Preview am Sonntag (13)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Vor geraumer Zeit hatten wir das erste Kapitel aus »Das Blut der Helden« von Joseph Nassise online gestellt, hier. Heute stellen wir einen weiteren (und vermutlich letzten) Auszug online aus dem Roman, den Markus Mäurer übersetzt hat. Es handelt sich um den Anfang des zweiten Kapitels. Der Roman erscheint diesen Sommer.

 

Zwölf Meilen von dem Ort entfernt, an dem Captain Burke gegen eine Horde von gefräßigen Untoten kämpfte, trat Major Julius »Jack« Freeman aus seinem Zelt in den frischen Morgen hinaus. Dabei zog er seine dünnen Fliegerhandschuhe aus Leder über. Die Sonne brach gerade durch die Wolkendecke, das schwache Licht kaum sichtbar durch den Rauch und Staub, die die einzigen Konstanten in diesem endlosen Krieg zu sein schienen.

Trotz der frühen Stunde herrschte auf der Basis des 94th Aero Squadron, des 94. Luftgeschwaders, geschäftiges Treiben. Die Mechaniker hatten die Flugzeuge aus den Hangars geholt, sie mit dem Bug Richtung Startbahn aufgestellt und bereiteten sie für die Morgenpatrouille vor. Die eingeteilten Wachen befanden sich bereits auf den Beinen und bemannten die über das gesamte Flugfeld verteilten Maschinengewehrnester, bereit, im Fall eines deutschen Angriffs die alliierten Flugzeuge am Boden zu verteidigen. Nicht nur die eingeteilten Wachen waren schon auf, sondern ebenso die Männer der Sanitätseinheit, bereit, die Verwundeten zu den Lazarettzelten zu bringen und die Toten zu den Feuergruben.

Der Lärm der arbeitenden Männer erfüllte die Luft rings um Freeman.

Er schnaubte angewidert über seine eigene Beschreibung des Feindes. Deutsche? Kann man sie so überhaupt noch bezeichnen? Jeder neue Angriff lässt die Reihen der Untoten weiter anschwellen und sie hat die Zahl der lebenden Truppen, die dem Oberkommando der Deutschen dienen, schon lange übertroffen. Eine Armee aus gefräßigen Untoten schert sich nicht um Nationalismus; alles, was sie wollen, ist ihre nächste Mahlzeit.

Freeman war seit den frühen Anfängen in den Krieg verwickelt, nachdem Amerika eingetreten war und man die 94. im März 1918 in Villeneuve aktiviert hatte. Es schien bereits eine Ewigkeit her.

Er klemmte sich die Zigarette zwischen die Lippen und zog ein abgenutztes Sturmfeuerzeug aus der Tasche. Ein Geschenk von Rickenbacker, damals, vor der Erfindung des Gases, als dieser Krieg nur ein Krieg gewesen war und kein Kampf um das Überleben der Menschheit. Er drehte das Feuerzeug in seiner Hand und hielt es so hoch, dass er die Gravur im schwachen Morgenlicht lesen konnte. »Ein Gentlemen und Flieger« stand dort.

Statt ihn aufzumuntern, ließ der Anblick den Piloten beinahe verzweifelt den Kopf schütteln. Rickenbacker ist tot, Marr ebenso. Wenigstens sind sie im Feuer vergangen, statt wiederaufzuerstehen, um wie so viele andere gegen ihre eigenen Männer zu kämpfen. Meinem alten Freund im Luftkampf gegenüberzustehen, wäre undenkbar.

Ein Blick auf das Wettermeter an seinem Handgelenk verriet ihm, dass es kurz nach sieben war, und der Luftdruck lag beständig in der grünen Zone. Noch eine weitere Stunde und der Wind würde die Wolken so weit zerstreut haben, dass sie fliegen konnten. Dann würde das richtige Tagewerk beginnen.

Ich könnte die Zeit genauso gut zum Frühstücken nutzen, dachte er.

Die Kantine hatte man in einem alten Farmhaus untergebracht. Seine Geschwaderkameraden – Samuels, James und Walton – waren bereits dort und warteten auf die tägliche Einsatzbesprechung.

Nicht, dass sich die heutige Mission in irgendeiner Weise von den Hunderten anderen, die wir bisher geflogen sind, unterscheiden würde.

Der Luftwaffenstützpunkt in Toul lag nur zwanzig Kilometer von der Front entfernt. Nancy lag fünfundzwanzig Kilometer weiter östlich, Lunéville noch fünfzehn Kilometer dahinter. Die Straße von Toul nach Nancy und Lunéville verlief parallel zu den feindlichen Linien und lag locker in Schussweite ihrer Geschütze, was es den Alliierten schwierig machte, Truppen und Nachschub an die Front zu transportieren, um die Männer zu unterstützen, die die Frontlinien hielten. Die Aufgabe der 94. bestand darin, die Straße entlangzupatrouillieren und diese, so gut sie es vermochten, frei zu halten, damit die Infanterie nicht abgeschnitten wurde.

Freeman gesellte sich zu seinen Männern, während sie dort saßen, um Syntheier und Schinken zu frühstücken. Beides schmeckte wie Leim, und wenn es sich erst mal im Mund befand, konnte man es kaum voneinander unterscheiden, aber so wie die anderen Männer war er froh, dass sie es überhaupt hatten. Echte Nahrungsmittel wurden seltener als ein Schwein in Berlin.

So wie fast jeden Morgen diskutierten die Männer des Schwadrons über den Feind, wobei sich die Debatte immer wieder im Kreis drehte, ohne wirklich zu etwas zu führen. Es gab viel mehr Fragen als Antworten. Warum lechzten die Watschler nach menschlichem Fleisch? Was verursachte ihren gierigen Hunger? Warum kehrte ein kleiner Prozentsatz der Toten als Wiedergänger zurück, deren motorische und mentale Fähigkeiten ebenso perfekt intakt waren wie – was vermutlich das Wichtigste war – ihr Erinnerungsvermögen. Antworten auf diese und andere Fragen zu finden, hatte höchste Priorität. Sie zu lösen, konnte den Krieg zu einem Ende bringen, aber für diese Gruppe aus Bauernjungen bestand keine Chance, das zu erreichen. Freeman schwieg während der gesamten Debatte und nickte nur unverbindlich über seinen Kaffee, da er nichts Neues zu dem Thema beizutragen hatte.

Nach dem Frühstück, während die Männer noch immer ihren Kaffee genossen, traf ein Bote mit der Neuigkeit ein, dass gerade ein neuer drahtloser Anruf aus Nancy gekommen sei. Mehrere feindliche Flugzeuge seien mit Kurs auf den Flughafen gesichtet worden.

»Zeit, euch euren Lohn zu verdienen, Jungs«, sagte Freeman, als er sie aus der Kantine aufs Flugfeld führte.

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2 Antworten zu Preview am Sonntag (13)

  1. Denny Richter schreibt:

    Eine Frage zu den Previews:
    Wäre es eigentlich möglich die Auszüge als via Newsletter (oder ähnlichem) direkt als eBook (ePub) zu verschicken?

  2. gl schreibt:

    Der Plan ist ja eigentlich, dass die Leser sonntags oder zu Beginn einer Woche die Website besuchen sollen. Ein Versand im/als Newsletter evtl. als eBook ist aktuell nicht geplant.

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