Preview am Sonntag (23)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Heute: Kapitel 1, „Ein nächtlicher Wettstreit“, aus „Ein Prinz zu Tulivar“ von Dirk van den Boom. Hierbei handelt es sich um die Fortsetzung des Fantasy-Romans „Ein Lord zu Tulivar“. 2015 erscheint der Roman.

Es war kalt, es war dunkel und überall lag Schnee.

Dennoch wollten wir unbedingt herausfinden, wer weiter pinkeln konnte.

Es war so eine Männersache, die man schlecht erklären konnte. Woldan und ich zogen unsere Pelzjacken über und torkelten aus dem Haus. Wir hatten beide zuviel von… allem getrunken und dementsprechend waren Orientierungssinn und Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Als die eiskalte Luft in unsere Lungen drang und an unserer Haut biss, wurde es etwas besser.

Aber nicht viel.

„Dort, Hauptmann. Eine ideale Stelle. Der Mond scheint. Keine Wolken am Himmel. Weißer, jungfräulicher Schnee ohne jeden Makel!“

Ich blinzelte und betrachtete die Stelle, die Woldan genannt hatte. Man konnte ihm nicht trauen. Er würde jeden Vorteil nutzen, um mich hinters Licht zu führen. Doch an der ausgewählten Wettkampfstätte gab es in der Tat wenig auszusetzen.

„Wir… brauchen einen Schiedsrichter“, murmelte ich.

Woldan drehte sich einmal um sich selbst und sah dabei aus wie ein besoffener Tanzbär. Dann erblickte er die beiden Fackeln vor dem Wachhaus, das neben der Mauer stand, die Burg Tulivar umgab.

„He! He da! Wachen!“, brüllte mein Freund. Hektische Betriebsamkeit brach aus, als zwei Bewaffnete ins Freie stürmten, die Schwerter gezogen und sich aufmerksam umsahen, um jedem Feind sogleich die Sinnlosigkeit seiner Absichten zu verdeutlichen. Als sie unser gewahr wurden, entspannte sich ihre Haltung und einer der Männer kam auf uns zugetrottet, während der andere sich murrend wieder in die Wärme des Hauses zurückzog.

„Herr“, begrüßte er mich und nickte Woldan zu. „Ich kann euch beiden helfen?“

Er sah uns zweifelnd an. Er war keiner der Veteranen, die ich aus dem Krieg mitgebracht hatte, sondern ein neuer Rekrut, und wusste daher nicht, ob er uns jetzt den gleichen Respekt entgegenzubringen hatte, wie zu jener Zeit, da wir nüchtern waren. An seiner Stelle hätte ich mich fluchend umgedreht, aber er traute sich das nicht.

„Du bist unser Schiedsrichter. Wir wollen wissen, wer weiter pinkeln kann“, sagte ich und wies auf eine flache Schneedecke, die vom Mondlicht wunderbar erleuchtet wurde, in der Tat völlig weiß und unberührt, eine ideale Zielfläche, die eine Messung ermöglichte.

Der Wachmann schaute von mir zu Woldan und wieder zurück, hob die Augenbrauen und zuckte mit den Schultern.

„Wohlan“, sagte er dann und wies auf die Fläche. Etwas besorgt musterte er uns, wie wir dorthin spazierten, nicht immer auf direktem Wege. Wir hatten beide ordentlich Druck auf der Blase, was an unserem fortgeschrittenen Alter sowie den Flüssigkeitsmengen lag, die wir heute Nacht zu uns genommen hatten, um Woldans Besuch in Tulivar würdig zu feiern. Demnach waren wir beide zu Höchstleistungen nicht nur bereit, sie erwiesen sich auch als drängend notwendig, nahezu unabwendbar.

Wir stellten uns auf und begannen, uns durch die mehrlagige Gewandung zu den Instrumenten unseres Wettstreits vorzuarbeiten. Es dauerte ein wenig und die Kälte, die daraufhin an meinem besten Stück zu fressen begann, minderte meine Zuversicht etwas.

„Bereit?“, fragte der Wachmann halb amüsiert, halb gelangweilt. Er begann, die richtige Einstellung zu finden, und wir mussten uns jetzt beeilen, ehe er uns aufgab und einfach mit den zunehmend verschrumpelten Kostbarkeiten in der Hand im Schnee stehen ließ.

