Preview am Sonntag (4)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind.

 

Die Kufen des altersschwachen Truppentransporters der Gargoyle-Klasse senkten sich schwer auf das Landefeld. Das Metall ächzte vor Beanspruchung und man erwartete halb, dass das Schiff doch noch in den letzten Momenten auseinanderbrechen würde, obwohl es den Wiedereintritt in die Atmosphäre des Planeten überstanden hatte.

Die Tore zum Mannschaftsabteil öffneten sich quietschend und entließen die menschliche Fracht nach beinahe einem Monat endlich ins Freie. Die Gargoyle-Klasse war eigentlich als Kurzstreckenschiff zwischen nahe gelegenen Systemen konzipiert und die sanitären Einrichtungen an Bord dementsprechend bescheiden. Daher war der überwiegende Teil der Passagiere froh, dem überwältigenden Gestank im Inneren zu entkommen, der ein Gemisch aus den Körperausdünstungen von fast zweitausend Menschen war. Die meisten hatten seit Antritt der Reise nicht mehr geduscht. Selbst einfachste Körperhygiene stellte an Bord dieses rudimentär ausgestatteten Schiffes ein Problem dar.
Erst einmal im Freien, holten die meisten Passagiere des Schiffes tief Luft – der erste unbeschwerte Atemzug seit fast dreißig Tagen.

Derek Carlyle setzte seinen Fuß auf die Rampe des Schiffes und kniff die Augen unwillkürlich vor dem Licht zusammen, das die beiden Sonnen Alacantors spendeten. Für jemanden, der wie er von Rainbow stammte, war das Licht ausgesprochen grell und es brannte in seinen Augen, sodass sie praktisch augenblicklich anfingen zu tränen. Er angelte seine Sonnenbrille aus der Brusttasche seiner Jacke und setzte sie auf.

»Viel besser«, seufzte er erleichtert.

»Hey, kleiner Mann«, pöbelte ihn jemand an. »Geht’s da vorne auch mal weiter? Du versperrst den Eingang.«

Derek drehte sich um, um dem Rüpel eine angemessene Antwort zuteilwerden zu lassen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Hinter ihm stand ein Mann, der allem Anschein nach ohne Weiteres in der Lage schien, ohne Hilfe einen Baumstamm zu stemmen. Einen großen.

»Ähm … ’tschuldigung«, nuschelte Derek und setzte sich wieder in Bewegung. Manchmal war es besser, sich nicht wegen einer Nichtigkeit auf einen Streit einzulassen, vor allem wenn besagter Streitgegner aussah, als sei er ein schiefgelaufenes genetisches Experiment.

Derek selbst war eins siebzig groß, ein wenig untersetzt und durch den Monat in dem Schiff so blass, dass man ihn für eine Wasserleiche hätte halten können.

Die Menschen aus dem Gargoyle-Truppentransporter sammelten sich auf dem Landefeld, wobei es so aussah, als wüsste niemand so recht, was jetzt zu tun sei.

Derek verfügte nur über geringe militärische Erfahrung und selbst diese war … nun ja … nichts, mit dem man prahlen konnte. Doch selbst er erkannte, welchen Wert als Soldaten die hierher verfrachteten Menschen innehatten: Er entsprach irgendetwas zwischen null und einer Zahl im Minusbereich. Aber gut, nun waren sie einmal hier, um ihrem Volk und ihrer Heimat zu dienen.

Er sah sich missmutig um.

Was immer das hier auch bedeuten mochte.

