Preview am Sonntag (20)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Nachdem wir bereits das erste Kapitel und den Anfang des zweiten Kapitels von „Das Blut der Helden“ von Joseph Nassise online gestellt hatten, folgt heute der Rest des zweiten Kapitels. Die Umschläge des Romans sind montiert, die Vorlagen gehen in der kommenden Woche in die Druckerei.

 

 

Das gesamte Geschwader flog inzwischen Spad XIII, und obwohl Freeman seine alte Nieuport 28 vermisste, musste er zugeben, dass die Spad einen guten Ersatz darstellte. Im Herbst 1917 eingeführt, hatte sie eine maximale Reichweite von zwei Flugstunden und eine oberste Fluggrenze von knapp siebentausend Metern. Sie war mit zwei vor dem Piloten montierten, synchronisierten Vickers-Maschinengewehren bewaffnet. Unter den Fliegern der American Expeditionary Force (AEF) war sie rasch zum Favoriten avanciert. Rickenbacker hatte eine bis zu seinem Tod geflogen und Freeman hatte sich entschieden, im Gedenken an seinen alten Freund zur Spad zu wechseln.

Freemans Mechaniker Mitchell hatte den Vogel bereits in die Führungsposition geschoben und verschwendete keine Zeit, den Propeller anzuwerfen, während Freeman an Bord kletterte. Als vorsichtiger Mensch nahm er sich einige Extramomente Zeit, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung war.

Zuerst überprüfte er den Tacho, indem er ihn beobachtete, während er die Drosselklappe öffnete und sie dann wieder in die ruhende Stellung schloss, um sich zu vergewissern, dass der Motor ganz normal lief. Sein Blick streifte über die Treibstoffpumpe und die Tankanzeige. Als Nächstes widmete er sich den technischen Steuerelementen, er testete die Bewegungen des Quer- und Höhenruders, indem er ihren vollen Bewegungsradius ausführte. Das Ruder bewegte sich etwas steif, aber er führte dies auf die kalte Morgenluft zurück und dachte nicht weiter daran. Ein kurzes Antippen des Höhenmessers mit dem Finger, ein kurzes Streifen mit den Händen über den Benzinhahn und die Magnetschalter und er war bereit zu starten.

Freeman zog seine Brille runter und überprüfte, ob die Linsen auf die gleiche Polarisierung justiert waren, indem er die Hebel an beiden Seiten der Brille mit der Fingerspitze leicht anstieß, dann gab er Mitchell per Daumen hoch das Okay.
Als auch die restlichen Piloten in den Flugzeugen, die sich hinter Freeman aufreihten, dieses Signal gegeben hatten, drehte sich der Mechaniker zu ihm um und schwang den Arm in weitem Bogen nach vorne.

Freeman gab Gas und beobachtete, wie sich das Flackern des Propellers in einen dunklen Schleier verwandelte. Die Spad erwachte zum Leben und bewegte sich zunächst noch unbeholfen und vorsichtig auf das grasbewachsene Feld zu. Als der Lärm des Motors zu einem heiseren Dröhnen anschwoll, gewann die Maschine an Geschwindigkeit und ihre Vorwärtsbewegungen wurden geschmeidiger, obgleich das Ächzen und Stöhnen des Fahrwerks erst verstummte, als sich die Spad vom Boden in die kalte Luft erhob. Nur wenige Minuten später befand sich das gesamte Geschwader aus vier Flugzeugen in der Luft und flog, der Straße folgend, nach Osten.

Freeman flog tief über die Linien der Alliierten, wissend, dass der Pikbube, der auf der Unterseite seiner Flügel prangte, von den Männern am Boden bei dieser Höhe erkannt werden konnte. Als Amerikas größtes Fliegerass sah er es als seine Pflicht an, seine Männer bei jeder möglichen Gelegenheit zu ermuntern, und der Anblick seines unverwechselbaren Flugzeugs würde denen, die im Schützengraben unter ihm hockten, etwas Mut machen. Aus einem Gebiet, das hundert Meter hinter der Stellung der Alliierten lag, stieg bereits eine spiralförmige Rauchwolke auf; der Gestank von verbranntem Fleisch wehte zusammen mit ihr durch die Luft. Freeman lenkte leicht Richtung Osten, um von dem Gestank der Leichenfeuer fortzukommen.

