Preview am Sonntag (18)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Heute: das erste Kapitel aus “Der Agent und die Söldnerin” von Sharon Lee und Steve Miller, Band 1 der LIADEN-Reihe. Der Roman erscheint im Herbst als Paperback und eBook. Ins Deutsche übersetzt wurde er von Ingrid Herrmann-Nytko, Timo Kümmel wird für das Titelbild verantwortlich zeichnen.

 

Standardjahr 1392

Der Mann, der nicht Terrence O’Grady war, hatte Ruhe bewahrt. Und genau das, folgerte Sam, diente als eindeutiger Beweis. Terry war noch nie ruhig geblieben, wenn die Aussicht auf einen handfesten Kampf bestand.

Pete, der links von Sam und hinter dem Gefangenen ging, war sich da nicht so sicher. Allem Anschein nach hatten sie tatsächlich Terrence O’Grady dingfest gemacht. Er entsprach exakt der Beschreibung: lockiges, hellbraunes Haar, Stupsnase, blassblaue Augen und eine altertümliche Brille mit schwarzem Gestell. Außerdem zog er das linke Bein nach, was laut Dossier auf einen Unfall zurückzuführen war, der aus seiner Zeit als Minenarbeiter im Terado-Gürtel
stammte.

Vor einer Tür, die tief in die Ziegelmauer der Gasse eingelassen war, blieben sie stehen. Russ, der vorneweg marschierte, hob die Faust und hämmerte zweimal gegen das schwere Kreelholz.

Während sie warteten, lauschten sie den nächtlichen Geräuschen der Stadt. Dann schwang die Tür lautlos in gut geölten Angeln auf und sie blickten in einen langen Korridor.

Als Pete über die Schwelle schritt, biss er auf die Zähne und starrte konzentriert auf den Rücken des vor ihm gehenden Mannes – der nicht Terrence O’Grady war. Vielleicht nicht. Der Rücken war in keiner Weise bemerkenswert; der Mann war schmächtiger als Pete, ging leicht vornübergebeugt und ließ die Schultern hängen. Terrence O’Grady, stand in der Akte, war für einen Terraner schlank und kleinwüchsig, seine Körpergröße lag gut sechs Zoll unter dem Durchschnitt. Das machte ihn zu einem wertvollen Partner für den massigen Sam, der zwar mühelos die wuchtige Bergwerksausrüstung bewegen konnte, aber kaum geeignet war, die kleinen Felsspalten, Krater und Verwerfungen zu erforschen, in denen sich ergiebige Erzadern befinden mochten.

Sam und Terry verdienten im Gürtel gutes Geld. Dann gab Terry den Bergbau auf und kaufte sich ein Stück Land mit einer Atmosphärenkuppel darüber; fortan beschäftigte er sich mit Landwirtschaft, der Gründung einer Familie und sogar mit Politik.

Acht Jahre später erhielt Sam via Bounce-Kom eine Nachricht von Terrys Frau: Terrence O’Grady war verschwunden. Sam machte sich auf, um mit der Frau und der Familie zu sprechen, wie es sich für einen alten Freund gehörte; er stellte Fragen und schnüffelte herum. Obwohl man keine Leiche fand, behauptete Sam, Terry müsse tot sein. Es passte ganz und gar nicht zu ihm, einfach alles im Stich zu lassen und abzuhauen. Und in Anbetracht dessen, dass Terry ein ausgefuchster Bursche war, wenn es darum ging, Unfälle zu vermeiden – und falls ihm doch einmal etwas passierte, stets noch mit einem blauen Auge davonzukommen –, musste ihm schon jemand gewaltsam das Lebenslicht auspusten, sollte er nicht an Altersschwäche sterben.

Sam kam zu dem Schluss, Terry müsse vor drei Jahren ermordet worden sein.

Doch seit Kurzem kursierten Gerüchte und dann tauchte diese Person hier auf, mit dem Gesicht und dem Namen eines Mannes, der als tot galt.

Pete schüttelte sich, als sie um eine scharfe Ecke bogen, und wäre um ein Haar gegen den Gefangenen geprallt.

»Pass doch auf!«, zischte Sam giftig.

Sie passierten eine Biegung des Korridors und gelangten in ein hell erleuchtetes, verlassenes Büro.

Der Mann, der nicht Terrence O’Grady war, hätte beinahe gelächelt.