Aus dem Orbit hatte Alacantor wie eine riesige gelbe Fläche gewirkt. Nun, aus der Nähe betrachtet, bemerkte er erst, wie sehr dieser Eindruck zutraf. Der Planet bestand zu gut sechzig Prozent aus Ackerland. Aufgrund der beiden Sonnen und der Bahn, die der Planet um diese zog, herrschte auf Alacantor das ganze Jahr über Erntezeit. Der Planet war eine gigantische Nahrungsmittelfabrik. Die Bevölkerung zählte etwa vierhunderttausend Menschen, wobei sich der Großteil auf etliche Farmen und Bauernhöfe verteilte. Die einzige größere Stadt auf dem Planeten war die Hauptstadt Crossover, die den militärisch genutzten Raumhafen des Planeten beherbergte. Der einzige andere Raumhafen lag bei der Stadt Carras. Dieser wurde aber hauptsächlich zum Verladen und Verschiffen der Handelswaren des Planeten – sprich der Nahrungsmittel – genutzt.

Vor dem Krieg hatte es insgesamt sieben Kolonien gegeben, die sich auf die Produktion von Nahrung oder die Zucht von Nutzvieh spezialisiert hatten. Zwei davon befanden sich jetzt tief hinter den feindlichen Linien und galten als verloren. Blieben nur noch fünf und diese waren zum Glück weit außerhalb der Reichweite der Ruul.

»Was für ein Drecksloch!«, maulte der hünenhafte Kerl, der ihn schon auf der Rampe angepöbelt hatte.

»Ein wenig mehr Respekt«, meinte Derek halbherzig. »Dieser Planet ernährt Milliarden von Menschen und Dutzende von Welten.«

»Hab ich dich vielleicht nach deiner Meinung gefragt?« Ohne auf ein Antwort zu warten, stapfte der Kerl an ihm vorbei.

Oh Derek. Wann lernst du es endlich mal, deine große Klappe zu halten?

Derek schmunzelte über sich selbst, als er sich zu den anderen Rekruten gesellte. Die Sonne brannte auf das Flugfeld, doch niemand kam, um sie zu begrüßen oder überhaupt einzuweisen. Stattdessen verharrten sie dort neben dem Truppentransporter wie bestellt und nicht abgeholt.

Wie viele Stunden sie dort standen, wusste Derek am Ende nicht zu sagen. Er wusste nur noch, dass sie fast den ganzen Tag dort blieben. Ohne Wasser oder Nahrung. Wer sich auf eine heiße Dusche gefreut hatte, wurde enttäuscht, denn statt erfrischendem Wasser, das über ihre Köpfe lief, tränkte Schweiß ihre Körper. Nicht wenige wurden ohnmächtig und sanken auf dem Asphalt zusammen.

Derek vermutete schon, man könnte sie vielleicht vergessen haben, als zwei Männer aus einem der Gebäude traten und sich der zusammengewürfelten Truppe näherten.

Der eine war klein und untersetzt, mit dichtem Bart und stechenden Augen. Auch ohne die Rangabzeichen auf der Brust zu sehen, wusste Derek sofort, dass er einen Unteroffizier vor sich hatte. Diesen Typus erkannte er auf hundert Kilometer.

Der andere war offenbar Offizier. Als das Duo näher trat, entdeckte er die Abzeichen eines Lieutenant Colonels am Kragen. Der Mann war nur einen Kopf größer als Derek und schien in den Vierzigern zu sein. Er war schlank, hatte ein wenig Muskeln, das dunkle Haar war zurückgekämmt, das Gesicht glatt rasiert. Auf den ersten Blick wirkte der Offizier sogar recht sympathisch. Nicht so wie viele andere, die auf niedere Dienstgrade herabsahen.

Derek hatte für Offiziere nicht viel übrig. Sie gaben Befehle und andere trugen die Konsequenzen. In den meisten Fällen bedeutete das, sie starben.

Derek fiel auf, dass die Augen des Mannes ein wenig zu unbeständig hin und her huschten. Nach seinem Dafürhalten gab es für so ein Verhalten nur zwei Erklärungen: Entweder er rechnete jederzeit damit, dass Slugs hinter der nächsten Ecke hervorkamen, oder es mangelte ihm an Selbstvertrauen. Vielleicht auch eine Mischung aus beidem. Falls der Offizier einen Dachschaden hatte, passte er auf jeden Fall beunruhigend gut in diese Einheit.

