Preview am Sonntag (7)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind.

 

Es war ein herrlicher Abend an jenem 24. August 2045.

Die Sonne stand schon tief am Horizont und die Temperatur war noch angenehm warm. Lange Schatten wechselten sich mit rötlich flutendem Licht ab, das der herben Luft einen freundlichen Beigeschmack verlieh. Kein Geräusch war zu hören, noch nicht einmal das entfernte Zirpen einer Grille oder der schrille Gesang des Kookaburras.

Vor einer halben Stunde hatte ich mich aus dem dunklen Kontrollraum der Allison Walls Station geschlichen und das zusammengefaltete Albatros-Fluggeschirr aus dem Stauraum meines Kopters geholt. Nun legte ich mit beinahe kindlicher Vorfreude den Koffer auf den Boden des Landeplatzes.

Verstohlen schielte ich zum Gebäude der Station hinüber.

Es war niemand zu sehen.

Ich packte das Fluggerät aus und ordnete die Schwingen, die der Flügelform eines Albatros exakt nachgebildet waren. Sogar die hässlich schwarz-graue Farbe und die Anordnung der Federn, die jede einzeln durch Mikrosensoren gesteuert wurden, stimmten mit dem Original überein. Nur in den Ausmaßen übertraf die Nachbildung die Natur: Während es der im Flug elegant wirkende Albatros auf lächerliche drei Meter Spannweite brachte, entfaltete sich das Kunstgebilde auf stolze fünfzehn Meter.

Manche »Birdies«, wie die Anhänger dieser Flugsportart genannt wurden, trieben es sogar so weit, dass sie einen Helm mit Federn und einem Schnabel trugen. Weiterhin besaß der eingeschworene Fan heutzutage ein maßgefertigtes Federkleid und benutzte ein Artikulationsmodul, um echte Vogelschreie imitieren zu können.

Nun, darauf konnte ich verzichten. Ich stieg in das Fluggeschirr und betätigte den Zentralverschluss. Sofort begann die Federhülle, sich behutsam meinem Körper anzupassen. Mir lief jedes Mal ein leichter Schauer über den Rücken, wenn sich die Kontakte anschmiegten. Es war, als würde sich an mir etwas Lebendes festkrallen, etwas, von dem ich mich nicht mehr würde befreien können.

Ein leiser Piepton kündigte mir an, dass der Vorgang abgeschlossen war, und ich setzte den kleinen Sichtschirm auf, der auch gleichzeitig als Schutz- und Sonnenbrille diente.

Alle Funktionen, die mir auf den Schirm eingespiegelt wurden, leuchteten grün, bis auf die der Flügeleinrastung. Behutsam ertastete ich mit den Fingerspitzen die angepassten Griffe links und rechts unten an den Flügelhalterungen und winkelte dann vorsichtig die Arme an. Mit einem leisen Summen erhoben sich die mächtigen Flügelflächen senkrecht nach oben. Sofort spürte ich die Kraft des leichten Windes, der jetzt am Spätnachmittag herrschte und sanft an den Flächen zog.

Mit den Fingerspitzen tippte ich auf die Neutraltaste, die sich zusammen mit anderen Funktionstasten am rechten Griff befand. Sogleich winkelten sich die riesigen Albatros-Sicheln an und neigten sich schräg nach vorne. Der fächelnde Windhauch genügte, um mich in dieser Flügelstellung an den Boden zu pressen.

Grüne und rote Pfeile auf dem Sichtschirm, die mir die Richtung und die Stärke des Windes angaben, sausten kurz hin und her und stabilisierten sich schließlich.

Im Moment wehte ein schwacher Ostwind, deshalb drehte ich mich nach links. Mit den angewinkelten Flügeln auf dem Rücken schritt ich als übergroßes Vogelmonster auf den Rand des Landeplatzes zu, wo der Krater zuerst steil abfiel, um sich weiter unten, nach etwa 500 Metern, in einem sanften Bogen der weiten Ebene anzupassen.

Als ich mich dem Abgrund näherte, schoben sich plötzlich automatisch Schutzgeländer aus dem Boden. Fluchend kletterte ich über das unerwartete Hindernis. Nachdem ich wieder mit beiden Beinen auf dem grasigen Boden stand, blickte ich zur Station zurück. Erleichtert registrierte ich weiterhin nur Stille um mich herum.