Von diesem Punkt an kannte er die Anlage sämtlicher vierzehn Suiten in dem Gebäude, die Voltspannung der Beleuchtungskörper, die Positionen von Türen und Fenstern, die Umgebungstemperatur und selbst die Farben und Muster der Teppiche. Er sah, wie sich in seiner Mentalschleife eine Ziffer von 0,7 auf 0,85 veränderte. Kurz darauf sprang eine weitere Zahlenangabe von 0,5 auf 0,7 um. Der erste Wert zeigte an, wie günstig die Chancen für eine erfolgreiche Mission standen; der zweite machte eine Aussage über die Chancen seines persönlichen Überlebens. In letzter Zeit übertrafen die CEM-Daten deutlich die CPÜ-Werte.

Seine Bewacher blieben vor einem Aufzug stehen und beide Zahlen stiegen um einen Punkt an. Als sich die Lifttüren vor einem Büro im dritten Stock öffneten, fing die Schleife an zu flackern und erlosch – je näher eine Aktion heranrückte, umso ungenauer wurden die Kalkulationen.

Der Schreibtisch war wunderschön mit seinen Intarsienarbeiten aus Teak und Rotholz, Hölzer, die man von der Erde importiert hatte.

Der Mann, der hinter dem Schreibtisch saß, stammte gleichfalls von der Erde, aber schön konnte man ihn beim besten Willen nicht nennen. Er hatte einen Schmerbauch und einen aggressiv wirkenden schwarzen Bart. Seine weichen Hände lagen verschränkt auf dem glänzend polierten Holz und er betrachtete die Gruppe mit mäßigem Interesse.

»Vielen Dank, meine Herren. Sie dürfen sich ein paar Schritte von dem Gefangenen entfernen.«

Russ und Skipper wichen zurück und ließen den Mann, der nicht O’Grady war, allein vor Mr. Jaegers Schreibtisch stehen.

»Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Mr. O’Grady sind?«, schnurrte Jaeger.

Der schmächtige Mann deutete eine Verbeugung an und ließ die Hände locker an den Seiten herabbaumeln.

In den Tiefen seines Bartes verzog Jaeger das Gesicht. Mit einem gepflegten Finger tippte er auf die Tischplatte. »Sie sind aber nicht Terrence O’Grady«‚ stellte er dann nüchtern fest. »In diesem Bericht steht, dass Sie nicht einmal Terraner sind.« Mit einer jähen Bewegung, die man ihm aufgrund seines schlaffen, weichlichen Äußeren gar nicht zugetraut hätte, sprang er auf die Füße und knallte beide Hände auf die Tischplatte. »Sie sind nichts weiter als ein verdammter Spion, der für die Gegenseite arbeitet, Mr. … O’Grady!«, donnerte er.

Pete fuhr erschrocken zusammen und Sam zog den Kopf ein. Russ schluckte trocken.

Der Gefangene zuckte mit den Schultern.

Eine lähmende Minute lang rührte sich niemand. Dann drückte Jaeger das Kreuz durch und schlenderte um den Schreibtisch herum. Er hakte die Daumen in die Schlaufen seines Gürtels und blickte auf den Gefangenen herab. »Wissen Sie was, Mr. … O’Grady«, fuhr er im Plauderton fort, »es gibt eine Menge Leute, humanoide und nicht humanoide, die glauben, dass wir Terraner Schwächlinge sind.« Er schüttelte den Kopf. »Die Yxtrang zetteln gegen unsere Welten Kriege an und kapern unsere Schiffe; die Liaden kontrollieren Wirtschaft und Handel; die Turtles ignorieren uns. Wir müssen exorbitante Gebühren an die sogenannten Häfen der Föderation zahlen. Aber in Cantra, nicht in harten terranischen Bits! Man hält sich nicht an unsere Gesetze. Die Angehörigen unseres Volkes werden verspottet, betrogen, ermordet! Aber das lassen wir uns nicht länger gefallen, O’Grady. Jetzt schlagen wir zurück!«

Der kleinwüchsige Mann stand regungslos da, in entspannter Haltung und mit höflicher Miene.

Jaeger nickte. »Es wird höchste Zeit, dass ihr Freaks lernt, uns Terraner ernst zu nehmen – uns vielleicht sogar mit ein wenig Respekt zu behandeln. Respekt ist der erste Schritt hin zu Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Und nur um Ihnen zu zeigen, wie sehr ich an Gerechtigkeit und Gleichberechtigung glaube, werde ich Ihnen einen Gefallen erweisen, O’Grady.«

Er beugte sich jäh nach vorn, bis sein Gesicht nur noch einen Viertelzoll von dem glatten Antlitz des Gefangenen entfernt war.