Das Duo blieb vor der Menschenmenge stehen. Der Offizier verschränkte die Arme hinter dem Rücken, während der Unteroffizier vortrat und mit volltönender Stimme zu sprechen begann.

»Mein Name ist Lucas Delaney. Master Sergeant Lucas Delaney. Ich bin der ranghöchste Unteroffizier dieser Einheit und in dieser Funktion habe ich die zweifelhafte Ehre, eure Ausbildung zu leiten und zu überwachen.« Er blickte sich unter den gespannt wartenden Personen aufmerksam um. »Und eines will ich gleich vorneweg sagen: Ich bin kein netter Mensch. Ich bin nicht euer Freund und vor allem bin ich nicht eure Mami. Ich werde euch schleifen, bis ihr eure Eingeweide auskotzt und ihr euch wünschen werdet, wieder zu Hause bei Muttern zu sein. Und danach schleife ich euch weiter, nur weil ich Lust dazu habe. Hier und heute ist das einzige Mal, dass ich ein derart schlampiges Auftreten toleriere. Ab sofort werdet ihr vorschriftsmäßig Aufstellung nehmen, sobald ihr antretet, und das heißt eine Armlänge von eurem Nachbarn sowie von eurem Vordermann entfernt.« Unruhiges Gemurmel brandete unter den Zuhörern auf. Denjenigen, die der Meinung gewesen waren, in einer Freiwilligeneinheit sei es leichter, wurde nun bewusst, wie sehr sie sich geirrt hatten.

»Zunächst einmal«, fuhr der Master Sergeant fort, »ein paar grundsätzliche Dinge. Wisst ihr eigentlich, warum ihr hier seid?«

Derek bemerkte, wie sich viele seiner Leidensgenossen gegenseitig unsichere Blicke zuwarfen, doch niemand wagte, sich zu melden. Niemand wollte es riskieren, bereits zum jetzigen Zeitpunkt in den Fokus ihres Ausbilders zu geraten.

Delaney schnaubte abfällig. »Das hatte ich auch nicht erwartet. Dann will ich euch mal aufklären. Die Ruul haben vor nicht ganz einem Jahr einen erfolgreichen Angriff gegen das schwer befestigte Serena-System gestartet und dort einen Brückenkopf errichtet, der dazu dient, den Planeten unter ihre Kontrolle zu bringen. Seit diesem Angriff ist die Fortress-Linie nicht länger sicher und ruulanische Überfallkommandos werden zunehmend frecher und greifen immer wieder Kolonien hinter der Frontlinie an. Das Oberkommando in seiner unendlichen Weisheit hat nun beschlossen, auch weniger taugliche Rekruten einzuziehen, um sie als Garnisonstruppen einzusetzen. Und wisst ihr auch wieso?« Dieses Mal wartete er gar nicht erst auf eine Antwort. »Ihr sollt richtige Soldaten für den Kampf an der Front freistellen. Denn die sind jetzt zu wichtig, um sie auf Garnisonsposten zu vergeuden. Sie werden eingesetzt, um gefährdete Planeten zu sichern und die Truppen bei Serena zu unterstützen.«

Bei der Bemerkung richtige Soldaten, brandete erneut Gemurmel auf, das diesmal entschieden wütend klang. Viele der Anwesenden fühlten sich durch diese Wortwahl offenbar beleidigt. Derek war sich leider bewusst, dass diese Bemerkung, wenn auch taktlos, doch der Wahrheit entsprach. Die meisten Menschen, die ihn umgaben, hätten keine Chance bei regulären Einheiten gehabt.

