sicher nicht nur für das unbotmäßige Verhalten eines heranwachsenden Prinzen.

„Der Kaiser fürchtet um das Leben seines Sohnes?“

„Der Kaiser hält es für besser, wenn Lejan aus der Schusslinie gebracht wird, bis sich die Wogen wieder glätten. Und er findet, dass ein längerer Aufenthalt in einer Umgebung mit weniger… Ablenkung möglicherweise Züge von Ernsthaftigkeit und Disziplin bei seinem Sohn zum Vorschein kommen lassen, die bisher verborgen gewesen sind.“

„Ah… also auch eine erzieherische Maßnahme.“

„Gewissermaßen.“

„Und ich bin der Erzieher?“

Der Baron hob die Hände und schüttelte lächelnd den Kopf. Er musste den kläglichen und zugleich anklagenden Unterton meiner Frage richtig gedeutet haben.

„Niemals würden wir Euch mit dieser Bürde belasten“, erklärte er. „Der Prinz wird von zwei Leibwächtern begleitet, einem Hausdiener und drei Lehrern, die ihn weiterhin in allem unterrichten werden, was er wissen muss. Eure Aufgabe alleine ist es, eine geeignete Unterkunft zu finden – nicht zu luxuriös, denn…“

„Weniger Ablenkung, ich verstehe.“

Der Baron lächelte erfreut über mein Verständnis.

„Ganz recht. Bringt ihn unter, versorgt ihn mit allem Notwendigen. Ich habe den Auftrag, Euch dies zu geben mit dem Versprechen auf mehr.“

Auf dem Tisch vor mir erschien wie aus dem Nichts ein Lederbeutel, dessen Inhalt sich charakteristisch unter dem Stoff ausbeulte. Münzen. Wahrscheinlich Silber. Aber genug, um einen 13jährigen und seine wenigen Begleiter mehr als ein Jahr mit dem „Notwendigen“ zu versorgen, vor allem, wenn man sich bei der Definition, was darunter fiel, vom frugalen Charakter der Umgebung leiten ließ.

Ich nickte. Wie von Zauberhand verschwand der Beutel, diesmal aber in meine Richtung.

„Es wird sich schon etwas finden“, erklärte ich dann. Das war eine Untertreibung.

Halb Tulivar stand leer.

„Wie lange soll der Prinz von aller Ablenkung befreit bleiben?“

Von Kolk zuckte mit den Schultern. „Die Situation bei Hofe ist im Fluss. Es ist schwer abzuschätzen. Aber nicht mehr als ein Jahr, das wäre meine Schätzung.“

Ich wurde bestimmt blass. Es musste so sein.

Er beugte sich nach vorne. „Ich will ganz ehrlich sein, Baron von Tulivar. Die Dinge sind kompliziert. Ich wüsste, ich könnte Genaueres sagen, doch das größte Problem für den Kaiser und seine Getreuen ist exakt diese Ungewissheit, die uns alle derzeit erfasst. Es ist mir eine Erleichterung, dass Lejan hier in Sicherheit sein wird. Alles ist möglich. Der Krieg ist vergessen. Das übliche Intrigenspiel, das Gehacke bei Hofe, hat in vollem Ausmaße begonnen. Ihr seid nur ein Opfer, und nur ein kleines. Es fließt Blut, Tulivar. Es ist wie vor dem Krieg, um keinen Deut besser. Entwürdigend, ja. Aber das sind derzeit die Regeln des Spiels. Der Kaiser will sie ändern, aber gerade das ruft den größten Widerstand derer heraus, die von den alten Regeln bisher profitiert haben. Für viele seiner Gegner geht es um… sehr viel!“

Ich nickte. „Und was wäre da besser als ein Kaiser, der durch den tragischen Tod seines einzigen überlebenden Sohnes außer Fassung gebracht wird und plötzlich die Thronfolgefrage neu regeln muss.“

„Oder ein minderjähriger Nichtsnutz auf dem Thron, der durch jeden manipulierbar ist, der seine kindischen Wünsche erfüllt und ihm das Gefühl gibt, damit auch noch im Recht zu sein.“

So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Beides waren keine besonders schönen Aussichten, auch nicht für Tulivar. Am Arsch der Welt oder nicht, die Provinz gehörte zum Reich und alles, was dort geschah, würde sich irgendwann auch hier niederschlagen. Der Kaiser war ein Übel, das mir wohlbekannt war und mit dem ich umgehen konnte. Es lag mir nichts daran, es gegen ein unbekanntes und möglicherweise größeres auszutauschen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich tatsächlich die richtige Wahl bin“, erklärte ich offen und schaute etwas bekümmert in das Feuer im Kamin. „Ich habe selbst so meine Gegner bei Hofe und es gibt genug da, die mich beseitigen wollen, und sei es nur aus Prinzip. Im letzten Jahr ist nichts passiert und ich war ein durchweg braver Baron, habe sogar dem jungen Grafen zu Bell Geburtstagsgrüße geschickt, obgleich er ein Zögling jener ist, die mir die Eingeweide um den Hals wickeln wollen. Aber das heißt für mich nicht, dass damit die Sache ausgestanden ist.“

Von Kolk schüttelte den Kopf. Er wirkte ernsthaft bekümmert.
„Jeder im Reich ist für jemanden oder gegen jemanden. Jeder, der zum Lager des Kaisers gerechnet wird, könnte die gleichen Argumente vorbringen wie Ihr. Wohin also sollte unser Herr seinen Sohn schicken, um ihn aus dem Schlangennest der Hauptstadt zu entfernen?“

„Ins Ausland?“

Der Baron lachte laut auf, es klang bitter, gar nicht fröhlich, und sehr gezwungen.