Der Schrecken, dem sich diese Infanterie jeden Tag gegenübersah, überstieg sein Vorstellungsvermögen. Man konnte nur vermuten, wie es so weit kommen konnte, dass die Deutschen mit der Erfindung des abscheulichen Gases einen solch furchtbaren Weg eingeschlagen hatten. Es war schlimm genug, in der Luft Flugzeuge zu bekämpfen, die von Piloten geflogen wurden, die schon lange tot waren. Wie viel schlimmer musste es sein, dort unten, nur wenige Meter von den neu auferstandenen feindlichen Truppen entfernt zu sitzen, wissend, dass die Gegenseite in einem nichts anderes sah als die nächste Mahlzeit. Als er einmal in einem Krankenhaus in Reims lag, lauschte er den Überlebenden der Schlacht von Soissons, die von ihrem Erlebten erzählten. Die Gegenseite hatte einen Angriff nach dem anderen geführt, war so schnell aus diesem bösartigen grünen Gas durch das Niemandsland hervorgestürmt, wie ihre verrottenden Körper sie tragen konnten. Die vielen Kilometer Stacheldraht wurden unter dem Gewicht der zahllosen Leichen heruntergebogen und doch kamen sie immer weiter und traten über die sich noch bewegenden Kadaver ihrer Kameraden, um in die Gräben zu stürzen und die alliierten Soldaten fortzuzerren, die das Pech hatten, sich direkt neben einem solchen Bruch in den Linien aufzuhalten. Die Truppen der Alliierten fielen in die zweite und dann in die dritte Linie der Schützengräben zurück, bevor der Angriff abgewehrt werden konnte.

Als wäre dies nicht schlimm genug, wurde dies von den Berichten über die toten Alliierten, die sich später, noch in derselben Nacht, in den verlassenen Gräben wieder erhoben und unter dem Stacheldraht hindurchkrochen, um ihre ehemaligen Kameraden anzugreifen, an Entsetzlichkeit noch überboten. Freeman erinnerte sich lebhaft an den Ausdruck auf dem Gesicht des Privates, während dieser von dem Schrecken erzählte, den er empfand, als er den Mann mit einem Bajonett aufspießen musste, mit dem er gerade erst fünfundvierzig Tage zusammengekauert in einem Schützenloch verbracht hatte, und von den Schuldgefühlen, als dieser die Leiche in einem der Feuer verbrennen musste, damit sie sich kein drittes Mal erhob.

Freeman erschauderte bei dem Gedanken daran in seinem Sitz.

Gott sei Dank funktioniert das Gas nur bei totem Gewebe. Wenn es dieselbe Wirkung auf die Lebenden hätte wie auf die Toten, dann wäre dieser Krieg bereits seit Jahren vorbei.

Als sie sich den Außenbezirken der Stadt näherten, zog Freeman die Maschine höher, da die Angst vor der Möglichkeit, bei einer solch niedrigen Flughöhe von feindlichen Piloten überrascht zu werden, sein Verlangen überwog, die Moral der Soldaten auf dem Boden zu stärken. Dichter Nebel lag in der Luft und die Wolkendecke hing relativ niedrig; Freeman wollte einen klaren Himmel unter ihren Flügeln haben, bevor sie gezwungen waren, den Feind anzugreifen.

Fünfzehn Minuten später überquerten sie die Grenze zum feindlichen Territorium und hatten direkt zu Beginn Glück. Der Beobachtungsballon erschien zunächst als dunkler Fleck vor dem blau-grünen Boden unter ihnen. Mit einer Hand nach oben greifend, drückte Freeman die Vergrößerungslinse über das Brillenglas auf seinem linken Auge und warf einen langen, gründlichen Blick auf das Luftfahrzeug vor ihnen.

Es handelte sich um einen Caquot-Ballon mit einem langen, tränenförmigen Zylinder und drei stabilisierenden Flossen. Auf der hinteren Flosse konnte er ein Symbol ausmachen, aber es befand sich noch zu weit entfernt, um es bei dieser Brilleneinstellung deutlich zu erkennen. Er griff mit seiner linken Hand nach dem Hebel für die Vergrößerungsstufe und schnippte sich so lange durch, bis er das schwarze deutsche Kreuz auf dem Ruder des Luftschiffs erkennen konnte.

