Preview am Sonntag (9)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Heute:  der Auftakt von „Der Terraformer“ von Matthias Falke.

 

Die Arbeitsplatte war mattschwarz und kühl wie künstliches Obsidian. Sie erzeugte sensorische oder holografische Felder, die sich mit den Fingern, mit interaktiven Fibern und mit den Blicken aktivieren ließen. Die Ausgabe der Daten konnte optisch, akustisch oder mittels Induktion erfolgen. Nachdem Anders McCoy mehrere Stunden lang konzentriert gearbeitet hatte, war ihm, als ob der Fluss der Informationen telepathisch vonstattenging. Er achtete nicht mehr darauf, was seine Hände machten oder worauf seine Pupillen fokussierten, sondern interagierte scheinbar unmittelbar mit der integrierten Intelligenz, die das Pult und den Container, in dem er sich befand, steuerte und überwachte.

Er hatte zahllose Proben auswerten lassen, die er während der letzten Tage eingebracht hatte. Verschiedene Stichproben zur atmosphärischen Zusammensetzung, genommen dicht über dem Boden, in mittlerer und großer Höhe, morgens, mittags und nachts. Dutzende von Kanülen Oberflächenwassers hatte er gesammelt und der integrierten Einheit zur Analyse übergeben. Aus dem Fluss, vom Rand und in der Mitte, von weiter oberhalb, wo er aus dem Gebirge hervortrat, und von ganz unten, unmittelbar vor der Mündung ins Meer. Proben aus dem Ozean selbst, aus den küstennahen Sand- und Molasseschichten, aus dem seichten Wasser der Brandungszone und von weit draußen, jenseits der Brandung, eingebracht von kleinen fliegenden Bots, sogenannten SEEDs. Auch hier repräsentierten verschiedene Reihen die verschiedenen Segmente des Tageszyklus. Schließlich alle Arten von Bodenproben: Gesteinspartikel, Sand, Kies und Geröll, von der Oberfläche gekratzte Materialien sowie solche aus Bohrungen, die er mittels seiner tragbaren Einheit bis in mehrere Dutzend Meter Tiefe vorgetrieben hatte.

Er brachte die festen und wässrigen Proben auf die sensorischen Felder des Arbeitsbereichs auf, der sie absorbierte und dabei auf chemische und physikalische Weise analysierte. Die materiellen Rückstände wurden über die semipermeable Außenhaut des Containers an die Umgebung abgedampft. Die gasförmigen Proben wurden unmittelbar von den Kanülen untersucht, die sie einbrachten. Dann wurden alle Daten auf seinem Pult zusammengeführt und in ein Anforderungsprofil umgewandelt.

McCoy hatte sich mehrere Jahre lang auf diesen Moment vorbereitet, weshalb er nun nicht weiter zögerte, sondern die Programme und Routinen freigab, die er sich dafür zurechtgelegt hatte. Alles war innerhalb der gegebenen Parameter, Variablen und Toleranzen, so, wie er es erwartet hatte. Er wählte die Sequenz aus, die darauf zugeschnitten war, änderte hier und da noch eine Kleinigkeit und gab sie dann frei. Als der Schirm gelöscht wurde und der Synthetisator zu brummen begann, lehnte er sich zurück und spürte in diesem Moment, wie verspannt er war. Viele Stunden lang war er mit der Einheit verschmolzen gewesen. Jetzt lösten sich sein Körper und sein Geist langsam von ihr und wurden wieder zu ihm, Anders McCoy, der am Arbeitsbereich seines Standardcontainers saß und durch das kleine Fenster auf die Ebene hinaussah.