Wir sahen uns an, voller grimmiger Entschlossenheit – soweit das in unseren leicht glasigen Blicken zu erkennen war. Aber wir empfanden es so. Es ging um alles. Eine Sache der Ehre. Wahre Männlichkeit. Niemand sonst verstand das.

„Dann legt mal los!“

Es war das eine, ein dringendes Bedürfnis zu haben, es war aber das andere, nachdem man dieses über eine Stunde durch beständigen Muskeleinsatz unterdrückt hatte, der Natur nunmehr freien Lauf zu lassen. Die plötzliche Befreiung von aller Bedrängnis führte keinesfalls immer zur Explosion des Harns nach draußen, oft genug schien sich die Blase zu fragen, ob es denn jetzt wirklich schon an der Zeit war und die Mühsal ein Ende habe. Der Startschuss als solcher hatte demnach nicht die erwünschte Wirkung. Es tröpfelte eingangs nur, und der Wachmann musste sich nunmehr sein Grinsen verkneifen, um gegenüber seinem höchsten Herrn sowie dem Dorfschulzen keine allzu große Respektlosigkeit zu zeigen.

Uns war das eigentlich egal. Wir schlossen die Augen, wippten ein wenig auf und ab und sammelten alle geistigen und körperlichen Kräfte, um den Urgewalten endlich Bahn geben zu können. Es dauerte nicht allzu lange, dann waren wir bereit, wechselten einen letzten Blick und entleerten uns.

Zwei fahlgelbe Strahle, mit beachtlichem Druck von uns geschleudert, spannten einen Bogen über den Schnee. Ich hatte mich leicht zurückgelehnt, das Becken nach vorne geschoben, die Kronjuwelen fest im Griff und das Instrument meines Triumphs – so vieler Triumphe! – leicht nach oben gerichtet, um eine ordentliche Flugbahn hinzubekommen. Woldan, als geübter Bogenschütze, hatte das natürlich auch gut raus und berechnete intuitiv die richtige Kombination aus Abschusswinkel, Abschussgeschwindigkeit und Wind.

Es herrschte Windstille, also war letzteres keine besondere Herausforderung.

Dennoch, ich glaube, es hatte mit seiner Erfahrung als Schütze zu tun, dass der Wachmann, nachdem er dem faszinierenden Schauspiel einige Sekunden gefolgt war, mit feierlicher Stimme erklärte, dass Woldan den Sieg davongetragen hatte.

Wir verpackten unsere Stücke mit ungelenken, zunehmend steifgefrorenen Fingern und stapften selbst nach vorne, um uns zu vergewissern, dass der Soldat sich nicht geirrt hatte. Es bestand leider kein Zweifel, es war die Wahrheit. Woldan hatte gut zehn Zentimeter Vorsprung, und einige Spritzer waren sogar noch weiter vor den meinen im Schnee gelandet und hatten gelbliche kleine Löcher in die weiße Fläche gestanzt.

„Ich habe gewonnen“, erklärte Woldan zu allem Überfluss und stellte sich breitbeinig über den Beweis seiner Überlegenheit. „Der Sieg ist mein, Hauptmann.“

„Ah, ich hätte es wissen müssen“, erklärte ich mit einem deprimierten Kopfschütteln. „Es war kein fairer Wettkampf. Du bist Schütze. Und du hast mehr Bier getrunken. Wer Bier dem Wein vorzieht, entwickelt mehr Druck, das ist allgemein bekannt.“

„Keine Ausflüchte“, grummelte Woldan. „Ich…“

„Herr.“

Ich drehte mich schwerfällig zu dem Wachsoldaten um.

„Ja?“

„Darf ich mich zurückziehen?“

„Klar.“

„Danke.“

Der Soldat drehte sich kopfschüttelnd um und suchte die Wärme des Wachhauses, ohne Zweifel willens, am kommenden Morgen jedem, der es wissen wollte, die Geschichte seiner spannenden nächtlichen Erlebnisse darzulegen. Ein weiterer Baustein an der Legende des heldenhaften Barons zu Tulivar, auf den ich mit Recht stolz sein durfte.

