Preview am Sonntag (10)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Nachdem wir diese Preview-Reihe mit dem Prolog aus Stefan Burbans „Söldnertreue“ starteten, folgt heute das erste Kapitel aus diesem Roman.

 
„Ha! Gewonnen!“ Kilian lehnte sich triumphierend in seinem Stuhl zurück, während er mit beiden Händen seinen Gewinn über den mit Bierresten verunreinigten Tisch zu sich herüberzog.

Die Taverne stank nach Erbrochenem, menschlichen Exkrementen und Schweiß. Nach allen Maßstäben zivilisierter Menschen, handelte es sich um eine billige Absteige, die man nur aufsuchte, wenn man entweder kein Geld besaß, oder nirgendwo sonst willkommen war.

Auf Kilian und Silas traf beides zu.

Silas beobachtete gelangweilt, wie Kilian ein weiteres Mal die Würfel hob. „Ich spüre, jetzt habe ich eine Glückssträhne.“

„Findest du es wirklich sinnvoll weiterzuspielen, oh großer und mächtiger Anführer.“

Kilian blickte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Bist du blind? Siehst du nicht, was ich gerade gewonnen habe?“

„Ja, allerdings“, hielt Silas ihm süffisant entgegen. „Aber darf ich dich daran erinnern, dass es das erste Mal in den letzten drei Tagen war, dass du gewonnen hast. Dein Gewinn, auf den du gerade so stolz bist, deckt nicht einmal ansatzweise den Verlust, den du seit unserer Ankunft gemacht hast.“

„Du bist ein alter Miesepeter“, lachte Kilian.

„Nenn es wie du willst, aber unser letztes Geld auch noch zu verspielen, halte ich … wie drücke ich mich jetzt nur taktvoll aus … für total bescheuert.“

„Entspann dich mal, Silas. Hab auch mal etwas Spaß.“

„Oh, ich habe Spaß. Ich habe sogar sehr viel Spaß. Manchmal ist es jedoch sinnvoller, sich Arbeit zu suchen. Der letzte Auftrag ist Monate her. Im Moment würde ich sogar eine Arbeit als Karawanenwache annehmen.“

„Keine Sorge. Es wird sich was ergeben.“

„Ich mache mir aber Sorgen. Meine Mutter hat ihren Sohn nicht großgezogen, damit er des Hungertodes stirbt.“

„Wirst du schon nicht.“

„Glaubst du?“

„Weiß ich.“

„Ah, sind wir jetzt also schon unter die Wahrsager gegangen? Ich sehe gar keine Kristallkugel.“

„Dein Sarkasmus geht mir langsam auf die Nerven, mein Freund.“ Entgegen seiner Worte lächelte Kilian.

„Ich bin da nicht ganz so zuversichtlich.“

Kilian beugte sich vor und senkte verschwörerisch die Stimme. „Weißt du, weshalb wir hier sind?“

„Weil man uns überall sonst rausgeworfen hat?“

„Ja … nein … “ Kilian überlegte. „Auch. Aber nicht nur. Sieht dich mal um. Was siehst du?“

Silas tat wie geheißen und antwortete schließlich: „Eine Menge Abschaum.“

„Du meinst, eine Menge Söldner.“

„Hab ich doch gesagt. Na und?“

„Diese Taverne ist ein beliebter Treffpunkt für Söldner in dieser Gegend. Früher oder später wird hier jemand reinkommen, eine Arbeit anbieten und er wird auf den ersten Blick erkennen, dass zwei erfahrene, kampferprobte und darüber hinaus auch noch gutaussehende Söldner wie wir eine Bereicherung für ihn sein werden.“

„Klingt ja nach einem tollen Plan“, ächzte Silas. „Und wann trifft dieser Glücksfall ein?“

„Früher oder später“, entgegnete Kilian leichthin.

Er schüttelte die Würfel mehrmals in der linken Hand, bevor er sie schwungvoll auf den Tisch knallte. „Schon wieder gewonnen“, schrie er triumphierend.

