Preview am Sonntag (8)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind. Heute: der Auftakt von „Showdown auf Talith“ von Dirk van den Boom, Band 56 der SF-Serie „Rettungskreuzer Ikarus“.

Boldins Gefühle schwankten zwischen fatalistischer Ergebenheit und aufrechtem Zorn.

Zornig war er deswegen, weil die A’Talithi ihn mit einer Selbstverständlichkeit in ihre Planungen einbezogen hatten, die aus ihm nicht viel mehr als ein Werkzeug höherer Mächte zu machen schien. Obgleich seine Gesprächspartner sich bemühten, die Arroganz ihrer männlichen und weiblichen Pendants auf dem Rest dieses Planeten zu vermeiden, schimmerte bei einigen – Di’moi’thet allen voran – das Gefühl der eigenen Überlegenheit immer wieder durch.

Boldin verband das nicht mit einem Vorwurf, das kollektive Gedächtnis dieses Volkes gab keine grundsätzlich andere Einstellung her, und es bedurfte schon einer bemerkenswerten intellektuellen Leistung, um sich aus der Umklammerung der Vorstellung eigener Größe und Einzigartigkeit zu befreien. Darin waren die Talithi durchaus dem altehrwürdigen imperialen Adel ähnlich, der seine Stammbäume, ob nun konstruiert oder nicht, bis in die Zeiten des Zweiten Imperiums vor der Großen Stille zurückdefinierte und allein aus dieser Tatsache eine ganz spezielle Art von Arroganz mit sich herumtrug, die durch scheinbare Leutseligkeit und angebliche Toleranz nicht einmal annähernd überdeckt werden konnte. Von dieser Sorte hatte Boldin im Verlauf seiner Karriere mehr als genug kennengelernt; das Gefühl, das er nun durchlebte, war ihm daher nicht fremd.

Trotz aller offensichtlichen Bemühungen seiner Konversationspartner, mehr mit ihm und weniger über ihn zu sprechen, war Boldin während des weiteren Verlaufes der Gespräche mehr ein Objekt der Diskussion gewesen, und kein wirklich gleichberechtigter Beteiligter. Man hatte dann doch irgendwie mehr über ihn geredet und selten mit ihm, und obgleich sowohl Ira wie auch Ali dieses Faktum irgendwann aufgefallen war, hatten sie wenig dagegen tun können. Boldin musste mit Informationen versorgt werden, und das war im Regelfalle eine kommunikative Einbahnstraße.

Eigentlich war das doch nichts Neues für ihn, dachte er dann. Schließlich hatten auch seine eigenen Vorgesetzten, zuletzt bei dem Auftrag, der ihn hierher geführt hatte, ebenfalls die Angewohnheit, jeden Monolog für eine Diskussion zu halten und jede Missionsbesprechung für eine reine Befehlsausgabe. Boldin war auch da nicht mehr gewesen als der Resonanzboden der fehlgeleiteten Arroganz Anderer und natürlich immer auch derjenige, der die Suppe nachher auszulöffeln hatte.

Fatalistische Ergebenheit hatte den Diplomaten erfüllt, als er erkannt hatte, dass die Lösung des Problems tatsächlich auf seinen Schultern ruhte. Wozu sich also aufregen, wenn er ohnehin nichts ändern konnte: Sich zu verweigern, würde bedeuten, die Vernichtung allen Lebens in der Galaxis zu riskieren. Das klang sehr bombastisch, und Boldin gefiel sich in seiner Rolle ganz und gar nicht. Doch der Lauf der Dinge schien ihm jede echte Handlungsfreiheit längst abgenommen zu haben. Seine eigenen Vorstellungen von dem, was richtig war, zwangen ihn geradezu zur Kooperation. Nach einer guten Stunde Input durch die A’Talithi ergriff er schließlich das Wort, um sicherzustellen, dass er alles richtig begriffen hatte.

»Ich möchte das Gesagte einmal zusammenfassen«, meinte er mit sachlichem Ton, den Ausdruck von mühsam gezügelter Ungeduld im Gesicht Di’moi’thets ignorierend. Er konnte auch nerven, und er war bereit, seine Grenzen hier auszutesten.