Ich schaute noch einmal auf das Abbild meiner Niederlage. Wenn es heute Nacht nicht mehr schneite, würde dieses Denkmal durch die Eiseskälte dauerhaft in den Schnee gebannt werden und am kommenden Tag Anlass für zahlreiche Bemerkungen bieten. Es war mir immer ein Bedürfnis, zur guten Stimmung meiner Leute und Nachbarn beizutragen.

Woldan und ich torkelten zurück in mein Haus, aus dessen Fenster immer noch Licht schimmerte. In der Küche brannte ein Feuer im Ofen, das eine angenehme Wärme verbreitete. Auf dem Tisch lagen die Reste unserer Arbeit: halb geleerte Teller und Platten sowie vollständig geleerte Humpen und Schnapsbecher. Wir ließen uns schwer auf die Stühle sinken, nachdem wir uns umständlich unserer Jacken entledigt hatten. Wir versuchten dabei möglichst leise zu sein: Meine Frau Dalina und meine Kinder schliefen im Obergeschoss und würden wenig erbaut sein, wenn wir allzu viel Lärm verursachten. Es war weit nach Mitternacht, aber Woldan würde nur wenige Tage bleiben und ich sah ihn viel zu selten, seit ihn seine Pflichten als Dorfschulze beschäftigten, von seiner eigenen Familie einmal ganz zu schweigen.

Eigentlich fehlte zumindest noch eine weitere Person bei unserem Gelage, doch Selur, der Dritte im Bunde, hielt sich im Norden auf, beobachtete die Grenze, die Mine und unsere kleine Festung voller Söldner, die den Reichtum Tulivars erzeugten und bewachten. Ich traute den Söldnern, soweit man ihnen überhaupt trauen konnte, aber Selur hatte eine sehr tief sitzende Vorsicht entwickelt, der er dadurch Ausdruck gab, dass er immer wieder zu Überraschungsvisiten in den Norden aufbrach. Es konnte natürlich auch damit zu tun haben, dass die in Felsheim lebenden Bewohner Tulivars zu dieser Jahreszeit nichts zu tun hatten und Selur damit eine Abwechslung war, die gerne willkommen geheißen wurde – eine Gelegenheit, die unser notgeiler Freund gerne und mit Intensität auszunutzen pflegte.

Wir saßen für einige Momente so da. Unsere Expedition nach draußen hatte arg an unseren Kräften gezerrt und seit unsere Blasen entleert waren, sank auch unser beider Konzentrationsfähigkeit rapide ab. Die Entspannung jener Muskeln schien sich nahezu epidemisch auf den Rest unserer Körper zu verbreiten. Wir starrten in die leeren Becher und verloren langsam die Lust am weiteren Zechen. Wir hatten die Erinnerungen an die Vergangenheit – verklärt, verlogen und verfälscht – ausgetauscht und wir hatten über die aktuellen Entwicklungen in Tulivar gesprochen. Wer mit wem und warum. Auf wessen Äckern es gut lief und wer Probleme hatte. Ob man die Straße an dieser oder jener Stelle nicht ausbessern sollte, sobald der Schnee geschmolzen war. Wie weit der Ausbau des Hafens in Seeheim voranging, dem wiederbelebten Fischerdorf, das mein persönliches Lieblingsprojekt war. Alles wichtige Dinge, die Gesprächsstoff für geschlagene zwanzig Minuten bereitet hatten.

Es war alles nicht mehr so schön wie früher.

Selbst das Leid des Krieges verklärte sich in der Erinnerung. Wir wurden älter, gewannen mehr Abstand. Die Albträume wurden weniger oder verblassten. Wir begannen, das Erlebte zu idealisieren und die Aufregung der Vergangenheit mit der Monotonie des letzten Jahres zu vergleichen. Sicher, am Anfang hatten wir noch unseren Anteil an Spannung gehabt, mit den Bergkriegern, dem Steuereintreiber und dem neuen Grafen zu Bell. Aber auch das hatte sich schließlich schrittweise erledigt, zumindest erweckte es den Anschein. Die allgemeine Schockstarre, in die dieses karge Land im Winter verfiel, trug zu diesem Eindruck sicher bei. Die Leute hockten zuhause, hofften, dass ihre Nahrungsvorräte für die kommenden Monate ausreichten, wagten sich bei gutem Wetter auf die Jagd nach dem gelegentlichen Hasen, und saßen ansonsten am Feuer und erzählten sich was. Viele hatten sich nichts mehr zu sagen und saßen nur noch am Feuer. Manche wurden melancholisch, wie Woldan und ich im Verlaufe des Abends, und mussten etwas tun, um sich mit Gewalt aus dieser Stimmung zu reißen.

