Preview am Sonntag (16)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Heute: der Prolog aus „Hawkwoods Reise“ von Paul Kearney, Band 1 der Fantasy-Reihe „Die Königreiche Gottes“. Die Übersetzung stammt von Michael Krug. Der Roman erscheint als Hardcover, Paperback und eBook. Mehr Infos folgen.

Jahr des Herrn 422
 
Es war ein Schiff der Toten, das sich mit der Nordwest-Brise der Küste näherte. Die Marssegel waren noch gesetzt, die Rahen hingegen gebrasst für einen längst auf dem offenen Meer zurückgebliebenen Wind. Die Männer in den Jollen sichteten es als erste, am Tage vor dem Sankt-Beynacs-Tag. Selbst in der leichten Dünung krängte es stark, und was von den Segeln noch übrig war, zitterte und flatterte, wenn die Brise aussetzte.
 
Es war ein strahlend blauer Tag – die See und der Himmel präsentierten sich so klar, dass sie einander wie Spiegelbilder glichen. Ein paar Möwen kreisten erwartungsvoll über den mit silbrig schimmernden Fischen gefüllten Netzen, die von den Fischern emsig eingeholt wurden. Ein Schwarm glitzernder Bonitos schwamm Richtung Hafen davon: ein böses Omen. Dem Volksglauben nach hauste in jedem die Seele eines Ertrunkenen. Doch der Wind stand günstig, und der Fang erwies sich als gut – die Schwärme waren unter dem Schiffskörper als große Schatten zu erkennen. Bisweilen blitzte die leuchtende Flanke eines sich windenden Fisches daraus hervor. Schon seit der Vormittagswache weilten die Fischer hier draußen und füllten die Netze mit den ungewissen Gaben der See. Die dunkle Linie der hebrionischen Küste zeichnete sich verschwommen rechterhand hinter ihren Schultern ab.
 
Der Kapitän einer Jolle hielt schützend die Hand an die Stirn, verharrte und schaute hinaus auf die See, mit Augen, die wie blaue Edelsteine auf rauem Leder blitzten; auf dem Kinn sprossen Bartstoppel so weiß wie die Härchen an Nesselhalmen. Flackernd spielten die Schatten der Wellen in den Tiefen der Augenhöhlen. „Schiff in Sicht“, brummte er.
 
„Was ist es, Vater?“
 
„Eine Karacke, Junge. Allem Anschein nach ein Hochseeschiff. Aber die Segel hängen in Fetzen von den Rahen – eine Brasse ist gar lose. Soweit ich das erkenne, muss sie wohl mindestens eine Tonne Wasser gefasst haben. Sieht ziemlich gebeutelt aus, das Schiff. Und was ist mit der Besatzung? Unfähige Landratten.“
 
„Vielleicht sind alle tot oder zu Tode erschöpft“, meinte sein Sohn aufgeregt.
 
„Vielleicht. Oder von der Pest befallen, die dem Hörensagen nach in den östlichen Ländern wütet – Gottes Fluch auf Ungläubige.“
 
Als sie das vernahmen, hielten die anderen Männer auf der Jolle inne und starrten mit düsteren Mienen auf das herannahende Schiff. Der Wind drehte sich leicht – sie spürten ihn aus einem Auge weichen -, und der seltsame Kahn geriet vom Kurs ab. Nun trieb er mit dem Rumpf voraus; die lädierten Masten zeichneten sich schwarz gegen den ungewissen Horizont ab, der gleichsam Himmel wie Meer sein konnte. Wasser troff von den Händen der Männer. Unbeachtet zappelten die im Sterben begriffenen Fische in den Netzen. Schweißtropfen sammelten sich an Nasen und brannten in Augen; überall war Salz, selbst im Wasser des eigenen Körpers. Sie schauten zu ihrem Kapitän.
 
„Das Schiff ist Bergungsgut, wenn die Besatzung tot ist“, meinte einer.
 
„Ein Schiff aus dem gottverlassenen Westen, ohne Anzeichen von Leben an Bord, bringt Unheil“, grummelte ein anderer. „Da draußen ist nichts außer tausenden Wegstunden nie befahrener See und dahinter der Rand der Erde selbst.“
 
„An Bord könnten Überlebende sein, die Hilfe brauchen“, sagte der Kapitän gestreng. Mit großen Augen schaute sein Sohn zu ihm auf. Einen Augenblick lang ruhten die Blicke aller Männer auf seinem Gesicht. Er fühlte sie wie die Strahlen der Sonne, doch das zerfurchte Antlitz zeigte keine Regung, als er seine Entscheidung traf.
 