Jetzt sprach er auch einmal, und der Rest hörte dem Äffchen zu.

»Da die von-Neumann-Maschine hier im Talith-System erstmals zum Einsatz kommen wird – nämlich auf den gelandeten chirokischen Schiffen, die nach der Kapitulation vom Planeten Besitz ergreifen möchten –, muss die Sperre innerhalb der Programmierung, nur Lebewesen außerhalb dieses Systems zu vernichten, in der Übergangszeit durch eine Art Zuginstinkt ergänzt werden, der die Automaten von Talith wegtreibt. Um auf Nummer sicher zu gehen, haben die Konstrukteure eine Möglichkeit eingebaut, die Automaten zu vernichten, so lange sie sich innerhalb des Systems aufhalten.«

»Korrekt«, bestätigte Ali. »Es handelt sich um einen auf molekularer Ebene angesiedelten Mechanismus. Wird ein entsprechendes Signal ausgesendet, gruppieren sich Moleküle in den biologischen Komponenten der Automaten um und verwandeln sich in einen starken Sprengstoff, der mit kurzer Verzögerung die Selbstzerstörung auslöst. Dieses Signal wirkt nur auf solche von-Neumann-Maschinen, die sich noch innerhalb der definierten Grenzen des Talith-Systems befinden und noch nicht das Weite gesucht haben. Sollte etwas schiefgehen, können die Talithi auf diese Art und Weise ihre eigenen Kreationen ausschalten. Sobald die Automaten das System verlassen haben, erlischt dieser Teil der Programmierung, weil die Konstrukteure dann davon ausgehen, dass die Maschinen sich ihre Opfer entsprechend ihrer Basisgrundsätze außerhalb des Systems suchen und zumindest für die kommenden Jahrtausende nicht hierher zurückkehren werden.«

»Die Lösung unseres Problems wäre es also, so lange noch alle diese Automaten hier im System operieren, diesen Selbstzerstörungsimpuls auszusenden«, schloss Boldin.

»Ja, Botschafter. Der Sender für diesen Notfall befindet sich im Konstruktionszentrum. Das Zentrum ist tabu für A’Talithi, da wir offensichtlich als unzuverlässig gelten, um solch sensitive Bereiche zu betreten. Die Scanvorrichtungen sind negativ auf A’Talithi und positiv auf berechtigte Talithi geeicht. Keiner von uns kann auch nur in die Nähe des Zentrums vordringen.«

»Aber ich kann es«, stellte Boldin trocken fest.

Ali nickte, wenngleich es nicht übermäßig begeistert wirkte.

»Sie sind kein A’Talithi. Wir können Sie mit Zellschwingungsmustern tarnen, die einem berechtigten Talithi entsprechen. Damit haben Sie eine Chance, von den Standardsicherheitseinrichtungen ignoriert zu werden. Sicherheitsmannschaften werden wir auf die altmodische Art und Weise ausschalten müssen.«

»Mit Gewalt«, klärte Boldin sarkastisch.

»Mit Gewalt. Ein Stoßtrupp wird Sie begleiten. Das Überraschungsmoment ist auf unserer Seite. Doch in das Innerste des Zentrums und den Senderaum können allein Sie vordringen. Dort können unsere Leute auf keinen Fall hinein.«

Boldin war noch nicht überzeugt.

»Warum versehen Sie sich nicht selbst mit einem berechtigten Zellschwingungsmuster? Und warum schießen Sie sich nicht komplett den Weg bis in den Senderaum frei?«

»Die Fragen kann ich Ihnen beantworten«, erwiderte nun Di’moi’thet. Wenn es etwas erklären konnte, wirkte es durchweg sachlich und konzentriert. Seine Ablehnung Boldins kam nur dann zum Vorschein, wenn es weniger förmlich zuging. Boldin schenkte dem A’Talithi seine volle Aufmerksamkeit.