Sie hatten Sichtkontakt zum Feind; jetzt brauchten sie nur noch einen Angriffsplan.

Freeman führte die Formation in zweitausend Meter Höhe an, gefolgt von Samuels und James, die parallel zueinander flogen. Walton am Ende komplettierte die Rautenformation. Er gab kein Signal zum Angriff, zumindest jetzt noch nicht.
Stattdessen reckte er seinen Hals von einer Seite zur anderen, presste sich in den sausenden Wind und suchte den Himmel unter sich nach den Fliegern ab, von denen er wusste, dass sie dem Ballon Deckung gaben. Der Feind schickte niemals einen Ballon ohne Kampfflieger nach oben.

Sie mussten da sein.

Und sie waren es.

Beide Flugzeuge, bei denen es sich dem Aussehen nach um Pfalz D.XII handelte, befanden sich schätzungsweise hundert Meter weiter unten, südlich des Ballons, wo sie so träge umherschwebten, als hätten sie nichts zu befürchten.
Freeman wackelte mit den Flügeln, um die Aufmerksamkeit seiner Piloten zu bekommen. Er zeigte nach unten auf den Ballon und tippte sich mit zwei Fingern an die Seite seines Kopfes. Als Nächstes deutete er auf die Begleitflieger, die weiter unten kreisten, und dann auf seine Männer.

Sie verstanden. Es würde ihre Aufgabe sein, die feindlichen Flugzeuge zu übernehmen, während Freeman sich um den Ballon kümmerte.

Sie flogen alle in einem Kreis zurück und blieben in der Deckung der Wolken, bis sie ihre Flieger in eine Position mit der Sonne im Rücken bringen konnten. Dann ließen sie sich als Gruppe in einem stürmischen Sturzflug, dazu gedacht, sie so schnell wie möglich über ihre Feinde zu bringen, aus den Wolken fallen.

Freeman sah, wie der Ballon in seinem Sichtfeld immer größer wurde; seine Kameraden hatte er ganz vergessen, während er sich auf seinen Angriff konzentrierte. Er hatte mehr als die Hälfte der Entfernung zu dem Luftschiff zurückgelegt, bevor dessen Besatzung seine Anwesenheit auch nur bemerkte. Er konnte sie unter der großen Masse des Ballons in ihrem Weidenkorb schweben sehen; verzweifelt riefen sie die Bodenmannschaft über das Feldtelefon. Diejenigen am Boden wirkten gleichermaßen verzweifelt und stürzten in der Hoffnung zur mechanischen Winde, den Ballon und seine Mannschaft aus dem Himmel runterzuziehen, bevor Freeman sie erreichen würde.

Mit donnernden Vickers-Maschinengewehren näherte er sich dem Ballon. Selbst im schwachen Sonnenlicht konnte er sehen, wie sich die Brandmunition von seinem Flieger in einem Bogen entfernte und in den Stoff des Ballons einschlug. Bevor er zu nahe kam, stieß er hart gegen den Hebel, um seine Spad genau in dem Moment seitlich um den Ballon zu lenken, als ein heller Lichtbogen über dessen Oberfläche tanzte. Sekunden später erfüllte eine blendende, heiße Explosion den Himmel rings um ihn, als sich das Gas im Inneren des Ballons entzündete.

Er blickte zurück und sah, wie die Beobachtungsposten aus dem jetzt fallenden Ballon sprangen und lieber auf die Chance setzten, den Sturz zu überleben, als mit ihrem Luftschiff zu verbrennen. Er brüllte jubelnd, während er beobachtete, wie der brennende Ballon auf die sich bewegenden Gestalten der Bodenmannschaft stürzte und sie in dem Feuerinferno einschloss.
Bei Gott, das sind vier weitere Mistkerle, die nicht wiederauferstehen werden!

Zum ersten Mal seit er seinen Sturzflug begonnen hatte, bemerkte Freeman das Heulen und Knallen der Maschinegewehrkugeln, das von den Kämpfern weiter unten kam. Er zog den Hebel zurück, flog die Spad weiter nach oben, außer Reichweite der Waffen, die seinen Körper für ihre Meister zu beanspruchen versuchten.

