Preview am Sonntag (15)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Heute: der Auftakt aus »Derai« von E. C. Tubb, Band 2 der „Earl Dumarest“-Serie. Der Roman wurde von Thomas Michalski übersetzt und erscheint erscheint im Spätsommer als Hardcover, Paperback und eBook.

 

Dumarest war beim Training, als die Himmelsbestie kam. Er stand dort, eine kurze Stange aus Blei in seiner Hand, wehrte die wilden Hiebe und Stöße eines meterlangen Stahlstabes ab und wich ihnen aus. Schweiß tropfte von seinem Gesicht und seinem nackten Oberkörper; Nada spielte nicht und sie war stark genug, die stählerne Stange durch die schwüle Luft heulen zu lassen. Sie war außerdem Sadistin genug, es zu genießen.

»In Ordnung«, sagte sie schließlich. »Das ist genug.« Sie trat zurück und warf die Stange beiseite. Ihre Bluse, die sich straff über ihre Brüste spannte, war vom Schweiß dunkel. Ihr langes, dunkles Haar klebte an Nacken und Wangen. Ihre Haut schimmerte im trüben Licht des Zeltes leicht olivfarben. »Du bist schnell«, sagte sie bewundernd. » Sehr schnell.«

»Ich?« Er blickte an seinem Körper herab. Eine aufgerissene, flache Schnittwunde verlief über seine Rippen. Ein tieferer Schnitt zeichnete seine linke Seite, zwei andere seinen linken Unterarm. Die Wunden waren unter einer Schicht transparenten Kunststoffs fast verheilt.

»Da warst du unerfahren. Noch schwach auf den Beinen vom niedrigen Reisen. Und sie hatten Glück«, fügte sie hinzu. »Jene, die es schafften, dich zu treffen, meine ich. Glück genug, einen Treffer zu landen, aber nicht Glück genug, um zu gewinnen.« Sie trat nah heran und stand vor ihm. Sie war exakt einen Kopf kleiner als er. »Du bist gut, Earl«, sagte sie. »Wirklich gut.«

»Mir ist ganz heiß.«

»Dann wasch dich.« Sie verstand sehr wohl, was er meinte. »Ich habe einen Eimer nach draußen gestellt.«

Es war ein 20-Liter-Fass, der Deckel entfernt, beinahe voll mit lauwarmem Wasser. Er tauchte seine Arme ein, wusch seinen Oberkörper, tauchte dann seinen Kopf unter. Als er sich erhob, hörte er das schwermütige Dröhnen. Dort oben, zwischen den verstreuten Wolken treibend, starb eine Bestie.

Die meisten der Hilfsbehälter waren bereits durchstochen worden und hingen wie zerfetzte Nebelbänder am Rande des großen, halbkugelförmigen Körpers. Während Earl und Nada noch zuschauten, stieß ein Schwarm heimischer Himmelsbewohner aus den Wolken, um an dem Eindringling zu reißen: wie Ratten, die einen Hund quälten. Dieser wehrte sich mit dem Saum aus Tentakeln, die unter seinem Körper hingen, ergriff seine Peiniger, ließ sie mit zerrissenen Gassäcken herabfallen. Andere ihrer Art fraßen sie, bevor sie auf dem Boden aufschlagen konnten. Wieder andere setzten den Angriff fort.

»Sie hat keine Chance«, sagte Nada. »Gar keine.« Ihre Stimme troff vor Erwartung.

Plötzlich übergab sich die Kreatur in einem verzweifelten Versuch, Höhe zu gewinnen. Eine Wolke aus Wasserdampf und aufgenommener Nahrung sprühte in einem Kaleidoskop farbigen Rauches hervor. Sie stieg etwas auf, vor Schrecken und Furcht dröhnend, fast hilflos, hier über dem flachen Land, fernab der starken Thermiken ihres bergigen Weidegrundes. Von hoch oben und etwas seitlich von ihr schauten die Hüter, die sie mit Luftstößen und elektrischen Sonden zur Stadt getrieben hatten, aus der Sicherheit ihrer schwebenden Plattformen zu.

»Bald«, freute sich Nada. »Bald!«

Die Angreifer stießen vor, um sie zu erlegen. Sie rissen an den peitschenden Tentakeln, an der weichen Unterseite, an der starken Haut des Hauptgassacks. Die Kreatur übergab sich erneut und warf dann, als natürlicher Wasserstoff aus seiner durchstoßenen Haut sprühte, ihre Sporen aus.

Ihr Todesschrei hallte über der Stadt wider, als eine Wolke glitzernder Fragmente in der Luft funkelte.