»Das künstliche Zellschwingungsmuster wird durch einen Generator erzeugt, den wir Ihnen mitgeben. Die Scanvorrichtungen fragen neben diesem aber auch, wie schon gesagt, ab, ob die betroffene Person ein A’Talithi ist, um Irrtümer zu vermeiden. Das erfolgt durch ein simples Ausschlussverfahren: Ist die Person ein A’Talithi und hat das richtige Muster, wird ihr Zugang verwehrt, ist sie kein A’Talithi – wie Sie! – und hat das richtige Muster, dann darf sie passieren. Hätten die Talithi je mit Fremdweltinfiltration gerechnet, dann wären ihre Anlagen sicher komplexer programmiert. Hier aber hilft uns die beispiellose Arroganz der Talithi sogar: Damit rechnen sie nämlich zuallerletzt.«

»Was ist mit der Kampfausrüstung, die ich erhalten werde? Das wird doch in jedem Falle Talithi-Technologie sein.Darauf wird doch der dümmste Sensor ansprechen!«

Das A’Talithi warf dem Mann einen Blick zu, der so etwas wie widerwilligen Respekt auszudrücken schien. Jedenfalls hatte Boldin offenbar den Finger auf einen wunden Punkt der Planung gelegt, sonst hätte Di’moi’thet im gewohnt arroganten Tonfall weitergeredet. So aber zögerte es, und seine Ausdrucksweise war ernst, als es schließlich die Frage beantwortete.

»Das ist leider korrekt. Bevor Sie die letzte Zugangskontrolle passieren, müssen Sie die Kampfausrüstung ablegen. Wir geben Ihnen einen speziellen Plastiksprengstoff mit, um die Sendeanlage nach Abschicken des Deaktivierungsimpulses zerstören zu können. Er wird in seinem ruhigen Zustand das Misstrauen der Sensoren nicht erwecken. Aber erkennbar aktive Waffen werden Sie nicht mitführen können.«

»Das heißt … Wenn da drin noch jemand sein wird …«, begann Boldin mit einem unguten Gefühl.

»… dann werden Sie damit irgendwie fertig werden müssen. Wir gehen aber davon aus, dass sofort nach unserem Angriff das Personal evakuiert wird und die Verteidiger von unserem Einsatzteam aus dem inneren Bereich gelockt werden können«, vervollständigte Di’mio’thet.

»Sie gehen davon aus«, wiederholte Boldin trocken.

»Ja«, bekräftigte das A’Talithi schlicht.

Der Botschafter schüttelte nur den Kopf. Das war alles dermaßen mit heißer Nadel gestrickt; er konnte gar nicht glauben, dass er sich ernsthaft auf diese haarsträubende Aktion einließ.

»Und was ist mit Ihrem Stoßtrupp? Kann der nicht durch pure Gewalt in das Sendezentrum vordringen?«, hakte er noch mal nach.

Di’moi’thet verwies auf die Holographie, die einen Querschnitt des Konstruktionskomplexes zeigte.

»Die inneren Räume sind durch Stahlplastikmauern und Schutzfelder gesichert. Wir können Sie mit Gewalt in die Nähe bringen, aber nicht hinein. Dazu benötigten wir eine Bombe. Wir hätten ja keine Skrupel, auch eine solche einzusetzen – nur ist die Gefahr zu groß, dass die Sendeanlage dadurch beschädigt oder gar vernichtet wird und der Selbstzerstörungscode nicht mehr gesendet werden kann. Das Risiko können wir nicht eingehen. So leid es mir auch tut: Sie allein können uns helfen.«

Das war in etwa das, was Boldin nicht hören wollte. Noch ein letzter, hilfloser Einwand kam über seine Lippen.