Nachdem er eine sichere Höhe erreicht hatte, begutachtete er sein Flugzeug und entdeckte eine Reihe von Löchern in der Bespannung seiner Flügel sowie einige Splitter, die aus dem mit Leder verkleideten Holz ragten, das sein Cockpit umgab, aber nichts, was es notwendig machte, zum Flugfeld zurückzukehren.

Zufrieden schaute Freeman ein weiteres Mal nach unten. Jetzt beanspruchte nur noch ein deutscher Doppeldecker den Himmel und selbst der würde nicht lange in der Luft bleiben. Dicke schwarze Rauchschwaden traten aus dem Motor aus und Samuels hing hartnäckig am Heck der Pfalz und feuerte, während er sie über den Himmel jagte. Während Freeman zuschaute, zerbrach das deutsche Flugzeug plötzlich und die Stücke regneten in einem würdelosen Ballett der Zerstörung zu Boden.

Die Staffel sammelte sich wieder in Formation, auf dem Gesicht der jüngeren Piloten lag ein Lächeln. Selbst der Veteran Freeman konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass dies ein guter Tag werden würde. Der Ballon und die beiden Begleitflieger waren in voller Sicht der anderen Piloten des Geschwaders abgeschossen worden, also würde es kein Herumgeeiere mit dem Hauptquartier über die Zuschreibung der Abschüsse geben. Welch ein verheißungsvoller Beginn.

Sie verbrachten die nächsten fünfundvierzig Minuten damit, weiter in das Feindgebiet vorzudringen, ohne dabei ein Anzeichen für ein weiteres Luftfahrzeug zu entdecken. Die Wolkendecke hatte sich um etwa tausend Meter zurückgezogen, aber sie war immer noch ziemlich dicht. Also nutzte das Geschwader sie zu seinem Vorteil, indem es seine Flugzeuge mitten unter ihrem unteren Rand versteckte.

Von dieser hohen Position aus entdeckten sie das beschädigte Flugzeug, das wacklig unter ihnen entlangflog.

Es handelte sich um einen einzelnen, leuchtend rot angemalten Fokker-Dr.I-Dreidecker, auf dem man das schwarze Eiserne Kreuz leicht erkennen konnte. Ein dünner Strom aus schwarzem Rauch trat aus dem Motor hervor und der Versuch, die Maschine unter Kontrolle und auf einem geraden Kurs zu halten, schien den Piloten voll zu beanspruchen.

Freeman wusste, dass es nur einen Mann in den gesamten deutschen Streitkräften gab, der einen roten Fokker-Dreidecker flog; es konnte niemand anderes sein als Baron Manfred von Richthofen höchstselbst.

Durch ihren früheren Erfolg zuversichtlich und begeistert von der Gelegenheit, das legendäre Fliegerass abzuschießen, reagierten die jüngeren Piloten, ohne darüber nachzudenken. Wie aus einem Guss drehten sie ab und fegten abwärts auf das feindliche Flugzeug zu.

Freeman starrte ihnen schockiert hinterher. Was glauben die, was sie da tun?

Er hielt den Steuerknüppel gleichmäßig mit seinen Knien fest, griff mit seiner linken Hand nach dem Mikrofon des Funkgeräts und kurbelte mit der rechten kräftig am Hebel, aber er merkte sofort, dass es nichts nutzen würde. Die Funkgeräte waren nicht für Notfälle konstruiert. Es würde einige Zeit dauern, um eine brauchbare Ladung aufzubauen, und das Geschwader würde mit dem feindlichen Flugzeug in Kontakt kommen, bevor er in der Lage wäre, seine Nachricht durchzugeben.

Er hatte keine andere Wahl, als ihnen nach unten zu folgen.

Freeman sah, wie die alliierten Flieger zur Fokker aufschlossen, ihre Vickers-Maschinengewehre blitzten im Sonnenlicht auf. Sobald sie in Schussweite kamen, eröffneten sie das Feuer. Der feindliche Pilot ignorierte sie weiterhin, womit er einen schweren Fehler beging, und es dauerte nicht lange, bis Freemans Geschwader das Flugzeug vom Himmel geschossen hatte.

Genau in diesem Moment startete die Gegenseite ihren sorgfältig geplanten Überraschungsangriff.

Von Westen, aus dem Sonnenlicht heraus, kamen sieben Albatros-D.III-Kampfflieger, deren Geschütze scharf gemacht und abgefeuert wurden, bevor die anderen sie überhaupt bemerkten. Samuels wurde im ersten Durchgang abgeschossen.

