Preview am Sonntag (21)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Nachdem wir bereits den Anfang von “Sterne in Asche” von Uwe Post online gestellt hatten, hier, setzt die heutige Leseprobe daran an. Eine dritte und letzte Leseprobe, die an die heutige ansetzt, folgt kommenden Sonntag. Die Umschläge des Romans sind montiert, die Vorlagen gehen in der kommenden Woche in die Druckerei.

Dass er sich um wenige Sekunden in der Spielzeit verschätzt habe, erklärte Ketz. Dass sein an sich unterlegener Gegner ihn, den mehrfachen Champion, durch eine hoch konzentrierte Leistung in diese Situation gebracht und sich dadurch das Unentschieden verdient habe. Dass er sich auf die nächste Begegnung mit diesem Gegner freue.

Weder gab Ketz zu, dass er sich den Namen seines heutigen Gegners nicht hatte merken können, noch den eigentlichen Grund für den verpassten Sieg: Er wurde langsam alt.

19 Zyklen hatte Ketz bereits erlebt, davon die letzten vier als Ballblazing-Star. Aber nur junge, schnelle Gamer konnten in diesem Spiel erfolgreich sein, in dem es mehr als in jedem anderen auf Reaktion und Geschwindigkeit ankam. Noch hatte Ketz den kleinen Vorteil der größeren Erfahrung und der gesparten Siegprämien, um an die besten Dopingmittel zu kommen. Aber er konnte sich leicht ausrechnen, wann er sich diese Mittel nicht mehr würde leisten können, wollte er nicht sein ganzes Kapital aufbrauchen und dann mittellos durch die Gegend streifen und vom Autogrammschreiben leben.

Dieser Zeitpunkt war schon sehr nah.

Ketz würde seine Fans nach der laufenden Saison bitter enttäuschen, indem er seine Karriere beenden würde. Schockiert würden sie das OMNI mit Petitionen fluten, er möge doch noch eine Saison dranhängen. Journalisten würden sich »den wahren Grund, warum Ketz Daleer Alak die Bälle ruhen lässt« ausdenken und mit möglichst schmutzigen, frei erfundenen Details ausschmücken.

Ketz schob diese deprimierenden Gedanken beiseite. Es galt, die nicht besonders sauber wirkende Dusche in den Katakomben der Arena von Ollrok zu überleben und den Weg zum Raumhafen zu finden, bevor die Stalker unter seinen Fans allzu aufdringlich wurden.

Immerhin befand sich keiner davon in der Duschkabine. Einmal war Ketz das passiert. Eine kugelförmige Leskorianerin, das selige Gesicht noch runder als der Bauch. Auf welchem Planeten war das doch gleich gewesen?
Ketz grinste bei dem Gedanken. Er ließ den traurigen Wasserstrahl den Schweiß von seiner Haut waschen, dann genoss er den wie ein startendes Raumschiff heulenden Warmluftstrahl, zog sich an und warf einen vorsichtigen Blick durch den Spalt der Tür seiner Umkleidekabine nach draußen.

Glücklicherweise wartete dort nur ein bulliger Aufpasser in hellbrauner Uniform.

»Langenoch«, grüßte Ketz und öffnete die Tür ganz. Der Bulle drehte sich um.

»’noch«, entgegnete der Mann kurz angebunden.

»Zum Raumhafen«, sagte Ketz. »Welche Richtung?«

Der Aufpasser zeigte mit einer riesigen Pranke den Gang hinunter. »Ein Orbittaxi wartet schonst«, brummte er. »Einfachst mitkomm also.« Mit Leichtigkeit schnappte sich der Mann Ketz’ Antigravkoffer und setzte sich in Bewegung.

»Sicher«, sagte Ketz und versuchte, nicht über die eigenwillige Sprache des Einheimischen zu lachen.

Der Aufpasser führte Ketz hinaus aus den Katakomben, um Ecken und enge Treppen hinauf. Einziger Schmuck der kahlen Wände waren übertrieben viele Hinweistafeln, die unter der Überschrift »Amtlichst Geregelung« auf die Beachtung obligatorischer Verhaltensrichtlinien pochten. Durch verkratzte Plexiglasfenster konnte Ketz den einen oder anderen Blick auf Tribünen und Zuschauerzugänge werfen. Zurückgelassener Müll und gelegentlich eine Lache Erbrochenes waren die einzigen Hinweise auf die Fans, die noch vor Kurzem hier Zeuge von Ketz’ erbärmlicher Leistung geworden waren. Betreten sah der Ballblazing-Star zu Boden.

Sein Führer brach das Schweigen, als wäre es ihm peinlich. »Gehörig vollst wird es nicht mehr«, sagte er. »Vielen Leuten sind die Lüste gegangen.«

»Schade für den Sport«, entgegnete Ketz, ohne wegen der seltsamen Ausdrucksweise des Ollrokers zu grinsen.

Der Einheimische schnaufte und warf ihm einen hoffnungslosen Blick zu. »Ollrok ist immer-seit Provinz«, erklärte er. »Ein paar Wichtigtuer behaupten, dass wir nur mittels viel steuerrechtliche Scharade den Sitz im Rat der Planeten bekommen also.«

»Wichtigtuer?«

»Ja, Historiker, Journalisten.«

»Aha. Und was behaupten die noch so?« Ketz heuchelte Interesse, weil es zu seinem Job gehörte.

