Preview am Sonntag (26)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Vor zwei Wochen hatten wir hier den Auftakt von »Im Schatten des Mondes«, Band 57 der SF-Serie “Rettungskreuzer Ikarus” von Holger M. Pohl, online gestellt. Die heutige Leseprobe schließt daran an. Der Roman erscheint Ende Oktober. Das Cover/die Cover für den Band 57/die Bände 57 bis 59 stammt/stammen von Lothar Bauer (nebeneinander gelegt ergeben die Bilder ein Gesamtbild).

»Die Antwort lautet: wenn Sie eine Auseinandersetzung mit dem Commonwealth in Kauf nehmen wollen, dann fliegen Sie.« Die Frau sah Sentenza ausdruckslos an.
 
»Das heißt, ich habe die Erlaubnis?«, fragte er nach.
 
»Das heißt, Captain: Wenn Sie eine Auseinandersetzung mit einem Commonwealth-Mitglied in Kauf nehmen wollen, dann können Sie meinetwegen fliegen.« Sally McLennane beugte sich vor. »Das heißt weder, dass es ein offizieller Auftrag der Rettungseinheit ist noch dass Sie von mir auf diese Reise geschickt werden. Es ist Ihre alleinige Entscheidung, einen Trainingsflug zu unternehmen. Mehr sehe ich nicht darin und für mehr gebe ich Ihnen auch nicht meine Zustimmung.« Sie sah auf den in ihren Tisch eingelassenen Monitor. »Ein weiteres Rettungsschiff befindet sich auf der Station, und in den letzten Wochen war es ruhig; ruhig genug jedenfalls, dass das Anfallende auch von einem Schiff erledigt werden kann. Ich sehe nichts, was in nächster Zeit daran etwas ändern könnte. Wir werden Sie also nicht schmerzhaft vermissen.« Sie hob die Schultern. »Natürlich kann etwas Unvorhergesehenes geschehen, aber das kann es immer. Dann sind selbst zwei vollständig ausgerüstete Rettungsschiffe zu wenig. Aber uns stehen schließlich noch die Lazarettraumer zur Verfügung.«
 
Der Captain erinnerte sich nur zu gut an solche vertrackte Situationen. Andererseits hatte Sally natürlich recht: Es war ruhig.
 
»Okay, meine Entscheidung also«, erwiderte er gedehnt. »Dann werde ich mit den anderen darüber sprechen. Mal sehen, was die denken.«
 
»Tun Sie das. Und informieren Sie mich einfach, wie Sie entschieden haben.« Abrupt wechselte sie das Thema. »An’ta ist noch unterwegs?«
 
»Ja. Sie hat noch irgendetwas aus ihrer Vergangenheit zu erledigen, sagte sie.« Er hob die Schultern. »Genaueres weiß ich aber nicht. Manchmal tut sie noch sehr geheimnisvoll.«
 
»Werden Sie auf sie warten?«
Sentenza schüttelte den Kopf. »Ich werde eine Nachricht für sie hinterlassen, wohin wir unterwegs sind. Sofern wir den Job übernehmen. Das sollte reichen. Sie können sie ja eingehender informieren, falls es erforderlich ist.«
 
»Und Freddy?«
 
Der Captain dachte an seinen Sohn, der im Augenblick irgendwo auf der Station unterwegs war. Es hatten sich tatsächlich ein paar Eltern mit geregelten Arbeitszeiten gefunden, die ihren Sprösslingen in ihrer freien Zeit die Heimat näher bringen und mit ihnen die riesige Raumstation erkunden wollten.
 
Zunächst hatten Sonja und er gezögert, ihren Sohn mitgehen zu lassen, doch schließlich hatte man sie überzeugt, dass den Kindern dabei keinerlei Gefahr drohte. So hatten sie sich schließlich einverstanden erklärt, Freddy zusammen mit acht weiteren Kindern und vier Erwachsenen eine Art Ausflug machen zu lassen. Natürlich fehlte Freddy ihm ebenso, wie er Sonja fehlte, aber der Streifzug durch Vortex Outpost war eine gute Gelegenheit, ihn zur Abwechslung etwas anderes sehen zu lassen als nur die Wohnung seiner Eltern und deren nähere Umgebung. Und natürlich konnte er erste Freundschaften mit Gleichaltrigen schließen.
 
»Verstehe.« Sie nickte ihm kurz zu und senkte dann den Blick. Ein deutliches Zeichen, dass das Gespräch beendet und er entlassen war.
 