Silas beäugte Kilians Mitspieler misstrauisch. Die Knaben waren allesamt von der plötzlichen Glückssträhne des Söldners genervt, um nicht zu sagen verwundert. Einer von ihnen, ein hünenhafter Kerl mit einer Augenklappe über der leeren
rechten Augenhöhle, warf den zwei Würfeln immer wieder finstere Blicke zu. Es war nicht schwer zu erraten, was sie dachten. Sie fragten sich, ob Kilian wohl die Würfel irgendwie gegen gezinkte ausgetauscht hatte.

Silas hätte jetzt gerne gesagt, dass das unmöglich wäre, doch die Erfahrung sagte ihm etwas anderes. Mit derlei Spielereien hatte Kilian bereits des Öfteren ihre Reisekasse aufgefüllt. Hin und wieder bekamen die Leute, die er ausnahm jedoch mit, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging und dann konnte es recht unangenehm werden. Silas beäugte einen der Söldner, der zu Kilians Linker saß. Der Mann tastete verstohlen nach seinem Dolch.

„Wir sollten jetzt vielleicht verschwinden“, flüsterte Silas. „Solange wir noch können.“

„Bist du verrückt? Jetzt, da ich endlich gewinne?“

„Deine Spielkameraden werden langsam etwas misstrauisch.“

Kilian warf den anderen vier Mitspielern einen abschätzigen Blick zu, doch er tat die Bedrohlichkeit der Situation mit einem Achselzucken ab. „Was wollen die schon tun? Uns umbringen?“

„Genau das macht mir Sorgen, oh großer und mächtiger Anführer. Lass uns verschwinden. Und zwar schnell.“

Aus dem Augenwinkel bemerkte Silas wie ein zweiter Mitspieler sein Schwert in der Scheide lockerte.

Doch, bevor es zum Austausch von Gewalt kommen konnte, flog mit einem Mal die Tür auf und drei Männer stolzierten in den Raum. Sie gehörten eindeutig nicht hierher und genau das sicherte ihnen von Anfang an die Aufmerksamkeit aller.

Zwei der Männer trugen einfache Kleidung, die Scheiden in denen ihre Schwerter stecken, wirkten jedoch abgenutzt, was darauf schließen ließ, dass sie häufig blank zogen. Die Griffe der Schwerter waren mit Leinen umwickelt. Dies saugte den Schweiß auf und sorgte für eine sicherere Hand beim Führen der Schwerter. Wenn sie ihre Waffen tatsächlich so oft zogen und noch am Leben waren, mussten sie gut sein. Sie bewegten sich mit einer fließenden Eleganz, die erfahrene Kämpfer an den Tag legten. Silas bemerkte, wie die zwei Jüngeren die Anwesenden sorgsam im Auge behielten. Oh ja, diese Männer waren in der Tat keine gewöhnlichen Söldner und definitiv weit besser als der hier vertretene Abschaum.

Der dritte im Bunde war ganz offensichtlich kein Söldner. Zumindest kein billiger. Er trug eine Rüstung wie sie sich keiner der Anwesenden leisten konnten. Nicht einmal dann, wenn sie alles an Geld sparten, das sie in ihrem Leben verdienten.

Die Drei bauten sich in der Mitte des Raumes auf. Der Mann in der Rüstung zog einen Stuhl zu sich heran und stellte sich darauf. Seine zwei Begleiter bauten sich rechts und links von ihm auf und behielten die versammelte Menge weiterhin wachsam im Auge.

„Mein Name ist Ciran Talbert. Hauptmann Ciran Talbert. Dies sind meine zwei Leutnants Iro Kald und Neroon Vos. Ich bin dabei eine Söldnerarmee auszuheben und suche nach Freiwilligen.“

Interessiertes Raunen ging durch den Raum, doch Ciran Talbert gebot mit erhobener Hand Ruhe. Die Söldner verstummten. Der Mann war es gewohnt, Befehle zu geben und auch, diese augenblicklich ausgeführt zu sehen. Kilian zwinkerte Silas erfreut zu. Hier ergab sich tatsächlich eine Möglichkeit, Arbeit zu finden. Auf genau so etwas hatten sie gewartet.

