Preview am Sonntag (22)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Nachdem wir bereits den Anfang von “Sterne in Asche” von Uwe Post online gestellt hatten, hier, setzte eine weitere Leseprobe vorigen Sonntag daran an. Eine dritte und letzte Leseprobe gibt es heute. Der Roman erscheint im Oktober.

Der Informationsschalter war geschlossen. Das kleine Display mit der Beschriftung »Wir sind wieder für sie da also in …« war mausetot, und hinter den Tresen hatte jemand sein Abendessen gekotzt. Die Abfluganzeiger listeten eine Reihe abgehender Flüge auf, die meisten versehen mit dem Vermerk »gekündigt«. ParaanExpress um 19:75 nach Korkvolt: gekündigt. MegaLiner um 20:20 nach Kaspor: unbekannt später. Ahorrar um 20:35 nach Contadess: gekündigt. Alternair um 20:85 nach Nicht bekannt: Status nicht bekannt.

Aus unsichtbaren Lautsprechern perlte leise Ambientmusik, die vor einem anstrengenden Raumflug entspannend wirken sollte. Die leere Abflughalle wirkte auf Ketz alles andere als entspannend.

Auch die meisten Geschäfte waren verwaist. Der Uhrenladen war vernagelt, der Chili & Schoko-Shop geplündert. Nur das in drei Sprachen beschriftete Pappschild »Bis auf Weiteres geschlossen« klebte noch an der Tür.

Der Automatenimbiss hatte geöffnet. Allerdings blinkten am Pizzaspender alle Knöpfe rot – nicht genügend Zutaten. Der Sparmus-Automat stank bestialisch und der Plastikkasten, der Kraftriegel in acht Geschmacksrichtungen feilbot, schien die einzige Nahrungsmittelquelle des Terminals zu sein.

Ketz schob seinen Koffer vor sich her und suchte die Toilette. Eine Nebenwirkung der Ballblazing-Drogen war eine vollständige Darmentleerung vor dem Spiel, eine andere war die Grundreinigung der Körpersäfte danach.

Die Toilettenzwischenwände bestanden aus Blech und die Reklamedisplays, die über der Pinkelrinne angebracht waren, zeigten einen Netzwerkfehler. Endlich mal urinieren ohne suggerierten Kaufzwang.

Nachdem Ketz sich erleichtert hatte, fiel sein Blick auf eine Spiegelung in dem Display vor ihm. Da war … irgendwas!

Ketz fuhr herum, stopfte sein Geschlechtsteil in die Hose, starrte die Blechtüren der Toilettenkabinen an. Keine war verschlossen, aber bis auf eine standen alle offen. Ketz machte einen Schritt zur Seite. Die Tür der letzten Kabine war nur angelehnt und darunter ragte ein schmaler Stiefel hervor. War da jemand auf dem Klo eingeschlafen?

Leise schlich sich Ketz näher. Stieß die Tür sachte nach innen.

Und erstarrte.

Neben der Kloschüssel lag ein Schmalmann in seinem Blut. Seine toten Augen starrten Ketz an, als wäre er es gewesen, der ihm den Schädel eingeschlagen hatte.

Ketz klopfte das Herz. Dieser Raumhafen war nicht nur einsam, er war auch gefährlich. Zumindest für Schmalmänner, jene vor langer Zeit für die Arbeit in Minen und anderen engen Orten genmodifizierten Menschen. Ketz wollte sich abwenden, aber er musste die Leiche anstarren, als würde sie wieder lebendig, wenn er nur lange genug hier stehen blieb und ihre toten Photonen absorbierte.

Der zierliche Kerl trug einen grauen Overall mit Punktemuster. Vermutlich Corporate Identity irgendeiner Firma, die auf diese Weise Werbung in eigener Sache betrieb. Jetzt störten dunkle Flecken und Spritzer das gleichmäßige Muster, als hätten sie genug von seinem Ordnungsfimmel.

Ketz musste seinen Fund melden. Draußen im Terminal gab es Notrufsäulen. Bei der Gelegenheit konnte Ketz auch gleich nach seinem Raumschiff fragen.