Einen Augenblick war seine Spad noch da, im nächsten war sie verschwunden, ersetzt durch eine Wolke aus tiefschwarzem Rauch und kleinen Stücken flatternder Trümmer. Kurz darauf folgte James diesem Beispiel, auch wenn es ihm gelang, einen der Feinde mit sich zu nehmen.

Von da an entwickelte es sich zu einem hartnäckigen Duell am Himmel. Die feindlichen Kämpfer umschwärmten die beiden verbliebenen Maschinen der Alliierten in einem choreografierten Todestanz. Freeman und Walton schafften es, sich teuer zu verkaufen, indem sie drei weitere feindliche Flugzeuge in einer umwerfenden Zuschaustellung ihrer Treffsicherheit ausschalteten.

Freeman hatte gerade angefangen zu glauben, sie könnten diese Begegnung überleben, als seine beiden Maschinengewehre blockierten. In der einen Minute brüllten sie noch gleichmäßig, in der nächsten: nichts. Von plötzlicher Wut und mehr als nur ein bisschen Angst erfüllt umklammerte Freeman den Ladehebel und versuchte, den Mechanismus frei zu bekommen.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Nichts.

In dem Wissen, dass er ohne funktionierende Geschütze inmitten eines Luftkampfs nichts taugte, riss er sich aus dem Gefecht los und stieg in dem Versuch nach oben, Zeit zu gewinnen, um das Problem zu lösen.

Die Gegenseite ließ ihn ziehen und entschied sich, stattdessen gemeinsam gegen Walton vorzugehen.

Aus seiner größeren Höhe sah Freeman zu, wie die feindlichen Kampfflieger kurzen Prozess mit seinem einzigen überlebenden Untergebenen machten.

Waltons Spad sackte plötzlich ab und stürzte in einer unkontrollierten Spirale auf den Boden zu, ein deutliches Zeichen dafür, das eine gut platzierte Kugel das Leben des Piloten beendet hatte. Freeman konnte nicht länger hinsehen.

Als er seinen Blick von der Zerstörung unter sich abwandte, fuhr Freeman vor Überraschung zusammen, als er ein bisher unbemerktes Flugzeug direkt neben seiner rechten Flügelspitze entdeckte.

Eine der neuen Fokker D.VIII, der »fliegenden Rasierklingen«, wie die britischen Piloten sie nannten. Die einflügeligen Flugzeuge waren der aktuelle Stolz der feindlichen Luftwaffe und einer der tödlichsten Kampfflieger am Himmel. Sie konnten alles ausmanövrieren, abschießen und abhängen, was die alliierten Kräfte aufbieten konnten. Dieses Flugzeug war in einem hellen Rot angestrichen wie der Dreidecker, der als Köder für die Falle diente, aber das Eiserne Kreuz auf seinen Flügeln und am Rumpf wurde durch ein doppelköpfiges Emblem aus Adler und Totenkopf ersetzt, dem Wappen der Familie von Richthofen. Das Abzeichen hob sich stark und bedrohlich von dem hellen Hintergrund ab. Die D.VIII flog so nahe, dass Freeman den anderen Piloten deutlich erkennen konnte, sogar das fehlende Fleisch an der unteren rechten Hälfte dessen Gesichts.

Sofort erkannte Freeman die wahre Natur der Falle, der sein Geschwader gerade zum Opfer gefallen war. Bei dem Dreidecker, den seine Kameraden so übereifrig gejagt hatten, handelte es sich nur um einen Lockvogel, den man benutzt hatte, um jüngere Piloten so brillant in ein Gefecht zu locken, wie es gerade geschehen war. Die Formation von Albatrossen, die aus den Wolken im Rücken der Alliierten herabgestoßen war, sollte seine Kameraden von ihm isolieren, damit er hier alleine zurückblieb.

Reif, um vom Kommandanten des feindlichen Geschwaders gepflückt zu werden.

Freeman verschwendete keine Zeit damit abzuwarten, wie sich die Falle entwickeln würde. Er brachte sein Flugzeug praktisch in der Luft zum Stehen und drehte es in einer solch engen Kurve herum, dass es ihm fast die Flügel abriss.