»Einige von euch haben bereits in militärischen Einheiten gedient, haben aber aus irgendwelchen Gründen versagt oder den Dienst quittiert.« Derek fühlte Delaneys Blick auf sich ruhen und fragte sich, ob das etwas zu bedeuten hatte angesichts des Themas, das der Master Sergeant gerade ansprach. »Andere haben nie beim Militär gedient und ohne die neu aufgestellten Freiwilligenregimenter hätte man nie auch nur daran gedacht, ihnen eine Waffe in die Hand zu drücken. Aber die Zeiten sind nicht rosig und jeder Mann und jede Frau werden dringend gebraucht, um unsere Welten zu schützen.«

Der Master Sergeant seufzte. »Ich persönliche halte es für Verschwendung von Zeit und Ressourcen, euch ausbilden und ausrüsten zu wollen. Ihr werdet erst kämpfen, wenn Schweine das Fliegen lernen.«

»Tolle Motivationsrede von unserem Ausbilder«, sprach Derek unvermittelt eine amüsiert klingende Stimme von rechts an. Der Mann, von dem die Bemerkung kam, war etwas kleiner als Derek und drahtig. Der Kerl war relativ jung, vielleicht so um die zwanzig. Jovial streckte er Derek die Hand hin.

»Kolja Koslov«, stellte er sich vor. Derek erwiderte die Begrüßung.

»Derek Carlyle.«

»Freut mich.«

Derek nickte als Antwort lediglich und versuchte, weiter Delaneys Ausführungen zu folgen, während Kolja neben ihm munter drauflosplapperte.

Der Sergeant ließ den Blick über die versammelte Menge gleiten, während er zum letzten Teil seiner Rede kam.

»Es gibt bei den Bodenstreitkräften des Terranischen Konglomerats fünf Einstufungen für aktive Kampfeinheiten: Elite, Veteranen, fronttauglich, garnisonstauglich, was für Milizeinheiten reserviert ist, und grüne Rekruten. Extra für Freiwilligenregimenter wurde eine sechste Einstufung eingeführt: Hilfstruppen. Das seid ihr jetzt. Hilfstruppen. Nicht mehr und nicht weniger. Das bedeutet, ihr steht rangmäßig sogar unter der Miliz, was schon einiges heißt.« Delaney spuckte aus. »Ihr seid jetzt das 171. Freiwilligenregiment mit temporärem Standort Alacantor. Temporär deshalb, weil ihr jederzeit woanders hingeschickt werden könnt, falls irgendwo Garnisonstruppen gebraucht werden. Technisch gesehen gehört ihr zur TKA. Derzeit stehen vier reguläre TKA-Regimenter auf Alacantor, die allerdings alle in den nächsten Monaten abrücken werden. Und dann, meine Freunde, seid ihr für die Sicherheit von Alacantor verantwortlich. Es stehen außerdem noch vier Milizregimenter auf dem Planeten, die sich aus Einheimischen zusammensetzen, doch ihr werdet mit denen nicht viel zu tun haben.«

Delaney blickte in gespieltem Entsetzen zum Himmel. »Gott stehe uns bei!«

Der Master Sergeant drehte sich halb um und deutete auf den schweigsamen Offizier hinter ihm. »Dies ist Lieutenant Colonel Ethan Wolf, der Kommandeur des 171. In den nächsten Tagen dürft ihr euch noch ausruhen. Wir werden die Zeit nutzen, um mit einigen von euch persönlich zu sprechen. Dieser ausgewählte Personenkreis ist nicht ganz so nutzlos wie der Rest von euch und wird im Regiment als Zug- und Kompanieführer dienen. Bildet euch nicht zu viel darauf ein, ihr werdet nur ausgewählt, weil es an besseren Alternativen mangelt.«

Er deutete auf eine Anzahl Baracken, die knapp einen Kilometer nördlich des Flugfeldes lagen.

»Das dort sind eure Unterkünfte. Richtet euch dort ein. Ihr werdet sie eine Weile nutzen.«

Der Master Sergeant machte Anstalten, sich umzudrehen, überlegte es sich jedoch im letzten Augenblick noch einmal anders und sagte: »Willkommen auf Alacantor!«

Derek fragte sich, ob er der Einzige war, der den sarkastischen Unterton in der Stimme Delaneys erkannte.

 

(Prolog aus »Brüder im Geiste« von Stefan Burban. Neu im Sommer.)

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