Auf dem Weg zur Schleuse, an der die zurückgekehrte Ikarus angedockt hatte, dachte Sentenza nach. Es war zu einfach gelaufen. Er hatte Sally das meiste von dem erzählt, was N’Guda ihm mitgeteilt hatte. Das meiste, nicht alles. Seine Chefin hatte ihm zugehört, ab und zu eine Frage gestellt, war aber ansonsten erstaunlich ruhig geblieben. Und am Ende hatte sie ihm freigestellt, ob er den Auftrag annehmen wollte oder nicht. Das passte irgendwie gar nicht zu ihr. Entweder war etwas im Busch, von dem er keine Ahnung hatte, oder es war ihr aus einem unerfindlichen Grund wirklich gleichgültig. Sollte ihn dieser Grund interessieren?
 
Als er das Ende des Verbindungstunnels erreichte und durch das offene Schott trat, blieb er stehen. Es war immer wieder ein besonderer Augenblick, sein Schiff zu betreten. Natürlich, rechtlich gesehen gehörte ihm die Ikarus nicht, doch das hinderte ihn nicht im Geringsten daran, sie als sein Schiff zu betrachten. Er war der Captain, und wenn er sich an Bord befand, dann war er so etwas wie Gott. Selbst Vertreter des Raumcorps, dem rechtlichen Eigners des Schiffes, waren ihm dann untergeordnet. In der Theorie. Die Praxis sah leider allzu oft ein ganz klein wenig anders aus. Allerdings hatte die Ikarus sehr selten Passagiere, die ihm ins Handwerk pfuschen wollten und auch konnten. Er grinste ein wenig gequält vor sich hin. Ins Handwerk pfuschen wollte ihm die reguläre Besatzung des Rettungskreuzers selbst oft genug.
 
»Captain«, wurde er von der Seite her angesprochen.
 
Sentenza drehte den Kopf. »Hallo, Jovian«, grüßte er. »Wie ist der Testflug gelaufen?«
 
Jovian Anande, Bordarzt der Ikarus, hob die Schultern. »Wenn ich Sonja richtig verstanden habe, verlief alles glatt. Wenn du es genauer wissen willst, dann musst du sie selbst fragen.«
 
»Werde ich machen.« Er deutete mit dem Kinn in Richtung des Schiffes. »Sind alle an Bord?«
 
»Als ich die Ikarus vor zehn Minuten verlassen habe, waren sie es. Warum?«
 
»Wir müssen uns unterhalten. Wir haben vielleicht einen Auftrag.«
 
»Vielleicht?«
 
»Ja, es steht noch nicht fest, ob wir ihn annehmen oder nicht. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.«
 
»Kann Sally sich nicht entscheiden?«
 
Sentenza schüttelte den Kopf. »Ich kann mich nicht entscheiden. Ich will mich erst mit euch darüber unterhalten.«
 
Anande hob die Augenbrauen. »So gefährlich?«
 
»Gefährlich …« Dem Captain der Ikarus gingen N’Gudas Worte zum Punkt Risiko durch den Kopf. Erwartete er, dass das Unternehmen gefährlich werden konnte? Nein, nicht im Sinne des Wortes. Nach allem, was er von Kiala bereits gehört hatte, war Valeran keine gefährliche Welt. Außer vielleicht für das männliche Ego. »Nein, Jovian, gefährlich ist der Auftrag nicht. Sagen wir, er ist ungewöhnlich.« Er winkte ab, als der Bordarzt noch etwas sagen wollte. »Später. Ich will nicht alles zweimal erzählen. Gehen wir an Bord, und dann sehen wir weiter.«
 
*
 
»Und was macht Dich so sicher, dass er den Auftrag übernehmen wird?« Aus Forsters Stimme sprachen starke Zweifel.
 
Der Mann in der Admiralsuniform lächelte. Er war nicht mehr ganz so förmlich gekleidet wie noch vor ein paar Stunden, als er den Captain der Ikarus aufgesucht hatte. Die Jacke der Uniform war aufgeknöpft, der Hemdkragen ebenfalls. Vor ihm auf dem Tisch stand ein großes Glas Bier, und er paffte eine Zigarre.
 
»Was mich sicher macht, Dave?«, fragte er zurück. »Sein Ruf.«
 
David Forster, Major, rechte Hand und Freund des Admirals, schüttelte den Kopf. Sein Äußeres stand in krassem Gegensatz zu dem von Nicol N’Guda. Während der Admiral groß, breitschultrig und athletisch wirkte, kam Forster eher klein, unscheinbar und schmal daher. Wer ihn nicht kannte, der konnte leicht in den Irrtum verfallen, Major David Forster sei zum einen ein Schwächling und zum anderen N’Gudas Speichellecker. Selten sah man sie getrennt, und selten widersprach der Major in Gegenwart seines Vorgesetzten dessen Worten. Doch wie gesagt: Nur wer ihn nicht kannte, konnte diesem Irrtum verfallen.
 