„Nur, damit ihr euch im Klaren darüber seid, mit wem ihr es zu tun habt“, fuhr Ciran fort. „Ich nehme nicht jeden auf. Aus diesem Haufen werde ich nicht mehr als zehn Männer rekrutieren.“

„Gegen wen geht es denn?“, fragte einer der Söldner.

„Ich kann euch nicht sagen, in wessen Auftrag ich diese Armee aufstelle oder gegen wen wir ziehen. Nur soviel: Diejenigen, die diesen Auftrag überleben, werden so viel Gold mit nach Hause bringen, dass sie nie wieder arbeiten müssen. Ihr könnt euch bequem zurücklehnen und im Luxus leben. Kauft euch ein Stück Land, ein Haus oder Frauen, wenn euch danach ist. Jeder, der rekrutiert wird, bekommt zehn Goldstücke pro Tag, einen Bonus nach Beendigung des Auftrags und darf an Beute behalten, was er tragen kann. Im Süden wartet reiche Beute auf jeden von uns.“

Silas beugte sich zu Kilian vor und senkte verschwörerisch die Stimme. „Wovon redet der Kerl da. Es ist doch nichts im Süden.“

Kilian überlegte fieberhaft. „Außer den Moyri.“

Silas kniff verwirrt die Augen zusammen. „Seit Logan vor vier Jahren die Clans zurück in die Steppe geführt hat, herrscht Frieden. Soweit bekannt ist, hat er sogar sein Versprechen eingelöst und die Horde wieder in die einzelnen Clans aufgespalten. Warum sollte jemand diesen Frieden beenden wollen.“

„Gute Frage. Aber das finden wir unterwegs raus.“

„Unter… Oh nein, du hast vor, dich anwerben zu lassen?!“

„Natürlich. Was hast du denn gedacht?“

„Du willst allen Ernstes gegen die Moyri kämpfen?“

„Red keinen Unsinn. Selbstverständlich nicht. Aber Logan ist unser Freund und er verdient es herauszufinden, was vor sich geht. Außerdem will ich wissen, wer so blöd ist, die Moyri herauszufordern.“ Kilian zwinkerte. „Und ganz nebenbei verdienen wir auch noch ein hübsches Sümmchen.“

„Du meinst, Logan war unser Freund – vor vier Jahren. Du weißt nicht, ob er sich verändert hat. Die Steppe ist ein verdammt hartes Land. Und die Menschen, die dort leben, sind genauso hart. Vielleicht ist er nicht mehr derselbe Mensch wie früher.“

„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden, nicht wahr?“

Einer der Söldner sprach erneut Ciran Talbert an und zog damit auch Kilians und Silas‘ Aufmerksamkeit auf sich.

„Und wie triffst du deine Auswahl für diese Armee? Wie entscheidest du?“

„Ich bin sehr froh, dass du fragst“, erwiderte Ciran, stieg von seinem Stuhl und ging – seine zwei Leutnants im Kielwasser – zurück zur Tür. Kurz, bevor er sie durchschritt, drehte er sich nochmal um und sagte: „Die ersten Zehn, die es schaffen durch die Tür zu kommen, werden rekrutiert.“ Mit diesen Worten zog er die Tür hinter sich ins Schloss.

Im Schankraum der Taverne herrschte eisiges Schweigen. Die Männer waren noch dabei, das Gehörte zu verdauen. Doch es wurden bereits erste berechnende Blicke in die Runde geworfen.

„Oh oh“, hauchte Silas und schon brach die Hölle los.

Alle gingen aufeinander los. Jeder kämpfte gegen jeden. Der Tisch, an dem Kilian gewürfelt hatte, wurde umgestoßen. Der Einäugige drosch mit seiner riesigen Faust einen der anderen Mitspieler nieder. Ein weiterer Söldner griff Kilian an. Dieser duckte sich unter einem wilden Schwinger und brachte selbst zwei wuchtige Schläge – einen ins Gesicht, den anderen in die linke Niere – an. Blut spritzte aus der Nase des Mannes, er taumelte rücklings und verschwand im Getümmel.