Als Ketz samt Koffer wieder draußen vor der Toilette stand, strömte erneut diese entspannende Musik in seine Ohren und wollte die dramatischen Bilder hinfortspülen, die er gerade gesehen hatte. Er überlegte, was sein Vater zu dieser Situation sagen würde. Aber sosehr er auch horchte, er hörte seine Stimme nicht. Schon seit Tagen nicht mehr.

Da, wieder eine Bewegung hinter ihm! Ketz fuhr herum. Aber da war nichts. Niemand. Alles ruhig. Oder war da ein Summen?

Die nächste Notrufsäule stand neben einer Reihe Wartesessel mit Massagefunktion. Energisch patschte Ketz seine Hand auf das Sensorfeld.

»Vielen Dank für Ihren Notruf. Sie werden sofort vermittelt. Beachten Sie, dass wir nicht für Schäden haften, die durch Ihre Wartezeit entstehen.«

Nervös legte sich Ketz die Worte zurecht, die er gleich aussprechen würde. »Guten Tag, hier liegt eine Leiche im Klo. Also, ich meine, in einer Toilettenkabine. Jemand hat ihr den Schädel eingeschlagen, vermute ich.« Nein, das könnte eine schlechte Sprechverbindung missverständlich machen: vermutlich ich. Also: »Einen möglichen Täter habe ich nicht gesehen. Ich meine, ich habe überhaupt noch kein lebendes Wesen hier …«

Ketz stutzte. Aus dem Augenwinkel hatte er eine Bewegung wahrgenommen. Er verdrehte den Kopf, sah an der Notrufsäule vorbei. Ein Stück weiter Richtung Abflugsteig A gab es eine weitere Sesselreihe und dort rekelte sich ein älterer Mann. Vielleicht hatte Ketz ihn geweckt, als er den Notruf aktiviert hatte, denn vorher hatte er sich nicht gerührt.

»Vielen Dank für Ihren Notruf. Sie werden so schnell wie möglich vermittelt, aber es kann noch einen Moment dauern. Durch die Wartezeit entstehen Ihnen keine Kosten«, sagte die Säule.

Was würde Vater tun? Einen der Sessel zerlegen, einen länglichen, harten, möglichst scharfen Gegenstand herauspulen und damit auf Mörderjagd gehen? Ja, dergleichen würde Ketz’ Vater vorschlagen, und so ernst es auch klingen würde, so ironisch wäre es gemeint. Die Beine in die Hand nehmen, sich irgendwo einschließen, vielleicht nicht gerade in der Toilettenkabine mit der Leiche, und bei der Gelegenheit möglichst auch die Ballblazing-Karriere beenden, die er respektierte, solange Sohnemann einen Teil der Prämien zu Hause ablieferte.

»Vielen Dank für Ihren Notruf. Wir bemühen uns, eine Verbindung für Sie herzustellen. Bewahren Sie Ruhe. Statistiken zeigen, dass Benutzern von Notrufsäulen selten Unglücke passieren.«

Ketz klatschte noch ein paarmal mit der flachen Hand auf den Sensor, dann gab er es auf. Langsam näherte er sich der Lebensform auf dem fernen Sessel und er lotste seinen Koffer vor sich her wie ein archaischer Krieger seinen Holzschild.
Schließlich sah ihn der andere Mann. Unter der braunen Mütze wackelte ein haarloser, birnenförmiger Schädel. Große Augen und ein breiter Mund ließen den Herrn femininer wirken, als er war. Ketz erinnerte sich gerade nicht, von welchem Planeten dieser Humanoide stammte, aber männlich war sein Gegenüber ganz sicher, denn keine Frau in diesem Teil der Galaxis trug freiwillig ein T-Shirt mit der Aufschrift: »Suche scharfe Mutti.«

»Langenoch«, grüßte Ketz. »Sind Sie auch hier gestrandet?«

Der Mann sah Ketz abschätzend von unten an. »Ich wohne hier«, entgegnete er dann.