Der andere war ein zu guter Pilot, um sich derart einfach austricksen zu lassen. Er jagte Freeman in einer so engen Drehung, dass die beiden Flugzeuge in einer vertikalen Spirale umeinanderkreisten. Von seinem Cockpit konnte Freeman direkt »hoch« in das des ehemaligen Deutschen blicken, während der andere zu ihm »runter« schaute. Sie flogen für einige Momente auf diese Weise und kamen dem Boden immer näher, während sie ihr Gegenüber in einem Bogen in entgegengesetzter Richtung umkreisten. Freeman saß zusammengekauert gegen den kalten Wind gepresst, während von Richthofen sowohl die Kälte als auch die Zentrifugalkraft ignorierte, die durch ihre Bewegung entstand.

Eine plötzliche Veränderung im Geräusch seines Motors ließ Freeman wissen, dass er nun ein größeres Problem hatte als die Anwesenheit des tödlichsten Fliegerasses des Feindes. Zuerst war es kaum wahrnehmbar, nur eine winzige Veränderung in Ton und Höhe, aber er besaß als Flieger zu viel Erfahrung, um nicht zu wissen, dass er es mit einem schwerwiegenden Problem zu tun hatte. Seine Augen glitten über die Anzeigen, wo er augenblicklich die Veränderung beim Treibstoffdruck bemerkte. Eine der Attacken durch die Albatrosse musste, von ihm bisher unbemerkt, seine Treibstoffleitung beschädigt haben. Jetzt würde er den Preis für seine Nachlässigkeit zahlen.

Er wusste, dass es keinen Weg gab, wie er dieses tollkühne Ballett in einem Flugzeug mit blockierten Geschützen und einem beschädigten Motor fortführen konnte. Er wartete noch einen Augenblick, beobachtete, wie sein Gegner für den Bruchteil einer Sekunde wegsah, um die Anzeigen seines eigenen Flugzeugs zu überprüfen, dann brach er aus dieser Drehbewegung aus, flog in einer geraden Linie Richtung Osten und betete, dass der deutsche Pilot den Köder schlucken würde.

Wie eine Katze, die mit einer Maus spielt, hatte der feindliche Pilot auf einen solchen Zug gewartet; er schlug genau in dem Moment zu, von dem Freeman hoffte, er würde es tun. Als die Spandau-Maschinengewehre des Feindes anfingen, Freemans Maschine in Stücke zu reißen, präsentierte der Amerikaner seine eigene Überraschung.

Mit einer plötzlichen Wende zog Freeman seine Spad zunächst in etwas, das wie die Immelmankehre erschien. Als der andere Pilot den Kurs anpasste, um diesen Bogen zu unterbrechen, drehte Freeman abrupt um und steuerte direkt in die Flugbahn des Deutschen.

Der Feind reagierte schnell und schob seinen Knüppel hinüber, in einem Versuch auszuweichen, doch seine Reflexe waren nicht schnell genug. Der Rand des oberen Flügels der Spad traf den unteren der Fokker. Leinen, Leder und Holz flogen in alle Richtungen davon, als die beiden Flugzeuge kollidierten und danach voneinander forttaumelten.

Freeman kämpfte mit seinem Steuerknüppel, als dieser in seiner Hand einen Satz machte, aber da der größte Teil des oberen Flügels jetzt in Fetzen hing, blieben ihm nur wenige Optionen. Er schaffte es, seine Spad in eine flache Drehung zu bekommen, indem er die Gesamtheit ihrer Oberfläche benutzte, um seinen starken Sinkflug abzubremsen, es reichte jedoch nicht, um den Absturz zu verhindern.

Zu seiner Linken konnte er eine dunkle Fläche erkennen und versuchte sein Möglichstes, um das Flugzeug in diese Richtung zu lenken; dabei zog er am Knüppel und hoffte, dass es sich bei dem Schatten um den Teich eines Bauern, ein Wäldchen oder – Teufel auch – gar um eine weite Hecke handelte, irgendetwas, das den Aufprall ein wenig abfederte.

Als sich der Boden erhob, um ihn zu begrüßen, betete er, dass das zwangsläufig entstehende Feuer heiß genug sein würde, damit er nicht wiederauferstehen konnte.

Es gab einen donnernden Einschlag, einen Moment der Pein und dann nichts mehr.

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