Der Synthetisator benötigte zehn Minuten. Genau so lange brauchte es, bis die Probe abgekühlt war und ausgegeben wurde. McCoy nahm die Phiole aus dem Fach und betrachtete sie. Eine blaugrüne Flüssigkeit glühte in dem Kunstglasröhrchen, 50 Milliliter genetisch modifizierter Cyanophyceae. Der Wissenschaftler sorgte penibel dafür, dass sämtliche Daten und Zwischenschritte von der Protokollfunktion seiner Arbeitseinheit dokumentiert wurden. Die Blaualgen waren um Faktor einhundert gegenüber ihren natürlich vorkommenden Ureltern auf der Erde optimiert, was ihre Fortpflanzungsgeschwindigkeit anging, und um Faktor eintausend, was ihre Fähigkeit anging, auch bei unwirtlichen äußeren Bedingungen Photosynthese zu treiben und molekularen Sauerstoff freizusetzen. Faktor hunderttausend – das machte aus Vorgängen, die normalerweise Jahrmillionen in Anspruch nahmen, solche, die im Rahmen menschlicher Lebenszeiten zum Abschluss gebracht werden konnten.

McCoy stand auf und schritt durch die Schleuse seines Wohn- und Arbeitscontainers ins Freie. Ein leichtes Knistern zeigte an, dass die Abschirmung und Überwachung seiner Lebensfunktionen dabei von der Steuereinheit des Containers auf seinen Anzug überging. Dieser stellte nun ein für menschliche Organismen verträgliches Mikrohabitat her, das mobil war und seinem Träger überallhin folgte. McCoy benötigte keinen Helm. Die Einheit manipulierte die Atmosphäre in einer glockenförmigen Blase von einer Armlänge Durchmesser um seinen Kopf herum, sodass sie atembar war, und sorgte zugleich dafür, dass keine der dabei freigegebenen Gase, dampf- oder tropfenförmigen Flüssigkeiten oder Mikroorganismen in die Umgebung gelangten. Der Anzug erzeugte ein spindelförmiges Magnetfeld, das seinen Träger um einen Meter überragte und dafür sorgte, dass die nicht unerhebliche Strahlung dieses Ortes um ihn herumgeleitet wurde. Nicht zuletzt aktivierte die Steuerung die Heizfunktion. Die Außentemperatur betrug knapp über null Grad Celsius. Die Luftfeuchte war gering. Da es lokaler Nachmittag war, herrschte ein kühler ablandiger Wind der Stärke 2, der aus Nordost herunterkam.

Sowie er aus dem Container kam, ließ McCoy noch einen Blick über die Landschaft schweifen. Das war irrational, da der Blick exakt der gleiche war, den er auch von seinem Arbeitsplatz aus genießen konnte. Dennoch überließ er sich für einen Moment der sentimentalen Anwandlung. Hier vorne, unweit der Mündung, war das Flusstal nicht allzu tief. Eine mäßig steile Böschung aus Geröll führte ans Wasser hinunter. Weiter landeinwärts hatte der Strom sich eine bis zu 50 Meter tiefe Schlucht in das poröse Gestein dieses Kontinents gegraben, die man kaum sehen konnte, wenn man flach über die Ebene hinwegschaute. Das Land war von Kies und Felsbrocken bedeckt. In einigen Kilometern Entfernung ragten im Osten und Nordosten schroffe Berge auf. Weniger hohe Hügel zogen sich weit nach Süden hinunter, parallel zur Küste, die hier kerzengerade dem Meridian folgte. Der Himmel war grau und wolkenverhangen. Ein kalter Wind pfiff über die Ebene. McCoy konnte ihn durch die Abschirmung seines Anzugs spüren, die er auf geringste Leistung geschaltet hatte. Immerhin war es warm genug für das Vorkommen von flüssigem Wasser. Das allein hob diese Welt aus Tausenden von Felsplaneten heraus. Entweder sie waren viel zu heiß, brodelnde Gluthöllen, auf denen Seen aus Blei und Zink kochten wie auf der Venus, oder von Eispanzern bedeckte Gefrierschränke. Hier gab es zwar auch gewaltige Polkappen aus kilometerdicken Gletschern, aber unterhalb des sechzigsten Breitengrads beider Hemisphären war das Klima gemäßigt. Das hatte den Ausschlag gegeben.

Er ging hinunter an den Fluss. Dann kippte er den Inhalt der Phiole in die steingrauen Fluten, die diesen einige Hundert Meter weiter westlich in den Großen Äquatorialozean dieser Welt spülen würde. Aus dem Augenwinkel registrierte er, wie die Protokollfunktion der Einheit, die Anzug und Container synchronisierte, den Moment gespeichert hatte: Von diesem Augenblick an gab es auf diesem Planeten eine Population von Blaualgen, die sich alle paar Sekunden reproduzierte und deren Biomasse in wenigen Tagen nach Tonnen, in ein paar Wochen nach Megatonnen zu skalieren sein würde.