Im Falle Woldans hatte das gut geklappt, denn er hatte unseren Wettstreit gewonnen.

Die Erkenntnis, dass ich nicht den notwendigen Druck hatte aufbauen können, um die Sache für mich zu entscheiden, trug zu meiner Melancholie eher bei. Oder war es die Tatsache, dass meine verehrte Ehefrau bei Tagesanbruch, sobald sie die Küche betreten würde, Worte sagen und Dinge tun würde, die meinen zu erwartenden Kopfschmerz potenzieren und mich in völliger Wehrlosigkeit verharren lassen würde?

„Wir sollten morgen auf die Jagd gehen“, murmelte Woldan. „Ich will hier nicht herumsitzen. Ein paar Vögel oder einen Hasen. Das wird auch deine Familie freuen. Nicht immer nur das gepökelte Zeugs, davon bekommt doch jeder Sodbrennen.“

Ich sah auf, mein Gesicht voller Hoffnung.

„Das ist eine ausgezeichnete Idee“, artikulierte ich bedächtig, um auch jede Silbe an den richtigen Platz stellen zu können. „Ausgezeichnet. Die Jagd. Arbeit für Männer. Bei jedem Wetter. Wie damals, in Cyranshi, erinnerst du dich?“

„Ich habe mir fast die Eier abgefroren und wir haben nicht mal einen Igel aus dem Winterschlaf geschreckt.“

Ich kicherte.

„Sag ich doch. Männerarbeit. Geht nichts drüber.“

Woldan nickte bekräftigend und nach kurzer Diskussion beschlossen wir, zur Vorbereitung unserer soeben beschlossenen Expedition nunmehr schlafen zu gehen. Um auch richtig fit zu sein, kamen wir zu der Erkenntnis, das Aufräum- und Säuberungsarbeiten in der Küche uns nur aufhalten würden, und mit einem Gemurmel aufrichtigen Bedauerns zogen wir uns beide ins Gästezimmer zurück, Woldans ins bereitete Bett und ich mit einigen Decken auf den Fußboden. Dass ich das eheliche Schlafgemach nicht betrat, hatte natürlich mit meinem großen Respekt vor dem Schlaf meiner geliebten Frau zu tun. Woldans Hinweis auf die Tatsache, dass der Schürhaken vom Kamin im Wohnzimmer fehlte und „dass man sich damit ja übel verletzen“ könne, mochte gleichfalls dazu beigetragen haben, eher Vorsicht walten zu lassen.

Wir schliefen sehr schnell ein.

Wir schnarchten wahrscheinlich ganz furchtbar.

Am kommenden Morgen – oder vielleicht präziser: als der späte Vormittag sich gerade entschloss, sich fortan als Mittag anreden zu lassen – erwachten wir mit klebrigen Augen und trockenen Zungen, in unseren Schädeln ein Schmerz, den wir uns wahrscheinlich verdient hatten und immer noch so müde, dass nur der erneute Harndrang uns in die Senkrechte trieb. Ein weiterer Wettbewerb um die größte Reichweite hätte sicher interessante Ergebnisse gezeitigt, doch waren wir beide froh, es gerade noch so in die Latrine geschafft zu haben. Uns wieder vom Donnerbalken zu erheben, kostete viel Zeit und Anstrengung. Wir beschlossen, draußen zu bleiben und uns im Waschhaus zu reinigen, nicht nur, weil die beißende Kälte des Wassers half, wieder zu Sinnen zu kommen, sondern auch, weil wir uns dort mit frischer Kleidung versehen konnten, die uns danach zumindest halbwegs manierlich aussehen ließ. Es gelang uns sogar, eine Rasur zu bewerkstelligen, ohne dass Todesopfer zu beklagen waren, und diese Tat erfüllte uns mit berechtigtem Stolz.

Als wir in die warme Stube zurückkehrten, fühlten wir uns immer noch wie gerädert, aber wir waren einigermaßen wach und würden im Verlaufe des Tages wohl auch wieder imstande sein, vollständige Sätze zu äußern.

Und meine Frau war ein Schatz.

Anders kann man es nicht beschreiben.

