Preview am Sonntag (27)

hesperidenImmer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Heute: der Prolog und das erste Kapitel aus „Im Garten der Hesperiden“ von Hans Herrmann. Der Roman erschien erstmals 2008 bei Atlantis als Paperback, die Neuauflage umfasst neben der Paperback-Ausgabe auch eine Hardcover-Ausgabe und eine eBook-Ausgabe. Paperback und Hardcover sind vorbestellbar. Das Paperback liefern wir in der kommenden Woche aus, das Hardcover und das eBook folgen Anfang November. Die Neuauflage ziert natürlich das Titelbild der Ausgabe von 2008 von Timo Kümmel.

Prolog
 
Ein langer, leerer Korridor, erhellt von gläsernen Birnen, die von innen her auf unerklärliche Weise leuchten und so gar nichts gemein haben mit den mir vertrauten Kerzen- und Öllichtern. Von fern ertönt ein vielstimmiges, obszönes Geschrei. Wir sind auf der Flucht vor diesem Lärm und dem blutigen Geschehen, das sich damit verbindet. Wir, das sind der Bootsmann und ich. Fliehen. Weg, nur weg. Unsere gehetzten Schritte hallen wider von den nackten Wänden aus einem grauen Material, das sich fest und kühl anfühlt wie Stein, aber nicht Stein sein kann, weil es nahtlos gegossen ist.
 
Fliehen.
 
Unvermittelt stehen bleiben, stutzen. Aus dem Boden quillt der Helm eines Ritters, wächst zur vollen Größe heran wie ein giftiger Pilz nach dem Regen, ein Topfhelm, der den Kopf rundum in Metall hüllt und in einem bösartigen Schlitz nur die Augen frei lässt.
 
Los jetzt. Fliehen, rennen, das Herz rast, die Lungen pumpen. Dem Krieger zu entkommen versuchen, bevor er aus dem unteren Gang zu uns hochgestiegen ist. Wir kommen nicht vom Fleck, Blei in den Füßen, albtraumhaft. Der Krieger wächst und wächst, da sind seine Brust, sein Bauch, seine Oberschenkel …
 
Nichts wie weg, nur nicht kämpfen, wir hätten keine Aussicht auf einen Sieg, der Mann ist ein Hüne, ein wahrer Goliath, und hinter ihm drängen weitere Krieger nach, sie sind noch nicht zu sehen, aber deutlich zu hören.
 
Blei in den Füßen. Wir sind zu langsam. Zwei weitere Ritter tauchen klirrend auf. Der Riese und die beiden anderen, nur um weniges kleineren Krieger versperren uns den Weg.
 
An ihnen gibt es kein Vorbeikommen.
 
Des Bootsmanns Schwert fährt zischend wie eine gereizte Schlange aus der Scheide. Ein Aufblitzen, ein gurgelnder Schrei! Mein Gefährte hat einen der beiden nachgerückten Kämpfer mit einem einzigen Hieb niedergestreckt.
 
Und schon geht er auf den zweiten los.
 
Das bösartige Singen von Klingen, die aufeinanderprallen.
 
Vor mir steht der Hüne. Eisengliedrige Handschuhe, Kettenpanzer, Topfhelm, ein dämonischer Anblick. Sein Schwert züngelt nach mir. Ich pariere. Weitere Hiebe. Parieren. Ausweichen. Parieren. Versuchen, den Feind mit einem raschen Zustoßen anzuritzen. Er ist schneller, weicht mit einer tausendfach geübten Bewegung aus, dringt sofort wieder vor. Vollführt einen Sichelhieb gegen meine Knie, was aber fehlschlägt, weil ich damit gerechnet habe und mit gesenktem Schwert abblocke.
 
Kalter Schweiß breitet sich auf meiner Stirn aus. Es geht um mein Leben – und ich trage weder Harnisch noch Helm!
 
Die Funken sprühen. Schlag, Gegenschlag, Schlag. Schnell und immer schneller. Wenn das so weitergeht, werde ich bald nicht mehr mithalten können. Mein Gegner verfügt über bemerkenswerte Kräfte. Gnadenlos drängt er mich gegen die Wand, Schritt für Schritt, Schlag für Schlag.
 
Ich muss für mehr Bewegungsfreiheit sorgen, versuche, unter ihm wegzutauchen, um offenen Raum zu gewinnen. Er lässt es nicht zu, mauert mit blitzendem Schwert, das durch die Lüfte saust wie Windmühlenflügel im Sturm.
 
Seine Waffe ist breit und schwer. Mir fällt auf, dass die Klinge vorne nicht spitz zuläuft, sondern abgerundet ist. Ein Richtschwert also, nicht zum Zustechen gedacht, sondern zum Abschlagen von Köpfen geschmiedet. Warum um alles in der Welt kämpft er mit einem Richtschwert?
 
Weiß nicht, ist ja auch nicht wichtig, muss kämpfen, den Kopf bei der Sache behalten.
 