Es war keineswegs so, dass ich etwas gegen Publikum gehabt hätte oder dass irgendjemand etwas dagegen einzuwenden hatte, dass ich mich hier mit einem exotischen Fluggerät in die Tiefe stürzte, aber das letzte halbe Jahr war schlichtweg zu hektisch für mich gewesen. Deswegen hatte die Vorfreude darauf, einen Nachmittag für mich alleine zu haben, in mir eine Wunschvorstellung geweckt, die ich mir nicht verderben lassen wollte.

Zufrieden wandte ich mich wieder dem Abgrund zu.

Ich umfasste fest die Flügelgriffe und breitete die Arme aus. Mit einem flüsternden Rauschen fuhren die künstlichen Schwingen des Albatros zu ihrer vollen Länge aus. Augenblicklich wurde ich leicht nach links angehoben. Jetzt galt es, schnell zu handeln.

Nochmal tief Luft holen. Zwei, drei schnelle Schritte und ab …

Hastig schlug ich ein paarmal mit den Flügeln, aber es war schon nicht mehr notwendig, denn nach einem kurzen Absacken gewann ich rasch an Geschwindigkeit und der leichte Gegenwind stabilisierte meine Fluglage.

Kraterrand und Station blieben schnell hinter mir zurück und ich steckte meine Füße nach hinten in die Halterungen. Von Weitem gesehen war ich einem Albatros nun zum Verwechseln ähnlich und deswegen blinkten rechts und links in den Flügelmitten eine grüne und eine rote Positionslampe (es klingt wie ein schlechter Scherz, aber einige der »Birdies« waren tatsächlich ehrgeizigen Jägern zum Opfer gefallen).

Man konnte den Albatros auf zweierlei Arten fliegen: Entweder man ließ die Flügel in eine Gleitstellung einrasten und legte die Hände auf einen Bügel, den man von oben herunterschwenken konnte. Das Fluggerät war damit ein starres Gebilde, das wie ein normaler Gleiter durch Gewichtsverlagerung geflogen wurde.

Oder aber man aktivierte mit den beiden Flügelgriffen, die wie zwei Handschuhe an den Flügelunterseiten klebten, ein Mikrofusionsaggregat, das die gesamte Motorik des Albatros zum Leben erweckte. Damit flog man den »Vogel« von Hand. Jede Bewegung mit den Armen, Händen und mit den Fingerspitzen wurde durch empfindliche Sensoren auf die starken Servomotoren des Vogelmodells übertragen. Aber trotz aller Fusionsaggregate und bewährter Computer-Neuronik war ich doch in aller Regel nach einer halben Stunde so erschöpft, dass ich dankbar die Flügel in die Gleiterstellung einrasten ließ und den Bügel an mich zog.

Ich senkte den linken Arm ein wenig und krümmte die Hand. Sofort stellte sich der Albatros auf den Flügel und flog in einer engen Kurve zurück in Richtung Krater.

Es musste ein gewaltiger Meteorit gewesen sein, der hier vor Millionen von Jahren in das australische Outback eingeschlagen hatte, denn das Rund des Kraters dürfte wohl an die drei Kilometer Durchmesser betragen. Heute jedoch konnte man nicht mehr von einem Rund sprechen, denn der durch den Aufprall des Meteoriten entstandene Kraterrand war im Laufe der Zeit rissig geworden, hatte Täler zugelassen und sich von Wind und Regen abschleifen lassen.

Rechts unter mir, am nördlichen Ende des Kraters, thronte die Allison Walls Radar Station in etwa 800 Metern Höhe. Sie bestand im Wesentlichen aus einem zweistöckigen, weißen und eher schmucklosen Gebäude mit drei Tiefgeschossen. Auch die großen Empfangsantennen und der mit Landemarkierungen versehene Landeplatz für kleine Kurierhubschrauber werteten das Herz der Anlage nicht sonderlich auf.

Wahrlich gigantisch dagegen war das Gebilde, das nahezu den ganzen Kraterinnenraum ausfüllte!

Ein starres halbkugelförmiges Netz aus mattem Kinetik-Plast lehnte sich in seiner Ausdehnung an die steilen Hänge und berührte an seiner tiefsten Stelle fast den Boden. Peitschenförmig gebogene Pfeiler hielten die Konstruktion mit den metergroßen Maschen unverrückbar in ihrer Position.