„Wo denn? Das Imperium hat während des Krieges die bekannte Welt klar unterteilt in Gut und Böse. Die Guten haben mit uns gesiegt und sind von uns abhängig, bessere Vasallenstaaten, manipulierbar und manipuliert durch unsere Politik, durch die großen Familien, und weit genug außerhalb unserer Jurisdiktion, um sie zu einem Paradies für Stellvertreterkonflikte zu machen, wo die Regeln, die wir zumindest offiziell einhalten, gar nicht erst gelten. Den Prinzen in eines dieser Länder zu senden, ist das gleiche, als wenn man ihn gleich auf das Schafott führt. Wir haben alles durchdacht, Baron von Tulivar. Eure Provinz ist, seid mir für diese klaren Worte nicht böse, das kleinste Übel. Ich weiß nicht, ob es erfreulich oder entsetzlich ist, aber dieser Ort ist derzeit der sicherste im gesamten Imperium.“

Ich starrte von Kolk wohl ein wenig entgeistert an, denn das Lächeln, das jetzt seine Lippen umspielte, hatte tatsächlich etwas Amüsiertes. Ein Superlativ, bezogen auf meine armselige Provinz – und dann auch noch ein positiver? Ich hatte gar nicht gewusst, dass die Grammatik sowas hergab.

Er seufzte und trank gewürzten Wein.

„Das Leben ist hart“, sagte er dann. „Wir dachten, als der Krieg vorbei war, alles würde besser werden. Manches hat sich ja auch verbessert. Wir müssen nicht mehr jeden Tag in kalten Feldlagern sitzen, mit Läusen im Haar und nassen Füßen, die uns in den Stiefeln vergammeln. Wir haben keinen Feind mehr, der von einem unberechenbaren Fanatiker geführt wird und der weder Gnade noch Einsicht kennt. Wir spinnen unsere Intrigen im warmen Zimmer, bei einem Glas Wein…“ Er hob zur Demonstration seinen Becher. „… und mit vollem Bauch. Aber die Welt ist um keinen Deut friedlicher geworden für jene, die Macht haben oder anstreben. Der Krieg ist subtil, aber er wird geführt, und stärker als zuvor, da das einigende Band des gemeinsamen Kampfes gegen den äußeren Feind nunmehr fehlt.“

Ich verstand nur zu gut, was er meinte, denn ich hatte mit beidem zu tun gehabt und beides hatte mich nicht sonderlich mit Freude erfüllt. Aber warum jetzt schon wieder? Konnte man mich nicht einfach in Ruhe lassen?

Nein, das konnte man wohl nicht.

„Ich muss wohl akzeptieren, was Ihr sagt“, meinte ich dann bedächtig.

Von Kolk sah mich mit einem mitfühlenden Ausdruck an. „Der Kaiser weiß, dass dies eine besondere Bürde für Euch bedeutet“, sagte er leise. „Aber sie ehrt Euch gleichzeitig. Er scheint große Stück auf Euch zu halten. Er meint, dass Ihr die richtige Person seid, um mit dieser Herausforderung fertig zu werden. Seid Ihr das?“

„Ich weiß es nicht. Ich kann mich nur bemühen, dem Vertrauen gerecht zu werden. Aber ich weiß es wirklich nicht.“ Ich sah den Baron offen an. „Genügt Euch meine Antwort?“

Der Mann lächelte etwas hilflos. „Sie muss mir genügen, Lord zu Tulivar. Ich habe nämlich auch für den Fall, dass sie mir nicht genügen würde, schlicht keine Alternative.“

Er erhob sich langsam, warf dem leeren Becher einen bedauernden Blick zu.

„Sobald der Prinz hier ist, trete ich den Rückweg an. Ihr benötigt keinen Aufpasser, der Euch ständig über die Schulter schaut.“

Damit zerstreute er immerhin eine meiner düstersten Vermutungen, ein Lichtblick, der mir die Situation nicht unwesentlich versüßte. Auch ich stand auf.

„Ich würde Euch gerne in den kommenden Tagen die Sehenswürdigkeiten von Tulivar zeigen. Ihr wart offenbar noch nie hier.“

Von Kolk hob die Augenbrauen. „In der Tat. Aber warum ‚würde‘? Habt Ihr keine Zeit dafür? Ich…“

„O nein.“ Ich grinste. „Das Problem liegt woanders.“

„Und wo?“

Ich zuckte mit den Achseln.

„Es gibt keine.“

Wir schwiegen einen Moment, dann beugte ich mich nach vorne.

„Noch etwas Wein?“

Von Kolk seufzte.

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