»Schön.« Nada starrte gedankenverloren auf die herabfallenden Überreste der Kreatur. Um sie herum waren die Angreifer damit beschäftigt zu fressen. Nur wenig, wenn überhaupt etwas, würde den Boden erreichen. »Sie bringen noch eine andere für das Finale«, sagte sie. »Ich habe mit den Wärtern geredet. Es ist eine wirklich große. Sie werden sie verbrennen«, ergänzte sie. »Bei Nacht.«

Dumarest tauchte seinen Kopf erneut in das Wasser. Er erhob sich und wrang seine Haare aus. Tropfen schmiegten sich an seine nackte Haut wie farbiger Tau. »Machen sie das immer?«

»Eine verbrennen? Sicher. Es ist ein großes Schauspiel«, erklärte sie. »Etwas, um den Touristen eine hohe Rechnung präsentieren zu können. Eine Glanznummer, sozusagen.« Sie lächelte über ihren eigenen Witz. »Bist du das erste Mal auf Kyle?«

Dumarest nickte.

»Wir werden uns bald auf den Weg machen«, sagte das Mädchen. »Das Festival ist vorbei. Elgar ist der nächste Halt. Davon gehört?«

»Nein.«

»Eine lausige Absteige«, sagte sie leidenschaftslos. »Dann Gerath, dann Segelt, dann Folgone. Das ist ein seltsamer Ort«, sinnierte sie. »Wirklich seltsam. Kommst du mit uns?«

»Nein.« Dumarest langte nach einem Handtuch. Sie reichte es ihm.

»Du könntest schlechter dran sein«, deutete sie an. »Aiken mag dich. Und«, fügte sie bedeutungsvoll hinzu, »ich mag dich auch.«

Dumarest beschäftigte sich mit dem Handtuch.

»Wir würden ein gutes Paar abgeben. Ich bin die einzige Frau, die du jemals brauchen wirst, und du bist genau der Mann, den ich immer wollte. Wir würden gut miteinander auskommen.« Sie fing das Handtuch auf, das er ihr zuwarf, und sah zu, wie er sich anzog. »Was sagst du, Earl?«

»Es würde nicht funktionieren«, sagte er. »Ich bleibe gerne in Bewegungen.«

»Warum?«, verlangte sie zu wissen. »Du suchst nach etwas«, entschied sie. »Das oder du läuft vor etwas fort. Welches von beidem ist es, Earl?«

»Keines«, sagte er.

»Also?«

»Nein«, sagte er. Und ließ sie stehen.

*

Aiken lebte in einem abgesperrten Abschnitt im hinteren Teil des Zeltes, aß und schlief auch dort. Der Eigentümer war ein kleiner, runder, pummeliger Mann, der dazu neigte zu schwitzen. Er blickte von der hochkant gestellten Kiste auf, die er als Schreibtisch verwendete, und schlug eilig den Deckel einer Geldkassette zu. »Earl!« Er verzog sein Gesicht zu einem Lächeln. »Schön, dich zu sehen, Junge. Hast du etwas auf dem Herzen?«

»Meinen Anteil«, sagte Dumarest. »Ich will ihn.«

»Sicher.« Aiken begann zu schwitzen. »Deinen Anteil.«

»Das ist richtig.« Dumarest stand auf der einen Seite des groben Schreibtischs und blickte auf den kleinen Mann herab. »Du hattest Zeit, ihn abzuzählen«, sagte er. »Falls nicht, weiß ich genau, wie viel es sein sollte. Soll ich’s dir sagen?«

»Das ist nicht nötig«, sagte Aiken. »Ich hatte nicht gedacht, dass du es so eilig hättest«, erklärte er. »Wir haben noch ein paar Tage bis zum Ende des Festivals. Wie wäre es, wenn wir es dann begleichen?«

Dumarest schüttelte seinen Kopf. »Schau«, sagte er sanft, »ich will dieses Geld. Ich habe dafür gekämpft. Ich habe es verdient. Nun will ich es haben.«

»Das ist verständlich.« Aiken zog ein Taschentuch heraus und wischte sich über Gesicht und Nacken. »Ein Mann mag es, sich des Geldes zu bedienen, das er verdient hat, vielleicht ein bisschen davon auszugeben. Zumindest ein Mann, der ein Narr ist. Aber, Earl, du bist kein Narr.«

Dumarest stand dort, wartete.

»Das Geld«, sagte Aiken. »Es ist deines – darüber will ich gar nicht streiten –, aber warum es nicht investieren, solange du die Chance hast? Hör zu«, drängte er. »Das ist ein nettes, kleines Set-up. Wir haben Nada als Lichtstrahl, der die Tölpel reinlegt, ein paar Standhafte, die schnell bluten, und einen Komiker, der für einen Lacher gut ist. Mit dir im Ring können wir nicht verlieren. Wir können Wetten von zehn zu eins anbieten, wer den ersten Treffer landet, und dennoch abräumen. Besser noch, wir können private Kämpfe aufnehmen. Du weißt, Messer mit 25 cm Klingenlänge und kein Mitleid. Großes Geld, Earl. Großes Geld.«

»Nein«, sagte Dumarest.