Einem Betrachter, der hoch oben auf einem Hang stand, wäre das unnatürliche Bauwerk im ersten Moment vielleicht gar nicht sonderlich aufgefallen, wäre nicht im Inneren des Netzwerks eine 500 Meter durchmessende weiße Scheibe gewesen, die sich an die Krümmung der Netzhalbkugel anschmiegte.

Als ich die seltsame, aber auch einmalige Bauweise des Radioteleskops tags zuvor aus dem Cockpit meines Kopters zum ersten Mal erblickt hatte, dachte ich sofort an ein riesiges Auge, das von der Erde aus in den Weltraum starrte. Seltsam berührt davon fiel mir auf, dass der Mensch letztendlich nach allem Forschen und Experimentieren doch wieder die Grundformen der Natur kopiert hatte, um ein Ziel zu erreichen. Bald aber musste ich diesen Gedanken korrigieren, denn auch wenn das Teleskop wie eine Pupille mit einer Iris aussah und im Wesentlichen nach physikalisch-optischen Gesetzen arbeitete, war die Funktionsweise nicht unbedingt identisch.

Die weiße Scheibe, der Empfangshohlspiegel des Radioteleskops, lag auf einer Thermogashülle, die mit ihrem Auftrieb fast keinen Druck auf das Netzwerk ausübte und somit während ihrer Bewegung in der Halbkugel sehr wenig Reibung erzeugte. Die Bewegung, die es dem Teleskop ermöglichte, den Bahnen der Sterne und Galaxien zu folgen, wurde mithilfe von unzähligen isolierten Magnetmotoren erzeugt, die vom Rand der Netzschüssel her auf die Hülle mit der weißen Reflektorscheibe einwirkten.

Jetzt passierte ich die Station 100 Meter südlich und ließ mich mit einem lauen Rückenwind schnell nach unten ins Kraterinnere tragen. Ein verhängnisvoller Fehler, wie ich bald feststellen sollte. Denn gerade als ich an der gegenüberliegenden Wand eine Kehre eingeleitet hatte, drückte mich eine Fallbö zuerst sanft, dann plötzlich mit einem brutalen Schlag nach unten. Die Pfeile auf dem Display meines Sichtschirms spielten verrückt. Erschrocken versuchte ich, mich gegen den Druck von oben zu wehren, und begann, heftig mit den Flügeln zu schlagen. Ich musste unbedingt Abstand von den Felswänden gewinnen!

Eine seitliche Bö verschaffte mir einen Moment den nötigen Raum für ein halsbrecherisches Manöver, das mich zwar tiefer zwang, aber mir etwas Zeit zur Orientierung verschaffte. Rechts von mir befand sich ein schmales Tal, durch das hartes Abendlicht in den schattigen Krater fiel. Kaum 300 Meter unter mir rauschten Bäume im Wind. Der Temperaturunterschied von der heißen Wüste und dem abkühlenden Kraterinneren führte anscheinend zu einem heftigen Austausch der verschieden warmen Luftmassen, der jetzt am späten Nachmittag einsetzte.

Und ich befand mich mitten in einem Sog, der durch den düsenförmigen Spalt des kleinen Tals noch eine Steigerung erfuhr.

Wie ein Hammer traf mich die nächste Bö von links und einen Augenblick lang fürchtete ich, einen Flügel zu verlieren, als die Servomotoren heftig aufheulten. In den folgenden Sekunden stemmte ich mich verzweifelt gegen die Turbulenzen, ohne meine Situation entscheidend zu verbessern. Ich hatte zwar an Höhe gewonnen, aber zwischendurch riss die Strömung an den Flügeln ganz ab und ich wurde wie ein Blatt im Wind hin und her gerissen.

Hastig versuchte ich, mich immer wieder an den Felshängen zu orientieren, die an meiner rechten Seite auftauchten und die sich nach einem erneuten Schlag von oben auf die linke Flügelspitze plötzlich unter mir befanden. Dann holte mich ein »Lift« 100 Meter nach oben und zog an meinen Magennerven. Ich holte tief Luft und presste das Blut aus meinem Kopf. Dabei fluchte ich laut über meinen Leichtsinn.