»Warum haben Sie keinen weiter denkenden, vernünftigen Talithi eingeweiht? Sind denn alle nur vernagelte Ignoranten?«

»Oh, sicher nicht. Eigentlich hatten wir auf unsere Verbündeten unter den Talithi gehofft. Es gibt auch Männer und Frauen, die diese Idee für Wahnsinn halten. Es sind jene, die auch dafür sorgen wollten, dass die Ikarus sieben nicht kontaminierte Eier von Talith fortschafft, damit wir unsere Zivilisation vielleicht retten können. Doch viele unserer Sympathisanten wurden festgenommen, die Eier konfisziert, und wir haben kaum noch Kontakte zu diesen Leuten. Wir sind auf uns allein gestellt. Und wie gesagt: Wir A’Talithi können keinerlei Zugriff auf das Zentrum bekommen.«

»Sie hätten sich neue Verbündete suchen müssen.«

»Aber wir hatten keine Zeit. Sie sind leicht zu überzeugen gewesen, Boldin – verstehen Sie das nicht falsch, bitte. Sie haben etwas zu verlieren und haben keine emotionale Bindung zu uns … von der zu Ira einmal abgesehen, aber das betrifft ein Individuum.«

Der säuerliche Ton von Mois Antwort sagte außerdem aus, dass das A’Talithi allein den Gedanken für ziemlich widerlich hielt.

Boldin verzog keine Miene und hielt die Maske höflicher Aufmerksamkeit aufrecht.

»Die Ereignisse haben sich zu schnell entwickelt, als dass wir kurzfristig einen oder eine Talithi hätten rekrutieren können, auf die wir uns hätten verlassen können. Die Erkenntnisse über die von-Neumann-Maschinen sind nur relativ wenige Tage alt, da wir einige Spione in der Nähe des Zentrums haben platzieren können – Mitglieder von Triaden, deren Talithi dort arbeiten. Ja, hätten wir einige Tage mehr, wir würden sicher jemand anderen überzeugen können. Doch die Chiroken haben den Angriff befohlen, und wir müssen jetzt handeln, sonst ist es zu spät.«

Ali erhob sich. Es schien, als sei nun alles gesagt.

Boldin fand das nicht, aber der drängende Unterton der Unterredung war unverkennbar gewesen. Die Zeit verrann ihnen zwischen den Fingern. Es war notwendig zu handeln. Als Boldin aufstand, fühlte er eine ungewohnte Schwäche in seinen Knien. Er hielt sich für einen Moment an der Tischkante fest, bis der vorübergehende Schwindel nachließ. Das, was hier geschah, war nicht seine Welt. Es war verwunderlich, dass er nicht längst hysterisch schluchzend in einer Ecke saß. Wahrscheinlich hatte seine Selbstbeherrschung eine Menge mit der Arroganz zu tun, mit der ihm hier begegnet wurde, selbst bei seinen Verbündeten.

Das Äffchen wollte keine Angst zeigen.

Auch das Äffchen hatte seinen albernen Stolz.

»Botschafter, wir rüsten den Stoßtrupp gerade aus. Auch Sie werden Ihre Ausrüstung in Kürze erhalten. Bitte bedenken Sie eines: Wenn auch nur ein Automat das System verlässt, ehe Sie den Impuls gesendet haben, ist das Potential der Vernichtung allen Lebens außerhalb dieses Systems weiterhin aktiv und hochgefährlich. Der Impuls muss unbedingt so früh wie möglich gesendet werden, um zu sichern, dass die Automaten das System nicht verlassen haben.«
»Ich habe das begriffen. Nehmen wir an, ich bin erfolgreich und überlebe die Aktion. Was geschieht dann?“

Ali warf Ira einen schnellen Blick zu.

»Was dann hier auf Talith geschieht, das weiß ich nicht. Vielleicht werden wir trotzdem chirokisches Protektorat, vielleicht gibt es einen Bürgerkrieg. Ich glaube irgendwie nicht, dass uns das Multimperium zur Hilfe eilen wird. Sie muss das nicht betreffen. Wir stellen Ihnen und Ira ein Raumfahrzeug zur Verfügung, mit dem Sie sich absetzen können. Soviel sind wir Ihnen mindestens schuldig.«

»Wenn ich überlebe«, murmelte Boldin erneut.

»Ja, wenn Sie überleben. Ich lüge Sie nicht an, Botschafter. Die Chancen dafür stehen nicht gut.«

Und das war etwas, was Boldin nun gar nicht hören wollte.

 

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