„Wir fahren rüber. Jakob, hiss die Fock, brasst sie herum. Gorm, hol die Netze ein und ruf die anderen Boote an. Sie sollen bleiben. Hier sind zu große Schwärme, um sie einfach ziehen zu lassen.“
 
Die Besatzung machte sich an die Arbeit, teils missmutig, teils aufgeregt. Die Jolle war ein Zweimaster, der Besanmast achtern vom Ruderkopf aufgestellt. Sie mussten entgegen der landwärtigen Brise segeln, um die Karacke anzulaufen. Die Fischer auf den übrigen Booten unterbrachen das Einholen des Fangs, um zu beobachten, wie die Jolle auf ihr Ziel zusteuerte.
 
Das größere Schiff trieb nun mit der Breitseite zur Dünung und legte sich Steuerbord über, als die Wellen gegen die windwärtige Seite schlugen. Immer näher segelte die Jolle an die Karacke; die Männer ließen schwere Ruder zu Wasser und legten sich kräftig in die Riemen, während der Kapitän und einige andere reglos auf dem Schandeck warteten, bereit für den gefährlichen Sprung an die Seite der Karacke.
 
Mittlerweile türmte sie sich bedrohlich über ihnen auf, wie ein immer näherrückender Gigant. Die Geitaue hingen lose im Wind, die Lateinerrah auf dem Besanmast glich einem bloßen Stumpf, die mächtigen Planken an der Seite waren gesplittert und geborsten, als hätte sich das Schiff durch eine enge Stelle gezwängt. Kein Lebenszeichen, keine Antwort auf das Preien des Kapitäns. Verstohlen hielten einige Männer im Rudern inne, um das Heiligenzeichen vor der Brust zu schlagen.
 
Der Kapitän sprang, ächzte, als er an die Seite der Karacke prallte, hievte sich über die Reling und blieb schnaufend stehen. Die anderen folgten ihm, zwei mit Dolchen zwischen den Zähnen, als erwarteten sie, sich den Weg an Bord freikämpfen zu müssen. Dann kehrte die Jolle um. Der Maat setzte sie auf Kurs Richtung Küste, wofür er beidrehen, den Wind auf der Wetterseite halten und mit der Brise segeln musste. Der Kapitän winkte dem weggleitenden Kahn nach.
 
Die Karacke lag tief im Wasser. Im Vorder- und Achterschiff fing sich der Wind. Außer dem Rauschen und Branden der See, dem Knarren des Holzes und der Takelung und dem Scheppern eines Fasses, dass im Speigatt auf und ab rollte, war kein Geräusch zu vernehmen. Der Kapitän reckte den Kopf, als er den Geruch der Fäulnis witterte. Der alte Jakob schaute mit wissendem Blick zu ihm herüber. Die beiden nickten einander zu. Tod war an Bord, irgendwo verwesten Leichen.
 
„Der Heilige Ramusio beschütze uns; lass es nicht die Pest sein“, murmelte einer der Männer heiser, was ihm einen grimmigen Blick des Kapitäns einbrachte.
 
„Hüte deine Zunge, Kresten. Du und Daniel seht zu, dass ihr sie vor den Wind bekommt. Ich bin sicher, die Fugen halten der Dünung stand. Wir wollen versuchen, sie nach Abrusio zu schaffen, ehe sie das Werg ausspeit und den Bug ins Wasser senkt.“
 
„Du willst sie in den Hafen steuern?“, fragte Jakob.
 
„So ich kann. Vorher aber müssen wir uns unter Deck umsehen, um sicherzugehen, dass sie nicht kurz vorm Sinken ist.“ Das Rollen des Schiffes brachte ihn leicht ins Wanken. „Der Wind legt zu. Um so besser, wenn wir sie rumdrehen können. Komm, Jakob.“
 
Er stieß eine der Türen im Achtersteven auf und trat in die Finsternis dahinter. Der strahlend blaue Tag draußen war wie abgeschnitten. In der plötzlichen Düsternis hörte er den barfüßigen Jakob schwer atmend hinter sich her trotten. Der Kapitän hielt inne. Wie ein sterbendes Wesen wand sich das Schiff unter seinen Beinen; der stärker werdende Moder überlagerte sogar den Geruch von Salz, Teer und Hanf. Als seine tastenden Hände auf eine weitere Tür stießen, schluckte er heftig. „Herr im Himmel!“ keuchte er und schob sie auf.
 
