Preview am Sonntag (2)

Testweise stellten wir in der Vorwoche einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Dies führen wir heute und in nächster Zeit sonntags fort. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind.

Als Slap diesmal erwachte, war es nicht wie beim letzten Mal, denn er konnte sich erinnern. Er stützte sich in der seidig anfühlenden Bettwäsche auf und schaute sich um. Seine Unterkunft. Er lauschte.

Das Rauschen kam aus der Nasszelle und in Kürze würde eine entzückend aussehende Mirinda aus derselben treten, sauber wie der junge Morgen und durchaus bereit, diesen durch etwas dreckigen Sex noch ein wenig in die Länge zu ziehen. Das war sicher auch das Mindeste, was er erwarten konnte. Andererseits würde sich der Effekt mit der Zeit sicher abnutzen. Es war daher in seinem Interesse, die Abfolge von gewaltsamen Toden zu begrenzen. Eine andere Erklärung für den plötzlichen Filmriss hatte er nicht. Natürlich konnte es sein, dass er seine erneute Inkarnation mit einem heftigen Besäufnis gefeiert hatte. Aber irgendwie glaubte er nicht daran, denn dann würde er sich jetzt anders fühlen. Was er nunmehr genau zu unterscheiden vermochte, waren reale und virtuelle Existenz – zumindest bildete er sich das ein. Für ihn bestand kein Zweifel daran, dass er sich wieder ganz im Virtuum aufhielt.

Mirinda sagte irgendwas aus dem Badezimmer. Die Vorstellung der tentakeligen Braut unter der Dusche weckte Slaps Lebensgeister.

Slap würde sich diese Chance natürlich trotz Virtuum nicht entgehen lassen. Aber er wusste jetzt, warum er hier gelandet war. Seine letzte offizielle Erinnerung war keinesfalls angenehm: geschlüpft in einen physischen Körper hatte er sich aufgemacht, Empfangsdackel für ankommende Sphärenflüchtlinge zu geben.

Dabei musste etwas schiefgelaufen sein, denn er wusste nicht, was danach passiert war. Eines war aber sicher: Es hatte seine kurze Phase fleischlicher Existenz wieder abrupt beendet und Slap war mit dieser Abfolge von Ereignissen nicht recht einverstanden.

Das Rauschen hörte auf und kurze Zeit später trat Mirinda in das Schlafzimmer. Slap hielt inne, betrachtete die exotische Mischung aus vielseitigen Tentakeln, gigantischen Brüsten und einem Hintern, in den er eintauchen wollte – nicht, dass er das nicht das eine oder andere Mal bereits getan hätte –, und genoss den Anblick. Er war natürlich neugierig darauf, was ihn wieder hierher geführt hatte, aber andererseits sollte man die Segnungen des Schicksals nicht vergeuden und so hielt er für einen Moment den Mund. Er beobachtete mit Wohlgefallen, wie Mirinda sich nach vorne beugte und auf das Bett krabbelte, da diese Bewegung interessante Dinge mit den großartigen Dingern machte, zwischen denen winzige, leicht feucht schimmernde Tentakelchen vorwitzig und verheißungsvoll wimmelten. Seine unmittelbare körperliche Reaktion mochte simuliert sein, sie fühlte sich aber wunderbar echt an. Er lächelte und beugte sich nach vorne, um Mirinda zu küssen, doch seine Lippen gingen ins Leere.

Er räusperte sich.

»Was ist?«, fragte er nur.

»Jemand hat dich erschossen!«, sagte Mirinda und hockte ich auf ein Kissen.

Slap, noch ganz fasziniert von der verheißungsvollen Kurve ihres Beckens, benötigte einen Augenblick, um sich der Bedeutung ihrer Worte klar zu werden. Nicht, dass er damit nicht gerechnet hätte, aber dennoch war diese Eröffnung fast so etwas wie eine kalte Dusche. Er sah, wie der kleine Slap beleidigt verschrumpelte, und seufzte.

Es war kein Coitus interruptus, aber viel hätte wohl nicht mehr gefehlt.

Er würde sich mit dieser Sache befassen müssen.

»Wie ist es passiert?«

»Ein Offizier hat eine Waffe auf dich gerichtet und abgedrückt, ehe eine Drohne reagieren konnte.«

Ein Offizier. Das bestärkte seine negative Meinung zu diesem Menschenschlag.

