Preview am Sonntag (3)

Immer sonntags stellen wir einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Heute handelt es sich um den Auszug aus einer Kurzgeschichte. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind.

Von Zeit zu Zeit versetzte eine träge schwülwarme Brise aus dem Landesinneren das Fahnentuch für einige Sekunden in Bewegung. Doch es dauerte dann jedes Mal nur Augenblicke, bis die schwarz-rot-goldene Flagge des Deutschen Reiches wieder schwer und lustlos am Mast vor dem noch fast neuen einstöckigen Flughafengebäude mit den tiefroten Ziegelmauern hing.

Trotz der drückenden Hitze hatten sich Hunderte von Schaulustigen eingefunden; nicht so viele wie bei den ersten beiden Landungen der Graf Zeppelin, aber sie standen dennoch dicht gedrängt im Schatten von Palmen hinter den weißen Holzzäunen. Die Menschen betrachteten fasziniert den silbrig glänzenden Riesen, der in zweihundert Meter Entfernung hinter einem Vorhang aus unruhig flimmernder Luft in der Mitte des weitläufigen Feldes niedergegangen war. Die Bodenmannschaft in Stärke einer kleinen Armee hatte das Luftschiff bereits an Stahltrossen zu seinem Ankermast bugsiert; nun schwebte die zweihundertsiebenunddreißig Meter lange Graf Zeppelin sicher befestigt und vertäut knapp über dem Rasen des Flugplatzes. Durch eine schmale Tür verließen die fünfundzwanzig Passagiere in eleganter Reisekleidung nacheinander die Gondel unterhalb des Bugs, stiegen eine kleine Treppe mit dem Schriftzug der Deutschen Zeppelin-Reederei hinab und spürten dann zum ersten Mal nach zweieinhalb Tagen wieder festen Erdboden unter den Füßen. Indigniert nahmen sie dabei die kleine Gruppe von vier braun uniformierten Männern mit Hakenkreuzarmbinden wahr, die unweit des Luftschiffes bei zwei großen Mercedes-Cabriolets standen. Die Fluggäste empfanden die Anwesenheit des Häufleins schwitzender Nationalsozialisten als einen ebenso stillosen wie peinlichen Einbruch der Pöbelhaftigkeit in ihre Welt. Einige rümpften die Nase, aber die meisten verliehen ihren Empfindungen dadurch Ausdruck, dass sie die Braunhemden demonstrativ ignorierten und in die bereitstehenden Automobile stiegen, ohne die unerwünschten Fremdkörper weiter zu beachten.

Schließlich entstieg der Mann, dem dieses Empfangskomitee galt, der Zeppelingondel. Adolf Hitler, in dunklem Anzug und mit breitkrempigem Hut, kam die Treppe herunter. Ihm folgte ein groß gewachsener, blonder junger Mann mit Aktentasche in der Hand und Parteiabzeichen am Revers des hellen Jacketts.

Die Braunhemden nahmen Haltung an und reckten die Arme zum Gruß in die Höhe. Einer von ihnen, ein übergewichtiger Mann, dem der Schweiß in Strömen unter der Mütze hervorquoll und über das rote Gesicht lief, rief so laut, als sollte man ihn auf dem ganzen Flugplatz hören können: »Heil, mein Führer! Ich heiße Sie in Friedrichsburg willkommen!«

Hitler erwiderte den Gruß mit einem knappen Anwinkeln des rechten Arms und einem durchdringend stechenden Blick ins Gesicht seines Gegenübers.

»Sie sind also Gauleiter Wallach«, sagte er mit gepresst knarrender Stimme, in der knapp unter der Oberfläche ein ferner österreichischer Akzent mitschwang.

»Jawohl, mein Führer. Ernst Wallach, Gauleiter des Gaus Karolina. Und dies« – er deutete auf die drei anderen hochrangigen Braunhemden – »sind Gruppenführer Meier, Brigadeführer Bergmann und Oberführer O’Connor von der SA-Gruppe Karolina.«

Hitler nahm die drei Namen mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis. Dann traten die Männer nacheinander vor und sagten die markigen Willkommensworte auf, die sie sich seit Tagen zurechtgelegt und auswendig gelernt hatten.

Der junge Mann mit der Aktentasche hielt sich derweil mit einigen Schritten Abstand im Hintergrund. Auch wenn dies seine erste Wahlkampfreise mit Adolf Hitler war, wusste Hauptsturmführer Siegfried Heldt genau, welches Verhalten von ihm erwartet wurde. Abgesehen davon gefiel ihm die Rolle des Beobachters, den niemand wahrnimmt, recht gut. Er fand es amüsant, wie sehr sich das Auftreten lokaler Parteigrößen doch ähnelte, ganz gleich ob in Lippe-Detmold oder eben hier in Karolina, der amerikanischen Provinz Preußens. Stets handelte es sich um Männer, denen ins Gesicht geschrieben stand, wie sehr sie doch von der eigenen Wichtigkeit überzeugt waren, und die voller Inbrunst einen Schwall grausig formulierter völkischer Plattitüden von sich gaben, sobald sie dem Führer gegenüberstanden.

Es dauerte gute zehn Minuten, bis endlich alle vorbereiteten Floskeln ausgesprochen waren und Hitler seinen Begleiter noch knapp mit den Worten vorstellte:

»SS-Hauptsturmführer Siegfried Heldt, mein Sekretär.«

Die Männer in den braunen Uniformen grüßten Heldt kurz und kühl. Das überraschte ihn nicht. Mittlerweile hatte er mehr als einmal am eigenen Leib erfahren, dass man in der SA nicht gut auf die Schutzstaffeln zu sprechen war. Seitdem zu Beginn des Jahres Heinrich Himmler den Befehl über die bis dahin eher unbedeutenden kleinen Unterformationen der Sturmabteilungen übernommen hatte und seine Vorstellungen von einer nationalsozialistischen Elitetruppe verwirklichte, war die Haltung der übrigen SA sogar noch merklich frostiger geworden. Man betrachtete die SS als eine Ansammlung arroganter Aufschneider, die sich zu viel auf ihre Funktion als Leibwache des Führers einbildeten. Doch damit konnte Siegfried Heldt leben. Und es war ihm um ein Vielfaches lieber, als zu den abstoßend primitiven Schlägern zu zählen, die in seinen Augen nun mal die Masse der gewöhnlichen SA stellten. Diese Leute waren nicht die richtige Gesellschaft für einen promovierten Anglisten.

»Ich habe mit Hauptsturmführer Heldt noch Vertrauliches zu besprechen und werde daher mit ihm im ersten Wagen fahren. Sie nehmen den zweiten Wagen und sorgen dafür, dass unser Gepäck unverzüglich ins Hotel gebracht wird«, ordnete Hitler in einem Tonfall an, der nicht einmal den Gedanken an Widerspruch zuließ. Die Männer bestätigten die Anweisungen mit einem vierstimmigen Jawohl, mein Führer!, während Hitler sich den Wagenschlag vom braununiformierten Fahrer öffnen ließ und auf dem Rücksitz des Mercedes Platz nahm, gefolgt von Siegfried Heldt.

(Auszug aus »Do you speak English?«, einer Kurzgeschichte in »Wechselwelten« von Oliver Henkel. Neu im Sommer.)

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