Der Ollroker manövrierte Ketz schwebenden Koffer um eine Ecke. »Dass uns Robotminen verunreinigtes Neodymerz überliefern. Dass unsere Ballblazing-Qualifikation hinübermanipuliert ist. Dass selbst vor dem Groß-Verfall niemand hier lebte.« Er zuckte mit den Schultern. »Solche Dinge also da.«

Ketz konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er hatte sich vor der Reise hierher grob über den Planeten informiert. »Es gibt hier keine intelligenten Ureinwohner, oder?«

Der Blick des Ollrokers verfinsterte sich. »Ich weiß, auf also Sie hinauswollen.«

»Ach wirklich?«

»In den Reiseführern schreibt’s, dass Ollrok-Stummeläffchen nach Käse schmecken so.«

»Und, stimmt es?«, grinste Ketz.

»Sehen Sie da das?«, fragte sein Führer und zeigte auf ein Werbedisplay. Statt der üblichen Reklame blinkte da nur ein Wort in ungleichmäßig proportionierten Buchstaben: »GIANBU.«

Ketz sah nach hinten. Dort angebrachte Displays spielten ganz normal ihre Werbung ab. Aber jedes Display, dem er sich mit seinem Führer näherte, stellte seine übliche Arbeit ein und zeigte das eine Wort: »GIANBU.«

»Was bedeutet das?«, fragte Ketz. Aber sein Führer schwieg, vermutlich hatte er ihn mit der Sache mit den Äffchen gekränkt. Als die Männer in einen breiten Gang einbogen, der mutmaßlich zum Taxistand führte, änderten urplötzlich auch die Wegweiser, die unter der Decke hingen, ihre Anzeige: »GIANBU.« Das Wort begleitete Ketz wie ein Wellenkamm, der irgendwann auf eine Felsküste treffen musste.

In der Nähe stand eine Gruppe Fans und war damit beschäftigt, ihre Getränkebecher zu leeren. Sie warfen ihm argwöhnische Blicke zu. Dann setzten sie sich in Bewegung.

Ketz legte einen Schritt zu, zog am Ärmel seines einheimischen Begleiters. »Was ist hier los?«

Der Mann schüttelte seine Hand ab. Mit dem Kinn deutete er auf die Bildschirme unter der Decke, die vermutlich normalerweise die Abfahrtzeiten und Richtungen der nächsten Sammeltaxis darstellten.

»Ja«, sagte Ketz, »GIANBU, ich kann ja lesen. Was heißt das, Asche noch mal?«

»Ein Gruß von Hackers«, sagte der Ollroker, »Hackers, die sich in das System der Arena vermittelt haben.«

»Was für lächerliche Sicherheit haben Sie hier?«

»Eine, um die sich void kümmert. Die Hackers haben Sie mit den Kameras hier gescannt und jetzt beschimpfen sie Sie also.«

Fassungslos zeigte Ketz auf das nächste Werbedisplay, auf dem geraden noch eine barbusige Schönheit eine neuartige Sexpillen-Sorte angepriesen hatte. »Sie beschimpfen mich? Als Gianbu? Und das heißt was genau? Verlierer?«

»Machen wir schneller vorwärts«, drängte der Einheimische. Ein weiterer Trupp Fans war aufmerksam geworden und folgte geräuschvoll. Sie riefen im Chor dasselbe Wort: »Gianbu, Gianbu.«

»Es heißt eben also Hassfigur, Mister Wichtig, Privilegierter also. Weil Sie den Planeten so mal verlassen können. Jeden Planeten, dessen Sonne Verfall tut. Niemand hier hat eine Ausreisegenehmigung. Niemand bekommt solche. Weil die Beamten, die sie ausstellen, nicht zur Arbeit also.«

Ketz wollte etwas entgegnen, aber im gleichen Moment schlug neben ihm ein halb voller Getränkebecher auf den Boden und verspritzte seinen Inhalt. Die Fans grölten.

»Hier hin lang«, sagte der Ollroker und blieb stehen. Er schirmte Ketz’ Rücken ab, sodass der durch eine offen stehende Schleuse in das wartende Taxi springen konnte. Sein Begleiter schubste seinen Koffer hinterher und schon fuhr die Schleuse zu. Klatschend landete ein Becher an der Scheibe. Der Inhalt war entweder eine hiesige Fastfoodspezialität oder Erbrochenes.

Ketz wollte es nicht wissen. Er ließ sich auf den Plastiksitz des Orbittaxis sinken und konnte es kaum abwarten, bis sich die Zustiegsluke geschlossen hatte.

»Willkommen im Orbittaxi mit dem Ziel: Raumstation«, sagte eine körperlose Frauenstimme in wohltuend offizieller Grammatik. »Wir bitten Sie, während des Fluges alle mitgebrachten Antigravitationsgeräte auszuschalten und erst wieder zu aktivieren, wenn wir unsere endgültige Parkposition an der Raumstation erreicht haben. Bitte bezahlen Sie an der Konsole mit Bargeld oder Implantatguthaben.«

Ketz seufzte, stellte den Antigravgenerator seines Koffers auf Stand-by und hielt das Handgelenk vor die Bezahlkonsole. »Sie sind nicht volljährig und daher nicht berechtigt, allein zu reisen«, sagte die Frauenstimme.

Tief atmete Ketz ein und aus. Dann entgegnete er: »Ein Psy-Scan wird Ihnen zeigen, dass ich in Begleitung eines Erziehungsberechtigten bin.«

Einen Moment lang geschah nichts. Dann: »Positiv. Bestätigungscode: 4282.«

Ketz wiederholte die Zahlenkombination.

»Ihr Taxi bedankt sich und wünscht einen ruhigen Flug.«

Den hatte Ketz. Müde starrte er auf die Scheiben, an deren Außenseiten der dunkelgraue Regenplanet Ollrok seine trostlosen Spritzer hinterließ und die Spuren des Bewurfs fortspülte.

Auf der menschenleeren Raumstation verkündete eine flackernde Digitalanzeige, dass der Alternativraumflug nach Contadess »gekündigt« war.

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