Preview am Sonntag (1)

Testweise stellen wir heute einen Auszug aus einem Roman online, der noch nicht erschienen ist. Dies wollen wir in nächster Zeit sonntags fortführen. Wir weisen darauf hin, dass die Auszüge aus Manuskripten stammen, die unter Umständen noch nicht im Lektorat und auch noch nicht vorbestellbar sind.

 

Die Rauchsäule wand sich träge am Horizont gen Himmel. Ein Schwarm Krähen zog seine Kreise und markierte den Ort des Gemetzels. Das verhieß nichts Gutes für das Schicksal des Varis-Dorfes.

Khan Logan, Stammeskönig des Schwarzbären-Clans der Moyri, trieb sein Pferd noch härter an. Die Wut ließ ihn alle Vorsicht vergessen. Er wusste, er würde zu spät kommen, um die Unschuldigen noch zu retten, aber nicht zu spät, um die Mörder zu bestrafen.

Die fünfzig Krieger in seiner Begleitung gehörten allesamt den Eisernen Schakalen an. Hartgesottene, kampferprobte Männer, die bereits seinem verblichenen Bruder als Eliteleibwachen gedient hatten. Nach dessen Niederlage hatte er versucht, sie aufzulösen, doch bis auf wenige Ausnahmen, verweigerten sie dies. Es war das erste und einzige Mal, dass sie einen seiner Befehle verweigerten. Stattdessen schwörten sie ihm die Treue und gelobten, ihm bis in den Tod zu dienen.

Logan hatte keine Ahnung, wieso sie dies taten, bis ihm einer der Schakale erklärte, sie würden ihn dafür verehren, dass er die Moyri von Coyle Polloks Tyrannei befreit und zurück in die Steppe geführt hatte. Die Art und Weise, wie der Zweikampf zwischen Logan und Pollok geendet hatte, trug noch ein Übriges dazu bei, seine Legende innerhalb des Clans und der ganzen Moyri zu verbreiten. Insgeheim vermutete er, dass sie durch ihren Dienst an ihm einen Teil des Schadens wieder gutmachen wollten, den sie in Polloks Dienst angerichtet hatten. Wie dem auch sei, gehörten die Eisernen Schakale ihm. Ob er wollte oder nicht.

Nach den Ereignissen der letzten Jahre war er froh darüber.

Logan führte die Reitertruppe über die letzte Anhöhe vor dem Dorf. Er wusste, die Varis-Grenze lag bereits fast zehn Kilometer hinter ihm. Theoretisch beging er mit der Überschreitung einen kriegerischen Akt. Immerhin hatte er geschworen, kein Moyri würde je wieder in Varis-Land einmarschieren. Angesichts der Umstände waren die Konsequenzen seiner Anwesenheit jedoch vernachlässigbar. Moyri standen bereits in kriegerischer Absicht auf Varis-Land.

Auf der Anhöhe angekommen, zügelte er sein Pferd und musterte den Ort des Geschehens mit grimmiger Miene. Das Dorf war geschleift worden. Die kleine Ortschaft bestand aus etwas drei Dutzend einfachen Hütten, die von einem Steinwall eingeschlossen wurden, indem nur eine kleine Öffnung als Tor eingelassen war. Eine Todesfalle, aus der niemand entkam.

Soweit Logan dies überblicken konnte, brannte fast jedes Gebäude. Von seiner erhöhten Position aus, hörte er rauhes Lachen von ausnahmslos männlichen Stimmen. Logan runzelte wütend die Stirn. Die Plünderer waren bereits mit ihrer Siegesfeier fertig.
Sein Herz wurde zu Stein, als er realisiete, was dort unten geschah. Die Mörder waren nur noch hier, weil sie noch dabei waren, ihre Beute auf Packpferde zu verladen. Aus keinem anderen Grund.

Er trieb sein Pferd erneut an und ritt in vollem Galopp in das Dorf. Seine Eisernen Schakale schwärmten links und rechts von ihm aus, sobald sie das Tor hinter sich hatten.

Aus einem Gebäude zu Logans Rechter, torkelte ein Moyri, offensichtlich betrunken und die Arme voller Beutegut. Ein Eiserner Schakal zog eines seiner Schwerter und schlug dem Plünderer in vollem Galopp den Kopf ab. Sein Pferd wurde nicht einmal langsamer. Der kopflose Torso blieb noch einen Augenblick aufrecht stehen, bevor er zur Seite kippte.
Logan lächelte grimmig. Die Moyri kannten seine Befehle. Alle Clans kannten sie. Es war sein Wille, Frieden zu halten. Nun bezahlten sie den Preis für ihre Torheit.

Logan führte seine Truppe auf den Dorfplatz, wo eine wilde Feier im Gange war. Die Plünderer waren bereits seit Stunden am Trinken. Er verfluchte sich selbst für ihr spätes Erscheinen.

Logan verdrängte die Wut, an ihre Stelle trat kalte, berechnende Entschlossenheit. Sein Pferd war noch nicht ganz zum Stehen gekommen, da sprang der ehemalige Kopfgeldjäger bereits ab, kam geschmeidig auf und zog seine beiden Kurzschwerter.

Die Plünderer erkannten durch den Alkoholschleier, der sich um ihre Gehirne gelegt hatte, dass etwas nicht stimmte. Beschämend schwerfällig reagierten sie, zogen ihre Waffen und stellten sich den Angreifern.