Plötzlich hatte ich zwei Sekunden Ruhe. Die erste Sekunde benutzte ich zur Orientierung und in der zweiten ertastete ich den Starter des Jetbags, eines kleinen Düsenaggregats, das verborgen oben am Rumpf des Albatros angebracht war.
Erleichtert registrierte ich das zischelnde Anspringen des Aggregats, das sich schnell in ein sattes Rauschen verwandelte. Ich drückte mit aller Kraft die vorderen Flügelkanten nach oben, wobei oben in diesem Moment mehr unten bedeutete, denn eine erneute Fallbö hatte meinen Flugapparat schon wieder in eine andere Richtung gedrückt. Allerdings spürte ich nun die Beschleunigung des Jetbags und gleichzeitig das kraftvolle Aufbauen der Luftströmung unter den Tragflächen. Der Flug meines Vogels war zwar noch schlingernd und etwas holprig, aber wenigstens einigermaßen zu kontrollieren.

Nach einer weiten Schleife über dem niedrig bewachsenen Kraterboden zog ich den Albatros hoch in das schräg einfallende Sonnenlicht und befand mich bald darauf wieder auf der sicheren Höhe der Bergspitzen.

Ich regelte das Düsenaggregat auf die Stand-by-Position herunter und zog die Hände aus den Schwingen. Sofort rasteten die Flügel ein und der Haltebügel schnellte nach unten.

Von wegen einen kleinen Rundflug unternehmen! Mein Ärger über mich selbst ging nur langsam zurück. Verschwitzt blickte ich über die Schulter zur Station zurück. Wahrscheinlich hatte die gesamte Mannschaft der Station hinter den Fenstern gestanden und sich mein leichtsinniges Unternehmen angesehen.

Ich untersuchte den Albatros oberflächlich mit den Augen, aber er schien keine Schäden davongetragen zu haben. Sanft trug er mich in einem leichten Auf und Ab durch die warme Abendluft.

Das riskante Abenteuer hatte mich bis an die Südspitze des Kraters verschlagen, sodass ich von meiner Position aus in die Ebene hinausblicken konnte, die jetzt in einer goldenen Abendsonne lag. Um mir eine Erholung zu gönnen, beschloss ich, in diese Ansichtskartenstimmung hineinzufliegen und mir den Krater von außen anzusehen. Langsam steigerte ich die Leistung des Jetbags, damit ich sicher über den Kraterrand kam, drosselte aber sofort wieder, als mich die Thermik der Ebene abrupt nach oben hob.

Zehn Minuten später befand ich mich hoch über der kahlen Wüste, etwa fünf Kilometer von dem entfernt, was einst ein unliebsamer Besucher aus dem Weltall geschaffen hatte. Ich flog einen weiten Bogen. Vor mir lag nun eine unendlich erscheinende Ebene, aus der das Kratergebirge hervorwuchs. Von hier oben aus gesehen sah der verwitterte Krater gar nicht so aus wie etwas, das durch einen heftigen Aufprall entstanden war. Man hatte eher den Eindruck, dass etwas Gewaltiges aus dem Boden hervorgebrochen war und dabei die riesigen Schollen hinterlassen hatte. Ich schätzte, dass der Meteorit an die 200 Meter im Durchmesser gehabt haben musste, um diese Kratergröße zu hinterlassen.

Unwillkürlich blickte ich nach oben und versuchte, mir den Moment vorzustellen, in dem der Meteorit aus dem Himmel fiel. Ich schüttelte den Kopf. Man hatte ihn bestimmt nicht fallen sehen, wahrscheinlich hatte er Sekunden vor dem Aufprall durch ein lautloses Leuchten in der Atmosphäre auf sich aufmerksam gemacht und nur wenig später die Wüste in ein Chaos verwandelt: Der Boden fing an zu beben, dann ein Überschallknall, das Getöse des Einschlags, gleichzeitig Orkan, Feuersturm, Steine, die vom Himmel regneten und Staub, viel Staub! So viel Staub, der ausreichte, die Sonne für Monate zu verdunkeln und einen Todesschleier über das vernichtete Leben auszubreiten. Vor meinem geistigen Auge sah ich einen einsamen Flugsaurier mit gezackten Flügeln und einem gebogenen Horn am Kopf über der verwüsteten Landschaft kreisen. Verwirrt blinzelte ich, um in die Realität zurückzufinden.

Ein zwitschernder Piepton riss mich gänzlich aus meinen Gedanken. Der Jetbag hatte auf Reserve geschaltet. Ich stellte ihn ganz ab, denn im Augenblick benötigte ich ihn nicht, aber vielleicht später für den Landeanflug.

Seufzend leitete ich einen Sinkflug ein und genoss das Panorama des auf mich zuwachsenden Kraters.

(Auftakt von »Googol« von H. D. Klein)

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