Wichtige Überlegung: Gefährliche Stiche habe ich von einem vorne stumpfen Schwert keine zu befürchten. Wirklich in Acht nehmen muss ich mich lediglich vor den Hieben. Um richtig zuzuschlagen, muss mein Gegner die Waffe aber jedes Mal weit hochheben, was mehr Zeit in Anspruch nimmt als das blitzschnelle Zustechen, mit dem ein Schwertkämpfer seinen Gegner üblicherweise außer Gefecht zu setzen trachtet.
 
Diese Erkenntnis verleiht mir Mut. Sein Kampfstil macht ihn verletzbar. Zwar lässt er sein Schwert mit atemberaubender Geschwindigkeit umherwirbeln, holt aber nur selten zu wirklich kräftigen und gezielten Hieben aus.
 
Ich verlege mich darauf, seiner blitzenden Klinge mit kleinen Schritten auszuweichen und mein Schwert möglichst sparsam einzusetzen. So kann ich Kraft sparen und abwarten, bis er sich vielleicht einmal eine Blöße gibt.
 
Dann zustechen und hoffen.
 
Schlag, Gegenschlag, ausweichen, Schlag, Gegenschlag.
 
Das Metall klirrt und sprüht Funken.
 
Ich keuche.
 
Höre ich unter seinem Helm hervor nicht auch ein Keuchen?
 
Ja, er keucht ebenfalls, wird langsam müde. Seine Panzerung wiegt schwer und bindet einen Teil seiner Kräfte, ich dagegen habe in meiner bequemen Reisebekleidung volle Bewegungsfreiheit.
 
Schlag, Gegenschlag, ausweichen.
 
Nun will er dem Kampf mit allen Mitteln ein Ende bereiten, zieht zu einem fürchterlichen Hieb auf, um mich der Länge nach in zwei Teile zu spalten wie ein morsches Stück Holz. Dabei hebt er seine Waffe so hoch, dass ich Zeit finde, seitlich an ihm vorbeizuspringen und eine neue Position einzunehmen, weg von der Wand, die mich beim Kämpfen behindert.
 
Damit hat er nicht gerechnet. Mit einem Laut des Ärgers, der dumpf aus seinem Helm dringt, vollzieht er eine Vierteldrehung in meine Richtung, tut dabei einen Fehltritt, verliert für einen kurzen Moment die Kontrolle – und schon stößt mein Schwert wie der Blitz vor und sticht ihm mit aller Kraft zwischen Helm und Kettenpanzer in den Hals, dass die scharfe Spitze am anderen Ende wieder zum Vorschein kommt.
 
Mitten in der Bewegung erstarrt er. Röchelt. Lässt das Schwert fallen. Taumelt. Nur noch mein Schwert hält ihn auf den Beinen. Ich ziehe es aus seinem Hals. Ein Schwall Blut schießt hervor, ergießt sich zu Boden und zum Teil auch über mich. Wie ein Felsbrocken stürzt der zu Tode Getroffene zu Boden, mich unter sich begrabend. Ich befreie mich von der Last des eisengepanzerten Körpers, rapple mich hoch.
 
Da liegt er, reglos, tot. Ich kann es nicht fassen. Ich, ein schwächlicher Ordensbruder, habe diesen kampferprobten Hünen besiegt.
 
Mit einem Mal beginnt er, sich wieder zu regen. Er ist nicht tot! Er erhebt sich unsicher, baut sich vor mir auf, ich weiche zurück, er nimmt den Helm ab …
 
Ich erstarre vor Schreck.
 
Ein zorniges, zernarbtes, bärtiges Räubergesicht habe ich erwartet, aber das nicht.
 
Nein, das nicht.
 
Blankes Entsetzen bemächtigt sich meiner. Meine Knie zittern, mein Herz klopft wie rasend.
 
Der Mann hat zwei Gesichter, seltsam ineinander verschoben, schön in ihrer strengen Ebenmäßigkeit, aber auch starr und dämonisch kalt.
 
Er wirft den Helm mit einem verächtlichen Schwung zu Boden, starrt mich an, hebt sein Schwert auf und tritt auf mich zu, Schritt für Schritt, Schritt für Schritt …
 
Ich bleibe stehen wie festgenagelt. Es ist sein Schlangenblick, der mich lähmt, starr und mitleidslos.
 
Mein Schwert fällt mir aus der Hand.
 
Es ist alles verloren.
 
Der Dämon erhebt mit beiden Händen sein Richtschwert.
 
Ich schreie, schreie, schreie …
 
Schweißgebadet erwache ich.
 