Grell und blendend flutete Sonnenlicht durch geborstene Heckfenster. Eine große Kabine. Ein langer Tisch. Gekreuzte, funkelnde Schwerter an einem Schott. Und auf einem Stuhl ein toter Mann mit starrendem Blick.
 
Der Kapitän zwang sich, hineinzugehen.
 
Die Kabine stand unter Wasser, das mit dem Schaukeln des Schiffes um ihre Füße spülte. Offenbar waren rückwärtige Wellen durch die Fenster gedrungen. Am vorderen Ende der Kabine lagen Kleidung, Waffen und Seekarten verstreut. Außerdem war da ein kleiner, metallgefasster, ziemlich verbeulter Schrank. Der tote Mann jedoch saß aufrecht auf dem Stuhl, mit dem Rücken zu den Heckfenstern. Wie Pergament spannte sich die braune Haut über den Schädel. Die Hände glichen verschrumpelten Klauen. Die Ratten hatten sich an der Leiche zu schaffen gemacht. Der Stuhl war in hölzernen Schienen auf dem Deck montiert, der Mann mit durchnässtem Tauwerk an den Stuhl gebunden. Anscheinend hatte er sich selbst gefesselt, denn die Hände waren frei. Eine verrottende Faust umklammerte einen zerfledderten Bogen Papier.
 
„Jakob, was hat das zu bedeuten?“
 
„Ich weiß es nicht, Kapitän. Auf diesem Schiff war der Teufel am Werk. Der Mann da muss der Kapitän gewesen sein – siehst du die Seekarten? Außerdem liegt da ein zerbrochenes Winkelkreuz. Was aber mag ihm widerfahren sein, dass er dies getan hat?“
 
„Es gibt keine Erklärung dafür – noch nicht. Wir müssen hinuntergehen. Sieh nach, ob du hier irgendwo eine Laterne oder eine Kerze findest. Ich muss mir den Frachtraum ansehen.“
 
„Den Frachtraum?“ Der alte Seebär klang zweifelnd.
 
„Ja, Jakob. Wir müssen nachsehen, wie schnell sie Wasser fasst und was sie geladen hat.“
 
Das Licht wich aus den Fenstern, und das Rollen des Schiffes wurde sanfter, als die Männer an Deck es vor den Wind setzten. Jakob und sein Kapitän warfen einen letzten Blick auf den Totenschädel des verstorbenen Schiffsherrn. Danach verließen sie den Raum. Keiner teilte dem anderen mit, was er insgeheim dachte: Der tote Mann war mit schreckensverzerrtem Gesicht von dieser Welt geschieden.
 
*
 
Wiederum grelles Sonnenlicht, die klare Gischt des Meeres. Die anderen Männer, die mit an Bord gekommen waren, mühten sich mit Hebewerken und Brassen ab und schwenkten die für sie ungewohnt schweren Rahen. Der Kapitän bellte ein paar Befehle. Sie würden Segeltuch und neues Tauwerk brauchen. Backbord bestanden die Wanten des Hauptmastes nur noch aus dünnen Fäden –  ein Wunder, dass die Karacke den Mast nicht abgeschüttelt hatte.
 
„Unmöglich kann ein Sturm ein Schiff so zurichten“, meinte Jakob und fuhr mit den rauen Händen über die Reling. Das Holz war gesplittert und wies Kerben auf.
 
Bisse, dachte der Kapitän und fühlte, wie sich ein kalter Wurm der Angst in seinen Eingeweiden krümmte. Unter Jakobs fragendem Blick jedoch ließ er sich nichts anmerken. „Wir sind Seeleute, keine Philosophen. Unsere Aufgabe ist es, das Schiff zum Schwimmen zu bringen. Kommst du nun mit oder soll ich einen der Jungen fragen?“
 
Seit mehr als vierzig Jahren segelten sie gemeinsam die hebrionische Küste auf und ab und hatten in dieser Zeit wohl gut eine Million Fische eingeholt und mehr Stürmen getrotzt, als sie sich erinnern konnten. Stumm nickte Jakob. Zorn brannte die Angst hinweg.
 