„Mir nach!“, schrie Kilian über den Kampflärm hinweg.

Silas kroch unter zwei Tische hindurch, um Kilian nicht zu verlieren. Die Söldner in der Tavernen verloren inzwischen sämtliche Zurückhaltung. Der Wirt versuchte, der Situation Herr zu werden, um zumindest etwas von seiner Einrichtung zu retten und bekam im Gegenzug ein Messer zwischen die Rippen.

Eine Hand packte Silas grob an der Schulter und wollte ihn ins Getümmel zurückreißen. Der Barde schlug reflexartig mit dem Ellbogen nach hinten. Er traf irgendetwas und schmerzerfülltes Grunzen belohnte seine Anstrengungen.

Kilian hatte unterdessen fast die Tür erreicht. Eine Gestalt trat in seinen Weg und schlug mit einem schartigen Schwert nach ihm.

Kilian wich geschickt aus und zog in einer fließenden Bewegung die eigene Klinge. Er lenkte das Schwert des anderen seitlich ab und schlug mit seinem Schwertgriff gegen den Kehlkopf des anderen. Der Mann keuchte, ließ sein Schwert los und hielt sich mit schmerzverzerrter Miene den geprellten Adamsapfel.

Silas bekam nur wenige Eindrücke vom Kampf ringsum mit, doch was er sah genügte, ihm den Magen umzudrehen. Die Söldner schlachteten sich genüsslich gegenseitig ab. Moralische Bedenken spielten keinerlei Rolle.

Kilian stieß die Tür der Taverne auf, packte Silas am Kragen und bugsierte ihn grob hindurch, wobei er mit der anderen Hand einen Schwerthieb gegen den Kopf des Barden abwehrte. Silas landete unsanft im Staub vor der Schenke. Kilian folgte ihm deutlich eleganter. Mit einer Hand half er dem Barden wieder auf die Füße.

Hinter ihnen kamen weitere Gestalten aus der Taverne, einige bluteten, andere hatten Blut an den Waffen. Einer von ihnen war der Einäugige, mit dem Kilian gewürfelt hatte.

Ciran Talbert musterte sie der Reihe nach. Als sein Blick auf Silas fiel, verzog er abwertend den Mund. „Wir ziehen in den Krieg. Da kann ich keinen Barden gebrauchen.“ Er musterte Kilian. Die Miene des Söldnerhauptmanns hellte sich sichtlich auf. „Aber du, du scheinst gutes Material zu sein. Du kannst mitkommen.“

Kilian klopfte Silas freundschaftlich auf die Schulter. „Uns gibt es nur im Doppelpack.“

Ciran zog überrascht eine Augenbraue hoch. „Ich biete dir Arbeit an und du wagst es, mir Bedingungen zu stellen?“ Er stemmte beide Arme in die Hüften und baute sich drohend vor dem Duo auf. „Warum sollte ich darauf eingehen?“

„Weil wir es wert sind, Hauptmann“, erklärte Kilian. „Ich bin ein hervorragender Kämpfer und mein Freund hier unterhält die Truppen. Eine Armee lebt nicht allein von Beute und Kampf. Silas hier kann jonglieren, singen und Geschichten erzählen. Außerdem kennt er sich mit Kräutern aus und kann die Verwundeten versorgen. In mitzunehmen wirst du nicht bereuen.“

Ciran musterte beide noch einen Moment mürrisch, dann fing er plötzlich brüllend zu lachen an. „Also schön. So viel Frechheit muss belohnt werden. Willkommen bei Talberts Marodeuren.“

Während Ciran Talbert an ihnen vorüberging, um die anderen neuen Mitglieder seiner Armee zu begrüßen, flüsterte Silas Kilian zu: „Ich kenne mich mit Kräutern aus? Seit wann kenne ich mich mit Kräutern aus?“

Kilian bückte sich und riss ein Büschel Gras aus, das er Silas in die Hand drückte. „Dann wird’s Zeit, es zu lernen.“

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