»Ich erlaube Ihnen, mit mir zu sprechen. Jetzt gleich. Sie werden mir alles verraten, Mr. O’Grady: Ihren Namen, Ihren Heimatplaneten, wer Ihr Auftraggeber ist, mit wie vielen Frauen Sie geschlafen
haben, wie Ihr Abendessen schmeckte, warum Sie hier sind – einfach alles!«

Er richtete sich auf und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Die gefalteten Hände auf das schimmernde Holz gelegt, legte er ein mildes Lächeln in seine Züge.

»Legen Sie los, Mr. O’Grady, vielleicht lasse ich Sie dann am Leben.«

Der schmächtige Mann lachte.

Mit einem Ruck fuhr Jaeger hoch und drückte auf einen verborgenen Schalter.

Pete und Sam hechteten nach links, Russ und Skipper nach rechts.

Der Gefangene war stocksteif stehen geblieben, als der Strahl aus einer Hochdruck-Wasserkanone ihn traf; die Wucht des Schwalls riss ihn von den Beinen und er überschlug sich einige Male, ehe er gegen die hintere Wand prallte. Durch den harten Strahl an der Mauer festgenagelt, versuchte er, sich in Richtung Fenster zu schieben. Jaeger stellte die Wasserkanone ab und der Gefangene sackte zu Boden. Er schnappte nach Luft, die verbogene Brille lag zwei Fuß von seiner ausgestreckten Hand entfernt.

Russ packte einen seiner kraftlosen Arme und zerrte ihn hoch; taumelnd richtete der Mann sich auf und schaute blinzelnd um sich.

»Er sucht seine Brille«, meinte Pete und bückte sich, um das ramponierte, altmodische Ding aufzuheben.

»Er braucht keine Brille nich«‚ protestierte Russ und blickte wütend auf den Gefangenen hinunter. Der schmächtige Bursche linste mit zusammengekniffenen Augen zu ihm hoch.

»Ach, zum Henker – nun geben Sie ihm schon die Brille.«

Russ bugsierte den Gefangenen in Richtung Schreibtisch, während Pete mit der Sehhilfe näher kam. »Mr. Jaeger?«‚ wagte er sich vor, als ihm plötzlich ein Gedanke kam.

»Ja, was ist?«

»Wenn er nicht O’Grady ist, warum hat das Wasser dann nicht seine Schminke oder was auch immer abgespült?« Um seine Skepsis zu untermauern, griff Pete in den hellbraunen Lockenschopf und zog daran. Der Schmächtige zuckte vor Schmerz zusammen.

»Plastische Chirurgie?«, spekulierte Jaeger. »Implantate? Injektionen und Haut-Tuning? Aber das ist irrelevant. Wichtig ist – für ihn und für uns –‚ dass in dem Bericht steht, er sei kein Terraner. Aber Terry O’Grady war ein Terraner, so viel steht fest.« Er richtete sein Augenmerk auf den Gefangenen, der dabei war, seine Brille mit einem Zipfel seines durchnässten Hemdes abzuwischen.

»Nun, Mr. O’Grady? Sie haben die Wahl. Wofür entscheiden Sie sich – für ein kurzes Gespräch oder für einen langsamen Tod?«

In der Stille, die nun eintrat, versuchte Pete, das wilde Pochen seines Herzens zu ignorieren. Auf diesen Teil seines Jobs hätte er gern verzichtet.

Der mickerige Bursche geriet in Bewegung. Er machte einen gewaltigen Satz zur Seite, drehte sich von Russ weg und tauchte an Skipper und Sam vorbei. Er schleuderte einen Stuhl gegen Petes Schienbeine und flitzte zum Schreibtisch zurück. Sam bekam ihn mit einer Hand zu fassen, doch gleich darauf verlor er den Boden unter den Füßen und segelte durch die Luft, während der kleine Mann Jaeger seine kaputte Brille zuwarf und zum Fenster sauste.

Jaeger, der hinter dem Schreibtisch stand und einen Schrei ausstieß, fing die Brille reflexhaft auf. Der ehemalige Gefangene tänzelte behände zwischen Russ und Skipper hin und her, vollführte dann plötzlich einen Sprung zur Seite, sodass die beiden Männer zusammenprallten.

Er war bereits durch das Fenster gesprungen, als Pete das Akronit roch und sich in den Korridor flüchtete.

Die Explosion tötete Jaeger und schleuderte Pete ein paar Dutzend Fuß weiter in Sicherheit.

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