»Du lässt dir die Chance deines Lebens entgehen.«

»Möglich. Wo ist mein Anteil?«

»Hast du Nada gesehen? Sie will mit dir reden.«

»Ich hab sie gesehen.« Dumarest beugte sich vor, sein Gesicht unnachgiebig. »Was ist los, Aiken? Willst du mich nicht bezahlen?«

»Sicher will ich«, sagte der Eigentümer. Seine Augen blickten wild und verstohlen umher. »Sicher will ich«, wiederholte er, »nur …« Er brach ab, schluckte. »Schau, Earl«, sagte er verzweifelt. »Ich sag’s dir geradeheraus. Die Dinge sind nicht so gut gelaufen. Die Konzession kostete mehr, als ich geglaubt hatte, und die Tölpel sind ferngeblieben. Was ich versuche zu sagen, ist, dass ich praktisch bankrott bin. Ich schulde den anderen noch was. Ich muss Fracht und Geld für die Passage zum nächsten Halt entlang der Route finden. In der Stadt sind Rechnungen fällig. Mit deinem Anteil kann ich es gerade so schaffen.«

»Und ohne ihn?«

»Bin ich geschlagen«, gab Aiken zu. »Ich wäre gestrandet. Erledigt.«

»Jammerschade«, sagte Dumarest. »Bezahl mich.«

»Aber …«

Dumarest langte vor und fasste den anderen Mann an der Schulter. Langsam presste er seine Finger zusammen. »Ich habe für das Geld gearbeitet«, sagte er ruhig. »Ich bin das Risiko eingegangen, getötet zu werden, um es zu verdienen. Gibst du es mir nun oder soll ich mich selber bedienen?«

Außerhalb des Zeltes zählte er das Geld. Es war gerade genug für eine einzelne hohe Passage auf einem Schiff, das nicht zu weit reiste. Nachdenklich ging er den mittleren Bereich des Jahrmarktes herab. Buden standen auf jeder Seite, manche offen, die meisten auf die Nacht wartend, wenn die anderthalb Quadratkilometer, die für die Festspiele reserviert waren, wirklich zum Leben erwachten. Eine verstärkte Stimme scholl von einem Zelt zu ihm herüber.

»Hey, Sie da! Wollen Sie wissen, wie es ist, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden? All-sinnliche Gefühlsets geben Ihnen den Nervenkitzel Ihres Lebens! Echte Aufnahmen von Pfählungen, Lebendig-begraben-Werden, Häutungen, Verstümmelungen und viele weitere. Sechzehn verschiedene Arten von Folter! Sie spüren es, nehmen es wahr, wissen, wie es ist. Schnell! Schnell! Schnell«

Die Männerstimme verstummte. Weiter die Reihe hinab flüsterte eine Frauenstimme: »Hallo, Hübscher. Willst du meine Hochzeitsnacht miterleben? Finde heraus, wie sich die kleine Frau fühlt. Passe deine Technik an. Erlange den Ruf eines Mannes, der weiß, worum es geht. Beglücke die Damen. Tritt direkt vor für eine neue Erfahrung!«

Eine dritte Stimme, stiller, ohne Verstärkung. »Almosen, Bruder?«

Ein Mönch der Universalen Bruderschaft stand am Tor der Einzäunung. Er hatte ein bleiches, dünnes Gesicht, umrahmt von der Kapuze seiner selbst gewebten Robe. Er streckte seine angeschlagene Plastikschale aus, als Dumarest anhielt.

»Aus deiner Barmherzigkeit, Bruder«, sagte er. »Vergiss die Armen nicht.«

»Wie sollte ich sie vergessen?« Dumarest warf Münzen in die Schale. »Wie könnte irgendjemand? Sie haben viel Arbeit auf Kyle, Bruder.«

»Da sagst du was Wahres«, entgegnete der Mönch. Er blickte auf die Münzen in der Schale. Dumarest war großzügig gewesen. »Dein Name, Bruder?«

»Sodass ich in Ihre Gebete aufgenommen werde?« Dumarest lächelte, aber gab die Information. Der Mönch trat näher.

»Es gibt einen Mann, der dich sucht«, sagte er ruhig. »Ein Mann von Einfluss und Macht. Es wäre zu deinem Vorteil, ihn aufzusuchen.«

»Danke, Bruder.« Die Mönche, wusste Dumarest, hatten hochgestellte Freunde und ein Informationsnetzwerk, das sich durch die Galaxis ausdehnte. Die Universale Bruderschaft war, bei aller Bescheidenheit, eine echte Macht. »Sein Name?«

»Moto Shamaski. Ein Verwalter in der Stadt. Wirst du ihn aufsuchen?«

»Ja«, sagte Dumarest. »Bleiben Sie gesund, Bruder.«

»Bleib gesund.«

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