 
 
1. Kapitel
 
Die Glocke ruft zur Vesper. Meine Mitbrüder machen sich wie immer auf den Weg in die Klosterkapelle. Ich aber werde der abendlichen Andacht heute fernbleiben. Zu sehr drängt es mich nun, mit meinem Vorhaben zu beginnen. Nicht, dass wir in unserer Gemeinschaft einfach tun und lassen könnten, wie es uns gerade beliebt. Wir haben uns der Regel des heiligen Franziskus verpflichtet und diese bestimmt den Ablauf unserer Tage und damit auch einen beträchtlichen Teil unseres Denkens und Handelns. Mehr noch als die Regel zählt bei uns aber der Geist der christlichen Freiheit, in dem auch der Gründer unseres Ordens wandelte; wer mit gutem Grund und gutem Gewissen anders handelt, als es die Regel will, kann bei uns jederzeit mit Nachsicht rechnen.
 
Von dieser Nachsicht glaube ich nun Gebrauch machen zu dürfen. Wen es mit aller Macht dazu treibt, ein gutes Werk zu beginnen, soll sich nicht aufhalten lassen. Ob mein Vorhaben denn auch wirklich ein löbliches sei, darüber freilich habe ich lange nachdenken müssen.
 
Ist es vielleicht nur Hochmut, der mich dazu drängt, die Niederschrift in Angriff zu nehmen? Der Hochmut dessen, der mehr erlebt hat als andere, weit mehr, und damit nun auftrumpfen möchte? Oder steckt die ehrbare Absicht dahinter, anderen Menschen nützliche Lehren zuteilwerden zu lassen? Oder der Wunsch, mich schreibend von einer alten Last zu befreien?
 
Von allem ein wenig, denke ich. Und hoffe, dass dabei der Anteil an Hochmut möglichst klein sei – hingegen der Anteil an dem, worum es mir wirklich geht, möglichst groß. In erster Linie nämlich verfolge ich das Ziel, eine allfällige Leserschaft mit den denkwürdigen Begebenheiten, die ich als junger Mann erlebte, zu unterhalten. Der Wunsch zu unterhalten mag zwar manch ernst gesinntem Menschen nichtig, ja verwerflich erscheinen. Ich aber finde, dass es gegen die Widerwärtigkeiten des Alltags nur wenig Heilsameres gibt als einen abenteuerlichen Bericht.
 
Und abenteuerlich ist das, was ich zu erzählen habe, in der Tat.
 
Allzu lange, denke ich, habe ich nicht mehr Zeit. Ich bin alt geworden, zähle im nächsten Jahr schon siebzig Lenze. Zwar spüre ich die Jahre weit mehr in meinen Gliedern denn in meinem Verstand. Das ändert aber nichts daran, dass ich dem Tod heute weit näher stehe als dem Leben. Jeder Tag könnte mein letzter sein. So tunke ich denn die Feder in die Tinte und beginne mit der Niederschrift des großen Abenteuers, das ich vor vielen Jahren erlebt habe. Das war, als ich noch ein junger Mann war und dem Orden der Deutschritter angehörte … Doch davon bald ausführlich.
 
Man möge mir die schnörkellose Art meines Ausdrucks verzeihen. Die zierlichen Wendungen, wie sie in gelehrten Schreibstuben geliebt und gepflegt werden, scheinen mir für meinen Bericht weniger geeignet zu sein. Verzwickte Philosophien sind wohl in der Form eines kunstvollen Wortgewebes zum Ausdruck zu bringen. Mein Bericht aber spielt auf einem Schiff, auf dem weiten Ozean, auf fremden Inseln, handelt von Offizieren, Seeleuten, Eingeborenen, von Wind, Wellen, Sand und üppiger Vegetation, von geheimnisvollen Bauwerken, freundlichen Begegnungen und grausamen Vorfällen – verströmt also den heißen Atem des Lebens. Diesem nun dürfte eine unverzierte Sprache eher gerecht werden als die stilistisch fein gedrechselten Abhandlungen unserer Gelehrten.
 
Horch – meine Mitbrüder haben in der Kapelle eben ein Tedeum angestimmt. Die feierliche und klare Melodie, die ich schon Hunderte von Male mitgesungen habe, weckt in mir eine leise Wehmut und zugleich ein tröstliches Gefühl der Beständigkeit. Wenn ich nicht mehr bin, wenn meine Mitbrüder nicht mehr sind, wenn dieses Kloster nicht mehr ist – die Wahrheit wird bleiben immerdar. Amen.
 
Sanft verglüht der Abend. Der Niesen, der pyramidenförmige, erhabene Berg am gegenüberliegenden Ufer, ist im Dämmer nur noch in seinen Umrissen zu erkennen und der See, an dessen Gestaden einst der heilige Beatus wirkte, verschmilzt langsam mit der tintigen Schwärze der hereinbrechenden Nacht. Ich muss die Lampe anzünden. So. Und nun mache ich mich unverzüglich ans Werk. Die Erinnerungen dringen auf mich ein. Der Strom der Gedanken beginnt zu fließen. Und treibt mich mit sich fort. Fort in eine andere Zeit, an andere Ufer.
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