McCoy sah den Fluss entlang nach Westen, wo sich die eisgrauen Wassermassen ins Meer ergossen. Seit Jahrmillionen wälzte der Strom glaziales Geschiebe heran und kippte es dort aus, als habe er vor, den Ozean mit rund geschliffenen Kieseln zu verfüllen. Aufgrund des relativ steilen, felsigen Geländes hatte der Fluss, trotz seiner Größe, keine Gelegenheit gehabt, ein Delta auszubilden. Als zusammenhängender Wasserlauf verschwand er im Meer, das seine farblosen Fluten ungerührt aufnahm und mit seinen eigenen, unwesentlich dunkleren mischte. Dem heutigen Küstenverlauf einige Hundert Meter vorgelagert, brach der Kontinentalschelf drei Kilometer senkrecht in die Tiefe. Dort unten, auf dem Grund des Ozeans, hatte sich ein Kegel aus Schutt und Geröll gebildet, der von seiner Unterseite her bereits begann, zu festen Konglomeraten zusammenzubacken. Die unermüdliche Arbeit des Flusses war im Übrigen ganz umsonst. Vom gegenüberliegenden Ufer des Meeres aus, mehr als eintausend Kilometer entfernt, schob sich der Westkontinent dieser Welt mit der plattentektonisch unauffälligen Geschwindigkeit von einem Zentimeter pro Jahr heran. In hundert Millionen Jahren würde der Ozean verschwunden sein und seine Sedimente würden sich zu einem Gebirge emporfalten wie der Himalaja bei der Verschüttung des Thetysmeeres. Dann würde er, McCoy, nicht mehr hier sein. Doch die Begrünung der Ebenen, auf denen jetzt nur Sand und Kieselsteine siedelten, und das Blauwerden des konturlosen Himmels würde er noch mit eigenen Augen sehen. Im Meer würden Delphine schwimmen. Möwen würden um die Küstenfelsen kreischen, deren Linien von Palmen gesäumt sein würden. Das Hinterland würde sich auf diesen Breiten als üppige Savanne präsentieren, wo Leoparden auf die Pirsch gingen und Elefanten die Wipfel der Akazien abweideten.

Aber noch war es nicht so weit. McCoy schüttelte die träumerische Stimmung ab und ging zurück zum Container.

Seine Kollegen hatten ihn vor diesem Job gewarnt.

»Die Einsamkeit bringt dich um!« Er hatte Dickins’ Worte noch im Ohr. »Entweder du wirst zu einem Roboter, der stur seine Routinen runterhaut, oder du wirst wahnsinnig. Eine ganze Welt erschaffen – da muss man sich doch irgendwann fühlen wie ein Gott!«

Aber er hatte nur gelächelt. Weder zum einen noch zum anderen fühlte er eine Veranlagung in sich. Er würde den Job zu Ende bringen. Und später würde er in regelmäßigen Abständen vorbeischauen und nach dem Rechten sehen. Die Welt würde sich selbst überlassen bleiben. Man hatte sie mit großem Aufwand ausgesucht: Sie lag abseits sämtlicher Flugrouten und die Karten der Hegemonie verzeichneten sie als uninteressante Fels- und Wasserwelt ohne nennenswerte Bodenschätze. Er würde sie mit terrestrischen Spezies beschicken. Aber dann würde die Evolution ihren freien Lauf nehmen. Leider würde ihr Zeitbedarf, sowie es um komplexere Arten ging – Reptilien, Säuger, Vögel –, so sehr zunehmen, dass relevante Veränderungen nicht mehr zu seinen Lebzeiten zu gewärtigen wären. Aber wer konnte es sagen: Vielleicht geschah es doch noch, dass er eine Spezies sah, die sich von selbst, aber auf der Grundlage seiner Vorgaben auf diesem Planeten entwickelt hatte.

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