Uns erwartete eine wunderbare Frühstückskomposition aus duftendem Gebäck, Marmeladen, gebratenen Eiern mit Speck und einem Tee, der so stark war, dass er gestern Abend bereits aufgesetzt worden sein musste. Woldan und ich starrten einigermaßen sprachlos auf das Dargebotene, hatten doch wir beide im Stillen erwartet, anstatt einer umfassenden Verköstigung eine umfassende Maßregelung zu erhalten. Doch wie reagierte man jetzt angemessen? Reichte es ihr bereits, dass wir in fassungsloser Hingabe auf die malerisch dekorierte Tafel blickten? War es Vergnügen genug, sich an unser beider Unfähigkeit zu weiden, die richtigen Worte zu finden? Oder wurde jetzt erwartet, in Wort und Tat die große Schuld abzutragen, die sie damit soeben auf unsere Schultern geladen hatte?

Ich versuchte, mich an noch nicht erledigte Aufgaben zu erinnern. Das Holz war gehackt und würde für eine Woche reichen. Der Stall war gereinigt. Das kleine Loch im Dachfirst hatte ich noch vor Woldans Besuch ausgebessert. Der Besuch entfernter Verwandter war von mir mit stoischer Freundlichkeit ertragen worden, und das dreimal in Folge binnen der letzten vier Wochen. Ich hatte meine Pflichten als Lehrer nicht versäumt und der ältesten Tochter beim Malen der ersten Buchstaben assistiert. Ich hatte meine Arbeit getan, jede Aufgabe getreulich erfüllt und war ein ganz und gar perfekter Ehemann gewesen. Bis gestern.

Im Grunde gab es also nichts, was sich nunmehr für eine Strafarbeit eignete. Und selbst wenn, wäre zur Motivation ein fulminantes Frühstück wie dieses nicht notwendig gewesen, außer, um ein bereits bestehendes schlechtes Gewissen zu potenzieren, was auch ohne in Aussicht gestellte Anstrengung durchaus gelungen war.

Ich war demnach restlos verwirrt. Dalina war tatsächlich auf selbstlose Weise nett gewesen, und Selbstlosigkeit kam bei ihr nicht oft vor.

Woldan auch, aber er war der Gast, also setzte er sich hin, griff zum Tee, zu einem Stück Kuchen und beobachtete mit einem zufriedenen Grunzen, wie ihm meine Frau einen Berg Ei mit Speck auf den Teller schaufelte.

Dann sah sie auf und mir direkt ins Gesicht.

Sie war immer noch die Schönste von allen, dachte ich und fühlte, wie sich diese Wärme in meiner Herzgegend breit machte. Ich lächelte, soweit meine von der Kälte gelähmte Muskulatur dies zuließ.

Ich beschloss, mich ebenfalls zu setzen und einfach nur dankbar dreinzuschauen.

Es schien fürs Erste zu genügen.

Das Frühstück belebte unser beider Geister. Der Kopfschmerz ließ langsam nach, der starke Tee gab uns Energie und die Tätigkeit unserer Verdauung produzierte genug Ablenkung von jedem Unwohlsein, dass wir annehmen durften, den Rest des Tages einigermaßen ruhig verbringen zu können. Keiner von uns erwartete die Notwendigkeit zu außergewöhnlicher körperlicher und geistiger Leistung. Woldan würde am kommenden Tag in sein Dorf an der Grenze zu Bell zurückkehren, ein beschwerlicher, aber letztlich sehr sicherer Weg. Tulivar hatte keine Banditen, und selbst wenn, würden sie bei diesem Wetter sicher zuhause bleiben, anstatt einsamen Reisenden aufzulauern. Außerdem hatte Woldan so seine Erfahrungen mit strenger Witterung, ein sehr kräftiges Pferd und zwei Begleiter, auch alte Veteranen unserer Truppe, die zusammen das ganze Imperium durchqueren konnten, wenn sie wollten.

Sie wollten natürlich nicht, denn das hatten sie während des Krieges bereits getan, und es hatte niemandem großen Spaß bereitet.

Wir fingen gerade an, unsere zweifelsohne bestehende tiefe Schuld bei meiner Frau abzuarbeiten, indem wir begannen, das Schlachtfeld der Frühstückstafel aufzuräumen, als es an der Tür klopfte und einer der Wachleute vom Turm um Einlass begehrte.