»Was war der Grund? Habe ich einen Drink auf seinen Orden verschüttet?«

Mirinda sah ihn tadelnd an. Sie wollte die Sache wohl nicht ins Lächerliche ziehen.

»Er reagierte allergisch auf deinen Namen.«

»Wie war der seine?«

»Estevez. Er sprach von seiner Tochter.« Mirinda sah ihn forschend an. »Eine verflossene Liebe, entehrt und erniedrigt?«

Slap nickte. Natürlich, das entsprach seinem üblichen Glück. Der Vater der verrückten Vergewaltigerin musste zu den ersten eintreffenden Flüchtlingen von Terra gehören. Und da er die gleiche Art von Psychopath wie seine Tochter war, trug er natürlich eine Waffe bei sich. Slap tastete unwillkürlich an seine Brust, aber sein virtueller Körper war einwandfrei und unverletzt.

»Was ist mit ihm geschehen?«, fragte er und ignorierte damit Mirindas Bemerkung. Er hatte sich wohl geirrt, sie wollte sich doch lustig machen. Doch der Spaß war ihm bei der Erwähnung von Estevez’ Namen sofort vergangen.

»Er ist in Haft. Der kommandierende Offizier der ersten Flüchtlingstruppe hat sich entschuldigt.«

»Da geht mir das Herz auf. Was wird mit ihm geschehen?«

»Er kommt auf das neue Habitat der Menschen und wir denken nicht, dass du ihm jemals wieder begegnen wirst.«

»Hm?«

»Ihm wird der Prozess gemacht und er wird bestraft. Wir haben auch hier wenig Verständnis für Mord, weißt du?«

»Ich lebe.«

»Der Gedanke zählt bereits.«

»Wie lange ist es her?«
»Acht Stunden Realzeit. Mittlerweile sind drei weitere Fluchtkapseln mit Menschen eingetroffen. Wünschst du, andere deiner Spezies zu treffen? Ich vermute, dass nicht alle sofort das Bedürfnis entwickeln werden, dich zu töten.«

Slap hielt inne und dachte über diese Frage nach. Er fühlte, dass sein Bedürfnis nach der Gesellschaft »richtiger« Menschen nicht halb so stark war, wie man es sich hätte vorstellen können. Das mochte natürlich mit der Tatsache zusammenhängen, dass ihn gerade eines dieser Exemplare erschossen hatte. So was trug nicht zur allgemeinen Sympathie bei. Abgesehen davon handelte es sich bei den Flüchtlingen um Offiziere und ihre Familien, vielleicht einige wichtige Politiker, doch alles in allem niemand, um dessen persönliche Bekanntschaft Slap sich gerissen hätte. Da mochte auch die eine oder andere nette Person dabei sein, aber letztlich war Mirinda diejenige, auf deren Gegenwart er wirklich Wert legte, und das machte ihm die Entscheidung letztendlich leicht.

»Nein, lass mal.«

Mirinda nickte. »Ich habe deine Antwort erwartet. Willst du noch etwas Ruhe?«

Slap starrte wieder auf Mirindas Brüste und die dazwischen träge auf und ab streichelnden Tentakelchen.

»Ich bin mir nicht sicher, ob Ruhe das richtige Wort ist.«

Sie hob ihre Augenbrauen. »Du wurdest gerade erschossen, Slap!«

Er lächelte sie an.

»Dann ist es wohl der Drang, mir selbst zu beweisen, am Leben zu sein. Etwas sehr Kreatürliches, was du vielleicht nur schwer begreifst.«

Mirinda schüttelte den Kopf. »Wir haben bald wieder Dienst. Loban wartet auf uns.«

»Was ist? Kopfschmerzen?« Slap grinste gierig.

Mirinda schüttelte weiter ihren Kopf, rückte aber näher, küsste ihn sanft auf die Schulter. Dann legte sie ihre Arme um seinen Oberkörper und ihre Brusttentakel begannen, ihn sanft zu streicheln. »Willkommen zurück, Slap«, murmelte sie.

Slap berührte sie. Er runzelte die Stirn.

»Mirinda.«

»Was ist?«

»War dieser Tentakel vorher auch da oder ist der neu?«

Sie lächelte.

»Du hast es bemerkt! Ich dachte, Männer sehen so was nicht.«

Slap grinste.

»Ich achte eben auf Details. Das schreit nach einer Belohnung. Loban kann warten.«

Mirinda schüttelte ergeben den Kopf.

(Auszug aus »Tentakelreich« von Dirk van den Boom. Neu im Sommer.)

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