Logan lächelte grimmig. Den ersten Plünderer fällte er mit einem einzigen Hieb, der zweite Gegner, der sich ihm stellte, schlug mit einer doppelköpfigen Axt nach seinem Kopf, doch er wich behände aus und schlitzte dem Mann im vorbeigehen die Kehle auf.

Die Eisernen Schakale wollten vor ihrem Herrn nicht zurückstecken und griffen die Plünderer ebenfalls an. Jeder der Schakale hatte in Dutzenden Schlachten gekämpft und Hunderte von Gegnern besiegt. Die Plünderer waren nichts weiter als Ähren, die von der Sense des Bauern gemäht wurden. Ein Plünderer ließ alles fallen, das er zusammengerafft hatte, sprang auf ein Pferd und preschte davon. Einer der Schakale reagierte blitzschnell, zog einen Bogen vom Sattel, legte an und schoss. Der Plünderer fiel kurz vor dem Tor aus dem Sattel. Der Pfeil zitterte genau zwischen den Schulterblättern.

Logan und die Eisernen Schakale gingen mit äußerster Entschlossenheit und Brutalität gegen ihre Gegner vor. Sie waren in keiner gnädigen Stimmung.

Der Kampf dauerte keine fünf Minuten. Siebzehn Plünderer ergaben sich und legten die Waffen nieder, als sie erkannten, dass ihre einzige Hoffnung in der Unterwerfung lag. Die Eisernen Schakale führten sie in die Mitte des Dorfes, wo sie mit Argusaugen bewacht wurden.

Logan säuberte seine Schwerter an der Kleidung einer Leiche. Es war einer der Plünderer. Der Mann trug ein Wappen am Fellumhang. Ein blauer Speer auf schwarzem Grund.

Die Blauspeere.

Ein Clan, der nördlich von hier lebte und bereits vor Coyle Polloks Zeiten häufig in Konkurrenz zu den Schwarzbären getreten war. Dieses Wappen hier zu sehen, überraschte ihn nicht wirklich. Es gab nur wenige Clanführer und Stammeskönige, die es wagten, ihm offen zu trotzen. Der Stammeskönig der Blauspeere gehörte dazu. Angewidert riss er das Wappen ab.

Als er aufstand ließ er den Blick über das Dorf schweifen. Kein Wunder, dass die Welt in den Moyri nur Ungeheuer und Wilde sahen. Die Plünderer hatten gehaust wie die Barbaren. Überall lagen Leichen. Viele waren verstümmelt, offensichtlich zu Tode gefoltert. Nur so zum Spaß.

Logan hatte sich in den letzten Jahren bemüht, die Moyri zum Frieden zu führen und einige Clans hatten seine Initiative aufgenommen. Mal mit mehr, in einigen Fällen weniger Begeisterung. Und nun das.

Auf dem Dorfplatz selbst lagen die toten Körper einiger Frauen. Ihre Kleider waren zerrissen, die Körper zerschunden. Logan wandte von Scham erfüllt den Blick ab. Sie waren zu spät. Zu spät, um Leben zu retten. Seine Augen fanden die überlebenden Plünderer. Aber nicht zu spät, um Gerechtigkeit zu üben.

Seine Eisernen Schakale machten ihm respektvoll Platz, als er nähertrat und dem Anführer der Plünderer das Wappen unter die Nase hielt.

„Ihr seid Blauspeere.“ Es war eine Anschuldigung, keine Frage.

Der Anführer der Plünderer wandte trotzig den Blick ab. Logan bemerkte jedoch, wie sich Schweiß auf der Stirn des Mannes bildete. Er war nicht so teilnahmslos wie er vorgeben wollte.

„Ihr kennt meine Befehle“, hielt Logan ihm vor.

Der Kopf des Mannes zuckte hoch. „Wir folgen nur den Befehlen unseres Herrn. Die Blauspeere beugen sich vor niemandem.“

Logan lächelte kalt. „Dann werden die Blauspeere ihre Köpfe verlieren.“

Er wollte sich bereits umdrehen und seinen Kriegern den entsprechenden Befehl geben, als er etwas hörte. Ein leises Wimmern, das zu unterdrücktem Schluchzen wurde. Er steckte das Wappen in seine Tasche und ging dem Geräusch nach.

Es führte ihn zu einer am Boden liegenden Frau. Ein Speer hatte ihren Rücken durchschlagen. Logan kniete sich nieder, brach den Schaft des Speeres ab und drehte die Frau vorsichtig um. Unter ihr, begraben durch den eigenen Körper, lag ein Kind. Ein Mädchen. Es konnte nicht älter als fünf oder sechs Jahre alt sein. Die Spitze des Speeres hatte das Mädchen knapp verfehlt. Logan warf der Frau einen anerkennenden Blick zu. Sie war gestorben, als sie das Kind beschützte.

Behutsam nahm er die Kleine auf, wickelte sie in seinen Ma-tel ein und stand auf. Die Eisernen Schakale beobachteten ihren Herrn. In ihren Augen glänzte Ehrfurcht, die an Heldenverehrung grenzte.

Als Logan zurück zu seinem Pferd ging, trat einer seiner Krieger vor. „Herr? Was soll aus den Überlebenden werden?“

Logan musterte die am Boden knienden Männern mitleidlos. „Schlagt dem Anführer den Kopf ab und nehmt ihn mit.“ Er stieg auf sein Pferd, ohne den Plünderern noch einen weiteren Blick zu gönnen. „Hängt den Rest.“

 

(Prolog aus „Söldnertreue“ von Stefan Burban. Neu im Sommer.)

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