»Dann sind das da hinten Ihre Toilettenkabinen?«

Der Mann sah an Ketz vorbei. »Nein«, antwortete er dann. »Mir gehört das Damenklo, das ist nicht schmutzigst. Fragen Sie ruhig nach meinem Namen, den verrate ich nicht mand.«

»Dann sage ich meinen auch nicht«, versetzte Ketz und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Will ihn gar nicht wissen«, sagte der Alte. »Bin nämlich hier, um meine Ruhe zu halten.«

»Mögen Sie die Musik?«, fragte Ketz. »Ich nicht. Sie langweilt mich.«

»Crap Metal hat wir hier kein in der Playlist«, winkte der Mann ab. »Setzen Sie sich nicht neben mich, wenn Sie stiller als einsam sein wollen.«

»Hatte ich nicht vor. Ich kann im Stehen auf mein Raumschiff warten. Oder woanders sitzen. Wie lange ist es her, dass das letzte Schiff abgelegt hat?«

»Zeit ist eine weiße Wand«, sagte der Mann vieldeutig. »Wohin wollen Sie? Ach, lassen Sie. Sie kommen doch nicht hindort.«

»Was stimmt nicht mit diesem Raumflughafen?«

»Er ist außer Betrieb. Können Sie das nicht sehen so?«

Ketz legte eine Hand auf seinen Koffer. »Außer Betrieb? Vorgestern war er das noch nicht.«

»Genau wie die Verwaltung unten auf Ollrok. Die Beamten erscheinen nicht zum Dienst, heimen krank oder sind nicht aufzufinden. Ein paar sind in das letzte Raumschiff gestiegen, das heute Nachmittag gestartet ist. Keine Ahnung, wohin und was sie dort wollen, also.«

»Aber Sie sind zurückgeblieben?«

»Sicher. Ich wohne hier, wie ich gerade sagte.«

Langsam schüttelte Ketz den Kopf. »Sie sind auch so ein Beamter.«

»Steht das auf meinem Bauch? Vorhin noch nicht.«

»Die Mütze«, sagte Ketz und zeigte auf sie.

»In den nächsten Ascheklumpen damit«, schnappte der Beamte. »Aber das wäre unehrenhaft. Wir haben nichts mehr, keine Fluggäste und keinen Schoko-Shop. Nur meine Ehre habe ich noch, meine Ehre als Beamter. Wenn ich die Mütze abnehme, kann ich mich gleich neben die Leiche im Herrenklo zulegen. Ist kein Unterschied.«

»Noch sind nicht alle Sterne verglüht, und soweit ich weiß, wird das auch noch eine ganze Weile dauern«, sagte Ketz. Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung, aber als er den Kopf drehte, war da nichts. »Kein Grund, hier zu verrecken.«

»Warum ist das so?«
Ketz fuhr herum. Diesmal war er ganz sicher, dass er etwas gesehen hatte, und zwar eine Drohne. Ganz sicher war sie gerade quer durch die Halle geflogen und jetzt versteckte sie sich hinter einer Säule. Der Beamte hatte anscheinend nichts bemerkt. »Ich meine: Warum verblassen die Sterne?«

»Sie tun es eben«, versetzte Ketz und trat einen Schritt zurück. Aber sosehr er den Kopf verdrehte, die Drohne war nicht mehr zu sehen.

»Aber warum?«
»Das weiß keiner. Ich auch nicht.« Ketz fühlte sich nicht wohl bei diesem Gespräch. »Mit der Zeit findet es vielleicht jemand heraus. Ich sicher nicht.«

»Die Zeit ist eine weiße Wand. Sagte ich das nicht gerade? Mir hört selten jemand zu. Sie sind eine Fliege an dieser Wand und es gibt keinen Anhaltspunkt, wo genau Sie sich befinden. Krabbeln Sie doch drauflos! Ich halte Sie nicht auf, Sie werden ja sehen, wo Sie ankommen. Ich, nein, ich bleibe hier. Eine saubere Toilette und Musik, die die Stimmung hebt. Mehr benötigt ein Mann nicht, wenn er nicht gebraucht wird also.«

»Heißt das, dass kein Raumschiff mehr hier ankommen oder starten wird? Was ist mit den Flügen, die laut Abflugdisplay nicht gestrichen sind?«

Der Beamte wischte sich mit der Hand durchs Gesicht. »Warten Sie einfach. Etwas anderes können Sie hier ohnehin nicht tun. Außer vielleicht so mal die Bodenfliesen zählen, wenn Sie wollen. Müssen Sie aber nicht, es sind 2488. Warten Sie einfach auf das nächste Raumschiff. Es ist ungefähr dasselbe, als würden Sie hier wohnen. Es fühlt sich also ähnlich an.«

»Also gut«, sagte Ketz. »Ich warte.«

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