Die Persenninge über den Luken flatterten zerrissen im Wind. Unten, in den Eingeweiden des Schiffes, war es dunkel; vorsichtig bahnten sich die beiden den Weg hinab. Einer der anderen Männer hatte eine Laterne gefunden und angezündet. Man reichte sie hinunter in die Finsternis, und das Licht offenbarte, dass Jakob und der Kapitän von Kisten, Fässern und Säcken umgeben waren. Ein muffiger Geruch hing in der Luft, abermals leichter Moder. Sie hörten das Plätschern und Gurgeln von Wasser tiefer im Bauch des Schiffes, das rollende Poltern loser Ladung, das Ächzen des überlasteten Schiffsrumpfes. Der in großen Schiffen üblicherweise unglaublich durchdringende Gestank der Bilge wurde vom eingedrungenem Meerwasser überlagert.
 
Langsam schlichen sie durch einen Gang zwischen der Ladung; der Schein der Laterne warf unstete Schatten in alle Richtungen. Sie entdeckten die Überreste von halb aufgefressenen Ratten, aber keine einzige lebendige. Und kein Zeichen von der Mannschaft. Fast mochte man meinen, der Kapitän oben in der Kabine hätte das Schiff bis zu seinem Tode allein, ohne jede Hilfe gesteuert.
 
Eine weitere Luke, hinter der ein Niedergang hinabführte in schwärzeste Finsternis. Das Schiff ächzte und stöhnte unter ihren Füßen. Die Stimmen der Kameraden in jener anderen Welt aus salziger Luft und Gischt hörten sie mittlerweile nicht mehr. Da war nur dieses gähnende Loch ins Nichts, und jenseits der hölzernen Mauern, die sie umgaben, nichts als die endlose See.
 
„Da unten ist Wasser, und gar nicht wenig“, verkündete Jakob, der die Laterne in die Luke hinabhielt. „Ich sehe es wogen, aber da ist keine Gischt. Wenn es ein Leck ist, dringt nur langsam Wasser ein.“
 
Die beiden Kameraden zur See hielten inne und starrten hinab an einen Ort, den keiner der beiden erkunden wollte. Doch wie der Kapitän gesagt hatte, sie waren Seeleute, und niemand, der sich dem Meer verbunden fühlte, konnte untätig dabei zusehen, wie ein Schiff starb.
 
Der Kapitän wollte sich an den Abstieg machen, aber Jakob hielt ihn mit einem seltsamen Lächeln zurück und ging zuerst, wobei deutlich vernehmbar der Atem in seiner Kehle rasselte.
 
Der Kapitän sah den Schein der Laterne auf das Wasser fallen und sich darin brechen. Verschiedene Dinge trieben dort unten. Dann spritzte im Spiel von Licht und Schatten etwas auf.
 
„Da sind Leichen.“ Verzerrt, wie aus weiter Ferne, drang Jakobs Stimme herauf. „Ich glaube, ich habe die Besatzung gefunden. Oh gütiger Gott und alle Heiligen -„
 
Ein Knurren ertönte, und Jakob schrie. Die Laterne verlöschte. In der plötzlichen Dunkelheit verwandelte irgend etwas das Wasser in tobende Fluten. Der Kapitän erblickte den gelben Schimmer eines Auges, gleich einem gierigen, weit entfernten Feuer in rabenschwarzer Nacht. Seine Lippen formten Jakobs Namen, doch kein Laut drang aus der Kehle; die Zunge hatte sich in Sand verwandelt. Rückwärts stolpernd, stieß er gegen die scharfe Kante einer Kiste. Lauf, brüllte ihn ein Teil seines Verstandes an, doch das Mark in den Knochen schien sich in Granit verwandelt zu haben. Dann stürmte das Ding über den Niedergang herauf, unmittelbar auf ihn zu.
 
Dem Kapitän blieb nicht einmal Zeit, ein Gebet zu murmeln, bevor das Wesen sein Fleisch zerfetzte. Nur die gelben Augen wurden Zeugen, wie die Seele aus dem Körper entwich.
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