In Wirklichkeit standen Forsters Werte denen seines Vorgesetzten nicht nach. In mancherlei Hinsicht erzielte er sogar die besseren Ergebnisse. Er war auch alles andere als ein Speichellecker. Unter vier Augen las Forster dem Admiral oft genug die Leviten und hielt ihm seine Fehler und Irrtümer vor. Er war einer der wenigen, sehr wenigen Menschen, auf deren Meinung Nicol N’Guda etwas gab. Und von denen er sich manchmal eines Besseren belehren ließ.
 
»Ja, Sentenzas Ruf ist nicht der Beste«, erwiderte er. »Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass er einen ganz miserablen Ruf hat.«
 
»Eben, Dave, eben.« N’Guda grinste. »Es ist bekannt, dass er kein Freund des Commonwealths ist. Ebenfalls ist bekannt, dass er keine Hemmungen hat, etwas zu tun, wenn es einerseits dem Willen des Commonwealths widerspricht und er andererseits damit jemand aus den oberen Etagen eins auswischen kann. Er ärgert uns gerne.«
 
Forster schnaubte. »Und das ist genug?«
 
»Natürlich nicht, aber für den Anfang ausreichend. Was sich daraus entwickelt …« N’Guda zuckte die Achseln. »Zunächst einmal ist es wichtig, dass er sich in Richtung Valeran in Bewegung setzt.« Der Blick seiner braunen Augen verdüsterte sich. »Es ist ja nicht so, dass ich Sentenza nicht die Wahrheit gesagt hätte. Ich habe schon eine halbe Ewigkeit nichts mehr von Iska gehört. Ich mache mir ernsthafte Sorgen! Es wäre alles um so viel einfacher, wenn der Stab ein Schiff dorthin entsandt hätte. Diese Valeran-Frauen hätten sich nicht so ohne Weiteres widersetzt.«
 
»Du weißt, dass das aus vielerlei Gründen nicht möglich war«, erinnerte Forster.
 
»Verdammt, ja, das weiß ich!«, kam es unwillig und verärgert aus dem Mund des Dunkelhäutigen. »Aber, ebenso verdammt noch mal, sie ist meine Frau!« Er winkte ab, als der Major etwas sagen wollte. »Gott ja, ich weiß auch, dass sie die Beste für den Job ist. Warum musste das Diplomatencorps auch diesen Hohlkopf Mingham auf den Planeten schicken? Er hat von nichts eine Ahnung, davon allerdings sehr viel. Außerdem interessiert ihn die Meinung anderer Leute nicht. So einfach lässt sich das zerschlagene Porzellan nicht kitten.«
 
Voller Wut dachte er an das zurück, was zu der heutigen prekären Situation geführt hatte. Lecru Mingham, Diplomat höchsten Ranges, Sonderbeauftragter des Diplomatischen Corps, hatte auf Valeran so ziemlich alles in den Sand gesetzt, was es in den Sand zu setzen gab. Dabei war der Mann nicht einmal dumm. Er war einfach nur unfähig. Dass sich die Matriarchinnen des Planeten überhaupt noch mit dem Commonwealth unterhielten, war nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass Mingham doch noch rechtzeitig abberufen und durch eine Frau ersetzt worden war. Allerdings hatte das an der verfahrenen Situation nicht viel geändert; es hatte sie einfach nur nicht verschlimmert. Allerdings war es eben auch diese Gesamtsituation, die die Verantwortlichen davon absehen ließen, jetzt etwas zur Rettung seiner Frau zu unternehmen. Niemand wollte es sich mit der herrschenden Klasse von Valeran noch weiter verscherzen. Ein Militäreinsatz hätte das aber getan.
 
»Und es ist eben genau seine Reputation«, fuhr er schließlich fort, »die das Commonwealth außen vor hält. Dame Lena und ihre Frauen werden nicht erwarten, dass ausgerechnet ein Roderick Sentenza sich für die Interessen eines Sternenreiches, gleichgültig wie groß oder klein, wie bedeutend oder unbedeutend es sein mochte, einsetzen wird.« Er grinste Forster an. »Und Sentenza muss nicht wissen, dass er das tut.« Er sah auf die Uhr. »Ich gebe ihm noch zwei Stunden, dann frage ich an, wie seine Entscheidung aussieht. Du kannst in der Zwischenzeit unserem Freund mitteilen, dass es bald losgeht und er sich bereit halten soll.«
 
Der schlanke, klein gebaute Mann nickte. »Okay, das werde ich.« Er stand auf und wandte sich zum Gehen. Doch dann blieb er stehen und sah N’Guda eindringlich an. »Ich weiß, Nicol, es ist deine Entscheidung. Doch ich darf einwenden, dass ich nicht ganz so optimistisch bin wie du.«
 
»Darfst du, Dave, aber es wird nichts an meinem Entschluss ändern.«
 
Forster schmunzelte »Ich weiß.«
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