Er grüßte uns und grinste dabei, starrte uns an wie man alternde Zirkusclowns anschaute, eine Illusion möglicherweise, die aber darauf hinwies, dass die Nachtschicht ihm detailreich unsere Eskapaden berichtet hatte. Ich gönnte ihm den Spaß, und vor allem wurde er sofort wieder ernst.

„Hauptmann, Reisende halten auf die Burg zu. Eine Gruppe von drei Reitern und ein Packpferd.“

Ich zog die Augenbrauen zusammen. Von wandernden Dorfschulzen einmal abgesehen war der Winter gemeinhin die Zeit, in der kaum jemand irgendwelchen Besuch bekam, der weiter als eintausend Meter entfernt wohnte. Es war einfach viel zu beschwerlich und sinnlos, über Land zu reisen.

Außer, es ging um etwas wirklich Wichtiges.

Oder jemand war verzweifelt.

In welche Kategorie würden die Besucher fallen?

„Was kannst du erkennen?“

„Sie sind ordentlich angezogen, mit Felljacken, und ihre Pferde sind kräftige, junge Tiere. Keine armen Männer, sondern Reisende, die sich bewusst und mit einem klaren Ziel auf den Weg gemacht haben.“ Der Soldat lächelte verlegen. „Denke ich.“

Ich nickte. Ich ermunterte das selbständige Denken bei meinen Untergebenen, half es mir doch, meine eigenen diesbezüglichen Anstrengungen auf das notwendige Mindestmaß zu begrenzen. Ich wurde schließlich auch nicht jünger.

„Wann werden sie hier sein?“

„Halbe Stunde vielleicht. Sie haben es nicht besonders eilig.“

„Sag dem Stallburschen Bescheid. Die Tiere werden der Pflege bedürfen.“

Der Soldat nickte. „Soll ich die Männer gleich einlassen?“

„Wenn sie sich nicht vor dem Tor aufbauen und unsere sofortige Kapitulation fordern – ja, bitte.“

Der Soldat entfernte sich, um meine Befehle auszuführen.

Ich drehte mich um.

„Ich gehe in mein Arbeitszimmer im Turm. Woldan, ich möchte, dass du mich begleitest. Wo ist Frederick?“

„In Tulivar“, meinte Dalina, meine Frau. „Er kommt erst am Abend zurück.“

„Die Köchin soll ein Mittagessen für Gäste bereiten. Ich möchte heißen Tee in meinem Arbeitszimmer und der Kamin soll angefeuert werden. Und ich will zwei Wachen in der Nähe. Woldan.“

Doch mein Freund stand bereits im Türrahmen, um hinauszueilen und alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Ich sah meine Frau an, die Sorge in ihren Augen war unübersehbar.

„Ich glaube nicht, dass wir es mit einer neuen Bedrohung zu tun zu haben“, sagte ich leise. „Ich habe niemanden geärgert oder provoziert. Selbst der neue Graf zu Bell kann doch nur Gutes über seinen armen Nachbarn berichten.“

„Das muss seine Familie nicht davon abhalten, es erneut zu versuchen.“

Dalina spielte auf die Ereignisse von vor drei Jahren an, als meine Gegenspieler bei Hofe alles in Bewegung gesetzt hatten, um meine Position als Baron von Tulivar unmöglich zu machen – am liebsten dadurch, indem sie mich um einen Kopf kürzer gemacht hätten, was meine Regierungsfähigkeit in der Tat erheblich eingeschränkt hätte. Soweit war es glücklicherweise nicht gekommen und ich hatte mich in die Illusion geflüchtet, allen da draußen klar gemacht zu haben, dass ich einfach nur meine Ruhe wollte.

Nach mehr strebte ich tatsächlich nicht.

Aber vielleicht hatte ich dies noch nicht deutlich genug vermittelt.

Andererseits – warum immer das Schlimmste annehmen? Es waren drei Reiter, keine Drohungen ausstoßende Streitmacht. Und es war furchtbar kalt. Einfach zu kalt für gemeine Intrigen und hinterhältige Fallen, wie ich dachte.
Ich zog meine Jacke über und winkte Dalina zum Abschied zu. Die Sorge war aus ihren Augen nicht verschwunden.

Ich konnte es ihr nicht übel nehmen.

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